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5.2.3 Das Muster der Kultivierung: das American Grid

Neben den teilweise bewussten pittoresken, durch die Romantik beeinflussten Planungen angeeigneter physischer Landschaft (also als sekundäre angeeignete physische Landschaft), teilweise durch Inanspruchnahme des am geeignetsten scheinenden Stückes Land durch Siedler (also als primäre angeeignete physische Landschaft) ist die Erschließung des Landes mit Hilfe des American Grid ein Ausdruck der Kultivierung von Wildnis (Pregill/Volkman 1999, Kaufmann 2005, vgl. auch March 2005); Waldie (2005: 4) nennt es Kompass der Möglichkeiten. Die Einteilung von Land gemäß dem American Grid in den Vereinigten Staaten erfolgte nahezu flächendeckend systematisch. Eine Ausnahme bilden die 13 Ursprungskolonien sowie Texas wie auch einige Gebirgsgebiete im Westen (Johnson 2010). Die Kultivierung von Wildnis verweist auch auf geschlechterspezifische stereotype Symbolisierungen, wie Cronon (1996b) feststellt: Die Konstruktion von Wildnis als jungfräulich verdeutlicht und aktualisiert den geschlechterstereotypen männlichen Anspruch der Kultivierung des unkontrolliert wild-emotionalen Weiblichen (Merchant 1996; ähnl. Cronon 1996b, Campbell 2000, Hardinghaus 2004).

Die angeeignete physische Landschaft der Vereinigten Staaten wird stark von dem Schachbrettmuster, der einheitlichen Einteilung des zu erschließenden Landes in einheitlich-quadratische Besitzparzellen, ihrer Erschließung geprägt (Abbildung 22, Abbildung 23). Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert wurde das Raster über das gesamte Territorium gelegt, ein Raster, in das sich die Städte einzupassen hatten (Fehl 2004). Nicht optimale mikrotopographische Lagegunst entschied gemeinhin über die Anordnung einer Stadt (auch wenn es Ausnahmen gibt), sondern ihre Lage im Meilengitter. Diese Konzeption weist einen politischen Inhalt auf, indem sie als Symbol für eine egalitäre und demokratische Gesellschaftsordnung dient (Jackson 1970). Stadt und Land waren im Gegensatz zur Europäischen Stadt ein und demselben Ordnungsprinzip der groben Bodenaufteilung unterworfen (Fehl 2004: 43). Das American Grid symbolisierte darüber hinaus einen von Privilegien freien und egalitären Zugang zum Grunderwerb in städtischen wie ländlichen Räumen (Fehl 2004). Weitere politische Aspekte des American Grids sieht Kaufmann (2005) in seiner relativen Billigkeit und der gestärkten Kontrollmöglichkeit durch Laien. Mit der Auflösung des Dorfes in ein System einzeln stehender Farmen mit Wegeführungen entlang der Grundstücksgrenzen manifestieren sich die liberalen Leitideen des Individualismus und des Privatbesitzes im physischen Raum (Kaufmann 2005). Die geometrische Strukturierung des Landes,

die sich schließlich als visuelle Ordnung manifestierte, ist eine Objektivierung der Aufklärung in der amerikanischen Landschaft (Kaufmann 2005: 163; vgl. auch Mills 1998, Muller 2010). Darüber hinaus lässt sich dieses American Grid als Vorbote des fordistischen Prinzips der verwendungsspezifischen Aneignung von physischem Raum cha-

Abbildung 22 Schematische Darstellung des American Grid, der typischen quadratischen Struktur der Vereinigten Staaten (nach: Pregill/Volkman 1999: 448).

Abbildung 23 Die Struktur des American Grid, auch bei (rechteckigen) Subdivisionen bleibt das quadratische Muster zu erkennen (Aufnahme: April 2006).

rakterisieren. Hier wurde eine strukturierende Regulation in die Grenzziehungen in der angeeigneten physischen Landschaft eingeschrieben, in deren expansivem Rahmen sich die zukünftige Nation selbstbestimmt entfalten konnte (Kaufmann 2005: 331; vgl. auch Kühne 2008a).

Sowohl Frontier als auch American Grid weisen eine ästhetische Dimension auf: Das modernistische Prinzip der Verbindung des Schönen mit Ordnung und Kultiviertheit, die sich aber auch monoton (wie bei Muller 2010: 303) beschreiben lässt. Gemäß dem Differenzschema Unordnung/Unkultiviertheit dient die Wildnis, die später in anderer Form als urbane Wildnis in der gesellschaftlichen Landschaft neue Aktualität findet. Bei der Einschneidung des American Grid in den physischen Raum werden ästhetisch zwei Metaphern in angeeigneten physischen Landschaften evoziert, die das Bild einer Landschaft entwerfen, welche frei von besonderen Kennzeichen für eine rein formalrationale Einschreibung geeignet erscheint (Kaufmann 2005: 164; vgl. auch Knox/ Bartels/Holcomb/Bohland/Johnston 1988, Campbell 2000, Conzen 2010a): einerseits vom Land als Meer, andererseits von Land als Wildnis. Die Imagination der amerikanischen Landschaft als Meer (Kaufmann 2005: 210) knüpft an die Erfahrungen der Landvermesser in Nordamerika an, deren Blicke keinen Halt (Kaufmann 2005: 211) finden, da die trigonometrischen Bezugspunkte fehlen und als technisches Hilfsinstrument der Kompass, primär ein Instrument der Seefahrt, bleibt. Die Deutung, das Land als Meer (ob Hügel, Prärie oder Gebirge) zu imaginieren, wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Klischee. Kaufmann (2006: 213) zufolge bedeutet es, Land als Meer zu imaginieren, jegliche natürliche Diversität und jeden kulturellen Markstein in einem grenzenlosen und gleichförmigen Bild einzuebnen. Die Außenwelt wird in dieser Metapher in hochgradiger Form neutralisiert. Das American Grid dient also Amerikanern im Allgemeinen, den Neusiedlern im Besonderen , dazu, die in ihrer Umwelt vorfindliche Komplexität und Vielfalt zu leugnen (Sennett 1991: 71). Sennett (1991) deutet diesen Drang nach Entkomplexisierung der physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Landschaft als Ergebnis der Übertragung protestantisch-ethischer Regeln auf den Raum, indem er eine Abkehr vom Außenraum und eine Zukehr zum menschlichen Inneren darin sieht, er aber auch diesen Vorgang als Ergebnis der Bemühungen interpretiert, die Erde zu bändigen. Die Wildnis Nordamerikas ließ sich einerseits durch die WASPs im Modus des Dynamisch-Erhabenen betrachten, andererseits

ist der Schrecken, den diese Landschaft [jene der Green Mountains im Westen Vermonts; Anm. O. K.] hervorruft, letztlich nicht mehr zu bändigen (Kaufmann 2005: 227). Mit den technischen Mitteln des frühen 19. Jahrhunderts nicht zu bändigende Wildnis, hier der Green Mountains, äußerte sich in der puritanische[n] Furcht vor der Gottlosigkeit der Wildnis, die keine Transformation in einen Garten Eden (Kaufmann 2005: 227; Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/Johnston 1988, Merchant 1996, Hardinghaus 2004, Kotkin 2006) zulässt. Dem gegenüber fungiert das American Grid in seiner agraridyllischen Überhöhung als eine Art Gartenzaun. Es hegt einen Raum ein, in dem sich die Demokratie in integraler Hierarchie von der Familie auf den Farmen, über die Wards und Counties bis zur nationalen Regierung aufschwingt (Kaufmann 2005: 315; vgl. auch Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/Johnston 1988, für den europäischen Raum siehe Johler 2001).

Die Bändigung der angeeigneten physischen Wildnislandschaft durch das American Grid folgt in seinem scheinbar unendlichen Vorwärtsschreiten so Kaufmann (2005:

228) einer Ästhetisierung des Unendlichen, die dem Weiten und Endlosen ihren Schrecken nahm. Mit diesem Voranschreiten des American Grid und der Industriellen Revolution wurde auch die Ästhetisierung von Restflächen der Wildnis (wie in Nationalparken) möglich: Wildnis war nicht mehr das übermächtige Andere, sondern in das menschliche Handeln (als bewusstes Unterlassungshandeln) und damit kulturell inkludiert: Wildnis wurde aus dem American Grid ausgespart und damit gelassen, auch wenn die Kultivierung dieser Restflächen durch den ordnenden Zugriff des Menschen möglich gewesen wäre. Die erhaltende Wildnis (insbesondere der Nationalparks) symbolisiert damit die Überlegenheit des Menschen, der durchaus getrieben von der ästhetisch bedingten Motivation, Erhabenheit zu erleben Refugien dessen, was ihn vormals existenziell zu bedrohen schien, zulässt (allerdings im steten Bewusstsein, auch diese Refugien innerhalb kürzester Zeit technisch zurichten zu können). Zugleich wurde Wildnis mit den zentralsten Werten von Kultur symbolisch aufgeladen und idealisiert: Sie wurde sakralisiert (Cronon 1996b: 73) als Sinnbild von Freiheit und Unabhängigkeit, aber auch der psychologischen Entfaltung (Sennett 1991: 43). Infolge dieses Bewusstseins eignet sich John Muir und diesen zitierend auch Arnold Schwarzenegger der Yosemite Nationalpark (wie auch der im gleichen Atemzug genannte Kondor) als Symbol der bedrohten und zugleich resilienten Umwelt des Staates (Starr 2007: 153).

 
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