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5.2.2 Der Mythos der Kultivierung der Wildnis: Frontier

Eng verbunden mit der Entwicklung der angeeigneten physischen Landschaft der Vereinigten Staaten und der gesellschaftlichen Landschaft in ihrer Bedeutung für den Prozess der nationalen Selbstdefinition durch landschaftliche Symbole, ist neben der Abgrenzung der kultivierten Landschaft zur Wildnis Landschaft als Element des Mythos der Frontier (Slotkin 1973, Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/Johnston 1988, Clarke 1993, Pregill/ Volkman 1999, Hardinghaus 2004). Die in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts formulierte These von der Frontier geht auf Frederick Jackson Turner zurück und gehört zu den konstitutiven Mythen amerikanischer Identitätskonstrukte (vgl. Slotkin 1973, Kocks 2000). Die Frontier bezeichnet(e) dabei die idealisierte Trennlinie und glich sicherlich eher einem mehr oder minder weitem Übergangsraum zwischen den von Euroamerikanern kontrollierten und nicht kontrollierten Räumen, zwischen so die Terminologie jener Zeit zivilisierten, weil Sesshaften, und unzivilisierten, weil nomadisch Lebenden. Turner leitete die Besonderheit der amerikanischen Demokratie aus der materiellen und psychischen Erfahrung des Frontierlebens ab, in welcher der Einzelne in der Sicherung der Lebensgrundlagen völlig auf sich allein gestellt war (Schneider-Sliwa 2005: 11; vgl. auch Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/Johnston 1988, Kocks 2000). Dieses Leben an der Frontier wurde als Abgrenzung zu der Dekadenz Europas konstruiert und wurde zum säkularen Gegenstück der religiösen Begründung Amerikas, da Turner zufolge die amerikanische Demokratie nicht mit den Pilgervätern nach Amerika kam, sondern sich in den Wäldern entwickelte und mit jeder Frontierverschiebung stärker wurde (Schneider-Sliwa 2005: 11). Die Konfrontation mit dem Fremden hier insbesondere dem, was als Wildnis bezeichnet wird wird zur Katharsis stilisiert, indem dem europäischen Neunankömmling seine alte Identität (Hardinghaus 2004: 14) genommen wird, was zum Ausgangspunkt seiner Wiedergeburt als Amerikaner (American Adam) (Hardinghaus 2004: 14) wird. Somit beschreibt Williams (2010: 162) nicht die Errichtung von Städten als den wichtigsten Faktor der Erschaffung der amerikanischen angeeigneten physischen Landschaft, sondern die Rodung der Wälder, die vormals nahezu die Hälfte des Landes bedeckten. Neben der Rodung von Wäldern tat sich eine anders geartete Frontier mit der Kulturierung der Wüsten- und Halbwüstengebiete im Westen auf (Wescoat 2010). Der Frontiermythos wurde mit der Idee der religiösen Auserwähltheit Grundlage des Konstruktes des Exzeptionalismus Amerikas (Schneider-Sliwa 2005: 11; Madsen 1998) verbunden[1], der auf dem puritanischen Analogiekonstrukt zwischen der Überfahrt nach Amerika und dem Auszug des Volkes Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft in das Gelobte Land (Hardinghaus 2004: 46) fußt, wodurch mit der Besiedlung des amerikanischen Kontinents die Siedler als Teil des göttlichen Heilsplans zum auserwählten Volk (chosen people) (Hardinghaus 2004: 46) würden. Entsprechend wurde der Westen mehr als nur eine Himmelsrichtung oder der Ausschnitt eines physischen Raumes: Er wurde zum Symbol eines dynamischen Wandels, eines Raumes der Möglichkeiten (Campbell 2000: 2; Madsen 1998).

Die Kultivierung der Wildnis als Ergebnis des westwärtigen Vordringens der Frontier und der daraus resultierenden Glorifizierung des Westens wurden als Raum der Herausforderung und der Möglichkeiten (Culver 2010), des einfachen und harten Lebens, der kommunitaristischen Kooperation in der Gemeinschaft der Gleichen, der Genügsamkeit etc. (Kocks 2000) konstruiert, in die angeeignete physische Landschaft

wurden Ideale projiziert (Kocks 2000: 44; siehe auch Corner 2002, zuerst 1992). Die Projektion beschränkte sichnicht nur auf zivilisatorische, sondern erstreckte sich auch auf religiöse Inhalte (Pregill/Volkman 1999: 436): Adam und Eva wurden gezwungen, das Paradies gegen die Wildnis einzutauschen, in der das Böse herrschte und dessen Verwandlung in ein irdisches Paradies dem Menschen aufgetragen wurde. Wildnis bedeutete aber auch die Möglichkeit der Entdeckung und Nutzung neuer ökonomischer Ressourcen von Rohstoffen bis hin zu Land für die stets wachsende Bevölkerung. Die Frontier, überwiegend als Grenzerfahrung und Kampf konstruiert und rekonstruiert (Egner 2006: 60; siehe auch Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/Johnston 1988, Kocks 2000, Körner 2010) und in der Ära der Massenkultur im Filmgenre des Western mythologisiert, kann aber auch in vielen ihrer Abschnitte als ein Prozess der Zerstörung von Flora, Fauna und bereits existierender Kultur (Pregill/Volkman 1999: 435) verstanden werden. Prägend für jene Zeit war so Moïsi (2009) die Präsenz von Angst: vor wilden Tieren, anderen Pionieren, Ureinwohnern, Hexen und vor Sklaven (ähnl. Tuan 1979, Schäfer 1998). Eine Angst, die in einem weitgehend unbeschränkte[n] Zugang zu Schusswaffen ihren Ausdruck fand, einem Zugang, der bis heute typisch für die Vereinigten Staaten ist, feiert nicht nur den Individualismus und das Recht auf Selbstverteidigung, sondern ist auch das Erbe einer wilden, gewalttätigen und gefährlichen Vergangenheit, als der Mensch des Menschen Wolf und die Furcht ein fester Bestandteil des Alltags war (Moïsi 2009: 161).

In der amerikanischen Literatur und Malerei des 19. Jahrhunderts wurde der Mythos der Frontier rekursiv verstärkt, das Sujet der einsamen Helden (der lone riders), die den Widrigkeiten des Frontierlebens trotzen (Schneider-Sliwa 2005: 7) wurde und wird in zahlreichen (Hollywood-)Filmen bis heute aktualisiert. Das Erreichen der Westküste durch die Frontier bedeutete das Ende alternativer Landnutzungsarten, wie jener der indigenen Bevölkerung (Pregill/Volkman 1999: 435) und kann somit als (modernistisch-exklusivistische) Kontingenzvernichtung hinsichtlich der physischen Grundlagen angeeigneter physischer Landschaft aber auch gesellschaftlicher Landschaftsdeutungen begriffen werden. Der Ästhetisierung anthropogen überformten physischen Raumes wurde die Anästhetik der Wildnis als angstbesetzter Raum gegenüber gesetzt. Mit religiösem Eifer wurde auch um den Preis der Missachtung und Zerstörung von vorhandenen Kulturen (Schneider-Sliwa 2005: 47; vgl. auch Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/ Johnston 1988, Weinstein 1998) dem Konstrukt der Wildnis interpretierbar als vorangeeignet-physisch-landschaftlicher physischer Raum eine christliche Gartenlandschaft (Schneider-Sliwa 2005: 47) als angstfreier Raum entgegengesetzt (vgl. Tuan 1979). Diese christliche Gartenlandschaft rekurriert stark auf die physische Manifestation von (ästhetisierter) Eigenart, die wiederum für den allmächtigen Willen Gottes und gegen abstrakte Allgemeinheit von Naturdisziplinen [steht], die eine Gleichheit der Erscheinungen vor dem Gesetz impliziert (Eisel 2009: 233; vgl. hierzu auch Cosgrove 1988a). Das Zurückdrängen der durch indigene Kulturen geprägten physischen Räume lässt sich gemäß Schneider-Sliwa (2005: 51) insbesondere auf die Ausprägung eines WASPischen Selbstverständnisses zurückführen: Der Glaube an die eigene Auserwähltheit, verbunden mit den rigiden wirtschaftlichen Interessen von Siedlern, Kaufmanns- und Terraingesellschaften und die zweckdienliche Mythenbildung über den eigenen Wert bewirkten eine Stärkung der monokulturellen (White Anglo-Saxon Protestant) Gesellschaft und untermauerten eine Legitimation für die Verdrängung der indigenen Gesellschaft (siehe auch Madsen 1998). Die Frontier stellt so Varnelis (2009a: 8) den dramatischsten Ort dar, an dem Infrastruktur und Theologie zusammenkamen: Zuschreibungen wie die Schaffung eines neuen Garten Eden implizierten auch eine Sakralisierung des eigentlich Profanen (im Sinne von Durkheim 1984, Campbell 2000), der den Garten Eden verfügbar machenden Infrastruktur (Varnelis 2009a). Der Modernismus wurde so von der amerikanischen Bevölkerung durch Straßen und Dämme akzeptiert, bevor sie ihn in Form von Gebäuden akzeptierte (Varnelis 2009a: 8).

  • [1] Dieses Konstrukt des Exzeptionalismus von Amerikanern lässt sich im Sinne Paretos als Derivation der Klasse III verstehen, da es auf die Übereinstimmung mit Gefühlen und Grundsätzen bezogen ist, die sich in Einzel- und Gruppeninteresse in metaphysischen oder übernatürlichen Wesenheiten ausdrückt.
 
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