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5.2 Grundzüge einer spezifischen Landschaftskonstruktion: der American Way of Life, die Frontier und das American Grid

5.2.1 Der American Way of Life einige Grundaspekte

Die angeeignete physische Landschaft der Vereinigten Staaten stellt in ihrer physischen Struktur auch die Folge und Nebenfolge der spezifischen Kultur des seit dem 17. Jahrhundert entwickelten so genannten American Way of Life dar (vgl. z. B. Mills 1998, Schneider-Sliwa 2005, Holzner 1994 und 1996, Hardinghaus 2004). Dieser bildet als von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung geteilten Nationalkonsens eine deutungsmächtige Klammer, der ethnischen, sozialen und kulturellen Heterogenität zum Trotz (Holzner 1994 und 1996, Hardinghaus 2004). Dabei ist Amerika SchneiderSliwa (2005: 2) zufolge weniger als Kontinent oder Land, sondern als Konstrukt einer spezifisch religiös geprägten Kultur und Institutionalisierung von Gemeinwesen [zu] begreifen (vgl. auch Sewing 2002). Die Vermittlung des Nationalkonsens insbesondere an die Kinder von Einwanderern , indikatorisch in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten als Grundrechte des Menschenniedergelegt, als Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit[1], ist eine der wesentlichen Aufgaben des amerikanischen Schulsystems (Albrecht 1990). Als dominant für den spezifischen Wert- und Normenkanons des American Way of Life kann der Einfluss der White Anglo-Saxon Protestants (WASPs) angesehen werden, deren Kulturkanon vor allem in den Schriften der neuenglischen Dichter und Denker und deren Epigonen verankert (Holzner 1996: 19; vgl. auch Mills 1998, Hardinghaus 2004, Wyckoff 2010) ist[2]. Wesentliche Quellen der Kultur bilden der Puritanismus und die Aufklärung, die sich in der Idee, in der individuellen Selbstentfaltung den gelebten Sendungsauftrag zu sehen, eine uneingeschränkte Akzeptanz verschafften (Schneider-Sliwa 2005: 4, Meinig 1979a, Weinstein 1998) und eine zumindest teilweise in die Gegenwart reichende Uniformität erzeugten, die so Russell (2009, zuerst 1947: 150) nötig war, um einer Nation [] Macht zu geben, wobei diese Uniformität als eine Uniformität der Praxis zu verstehen ist, die auf Empfindungen und Gewohnheit beruht (Russell (2009, zuerst 1947: 145: 150). Als wesentliche Prinzipien der WASP-Kultur werden als wesentliche Einflüsse bestimmt (Herberg1955, Perry/Watkins 1977, Didion 1979, Holzner 1988, 1993, 1994

und 1996, Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/Johnston 1988, Mills 1998, Weinstein 1998, Meinig 1979a, Matt 1998, Wouters 1998, Cuff 2000, Hayden 2004a, Schneider-Sliwa 2005, Laux/Thieme 2008, Moïsi 2009):

1. Individualismus sowie Anspruch auf Privatsphäre und Eigeninteresse u. a. in Form von persönlicher Freiheit und Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und ökonomischer Selbständigkeit, Mobilität und Ungestörtheit wie auch Flexibilität

[3],

2. Arbeitsethos und Pragmatismus im Sinne einer Pflicht zur Arbeit als Mittel zu einer nüchternen Zielerreichung (woraus sich andererseits auch die verbreitete Überzeugung ableitet, Armut sei ein persönliches Verschulden),

3. Leitvorstellung einer agraren Gesellschaft mit einer klaren sozialen Hierarchie und sozial akzeptierter Ungleichheit,

4. Gesellschaftlicher Aufstieg auf Grundlage familiärer, kirchengemeindlicher Bindungen in einer lokalen Gemeinschaft

[4],

5. Zivile Tugend als freiwilliges Akzeptieren von Regeln im Rahmen einer gemeingültigen Ordnung (Holzner 1996: 19), im Sinne eines zivilisierten Verhaltens,

6. Christlicher Glaube, der auf dem Konstrukt fußt, der christliche Gott sei nicht nur gesetzgebend und allmächtig, sondern auch gnädig, er habe die Menschen erlöst und jedem die Freiheit geschenkt, einen eigenen Weg zu wählen, den Gesetzen Folge zu leisten (Eisel 2009: 232), womit auch eine verstärkte Moralisierung des Alltagshandelns verbunden ist,

7. Staatliche Obrigkeit, insbesondere zur Erhaltung außenpolitischer Sicherheit, die durch patriotische Gesinnung (und deren öffentliche Darstellung) zu unterstützen ist (Abbildung 21),

8. Demonstrativer Konsum im Sinne einer verdienten Belohnung und als sichtbares Zeichen materiellen Erfolgs.

Herberg (1955: 264) pointiert den American Way of Life als gemeinsame Religion, die im Wesentlichen von Demokratie und freiem Unternehmertum geprägt sei. Richard Sennett (1991: 80) kritisiert eine solche Wertgrundlage der Gesellschaft (und damit auch die protestantische Ethik der WASPs in mehrfacher Hinsicht) knapp als: es gibt nicht genug Dinge, die es wert wären, dass man sich um sie bemüht. Außerdem könnte man, wenn man aufhört zu kämpfen, schwach werden und die Kontrolle verlieren, und um dies zu verhindern, behandelt man die Dinge und die anderen Menschen als Werkzeuge der eigenen Bestrebungen und Bedürfnisse. Für sich genommen sind sie nichts. Aber das Ergebnis dieser instrumentellen Beziehung zur Welt ist eine zunehmende Verdunklung des eigenen Handelns und seines Wertes[5]. Im Gegensatz zu Sennett stellt Campbell (1987) eine Verschiebung von der protestantischen Arbeitsethik zu einem romantischen Kapitalismus fest, der durch einen selbstillusorischen Hedonismus geprägt sei, dessen Grundlage darauf beruhe, dass das nächste zu konsumierende Produkt mehr Befriedigung stiften würde als das zuletzt konsumierte, wodurch der romantische Kapitalismus durch Tagträume und Phantasien geprägt sei. Damit beschreibt Campbell eine Facette der von Riesman (1956) beobachteten Veränderung der amerikanischen Gesellschaft von der Innenzur Außenleitung: Während vormals der innengeleitete, protestantische Typus mit eigenem, verinnerlichten Wertsystem dominiert habe, werde dieser im Laufe des 20. Jahrhunderts durch den außengeleiteten Typus, der durch Geselligkeit, Extrovertiertheit und starken Bezügen auf seine soziale Umwelt geprägt sei, abgelöst.

Abbildung 21 Physische Repräsentanzen der Paretoschen Residuen der Klasse II. Die Zurschaustellung patriotischer Gesinnung durch Verwendung nationaler Symbole wie der Nationalfahne (oder der Freiheitsstatue) findet sich sowohl im Kontext privater Gesinnungsmanifestation (z. B. als Auto-Aufkleber), aber auch im Kontext der Kundengenerierung (z. B. bei der Benennung der Autovermietung nach dem Fort Alamo, das im texanischen Unabhängigkeitskrieg eine wichtige symbolische Bedeutung zugeschrieben bekam und die damit verbundenen Ereignisse mehrfach verfi wurde (vgl. Campbell 2000), oder in der Benennung des Pick-ups NissanFrontier). Auch im lokalen Kontext fi sich Bemühungen, symbolische Zugehörigkeiten zu generieren: So sind die Seitenteile zahlreicher Bänke in Anaheim, Californien, in Form einesA gestaltet, das wiederum hinsichtlich seiner Gestaltung mit dem Logo des örtlichen Baseball-Teams einem von einem Ring umgebendenA ähnelt. Da auch Mythen kommuniziert und verinnerlicht werden müssen, werden sie um ihnen den Anschein von objektiver Wahrheit zu geben durch Experten, wie im dritten Foto unten (von links) in der inszeniertenOld Town von San Diego pädagogisch aufbereitet vermittelt (vgl. auch drittes Foto von links, oben; Aufnahmen: April 2006, August/September 2010 und April 2011).

Aus den Prinzipien der WASP-Kultur leitet sich ein pragmatischer Zukunftsoptimismus ab, der von einem tiefen Vertrauen in technische und wirtschaftliche Lösbarkeit von Problemen unterschiedlicher Art geprägt ist (Lipset 1964) und Veränderung mit Fortschritt gleichsetzt (Holzner 1996)[6].

Ein wesentlicher konstitutiver Mythos für das WASPische Selbstverständnis ist jener des Schmelztiegels. In dem Werk von Hector St. John de Crèvœur Letters from an American Farmer aus dem Jahre 1782 wurde die Deutung eines egalisierenden Mechanismus konstruiert, der Menschen aller Nationalitäten und Kulturen den gleichen harten Lebensbedingungen aussetzte und Unterschiede auf diese Weise nivellierte (SchneiderSliwa 2005: 13). Solange die Einwandererströme primär in Nordeuropa wurzelten und die Einwanderer sich aufgrund ihrer Sprache und ihres Aussehens gut assimilierten (Schneider-Sliwa 2005: 13; vgl. auch Straughan/Hondagneu-Sotelo 2002), behielt die Metapher eine gewisse Berechtigung. Als jedoch nach 1890 Menschen aus anderen Teilen der Welt (zunächst insbesondere aus Südost- und Osteuropa) einwanderten, erwies sie sich zu großen Teilen als Euphemismus. Einerseits bedeutete das Verschmelzen in erster Linie die Anpassung der Einwanderer an die vorherrschenden gesellschaftlichen Normen eines Bevölkerungssegments, nämlich des angloamerikanischen (SchneiderSliwa 2005: 14; Hervorh. i. O.; vgl. auch Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/Johnston 1988, Diner 1998, Schäfer 1998)[7] und andererseits lebten Bevölkerungsteile in den USA, mit denen eine Verschmelzung nicht vorgesehen war: Schwarze und Indigene. Eine Aktualisierung der Abweichung kultureller Hybridität von hyphenated Americans, also der Bindestrich-Amerikaner (wie der Japan-, Deutsch-, Persien-Amerikaner) und ihrer abweichenden physischen Manifestationen (Smith 2008) von der (machtspezifischen) Mehrheitsgesellschaft, erfolgt in Krisenzeiten. Hier wird die Loyalität in Frage gestellt (Stichweh 2010)[8].

Diese Prinzipien inskribieren sich in den physischen Raum in spezifischer Weise, so leitet Hofmeister (1971: 126) aus der in der WASP-Kultur begründeten hohen Bedeutung der Privatsphäre, aber auch dem hohen Lebensstandard und der Eigenschaft als Einwandererland, bestimmte Eigenheiten der funktionalen Ausstattung der Städte ab: Dazu gehören die sehr große Zahl von Kirchen, von höheren Bildungsstätten, von Radio- und Fernsehstationen, von Klubhäusern, dagegen die relativ geringe Zahl der Kunststätten (vgl. auch Zelinsky 2010a).

  • [1] Im englischsprachigen Original lautet der Passus: Life, Liberty and the pursuit of Happiness. Entscheidende Grundlage der Unabhängigkeitserklärung ist die Naturrechtsphilosophie (insbesondere John Lockes), die davon ausgeht, der Mensch habe von Natur aus unveräußerliche Rechte.
  • [2] Weber (2010, zuerst 1904/05) beschreibt den Protestantismus als ethisch-religiöse Entstehungsgrundlage des Kapitalismus und der für ihn konstitutiven Leistungsethik. Dabei wird insbesondere auf die calvinistische Glaubenslehre und -praxis rekurriert. Insbesondere die Auffassung von der Prädestination (wirtschaftlicher Erfolg/Misserfolg wird als Zeichen der Erwählung/Verwerfung durch Gott konstruiert) und die als innerweltliche Askese beschriebene puritanische Lebensweise sei Grundlage für die protestantische Ethik, die wiederum die geistig-moralische Grundlage der kapitalistischen Leistungsgesellschaft darstelle (vgl. auch Richter 2005).
  • [3] Als weitgehend akzeptierte Werte der WASP-Kultur gelten bestimmte Grundzüge liberaler Ideen (Macpherson 1980, Bauer/Wall-Strasser 2008, Dahrendorf 2008):

    1. die Unversehrtheit der Person,

    2. die Möglichkeit des Individuums, auf Grundlage möglichst vieler Alternativen gemäß eigener Überzeugungen frei entscheiden zu können,

    3. die Gewährleistung einer von (sozialen) Zwängen möglichst ungehinderten Entfaltung des Menschen,

    4. die Axiome des frei geborenen, mit gleichen Rechten ausgestatteten, von Natur aus guten und mit Vernunft begabten Menschen,

    5. die Möglichkeit, sich zu bilden, sein Leben selbst zu gestalten und Verantwortung zu tragen,

    6. die Möglichkeit, Eigentum zu bilden und darüber zu verfügen.

  • [4] Diese vier Punkte lassen sich als Position eines meritokratischen Liberalismus bezeichnen. Fishkin konzipiert drei Leitgedanken liberaler Gerechtigkeitsansätze von denen jeweils zwei den dritten ausschließen (Fishkin 1983 und 1988, vgl. auch López 1995):

    1. Verdienst: Soziale Positionen sind nach fairer Bewertung der Qualifi tion zu verteilen.

    2. Chancengleichheit: Die Lebenschancen des Individuums dürfen nicht vom familiären Ursprung abhängen. 3. Autonomie der Familie: Eltern sind berechtigt, die Erziehung ihrer Kinder nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

    Die meritokratische Position wird demnach aus der Kombination der Prinzipien von Verdienst und Autonomie der Familie gebildet. Die beiden anderen Positionen entstehen durch die Kombination des ersten und des zweiten der drei Hauptgedanken der Gerechtigkeitskonzeption des Liberalismus, als Position der starken Gleichheit, und als Umgekehrte Diskriminierung durch die Kombination der Prinzipien von Autonomie der Familie und Chancengleichheit (Fishkin 1983 und 1988).

  • [5] Um es mit Pareto auszudrücken: Residuen (Bestrebungen und Bedürfnisse) werden durch Derivationen verschleiert.
  • [6] Insbesondere die Umweltkrise hat diesen pragmatische Zukunft optimismus vor neue Herausforderungen gestellt: Als ein wichtiger Auslöser hierfür kann das 1962erschienene Buch Rachel Carsons The silent spring gelten, in dem sie sich mit den negativen Auswirkungen von DDT auf Vogelpopulatio nen beschäftigte und so einer zwar breiten Öffentlichkeit einen Zugang zu aktuellen und potentiellen Folgewirkungen eines konsumorientierten gesellschaftlichen Wohlstandes eröffnete, denen allerdings weniger im Sinne eines integrierten Umweltschutzes, sondern eines technisch orientierten End-of-PipeUmweltschutzes begegnet wurde, schließlich legt eine End-of-Pipe-Strategie auch keine Änderung der Lebensstils zwingend nahe.
  • [7] Ein Beispiel für diese Einstellung ist Hanson (2007). Hierbei wird (insbesondere illegalen) mexikanischen Einwanderern der Vorwurf gemacht, sich nicht hinreichend assimilieren zu wollen, sondern darauf zu bestehen, weiterhin Spanisch zu sprechen. Gerade bei zirkulär angelegter Migration (wie sie häufi bei illegalen Einwanderern zu fi ist) stellt sich die Frage, inwiefern die zeitlichen Investitionen in den (systematischen) Spracherwerb nicht zu hohe zeitliche Opportunitätskosten nach sich ziehen, schließlich gilt es den Aufwand der Akkumulation sozialen, kulturellen und ökonomischen Kapitals gegeneinander abzuwägen.
  • [8] Beispiele hierfür werden im Folgenden genauer behandelt, wie zu Muslimen (in Abschnitt 5.6 Der 11. September: Angst, Inszenierung, Macht und Stadtlandhybride), zu Asiaten (in Abschnitt 7.5 Die LA Riots von 1992: Angst, telemediale Inszenierungen, soziale Transformationen und Mindermacht) und zu Deutschen (in 8.3.2 Das Ringen um Identität im postmodernen Raumpastiche: Anaheim, Orange County).
 
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