Desktop-Version

Start arrow Sozialwissenschaften arrow Stadt – Landschaft – Hybridität

< Zurück   INHALT   Weiter >

5 Entwicklungslinien der StadtLandschaftshybriden in den Vereinigten Staaten von Amerika

Der physische Raum und noch mehr die angeeignete physische Landschaft werden durch allgemeine (z. B. globale) und spezifische (lokale und regionale, milieubezogene) Werte, Normen und Rollen einer Gesellschaft geprägt (vgl. auch Schein 2003). Zuschreibungen symbolischer Gehalte, Machtordnungen, spezifische Anordnungen physischer Objekte und ihre wechselseitige rekursive Beeinflussung lassen im territorial gefassten sozialen Raum Vereinigte Staaten spezifische Ausprägungen von gesellschaftlicher Landschaft, individuell aktualisierter gesellschaftlicher Landschaft, physischem Raum und daraus synthetisiert angeeigneter physischer Landschaft entstehen, die zu einem nationalen Symbol [werden], eines modellhaften Settings für die amerikanische Gesellschaft (Meinig 1979a: 167). Dabei ist stets zu vergegenwärtigen, dass die abstrakte Konstruktion US-Amerika Ergebnis einer modellhaften Entkomplexisierung ist, wie Moïsi (2009: 158) feststellt: Das blaue (republikanische) und das rote (demokratische) Amerika, das reiche und das arme Amerika, das ländliche Amerika und das urbane Amerika, das konventionell-kleinbürgerliche und das Wall-Street-Amerika, das weiße und das schwarze Amerika []: Das Kaleidoskop gänzlich unterschiedlicher Lebenswelten, aus denen sich Amerika zusammensetzt, ließe sich fast beliebig erweitern. Insofern bleiben Abstraktionen stets an den Entwicklungen von unterschiedlichen Milieus hier in ihrer räumlichen Konstituierungstätigkeit zu kontrastieren. Daher folgen der Darstellung allgemeiner sozialer Entwicklungen und ihrer räumlichen Manifestationen sowie raumbezogener Deutungen in den darauffolgenden Kapiteln genauere Untersuchungen in dem Stadtlandhybriden Los Angeles.

5.1 Zur Bedeutung der angeeigneten physischen Landschaft für die US-amerikanische Selbstdefinition

Die Konstruktion einer regionalen und nationalen Identifikation basiert auf der Vorstellung einer gemeinsamen politischen Solidargemeinschaft; einer Solidargemeinschaft, die sich im physischen Raum (gedeutet als Landschaft) symbolisch repräsentiert sieht (Palmer 1999, Kocks 2000, Kühne/Spellerberg 2010). Die Vorstellung einer überlokalen bzw. einer über die eigene Gruppe hinaus gehenden Solidargemeinschaft bedarf einer bewussten Konstruktion (Hard 1987a und 1987b): Damit sich diese Solidargemeinschaft ihrer selbst bewusst werden und bleiben kann, muss Identitätsbildung betrieben werden, bei der ihren Angehörigen klar gemacht werden muss, dass sie Teil eines Kollektivs sind, das im Wandel der Zeit ein und dasselbe geblieben ist, auch wenn es mehrere Namen gehabt haben sollte (numerische Identität). Zudem muss den Angehörigen dieser Solidargemeinschaft klar gemacht werden, worin sie sich gleichen (qualitative Identität) (Gostmann/Wagner 2007: 69). Dabei gilt es, Symbole zu erschaffen, Geschichte zu konstruieren und zu inszenieren sowie durch Mythen abzusichern (Campbell 2000, Ellis 2000). Campbell (2000: 10) zufolge reduzierten [Mythen] monologisch die Kontingenz und Komplexität der Beziehungen von Geschichte zu einfachen Statements, Bildern oder Konzepten[1].

Angeeignete physische Landschaften dienen als Kulisse, aber auch als physisches Manifest kultureller Identitätskonstrukte, sie stellen zudem Zurechnungspunkte für gesellschaftliche Akteure dar und limitieren ihren Möglichkeitshorizont, fungieren als Kontingenzunterbrecher und ermöglichen damit den Aufbau regionaler Identitäten (Ahrens 2006: 237). Die Konstruktion einer Solidargemeinschaft mit ihren Verankerungspunkten in der angeeigneten physischen Landschaft wird einerseits von politischen Akteuren betrieben, schließlich ist moderne Politik territorial verfasst und damit von der Anerkennung der Grenzen der Verfasstheit konstitutiv abhängig (andernfalls drohen regionale Konflikte bis hin zu Bürgerkriegen), wodurch Landschaft zum Medium von Politik wird (vgl. Kühne 2008d, Lippuner/Redepenning/Schneider 2010). Andererseits wird diese durch Kunst, insbesondere die Literatur und die Malerei, betrieben. Die ästhetische Bewegung der Kunstschaffenden bringt Kaufmann (2006: 100) zufolge die zwei Formen von gesellschaftlichen Landschaften hervor: bildreligiöse Ideallandschaften, die häufig außergewöhnliche Naturerscheinungen vorstellen und zu Ikonen des Nationalen stilisiert werden können, und regional-heimatlich aufgeladene Landschaften (wie bei Palmer 1999). Die soziale Definition von Identität vollzieht sich dabei durch Machtkommunikation an der Ausgrenzung des Nicht-Identischen (Peil 2007, Kühne/Spellerberg 2010), das nicht die Macht einer (hegemonialen) Identitätsbildung und -durchsetzung aufweist (Rommelspacher 1995: 186): Machtlosigkeit drückt sich auch darin aus, dass einem/einer eine Identität verweigert wird, in der die eigenen Erfahrungen und Lebenszusammenhängeadäquat zum Ausdruck kommen.

Robert E. Abrams (2004) zufolge definierte sich die amerikanische Nation politisch im Wesentlichen an der Unabhängigkeitserklärung, der Verfassung und der Erklärung der Menschenrechte. Die Unabhängigkeitserklärung dokumentiert die Abgrenzung nach außen (nämlich gegenüber dem Vereinigten Königreich). Die Verfassung und der Erklärung der Menschenrechte definieren den erwünschten Identitätszustand nach innen. Neben der Unabhängigkeit von äußeren Mächten war in der frühen Phase der Raumaneignung eine weitere Abgrenzung konstitutiv für die Identitätskonstruktion: Die Abgrenzung zur Wildnis und zu den nicht als freie Personen bewerteten Indianern (Abrams 2004: 129; vgl. auch Merchant 1996, Davis 2004). Dabei wurde die Entdeckung, Erkundung und Kultivierung von Wildnis im Sinne einer Verminderung Angst vermittelnder Bedrohung durch Wildnis (Tuan 1979) als einem konstitutiven Mythos der amerikanischen Identität (Clarke 1993: 3; ähnl. Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/ Johnston 1988), zu einer Großen Erzählung, einer Identität der weißen Hegemonialkultur. Darin konnten weder die nordamerikanischen Ureinwohner, Schwarze noch Hispanos ihre Kultur die ihnen zudem in der Regel entweder abgesprochen oder als inferior stigmatisiert wurde (vgl. Stichweh 2010) weder physisch (Clarke 1993, vgl. auch Pregill/ Volkman 1999, Campbell 2000) noch kulturell in der gesellschaftlichen Landschaft in größerem Umfang manifestieren (Westling 1996; zur physischen Einschreibung der Kulturen vor der Besiedlung durch Europäer siehe Campbell 2000 und Butzer 2010). Ganz im Gegenteil: So wurden in Südkalifornien die indianischen und hispanischen Wurzeln der angeeigneten physischen Landschaft und der gesellschaftlichen Landschaft dadurch getilgt, dass mehr als ein Jahrhundert die mediterrane Metapher wie billiges Parfüm über hunderte von Siedlungen, die wie Pilze aus dem Boden schossen, (Davis 2004: 20) gesprüht wurde. Die Mediterranisierung Südkaliforniens (sowohl durch gesellschaftlich-landschaftliche Deutungsprozesse wie auch die Produktion sekundärer angeeigneter physischer Landschaften) greift auf die Mythologisierung und Romantisierung insbesondere angeeigneter italienischer physischer Landschaften seit der Renaissance zurück (Cosgrove 1988a). Physische Manifestation gesellschaftlich-landschaftlicher mediterraner Metaphorik war die Anlage der durch künstliche Lagunen geprägten Siedlung mit der programmatischen Benennung Venice im Jahre 1905 (Starr 2007). Eutrophierungstendenzen in den künstlichen Lagunen (die aufgrund der daraus resultierenden olfaktorischen Belastung zugeschüttet wurden), die rasche Verdrängung venezianischer Villen durch Bohrtürme, der Verfall öffentlicher Anlagen (wie der Pier) und der Zuzug von Personen mit einer geringen Ausstattung an symbolischem Kapital bedeuteten eine rasche Stigmatisierung des ehemals als physisches Manifest des Distinktionswillens entworfenen Venice (Walker 1997, zuerst 1950).

Symbol für den zivilisatorisch (also durch Weiße) zur angeeigneten physischen Landschaft geläuterten wilden physischen Raum wurde auf Ebene der physischen Landschaft die Eisenbahn, die die westwärtige Besiedlung immer stärker vorantrieb (Yates/ Garner 1971)[2]. Auf der Ebene der gesellschaftlichen Repräsentation des physischen Raumes hatte die Karte als positivistisch verbrieftes zweidimensional gedrucktes Bild von mathematischer Präzision (Abrams 2004: 23; ähnl. Harley 1988, Noy 2003) diese Funktion inne, die die westliche Zivilisiertheit symbolisch-distinktiv gegenüber anderen Kulturen abzuheben schien (Harley 1988 und 1992) und damit die Bändigung der Wildnis (und damit der Angst vor ihr) durch die Zivilisation als exakt vermessen dokumentierte (Daniels 1993). Die Karte vermittelt dabei als Nebenfolge die Rationalisierung des Ästhetischen: Der ästhetisch-landschaftliche Blick auf der Grundlage einer synoptischen dreidimensionalen Rekonstruktion von Objekten wird einer zweidimensionalen Abstraktion zugeführt und Landschaft wird in mnemonische oder mentale Karten integriert (Noy 2003).

Die Entwicklung und nahezu sakrale Überhöhung der kultivierten angeeigneten physischen Landschaft dokumentiert in Nordamerika zudem die Machtlosigkeit der indigenen Bevölkerung, ihr wurden die physischen Repräsentanten ihrer Kultur nicht nur verweigert, sie wurden systematisch entfernt, so dass Erfahrungen und Lebenszusammenhänge nicht mehr adäquat zum Ausdruck gebracht werden konnten (siehe auch Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/Johnston 1988). Erst die distinktive Aneignung wilder Landschaft durch die herrschende Klasse von Intellektuellen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert konnte eine soziale Umdeutung der Wildnis als ästhetisch erhaben und damit als erhaltenswert durchsetzen. Diese Entwicklung lässt sich als das physische Manifest einer Katharsis deuten, in der Angst durch einen rationalen Umgang mit Umwelt sublimiert wird (ähnl. Tuan 1979). Die Errichtung von Nationalparks war eine Konsequenz aus dieser gesellschaftslandschaftlichen Neubewertung, die allerdings stark anthropozentristisch geprägt war. Der anthropozentrische Gedanke wird aus dem Gründungsdokument des ersten Nationalparks, dem Yellowstone-Nationalpark von 1872 deutlich: Er wurde als öffentlicher Park mit dem Zweck des Nutzens und des Vergnügens der Bevölkerung gegründet (The National Park System o. J.; vgl. Otis 2002). Ein wesentlicher Aspekt dieser kontrollierten Wildnis besteht darin, dem stadtlebigen Menschen auf dem Kontinuum vom Primitivem zum Modernen (Löfgren 2002: 65) kontrollierte und kontrollierbare Kontingenzerlebnisse zu ermöglichen, um in dieser Form kompensatorisch in Bezug auf das Alltagsleben zu wirken (vgl. Cosgrove 1988b, Mozingo 1997, Löfgren 2002). Ähnlich wie in Europa vollzog sich im 20. Jahrhundert eine Wandlung der Begründung des Schutzes von Natur: Nicht mehr romantische und ästhetische Bezugnahmen zu dem, was als Natur oder Landschaften empfunden wurde, wurden herangezogen, vielmehr verlagerten sich die Begründungsmuster auf die Ebene szientistischer insbesondere naturwissenschaftlicher aber auch ökonomischer Denktraditionen (Barbour 1996, Pregill/Volkmann 1999, Körner 2006b), auch der Naturschutz vollzog damit die Modernisierung der Gesellschaft nach.

Mit der Ästhetisierung der Wildnis vollzog sich eine Umkehrung traditioneller dichotomer Sicherheits- und Unsicherheitsdeutungen (Ellin 2003): Bestand seit der Anlage erster Städte in Mesopotamien über mittelalterliche Siedlungen bis hin zu Siedlungen amerikanischer Ureinwohner ein wesentliches Motiv in dem Schutz vor Gefahren, bei denen Mauern, Wassergräben und Palisadenzäune die Grenze zwischen vertraut und fremd, zwischen Ordnung und Wildnis, zwischen Freund und Feind etc. markierten, hat sich im 20. Jahrhundert die Assoziation von Stadt als Ort der (relativen) Sicherheit in einen Ort der Gefahr transformiert. Mit Zygmunt Bauman (2008: 108) lässt sich feststellen, dass beinahe sämtliche Gefahrenquellen in die Städte übergesiedelt sind und sich dort niedergelassen haben. Besonders die schwer fassbaren und mysteriösen Fremden (Bauman 2008: 108; Hervorh. i. O.; vgl. auch Stearns 2006), deren Anwesenheit mit Überraschung verbunden ist, die keine gesicherten Routinen der Bearbeitung und des Umgangs (Stichweh 2010: 75) zulassen, die bedrohlich zwischen den Extremen des Freundes und des Feindes changieren, wirken dabei verunsichernd und Angst erzeugend (Tuan 1979).

  • [1] So sieht beispielsweise Palmer (1999: 56) das Fundament der Vereinigten Staaten weniger in der Bedeutung der Nationalfl ge oder dem Kapitol, der Verfassung oder dem Ideal der Freiheit, so wichtig diese auch seien. [] Das Herz von Amerika liegt in seinen Fundamenten aus Fels und Boden und der Kehrwalze der Landschaft Auf dem grundlegenden Niveau ist es das, was unser Land ausmacht.
  • [2] Eine bedeutende Nebenfolge des Eisenbahnbaus lag auch in der Dezimierung der Büffelbestände durch Jagd zur Versorgung der Eisenbahnbauarbeiter mit Nahrungsmitteln (Butzer 2010).
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics