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4.8.3 Die Strategien von Verbergen und Invisibilisierung in Moderne und Postmoderne

Soziales Handeln ist häufig mit physisch manifesten Folgen und Nebenfolgen verbunden. Insbesondere unerwünschte Nebenfolgen bergen die Gefahr für ihren Verursacher, soziale Anerkennung zu verlieren, ein Verlust, der zu negativen Sanktionen führen kann. Mit der Modernisierung entwickelten Gesellschaften Mechanismen des Verbergens und Invisibilisierens insbesondere von (unerwünschten) Nebenfolgen ihres Handelns. Während das Verbergen lediglich eine Strategie des Kaschierens bestimmter physischer Objekte ist, denen soziale Unerwünschtheit zugeschrieben wird, ist das Invisibilisieren häufig mit einer stofflichen Umwandlung oder gar Umdeutung verbunden. Die Untersuchung der Projekte des Verbergens und der Invisibilisierung rückt die Frage in den Vordergrund, warum und mit welcher Intention Strukturen und Prozesse verborgen werden (Hard 2008). Diese Strategien beziehen sich einerseits auf das physische Verbergen, aber auch auf das gesellschaftlich-landschaftliche Invisibilisieren. Das Verbergen und die Invisibilisierung von Handlungsfolgen und Nebenfolgenäußern sich

u. a. im Verbergen des Unangenehmen und der Verschleierung von Verantwortung. Die Strategien des Verbergens und der Invisibilisierung können als mit einer zeitlichen Phasenverschiebung in Anwendung gebracht verstanden werden: Mit der Modernisierung verband sich zunächst eine Expansion der Strategie des Verbergens, mit der Postmodernisierung gewinnt die Invisibilisierung an Bedeutung. Im Folgenden sollen einige Aspekte der historischen Entwicklung von Verbergen und Invisibilisierung dargelegt werden:

t Abfall. Während in der Vormoderne die Behandlung der physischen Nebenfolgen der menschlichen Existenz (siehe auch Hasse 2000) auf eigene Verantwortung einer Behandlung unterlag (z. B. in Form der Rückführung in den Produktionsprozess in Form von Düngung in ländlichen Räumen oder der schlichten Verbringung auf die Straße in städtischen Räumen, woraus sich eine visuelle und insbesondere olfaktorische Präsenz ableitete), kamen mit der modernen Strategie des Verbergens Mülldeponien mit professionell (berufsmäßig differenziert) organisierter Müllabfuhr auf; die (scheinbare) Entbindung der Person von individuellen Entsorgungspflichten (diese wird gegen Zahlung eines Geldbetrages externalisiert) stellt eine wesentliche Voraussetzung der Massenkonsum(und Massenmüll-) Gesellschaft dar (vgl. Häußermann/Siebel 1997 und 2000). In der Postmoderne verlagert sich die Strategie des Verbergens von Müll (in der städtischen Peripherie, eingesäumt von sekundärer angeeigneter physischer Landschaft) zur Strategie der Invisibilisierung durch Verbrennung, oder aber ästhetisch und moralisch sakralisierter Wiedernutzung und Rezyklierung (Engler 1997, Fayet 2003).

t Heizung. War in der Vormoderne Eigenwerbung von Holz und anderem Heizmaterial (insbesondere in ländlichen Räumen) die Regel, verlagerte sich in der Moderne die Beschaffung von Heizmaterial einer Professionalisierung und einem Verbergen der Gewinnung und des Transportes desselben (z. B. durch die Anlieferung von Kohle, später Öl; siehe auch Sieferle 2004, Sieferle et al. 2006). In der Postmoderne nimmt der Bezug zur Menge des verbrauchten Heizmaterials weiter ab: Automatisierte Steuerungen regeln die Raumtemperatur, die Zufuhr von Heizmaterialien wird stärker leitungsbasiert (Gas, Strom, Fernwärme gewinnen an Bedeutung).

t Konsum. In der Vormoderne war Konsum in der Regel eine unmittelbare Folge der Produktion, Warenströme waren materiell und symbolisch lebensweltlich präsent (Wagen, Schiffe). In der Moderne vollzieht sich ein Bedeutungsgewinn von Zwischenhändlern und Geschäften, Verpackungen verbergen Inhalt. In der Postmoderne weisen Verpackungen nur geringe Korrespondenzen zum Inhalt auf, Warenlieferungen werden in künstlichen Welten der Shopping Malls von den Konsumentenbereichen getrennt (Richmond 2009).

t Architektur. In der Vormoderne repräsentierten Gebäude in der Regel die Ausstattung ihres Eigentümers an symbolischem Kapital und symbolischer Macht (das Haus eines Vollbauern ließ sich unmittelbar von dem eines Kötters unterscheiden). In der Moderne wurde die Korrespondenz zwischen Form und Funktion zur Norm, der Bezug zwischen Architektur eines Gebäudes zum symbolischem Kapital und zur symbolischen Macht des Eigentümers wurde vielfach verborgen, und war lediglich in Form kleiner Unterschiede (Bourdieu 1987) selektiv lesbar. Hinter Zitaten und Playgiaten kann Architektur für diejenigen, die den Code der speziellen Architektursprache nicht beherrschen, symbolisches Kapital selektiv invisibilisieren.

t Ökologische Implikationen. In der Vormoderne war der ökologische Fußabdruck (Wackernagel/Beyers 2010) durch Verringerung der Erträge stets präsent und lokal bis regional feststellbar. Interregionaler Handel war aufgrund des hohen relativen Energieaufwands auf wertvolle Produkte beschränkt (siehe Sieferle 2004, Sieferle et al. 2006). In der Modernewurden ökologische Nebenfolgen des Handelns von der lokalen auf die regionale bis kontinentale Maßstäbe ausgedehnt. Durch die Errichtung hoher Schornsteine wurde beispielsweile nicht allein die lokale Umwelt eines Emittenten belastet, sondern die Belastungen wurden überregional verteilt (und aufgrund atmosphärenchemischer Prozesse auch verstärkt; Graedel/Crutzen 1994), und damit der unmittelbaren Betrachtung entzogen. Für die Postmoderne ist eine völlige alltagsweltliche Invisibilisierung ökologischer Probleme bei gleichzeitiger Verlagerung der Interpretation an Expertensysteme charakteristisch (Weingart 2003). Dabei vollzieht sich ein Übergang der Umweltbelastung zu globalen Maßstäben (Klimawandel), sekundären Schadstoffen (bodennahes Ozon) bzw. komplexen Interferenzprozessen (bodennahes Ozon, Klimawandel, stratosphärischer Ozonabbau) mit kontingenten sozialen Resonanzen (Funtowicz/Ramirez 1990, Weingart/Engels/ Pansegrau 2008).

Die Folge der Prozesse von Verbergen und Invisibilisierung ist mit einer paradoxen Komplexisierung verbunden: Eine scheinbare Komplexitätsminderung für den Einzelnen, da er sich nicht mehr direkt mit den Nebenfolgen seines Handelns konfrontiert sieht, ist mit einer gesellschaftlichen Komplexitätszunahme verbunden, da Mechanismen und Strukturen des Verbergens und Invisibilisierens geschaffen und aufrechterhalten werden müssen. Eine Nebenfolge der Strategien des Verbergens und Invisibilisierens ist die Herabsetzung an Lesbarkeit von Landschaft (im Sinne von Jackson 1984), gerade die Strategie der Invisibilisierung (häufig in Form der Simulacrisierung betrieben) bedeutete eine stärkere Ausrichtung auf die erlebnisorientierte (und ästhetische) Konfrontation mit Landschaft.

Einige (stadt-)landschaftsbezogene Invisibilisierungsstrategien sind:

t Scheinbare Veralltäglichung durch Entkopplung von Form und Funktion, indem physische Objekte so gestaltet werden, dass sie ästhetisch alltäglich wirken (wie die Twin Towers des County Jails von Los Angeles).

t Semipermeable Außengrenzen sind nur einseitig durchdringbar, was sie vor dem Vorwurf schützt, sie seien undurchdringlich (z. B. bei spiegelnden Fassaden, aber auch politischen Grenzen).

t Diskursgrenzen definieren das, was ohne Verlust sozialer Anerkennung bei den Diskursbeteiligten nicht sagbar ist; da diese Diskursgrenzen und die Deutungshoheit darüber nur in Ausnahmefällen der Reflexion und Thematisierung unterliegen, dienen sie der Perpetuierung sozialer Machtverteilung (ein Beispiel hierfür ist die Standardisierung gesellschaftlicher Landschaft).

t Mit der Diskurspluralisierung wird eine etwas andere Strategie mit ähnlicher Wirkung verfolgt: Mit der Potenzierung der Zahl der Diskurse ist eine Machtbegrenzung einzelner Diskurse verbunden (als Beispiel mag die Differenzierung des Nachhaltigkeitsdiskurses in einen wirtschaft enschaftlichen, einen raumplanungsbezogenen, einen naturschutzbezogenen, einen psychologischen, einen sozialwissenschaftlichen etc. Diskurs gelten).

t Aufbauend auf der Diskurspluralisierung erfolgt die Komplexisierung der Entscheidungsprozesse. Dabei wird die Zahl der an Entscheidungsprozessen Beteiligten maximiert, um so eindeutige Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zu invisibilisieren.

t Die Strategie von Beschleunigung und Entschleunigung impliziert die Beschleunigung entlang zu verbergender Objekte, z. B. durch Autobahnen, und eine Entschleunigung in inszenierten Bereichen (z. B. Innenstädten oder Malls). Hinsichtlich der sozialen Präsenz und Bedeutung werden beschleunigte Bereiche hinsichtlich ihrer physischen Bedeutung deutlich kleiner, entschleunigte, deutlich größer konstruiert.

t Die Strategie der Veränderung sozialer Wertungen (vgl. das Paradigma der Umdeutung der gesellschaftlichen Landschaft) zielt auf die Entwicklung kontingenter Deutungs- und Bewertungsmuster ab, wodurch ein eigentliches Verbergen oder Invisibilisieren überflüssig wird, da sich die gesellschaftlich definierten Soll-Zustände geändert haben.

Besonders den Invisibilisierungsstrategien liegt häufig ein Machtkalkül zugrunde, das gesellschaftlich wenig Chance auf allgemeine Anerkennung fände (vgl. Bourdieu 2005, zuerst 1982, 2005, zuerst 1983), ein Kalkül, das den Prinzipen der (optimistischen) Interpretation der Postmoderne (wie Toleranz und Pluralität) entgegen steht. Aus Perspektive der (Stadt-)Landschaftsforschung erscheint es nötig, die Aufmerksamkeit auf die landschaftlichen Opportunitäten dessen zu lnken, was nicht physisch unmittelbar wahrnehmbar ist (vgl. Cooper 2004).

 
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