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4.8 Von der Moderne und der Postmoderne Entstehung und Entwicklungen der Stadtlandhybriden ein vorläufiges Fazit

Die postmoderne Planung der Stadtlandschaft folgt dem Trend der postmodernen Philosophie hinsichtlich einer Feststellung der Inkommensurabilität des Wahren, des Guten und des Schönen: Ästhetik wird auf formale Qualitäten reduziert, unabhängig von deren Authentizität und ethischen Bezügen. Die Planer (und in deren Hintergrund Investoren und eingeschränkt auch Politiker) postmoderner Siedlungen zitieren historische Elemente, ohne dass diese zeitlich oder räumlich mit dem jeweiligen Gebäude im Zusammenhang stünden. Dabei stellen sie nicht die Frage, ob und inwiefern sie in bestehende soziale Strukturen eingreifen oder exkludierende physisch vermittelte soziale Räume kreieren (Harvey 1989, Cosgrove 1990). Neben dieser pessimistischen Interpretation postmoderner Architektur und postmodernen Städtebaus lässt sich auch eine optimistischere fassen: Die Auflösung der Einheit des Wahren, des Guten und des Schönen erlaubt einerseits ästhetische Experimente, andererseits auch eine von ästhetisch-exklusivistischen Restriktionen befreite Zuwendung zu ethischer Verantwortung in der Siedlungsgestaltung sowie die Wertschätzung des Historischen jenseits der Imitation. Schließlich haben wir nicht zwischen Architektur und Revolution zu wählen, wie Kolb (1990) die Ausführungen von Harvey (1989) deutet. Die Ästhetisierung gegenwärtiger angeeignet-physischer Stadtlandschaften verdeutlicht das rekursive Verhältnis von gesellschaftlichen Landschaft diskursen (hier der Konsumenten und der Planer) mit der Gestaltung physischer Räume: Auf Grundlage der Präferenzen (auch durch soziale Vermittlung inkorporierten Sehnsüchten) von Konsumenten werden Siedlungen errichtet, die als Orte verständlicher und emotional anknüpfungsfähiger Einheiten unter dem Vorherrschen des Visuellen identifiziert werden (Zukin 1995, Robertson/Richards 2003).

4.8.1 Die Emergenz einer postmodernen Siedlungsform: Stadtlandhybride

Postmoderne Siedlungsformen (mit Fokus auf Los Angeles) werden in vielerlei Form benannt: Exopolis (Soja 1993), Stadtland (Holzner 1996), Postmetropole (Soja 2000), Zwischenstadt (Sieverts 2001). Zudem werden sie als suburban, postsuburban, desurban, geprägt von Edge Cities (Garreau 1991) und Edgeless Cities (Lang 2003) charakterisiert (siehe auch Beauregard 2006, Teaford 2007). Die konzeptionellen Hintergründe dieser Termini lassen einen wesentlichen Aspekt der aktuellen postmodernen Entwicklung im Allgemeinen und Siedlungsentwicklung im Besonderen in den Hintergrund treten: den Aspekt der Hybridität. Diese Hybridität äußert sich in sämtlichen Ebenen von Landschaft:

t In der gesellschaftlichen Landschaft vollzieht sich die Auflösung der Konstruktion der Dichotomie von Stadt und Land (was beispielsweise auch die Fachdiskussionen um die Zwischenstadt dokumentieren).

t Auf gesellschaftslandschaftlicher Ebene sind Stadtlandhybride sowohl durch kognitive als auch emotionale Bezugnahme charakterisiert.

t Stadtlandhybride sind Ausdruck der Sehnsucht nach ländlich stereotypisierten Lebensweisen bei gleichzeitigem Wunsch nach der Ökonomie der Stadt und der Verfügbarkeit von Konsum- und kulturellen Einrichtungen. Stadtlandhybride sind Ausdruck der Sehnsucht nach Inseln geringer Komplexität[1] in einem hochkomplexen urbanen Kontext.

t Diese Hybridisierung ist auch verbunden mit Affirmation der dadurch entstehenden physischen Objekte.

t Stadtlandhybride sind durch vielfältige Autorenschaft sowohl in Bezug auf die physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Landschaften als auch in Bezug auf die gesellschaftlichen Deutungen von Landschaft geprägt.

t Physischer Ausdruck der Hybridisierung von Stadt und Land ist die an ländlichen Stereotypen orientierte Architektur im urbanen Umfeld, aber auch das Eindringen städtisch-funktionaler Architektur in ländlicher geprägte Gebiete (siehe auch Ipsen 2006).

t Die Hybridität von Stadt und Land zeigt sich in großem Spektrum in der Dichte von Bebauung und Bevölkerung.

t Stadtlandhybride sind (in der Regel) nicht von einem Dichtegradienten von innen nach außen oder umgekehrt geprägt, sondern von einem Pastiche unterschiedlicher Dichten.

t Stadtlandhybride sind gleichfalls durch ein Pastiche unterschiedlicher Strukturen und Nutzungen geprägt.

t Dabei weisen sie einen unterschiedlich hohen Grad an Durchmischung von kultürlich und natürlich konstruierten Objekten im physischen Raum auf. Das bedeutet beispielsweise eine unterschiedliche Durchdringung von stadtcharakteristischer und landcharakteristischer Flora und Fauna.

t Stadtlandhybride haben keine (klare) Außengrenze und keine (klare) Innengrenze, sie stellen letztlich einen omnipräsenten Rand dar, der in Bezug auf physische Objekte von einem unterschiedlichen Mischungsverhältnis städtischer und ländlicher Elemente geprägt ist, in Bezug auf die gesellschaftliche Landschaft in einigen Diskursen von Stadt und Land geschieden wird (insbesondere in Laiendiskursen).

Der Terminus des Stadtlandhybriden verdeutlicht die konstitutive Hybridität postmoderner Siedlungen, die sich nicht als nur als sub-urban (weil auch Ruralität konstitutiv ist) oder post-metropolitan (da sie sich genetisch von Metropolitanität ableiten lassen müssten) beschreiben lassen. Sie stellen eine neue postmoderne Emergenzebene räumlicher Entwicklung dar, deren Voraussetzung eine umfangreiche Suburbanisierung darstellt[2].

  • [1] In Gemeinschaft der Gleichen, wie im folgenden Kapitel darzustellen sein wird.
  • [2] Dieses Konzept des Stadtlandhybriden wird ab Kapitel 5 (Entwicklungslinien der Stadt-Landschaft ybriden in den Vereinigten Staaten) am Beispiel von Los Angeles erläutert. Sollte im Folgenden das Wort Stadtlandhybriden ohne Adjektiv(e) verwendet werden, so sind Stadtlandhybride als Teil der angeeigneten physischen Landschaft gemeint.
 
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