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4.6 Der fragmentierte Raum

Der soziale Raum und damit seine physische Manifestationen werden im Gefolge der differenzierten Ansammlung symbolischen Kapitals und der Fragmentierung der sozialen Gemeinschaften in unterschiedliche Lebensstile und Milieus gegliedert. Durch die ungleiche Verteilung symbolischen Kapitals entstehen Viertel der Milieus, der Lebensstile die fragmentierte Stadt , mehr noch, im Zeitalter der Postmoderne zerfällt die Auseinandersetzung mit dem städtischen Lebensraum in die dekonstruierende Interpretation verschiedener Texte sozialer, kultureller, ethnischer oder klassentheoretischer Art (Soja 1994: 7; vgl. auch Harvey 1985, Dear/Flusty 1998, Fainstein 2001, Wood 2003b). Infolge der Verschiebung der gesellschaftlichen Orientierung hin zum Pol des Individualismus (Abbildung 18) verliert der poststädtische Raum den Charakter einer erkennbaren und einzigartigen kohärenten Entität (vgl. Hall 2006), einer Entität, die sich insbesondere im deutlichen Vorhandensein eines Zentrums ausprägen würde. Dies findet auch in der wissenschaftlichen Darstellung postmoderner Siedlungen seinen Niederschlag (Basten 2005: 57): Nahezu alle Versuche, die neue, postmoderne Struktur der Stadt zu charakterisieren, greifen auf das Bild eines Gitters oder Netzes zurück, wobei allerdings nicht die Figur eines Spinnennetzes, sondern die eines Tornetzes oder auch die eines Fangzauns gemeint ist[1], eine Struktur die Nooteboom (2001: 21, zuerst 1987) in the language of images in Bezug auf Los Angeles als Fischnetz bezeichnet, in dem der Mensch gefangen ist.

Ein wesentliches Beispiel für distinktive räumliche Verdrängungsprozesse stellt die gentrification dar: Milieus mit einem höheren Status symbolischen Kapitals verdrängen Milieus mit einem geringen Status symbolischen Kapitals, womit sich in mancher Hinsicht bislang bekannte Stadtentwicklungsprozesse (Dangschat 2000: 213; vgl. auch Gayk 1995, Redfern 2003, Gerhard 2006, Füller/Marquardt 2010) umkehren und damit häufig zu einer weiteren Fragmentierung urbaner Strukturen beitragen, da Gentrifizierungsprozesse (Glass 1964, Goodman 1973, Olin 1995, Keil 1998, Clark 2005, Gerhard 2006) selektiv in bestimmten (gemäß sozialen Stereotypen) attraktiven Standorten und Standortverbünden wirksam werden. Unter anderem steigende Energiepreisehaben in den letzten Jahren die Tendenz zur Gentrifizierung innenstadtnaher Quartiere auch in den Vereinigten Staaten verstärkt, so dass der Druck der Wohnungsnot auf die residualsegregierte ansässige Bevölkerung zunahm und zunimmt, was infolge des weitgehenden Fehlens von Wohnungsbeständen des sozialen Wohnungsbaus besondere Virulenz erfährt (Hackworth 2007; vgl. auch Friedland 1983, Redfern 2003, Füller/Marquardt 2010). Dies lässt sich als Postmodernisierungsprozess auf mikrosozialer Eben interpretieren[2].

Postmoderne räumliche Organisationen lösten moderne nicht einfach ab. Sie ergänzen sie vielmehr und bilden eine neue Emergenzebene: Ohne das Streben der Moderne nach Ordnung (z. B. in dem System der zentralen Orte, der begrifflichen und normativen Trennung von Stadt und Land, der funktionalistischen Architektur) wäre eine postmoderne Abstraktion von dieser Ordnung nicht möglich gewesen (beispielsweise der Hybridisierung von Stadt und Land, der eklektizistisch-playgiatischen Architektur; vgl. Soja 2000)[3]. Wird der fordistische Wohnungs- und Städtebau aus ökonomischer Perspektive mit dem postfordistischen Wohnungs- und Städtebau verglichen, dominiert bei der fordistischen Variante das Prinzip der Angebotsorientierung (etwas zugespitzt: möglichst billige Produktion einer großen Quadratmeterzahl/Kubatur umbauten Raumes), während die postfordistische Variante eine starke Nachfrageorientierung aufweist (ausgerichtet an ästhetischen Präferenzen der kaufkräftigen Kundschaft).

  • [1] In diesem Zusammenhang lässt sich die Frage stellen, ob und inwieweit die Perzeption des Städtischen als Netz auf die netzartige Entwicklung des Freeway-Netzes von Los Angeles zurückzuführen ist, oder ob diese infolge postmoderner Siedlungsentwicklungsprozesse entstand, oder ob ein einen rekursiver Zusammenhang zu verzeichnen ist.
  • [2] Möglicherweise lässt sich die insbesondere im deutschen Sprachraum mit Hingabe geführte Diskussion um die Ästhetisierung und planerische Wertschätzung der Zwischenstadt (Sieverts 2001) als Reaktion auf die Reurbanisierungstendenzen (Häußermann 2009) begreifen, durch die jenen Gegenständen und landschaftlichen Konstrukten eine besondere Wertschätzung entgegengebracht wird, die infolge gesellschaftlicher Entwicklungen einemökonomischem Bedeutungsverlust unterliegen.
  • [3] Auch der Traditionslinie der Kulturlandschaftsforschung folgend, lässt sich Stadt als extremer Fall von Kulturlandschaft beschreiben. Im Natur-Kultur-Hybriden Stadt dominieren die kultürlichen Einflüsse.
 
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