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4.4 Postmoderne Gebäude

Stuckfassaden, verspielte Elemente in der Moderne als Kitsch stigmatisiert werden in der Postmoderne rehabilitiert. Auch Neubauten werden zunehmend wieder mit funktionslosen Ornamenten versehen, teilweise als historische Stilzitate, die sich bisweilen als ein instrumentelles Pastiche popoder pseudohistorisierender Formen, so Forster (1985: xii) kritisch, gruppieren, teilweise mit einer neuen phantasievollen Formensprache (Blotevogel 2003; vgl. auch Moulaert/Swyngedouw 1989, Jencks 1998, Hoesterey 2001), teilweise auch mit spiegelnden oder gänzlich verspiegelten Flächen versehen (Hasse 2000). So sind die Flaggschiffprojekte in Form vielfacher Permutationen architektonischer Renovierung, Themen des historischen Erbes, Entwicklungen von Gewässerufern, besonders ausgerichteter Programme von öffentlich zugänglicher Kunst sowie neu designten oder renovierten öffentlichen Plätzen (Hall 2006: 109) gestaltet. Postmoderne Architektur und Stadtplanung sind jedoch auch in diesem Zusammenhang nicht einheitlich (schließlich ist der Begriff Postmoderne auch im Sinne von Metamoderne zu verstehen). Vielmehr lassen sich durchaus heterogene Tendenzen [feststellen], die vom neuen Rationalismus im Sinne Aldo Rossis über den Dekonstruktivismus [] bis zum ironischen Gebrauch historischer Formen und zur Kopie untergegangener Bauten reichen (Albers 1997: 310). Gemeinsam ist postmodernen Architekturen bei aller stilistisch-polyvalenter Beredtheit die Entkopplung von Form und Funktion, so dass die Unterschiedlichkeit städtischer Lebens- und Arbeitsformen [] in dieser Fassadensprache nicht mehr betont, sondern verschwiegen [wird] (Hasse 2000: 41; vgl. auch Venturi 1977).

Architektur und Städtebau der Postmoderne setzen sich über das Ziel der Widerspruchsfreiheit der Moderne hinweg. Sie fügen dem historisch gewordene[n] und widersprüchliche[m] soziale[n] Verhältnis (Siebel 2004: 19) reflexiv und ironisierend neue Brüche und Widersprüche hinzu. Das exklusivistische moderne Programm von

Abbildung 18 Die County Jail Twintowers in Los Angeles. Die Form erscheint von der Funktion völlig entkoppelt. Das Gebäude könnte ebenso Büros oder ein Hotel beherbergen, wodurch es ästhetisch neutralisiert wird. Es ist ein physisches Manifest des postmodernen Auseinanderdriftens desWahren, Guten und

Schönen: Die ästhetisch neutralisierte Fassade birgt das Deviante (gemäß moderner Moral: dasBöse), wodurch keine Entsprechung zwischen Form und Funktion physisch repräsentiert wird, also das Gebäude aus moderner Perspektive dasAuthentische als Indikator für Wahrheit verliert (Aufnahme: August 2010).

form follows function wird durch die Polyvalenz von form follows fiction, form follows fear, form follows finesse und form follows finance, wie sie Ellin (1999) beschreibt, ersetzt. Als zentraler Bezugspunkt postmoderner Architektur und postmodernen Stadtlandschaftsbau lässt sich das Thema Angst fassen: Postmoderne Architektur und postmoderner Stadtlandschaftsbau entspringen der Angst erzeugenden Unsicherheit vor globalen (Terror, Umweltbelastung, Wirtschaft isen) einerseits und persönlichen (Arbeitslosigkeit, Kriminalität) Unsicherheiten andererseits (Abbildung 18). Angst wird mit einer fiktiven Gemütlichkeit häufig in Form einer unverbindlichen Do-it-YourselfGeschichte (Huxtable 1980: 26) und Reizen des kontrollierbaren Abenteuers (in Themenparks und Sportstätten) kaschiert. Symbolische Doppelcodierungen helfen dabei, Angst zu kontrollieren, indem sie zwar ständig neu erfahrbar wird und dabei präsent bleibt, jedoch zugleich stets durch kontingente Deutungsmöglichkeiten in einen Zustand der Transzendenz gezwungen wird. Insbesondere durch diese Strategie der Angstkontrolle postmoderner Gestaltung angeeigneter physischer Stadtlandhybride wird Erhabenheit vermittelt. Die Abwendung der postmodernen Architektur von dem Leitbild der Funktionalität meint, dass die Architektur nicht mehr bei sich ihr Ende findet als eine Realisierung von reinen dreidimensionalen Körpern, sondern dass sie zu einem Mittel der Veranschaulichung von Inhalten vielfältigster Art werden kann: Architektur des schönen Scheins, nicht nur ein Werkzeug der Zweckerfüllung (Klotz 1999: 108; vgl. Venturi/Scott Brown/Izenour 1972, Venturi 1977, Relph 1987). Postmoderne Architektur entwickelt sich wieder in Richtung Kunst (nachdem in der Moderne die Ingenieurslogik vorherrschte) und lässt sich auf eine Semiologie ein, die sie Texten vergleichbar macht. Texte versuchen, die Grenze zum Bild zu überschreiten, so wie Bilder umgekehrt textuelle Bezüge benutzen und ermöglichen. Die Texte wiederum öffnen sich nicht allein unterschiedlichen Diskursen, und Wahrnehmungsformen, sie stellen mitunter ihren eigenen Status in Frage und entziehen sich dem Gesetz der mimetischen wie jenem der logischen Repräsentation (Renner 1988: 52). Infolge der Postmodernisierung vollzieht sich eine Sakralisierung von Stadt als Heimat und identitätsstiftende Erinnerung (Siebel 2004: 20; siehe auch Hayden 1995, Dangschat 1997, Barnes 2005, Peil/Sooväli 2005, Ipsen 2006, Imbert 2007). Diese Re-Mystifizierung und Sakralisierung stellt ein wesentliches Element der Erweiterung des gesellschaftlichen Zugriffs auf die angeeignete physische Landschaft jenseits moderner kognitiv determinierter An-Ästhetik zu postmoderner Erhabenheitsästhetik dar[1].

Charakteristisch für als postmodern bezeichnete (Nutz)Bauten wie das Westin Bonaventure Hotel in Downtown Los Angeles (Abbildung 19) ist ihr Bemühen um die Erzeugung räumlicher Totalität (Jameson 1984, Dear 2000), d. h. sie stellen häufig eine in sich abgeschlossene Welt dar (vgl. Wood 2003a, Kühne 2008c, Varnelis 2009b). Sie sind kein integraler Bestandteil ihres Stadtviertels oder ihrer Stadt, sie bilden ein komplexitätsminderndes ästhetisch-autopoietisches Subsystem aus. Sie sind funktionale Äquivalente von Städten (oder allgemeiner von Räumen). Die Abgrenzung eines solchen Gebäudes zu seiner Umwelt wird häufig (so Jameson 1984) durch spiegelnde Fassaden verdeutlicht, die durch ihre Semipermeabilität eine ästhetisch-distinktive Asymmetrie schafft: Der Privilegierte, der sich im Inneren des Gebäudes befindet, hat auch den Blick nach draußen (einem Draußen, dem er entronnen zu sein scheint), während derjenige, der sich draußen befindet, keinen Blick nach drinnen werfen kann, was das Drinnen für ihn noch geheimnisvoller macht und seine Unsicherheit insbesondere dann steigert, wenn ihm der Zutritt verwehrt bleibt. Eine ähnliche Funktion weist auch die betonte Schlichtheit von postmodernen Gebäuden (oder Gebäudekomplexen) nach außen auf, während inneneine prachtvolle und komplexe Gestaltung vorherrscht. Die Steigerung der symbolischen Distinktion des Innens gegenüber dem Außen besteht in der Verlegung von Versorgungs- und Entsorgungseinrichtungen außerhalb der

Abbildung 19 Das zwischen 1977 und 1979 gebaute Bonaventure Hotel (heute Westin Bonaventure Hotel) im Westen von Downtown LA gelegen, wird von Jameson (1984) als Ausdruck eines postmodernen Raumverständnisses verstanden: Es prägt in sich eine Totalität aus, die sich als Substitut (mit integriertem Einkaufsbereichen) für die Stadt versteht, gegen die sich das Gebäude durch spiegelnde Fassaden deut lich abgrenzt und eine Enklave von Personen mit hoher symbolischer Kapitalausstattung in einem Teil der Stadt darstellen, dessen Bewohner durch eine niedrige Ausstattung mit symbolischem Kapital geprägt waren (vgl. von Jameson 1984, Soja 1996, Davis 2004; Aufnahme,: August 2010).

Fassade. Die integrative Funktion postmoderner Gebäude bleibt ambivalent: Das als postmodern charakterisierte Gebäudedifferenziert funktionale Grenzen aus, oder entgrenzt sogar, indem es unterschiedliche Funktionen vermischt (z. B. Erholung und Arbeit), grenzt sich aber gleichzeitig symbolisch gegen sein Umwelt ab (siehe Moulaert/ Swyngedouw 1989)[2].

Die aktuelle Architekturdebatte betrachtet die Postmoderne als architektonischen Stil, als historisch abgeschlossene Ära, die sich auf einen Zeitraum Mitte 1970er bis 1980er Jahre datieren lässt und durch neuere Tendenzen wie die Neue Einfachheit abgelöst wurde, die sich zwar stärker auf moderne Traditionen bezieht (Klotz 1997, Fröhlich 2003), aber dennoch auch aus Sicht der sozialwissenschaftlichen Postmoderneforschung durch den Rückgriff auf das, durch postmoderne Entwicklungen in der Gesellschaft (und auch der damit rekursiv rückgekoppelten architektonischen physischen Manifestationen des Sozialen), nun historisch gewordene Moderne, postmoderne Züge trägt. Die Wertschätzung des Historischen und die Toleranzästhetik der Postmoderne erstreckt sich auch auf jene (architektonische) Epoche, die die Postmoderne emergiert hat.

  • [1] Das kritische Verhältnis zwischen postmoderner Landschaft szenierung und Landschaft erhaltung (was in diesem Kontext die Denkmalpflege einschließt) fasst Albers (1997: 312) folgendermaßen zusammen: Die Wiedererrichtung historischer Bauten, die verloren gegangen sind, in den fünfziger Jahren nur in Sonderfällen wie denen des Frankfurter Goethehauses oder des Marktplatzes in der Warschauer Altstadt akzeptiert, löst heute kaum Skrupel aus außer bei der Denkmalpfl e selbst, der mit einer auf Inszenierung der Historie gerichteten Stadtbildpflege ein fragwürdiger Verbündeter zugewachsen ist. Die historische Altstadt als ein mit Kulissen bestückter Erlebnispark für jeden geschichtlich Denkenden eine Horrorvision scheint im Zeitalter virtueller Umwelten nicht mehr fern zu sein.
  • [2] So lässt sich beispielsweise die Polyvalenz des Oberhausener CentrO in (mindestens) drei Ebenen gliedern (Wood 2003a): Erstens, das CentrO ist nicht allein ein Ort des Konsums und der Freizeitgestaltung, sondern ein Symbol für den erfolgreichen Strukturwandel der Stadt. Zweitens ist es für den Besucher nicht allein ein Ort des Konsums, sondern darüber hinaus Träger von spezifischen Zeichen und Bedeutungen (insbesondere durch eine Zeit-Raum-Komprimierung). Drittens kann das CentrO als ein Symbol für die Weitsichtigkeit städtischer Politik (Wood 2003a: 148) gelten, die in der Lage gewesen sei, soziale Entwicklungen zu antizipieren.
 
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