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4.3 Die postmoderne Expansion der kulturellen aufgeladenen Ökonomie in Siedlungen

Die Expansion des Kulturellen als wesentliches Merkmal der Postmoderne äußert sich auch in der ökonomischen Kulturalisierung oder der kulturalisierten Ökonomie von Räumen, insbesondere von verdichteten Siedlungen (Zukin 1995, Wood 2003b, Barnes 2005): Der Konsumismus steht in einem rekursiven Verhältnis zu Verräumlichungen. Die von Menschen erfüllten Räume postmoderner Städte inszenieren den Konsum und sind ganz auf ihn beschränkt, oder sie sind dem touristischen Erleben vorbehalten und inszenieren dieses (Sennett 1991: 12). Die Kulturalisierung respektive verstärkt, so Featherstone (1991), kulturelles Selbstbewusstsein. Mit der Kulturalisierung geht ein verstärktes Bemühen um interne und externe Konstruktion von Image einher, die sich im Anschluss an die Theorie des Profanen und des Heiligen von Durkheim (1984) als Sakralisierung des Profanen bezeichnen lässt (vgl. Krüger 1988 und Vester 1993a). Hinsichtlich dieser Imagebildung von Orten dominiert die Bedeutung von Zeichen und Symbolen gegenüber der Produktion von Gütern (Lash/Urry 1994: 15): Diese Zeichenhaben vor allem zweierlei Natur. Entweder haben sie primär kognitive Inhalte[] oder sie haben einen ästhetischen, im Sinne eines unterhaltenden Ästhetischen, Inhalt und sie sind vor allem postmoderne Waren. Diese Ästhetisierung von Siedlungen in Form einer den Konsum ankurbelnde[n] Ästhetisierung (Welsch 2006: 13), produziert bei aller chicen Aufgeregtheit und gekonnten Inszenierung doch wieder nur Eintönigkeit (Welsch 2006: 13), die sich im Detail vielfach als ausgesprochen leer, zombiehaft und für ein verweilendes Anschauen unerträglich erweisen (Welsch 2006: 13).

Postmoderne Architektur ist durch eine verstärkte Bedeutung kultureller Bezugnahmen geprägt[1]. Hierbei hat Architektur immer eine doppelte Wirkungsweise: eine reale und eine symbolische. Real definiert sie Lebensräume und Handlungsmöglichkeiten; auf der symbolischen Ebene prägt sie unsere Vorstellungen von Urbanität, Zusammenleben, Gesellschaft etc. Sie greift also nicht nur in unsere Praxis, sondern auch in den Haushalt unserer Imaginationen, Wünsche und Zielvorstellungen (Welsch 1993b: 13) ein. Die Formensprache der Moderne entsprach der Hegemonie der Funktion, gemäß der Norm zu bauen ist das, was funktional ist; Schmuck ohne Funktion ist Kitsch (Welsch 1993b: 13). Siebel (2004: 19) bezeichnet diesen funktionalistischen Ansatz als eine Ingenieursutopie, die darauf baute, dass die Prinzipien der Natur (Licht, Luft, Sonne) und der Rationalisierung der Industriearbeit ausreichten, um eine gute Stadt zu errichten, in der sich die räumliche Trennung von Wohnen, Arbeit und Freizeit physisch strukturell manifestierte (Jacobs 1961). Das sozial-normative Konzept fordistischer Planung bestand darin, der Stadt (nicht nur der europäischen, sondern auch der verdichteten amerikanischen)das Dschungelhafte, Labyrinthische, das Mythische und Bedrohliche austreiben (Siebel 2004: 20; vgl. auch Keating 1991), das in der Unüberschaubarkeit der Stadt als Voraussetzung für deviantes Verhalten Richard Sennet (1991: 88) ironisiert diese Sichtweise von Stadt in dem Ausdruck, ihre Straßen wären als

Brutstätten der unheiligen Dreifaltigkeit von Krankheit, Verbrechen und Revolution beschrieben stereotyp zu erkennen zu sein schien. Während die moderne Architektur und Landschaftsarchitektur einen globalen funktionalistischen Einheitsbaustil verfolgte (Imbert 2007, Kühne/Franke 2010, Löw 2010), der insbesondere durch das Bemühen um Skalenvorteile dominiert war (und ist; March 2005), ist die postmoderne Architektur und Landschaftsarchitektur darum bemüht, regionale, ethnische und historische Aspekte aufzugreifen, sie reflexiv durch neue Elemente, sei es als historisches Zitat (architektonischer Playgiarismus), als ethnisch-tribalistisches Zitat oder als regionalunspezifisches Element, zu ergänzen und so in mehrfacher Weise zu codieren (Venturi 1977, Dubey 2003; Klotz 1985: 423)[2]: Während die Moderne sich von aller Geschichte zu befreien suchte so hatte Walter Gropius im Bauhaus Vorlesungen über Architekturgeschichte abgeschafft (Fries 1995) und Architektur zu einer Sache der reinen Gegenwart werden ließ, haben wir in der Postmoderne die Erinnerung zurückgewonnen. Die Geschichte als wiedererlangte Perspektive erlaubt es nicht länger, der Interessantheit der reinen Formen Reize abgewinnen zu wollen, sondern sich stattdessen einzulassen auf den Geist der Ironie (Klotz 1985: 423). Mehrfachcodierungen erlauben es, sich Objekten aus unterschiedlicher Perspektive und in unterschiedlichen Modi zu nähern (vgl. Friesen 1995, Ellin 1999, Basten 2005).

Dem Ersetzen des Historischen, den modernistischen Ansprüchen nicht mehr Genügenden durch auf exklusivistische Funktionen ausgerichtete Strukturen wird ein Pastiche aus Erhaltung, Zitat und Ironie entgegengesetzt (Venturi 1977, Soja 2000). Ein wesentliches Merkmal postmoderner Architektur ist dabei eine dissonante Schönheit (Jencks 1977), die in eine imaginäre Transformation auf Basis eines allgemein geteilten symbolischen Systems (Jencks 1978b: 43) eingebunden ist. Dabei entfernen sich postmoderne Architektur und postmoderner Städtebau von dem Anspruch der Moderne, durch die Prinzipien rationaler und funktionaler Gestaltung physischer Strukturen auch eine rationale und nach Eindeutigkeit strebende Gesellschaft zu formen, deren Vorbild die Maschine ist, wie Le Corbusier (1926: 243) programmatisch ausführte: Überall sieht man Maschinen, die dazu dienen, irgendetwas zu erzeugen, und ihre Erzeugnisse in Reinheit hervorzubringen und auf eine Art, die wir bewundern müssen. Für die Moderne wird auch in Architektur und Städtebau die Maschine über die Ideologie der Reinheit zum Vorbild für den Menschen. Diese Ideologie gab so Sennett (1991: 218) dem Akt des Glaubens einen neuen Inhalt: die Menschen können die Natur durch Erfindung praktisch auslöschen, indem Artefakte geschaffen werden, die die Fehlbarkeit des Menschen (auch in seiner nicht reinen Existenz) zwar transzendieren, aber ausgleichen oder natürliche Widerstände wie Wind, Haut und Schwerkraft aus[löschen] (Sennett 1991: 218).

Postmoderne Architektur und Städtebau haben den Anspruch aufgegeben, durch

gute Architektur (für die Moderne: funktionale) eine gute Gesellschaft (d. h. für die Moderne rationale) zu formen (vgl. Friesen 1995, Zellman/Friedland 2001). Städtebau in der Postmoderne lässt sich als Beitrag zur Entwicklung einer kontingenzseniblen Gesellschaft verstehen. Zu wenig begründbar sind einerseits allgemeinverbindliche nicht nur städtebauliche und architektonische Normen in einer pluralen und toleranten Gesellschaft, andererseits lässt sich infolge des Scheiterns der Großen Erzählungen der Moderne aus postmoderner Perspektive keine finale Teleologie gesellschaftlicher Entwicklung formulieren (vgl. Jencks 1977, Harvey 1989, Kühne 2006a). Durch den Verlust der sozialen Vision von Architekten und Stadtplanern ging der Bedeutungsgewinn großer Investoren und spekulativ agierender Entwickler einher, die mit dekorativem Design und stilistischer Absonderung gegenüber der Umgebung mit Hilfe des Engagements eines bekannten Architekten global die Aufmerksamkeit der Medien auf ihr Projekt lenken wollen (Crilley 1993), wodurch sich eine Dominanz von Architekturen individualistischer Orientierung entwickelte (Abbildung 17). Solche Megastrukturen dienen dabei den lokalen und regionalen Eliten als Flaggschiffinvestitionen (bzw. Leuchtturmprojekte), um die angeeignete Physis des Stadtlandhybriden global wahrnehmbar zu machen (Hackworth 2007). Diese wird damit durch ästhetisierte Fragmente des Spektakulären, des Ironischen, des Phantasievollen und des Szenischen patchworkhaft durchsetzt (Relph 1987, Harvey 1989, Crilley 1993, Hackworth 2007), wodurch städtische Landschaften einerseits dem Charakter eines Themenparks zu ähneln beginnen (Knox/Pinch 2010), andererseits stadtplanerische Entwürfe (auch im Sinne eines Ausgleichs für die marktwirtschaftliche Bodenverwertungslogik hinaus) nicht mehr zur Anwendung kommen (Boyer 1986, Neutze 1988).

Abbildung 17 Hybridisierung von individualistischer und kommunitaristischer Orientierung. In Bezug auf Architektur und Städtebau kann die Hybridisierung in dem Sinne verstanden werden, wie sich ein Gebäude (oder wenige Gebäude) in die (so konstruierte) Struktur seiner Umgebung einfügt. Ein Repräsentant einer individualistischen Orientierung verweigert Entsprechungen in Dimension, Gestaltung und Funktion, während ein Repräsentant kommunitaristischer Orientierung wie eine Kopie der ihn umgebenden Gebäude oder ein Medianwert ihrer (also solche konstruierten) Eigenschaften konzipiert ist.

  • [1] In diesem Zusammenhang könnte auch von einer Rekulturalisierung gesprochen werden, schließlich war vor der Moderne die (vorzugsweise städtische) Architektur eher von Kunst denn von technologischer Ökonomie bestimmt.
  • [2] Jencks (z. B. 1977, 1978a, 1978b) belegt diese Entwicklungen mit den Termini Doppelcodierung, radikaler Eklektizismus, Pluralismus und Historizismus.
 
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