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4.2 Die ökonomische und rationale Prägung von Siedlungen

Die postmoderne Entwicklung des Stadtlandhybriden[1] bedeutet eine tiefgreifende Restrukturierung, sowohl in der sozialen, kulturellen und der politischen, insbesondere aber auch ökonomischen Dimension (vgl. Harvey 1987, Storper/Scott 2002, zuerst 1989, Wolch 1998): Die Ablösung fordistischer Akkumulation durch eine postfordistische flexible Akkumulation manifestiert sich im physischen Raum, vielfach auch in Form der sekundären angeeigneten physischen Landschaft in spezifischen städtebaulichen und architektonischen Strukturen[2]: Städte verkörpern die physischen, kulturellen und sozialen Auswirkungen einer langen Geschichte ökonomischer Entwicklung (Moulaert/ Nussbaumer 2004: 397; siehe auch Boyer 1986, Lipietz 1986, Moulaert/Swyngedouw 1989) mit teilweise deutlichen sektoralen Persistenzen früherer Akkumulationsregimes. Flexible Produktionen in kleineren Fertigungseinheiten, gesteuert durch Netzwerke schnellen Datenaustausches und Just-in-Time beliefert, lösen große fordistische Fabrikanlagen mit hohem Personalbestand ab (Soja 1997), wodurch große Konzentrationen von Arbeitsplätzen und Menschen im physischen Raum (als Basis der Industriestadtbildung) unnötig erscheinen (Graham 1997). Waren in der Moderne die Orte der Produktion Kondensationspunkte des Sozialen (so war der Lebensrhythmus der Stadt in fordistischen Industriestädten an den Arbeitsrhythmus des dominierenden Industrieunternehmens angepasst; vgl. Kühne 2008c, Hornsey 2010), so werden in der Postmoderne die Welten des Konsums zu sozialen Bezugspunkten: Die Individuen unserer Zeit sind zuallererst als Konsumenten und nicht als Produzenten gefragt (Bauman 1997: 79). So wird die postmoderne Stadt zu einer idealen Arena, um unterschiedliche Lebensstile anzuziehen, zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten (Clarke 2003: 166), um so differenzierten Konsumritualen distinktiv nachgehen zu können (Clarke 2003).

In der angeeigneten physischen Landschaft manifestieren sich auch die Muster modernen wie postmodernen Welt-Wollens (vgl. Henderson 2003). In der Postmoderne kann sich dieses Welt-Wollen auch stärker als ein Welt-Tolerieren im nicht-materiellen Kontext niederschlagen. Gerade die Moderne war intensiv darum bemüht, physischen Raum nach rationalen wie rationellen Gesichtspunkten zuzurichten. Diese Zurichtungsbemühungen lassen sich in den angeeigneten physischen Stadtlandhybriden (weiter gefasst im physischen Raum) ablesen (siehe z. B. Cosgrove 1988a und 1993, Relph 1987, Duncan 1990, Zukin 1991 und 1995, Spirn 1984 und 1998, Turner 1996,Weinstein 1998, Amin/Thrift 2002a, Gold/Revill 2003, Wood 2003b, Degen 2008, Kühne 2008a, Lebuhn 2008). Die Hybridität von Stadt und Umland (letzteres klassisch als Landschaft bezeichnet) vollzieht sich auf der Ebene des physischen Raumes im Suburbium. Zugleich ist der Stadtlandhybride Ort der Einschreibung der Dialektik des Lokalen und des Globalen, in ökonomischer, politischer, sozialgemeinschaftlicher, aber auch ökonomischer Hinsicht (Zukin 1991, Hamnett 1995, Knox 1999, Mellemgaard 2001, Hirsch 2003, 2002, zuerst

1986 und 2005, Pred 2005, zuerst 1990, Meyer 2010). Der Stadtlandhybrid lässt sich nicht eindeutig abgrenzen, er ist weder nach außen noch nach innen eindeutig in Einheiten gegliedert, er ist geprägt von polyzentrischen Netzwerken und Knoten von lokaler bis globaler Bedeutung, aber auch funktionalen Entgrenzungen von ehemals getrennt operierenden Feldern von Politik, Kultur und Ökonomie, z. B. in Form von Public-PrivatePartnerships zum Bau und Betrieb von Museen, Festhallen u. a., aber auch Business Improvement Districts[3] (Wilson 2004, Soja 2005, Vollmer 2008; vgl. auch Smith 2006). Diese Polyvalenz ist in Global Cities am deutlichsten ausgeprägt. Die Entstehung solcher Global Cities lässt sich darauf zurückführen, dass die fortgeschrittene Internationalisierung und weltweite Organisation von Wirtschaftsaktivitäten Knotenpunkte der Koordination und Kontrolle dieser global ausgedehnten Wirtschaftsprozesse benötigt, und Global Cities mit ihrer Konzentration von internationalen Finanz- und Unternehmensdiensten als die Orte der Produktion globaler Kontroll-Kapazität fungieren (Krätke 2002: 49; Massey 1999, Sassen 2000, Soja 2000, Gladstone/Fainstein 2003) und im Stande sind, Kommunikation auf sich zu konzentrieren (Sassen 2009). Neben der Kontrollfunktion haben Global Cities die Funktion der Kulturproduktion und weisen eine charakteristische industrielle Basis auf (Gladstone/Fainstein 2003). Der wesentliche Unterschied zwischen Global Cities und herkömmlichen (vormodernen und modernen) zentralen Orten liegt darin, dass sie ein autonomes Netzsystem über nationale Grenzen hinweg [bilden], wie dies bei den Finanzmärkten der Fall ist (Bertels 1997: 55) und nicht lediglich ein mehr oder minder großes Umland mit materiellen und immateriellen Gütern versorgen. Dabei verdanken sie ihre Existenz den technologischen Möglichkeiten computierender Maschinen (Hasse 2000: 15), sie basieren konstitutiv auf einer ortlosen Intensität weltumspannender Datenimpulse (Hasse 2000: 15, sind zunächst also flüchtig, wobei sie sich im physischen Raum mit ihren Folgen und Nebenfolgen manifestieren)[4]. Insbesondere die Global Cities zeigen einen hohen sozialen und kulturellen Fragmentierungs- und Polarisierungsgrad sowie einen hohen Grad an lokaler Verhaftetheit jener, denen die Teilhabe an der ökonomischen Prosperität versagt bleibt (wie

z. B. Gelegenheitsjobbern, Hilfskräften, illegalen Einwanderern; Vagabunden also nach Bauman 1993 und 1997; Keil 1993 und 1998, Scott 1996, Dear/Flusty 1998, Massey 1999, Dear 2000, Sassen 2001, Amin/Thrift 2002a, Wood 2003b, Dear 2005a, Laux/Thieme 2006, Starr 2006, Bauman 2008). Diese Simultanität von Globalem und Lokalem wird im Ausdruck der Glokalisierung (Robertson 1995; siehe auch Pred/Watts 1992) deutlich, als die gleichzeitige Steigerung von Prozessen der Verallgemeinerung und Besonderung (Ahrens 2001: 14; vgl. auch Pred/Watts 1992, Swyngedouw 1997). Globalisierung ermöglicht und erzwingt dabei das synthetische Reflektieren der eigenen (lokalen) Kultur: Der Prozess der Globalisierung scheint keine kulturelle Uniformität zu erzeugen, vielmehr lassen sich neue Ebenen der Diversität feststellen (Featherstone 1995: 1314). Dabei wird der physische Raum in unterschiedlicher Weise als angeeignete physische Stadtlandschaft gemäß kulturspezifischer bzw. gesellschaftlicher Spezifika hochgradig selektiv konstruiert[5]. Dabei prägen sich globale Konflikte lokal aus: Die Konflikte um die Nutzung von städtischen Teilräumen intensivieren sich, die Rivalität um physische räumliche Repräsentation unterschiedlicher Milieus mit verschiedener Ausstattung an symbolischem Kapital werden verstärkt, Verdrängungsprozesse nehmen zu (Keil 1998).

Ein wesentliches Charakteristikum postmoderner Stadtlandhybride liegt in der großflächigen Restrukturierung physischer Strukturen und deren Auswirkungen auf soziale Strukturen, getragen durch multinationale Entwickler. Megastrukturen regulatorisch eigentlich auf der Skalenvorteilslogik in der Moderne fußend (siehe Relph 1987) wie Battery Park in New York, die Docklands in London, aber auch California Plaza in Los Angeles symbolisieren die Macht der Lenker globaler Kapitalströme mehr noch als jene von Planern und Architekten jener häufig den ästhetischen Code der Erhabenheit bedienenden Objektkonglomerationen, um so die angeeignete physische Agglomerationslandschaft ökonomisch wie ästhetisch markant zu überformen (Sudjic 1993).

  • [1] Eine genauere Bestimmung dieses Begriffs wir in Abschnitt 4.8.1 (Die Emergenz einer postmodernen Siedlungsform: Stadtlandhybride) vorgenommen.
  • [2] Eine kritische Auseinandersetzung mit postmoderner Architektur und postmodernem Städtebau findet sich bei Becker (1996 und 1997).
  • [3] Business Improvement Districts (BID) stehen so Vollmer (2008: 35) in einem breiteren Kontext der Verlagerung von einst als staatlich definierten Aufgaben auf private und einem neuen Steuerungsverständnis, das mit dem Begriff von Governance umrissen wird. Das zentrale Dilemma dieser BIDs besteht darin, dass eine höhere Effizienz eines Systems [] in der Regel eine Einschränkung der Partizipationsmöglichkeiten (Vollmer 2008: 57) mit sich bringt, wodurch private Nebenregierungen mit unterschiedlicher territorialer Zuständigkeit entstehen (können). BIDs stellen ein Element der Differenzierung von Öffentlichkeit und Privatheit in räumlicher Konkretisierung dar und bilden einen weiteren Aspekt des postmodernen Raumpastiches.
  • [4] Das Netz der über die nationalen Kontexte hinaus greifenden Global Cities wird durch ein System abhängiger Städte mit nachgeordneten Produktions- und Dienstleistungsfunktionen untermauert (Sassen 2000, Keim 2001).
  • [5] Appadurai (1996) nennt die derart konstruierten (angeeigneten physischen) Stadtlandschaften von Immigranten, Touristen, Ausgegrenzten, Gastarbeitern und anderen Ethnoscapes.
 
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