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4 Von der Moderne und der Postmoderne Entstehung und Entwicklungen der Stadtlandhybriden

Viele physische Folgen und Nebenfolgen sozialen Handelns sind als später nicht leicht beeinflussbare Exioritäten (Stichweh 2003) Ausdruck gesellschaftlicher Bedürfnisse, vielfach aber auch paradigmatischer Vorstellungen einer physisch-räumlichen Ordnung. Damit stellen sie als Ausdruck der Domestikation des Raumes (Stichweh 2003: 100; vgl. auch Mellemgaard 2001) sowohl das Verhältnis der jeweiligen Gesellschaft zum Raum als auch das rekursive Verhältnis von sozialer Ordnung und Raum dar (siehe auch Robertson/Richards 2003). Dieses rekursive Verhältnis von physischem Raum und sozialen Sollvorstellungen und Deutungen von Raum ändert sich durch das Aufkommen neuer Raumbetrachtungs- und Raumordnungsparadigmen (Kuhn 1973). Zwischen Moderne und Postmoderne lässt sich ein solcher paradigmatischer Bruch in Bezug auf die gesellschaftlichen Landschafts- und Raumbezüge feststellen, die sich im physischen Raum manifestieren und als angeeignete physische Landschaft beobachtet werden können. Wesentliche Charakteristika des Umgangs mit physischem Raum in Moderne und Postmoderne sind in Abbildung 15 zusammengefasst. Wesentlich ist dabei, dass postmoderne Raumforschung sich von dem modernistischen Blick, der Stadt als einheitliches und kohärentes Prinzip der Organisation eines Raumes versteht, ebenso verabschiedet hat wie von der Idee, einer linearen Stadtentwicklung und der individualistischen Perspektive, Stadt sei das Ergebnis rationaler individueller Entscheidungen (Dear 2005c).

4.1 Physischer Raum und angeeignete physische Landschaft: Raumpastiches zwischen Moderne und Postmoderne

Die Anordnung von sozialen Gütern und Lebewesen durch gesellschaftliche machtdeterminierte Prozesse erfolgt zumeist auf Ebene des physischen Raumes nicht auf Ebene der angeeigneten physischen Landschaft, weil ein Agieren auf dieser Ebene einen präskriptiven landschaftlich-ästhetischen Blick voraussetzen würde. Zumeist wurden Anordnungen von sozialen Gütern und Lebewesen als gesellschaftliche machtdeterminierte Prozesse jedoch nicht unter diesem Kalkül vollzogen. Der zunehmende planerische Durchgriff auf den physischen Raum infolge der Modernisierung der Gesellschaft verschiebt die Handlungsebene verstärkt in Richtung der angeeigneten physischen Landschaft, deren Soll-Zustand via Eingriffe in den physischen Raum erreicht werden

Abbildung 15 Vergleich moderner und postmoderner Charakteristika des Städtischen (nach: Jencks 1977, Relph 1987, Dear/Flusty 2002b, Hall 2006, Wood 2003b, Wilson 2004, Hartz/Kühne 2007).

soll (vgl. auch Fischer 2001, Ipsen 2006). Von Bedeutung erscheint als Ergebnis die Fluktualität von Landschaft in doppeltem Sinne festzuhalten: Sowohl die gesellschaftliche Landschaft (und damit auch die individuell aktualisierte gesellschaftliche Landschaft) als auch der physische Raum und insbesondere der virtuelle Raum sind in hohem Maße variabel. Dadurch unterliegt die angeeignete physische Landschaft einem doppelten Veränderungspotenzial: einem gesellschaftlich-landschaftlichem und einem physischräumlichen.

Der Übergang von Moderne zu Postmoderne äußert sich auch in einem gewandelten Anspruch an Raum und Landschaft einerseits, aber auch in Veränderungen in dem ästhetischen Zugriff andererseits. Im Folgenden sollen nun idealtypische Inwertsetzungsformen von physischem Raum bzw. angeeigneter physischer Landschaft dargestellt werden (vgl. Kühne 2006a)[1]: Polyvalente Landschaften umfassen polyfunktionale Nutzungen, eine Fläche unterliegt mehreren gesellschaftlichen Nutzungen, polyvalente angeeignete physische Landschaften sind somit charakteristischerweise simultane Räume. Dabei lassen sich mindestens zwei Schichten ökonomischer, politischer, sozialgemeinschaftlicher und kulturell-treuhänderischer Inwertsetzung feststellen. Von einfacher Polyvalenz lässt sich sprechen, wenn ein Raum innerhalb eines gesellschaftlichen Teilsystems mehrfach valorisiert ist (beispielsweise ökonomisch durch Landwirtschaft und Energienutzung durch Windkrafträder; Thayer 1989). Von komplexer Polyvalenz lässt sich dann sprechen, wenn ein Raum Valenzen aus mindestens zwei gesellschaftlichen Teilsystemen aufweist (beispielsweise forstwirtschaftliche Nutzung und Erholung). Diese Fälle umfasst die Polyvalenz erster Ordnung. Die Polyvalenz von Raum muss sich dabei nicht auf den physischen Raum beschränken, vielmehr kann auch die mediale Inszenierung (z. B. durch Film, elektronische Medien) gesellschaftlich-landschaftliche Polyvalenz erzeugen: Treten Symbole hervor, überwältigen alles andere, lassen es dahinter zurücktreten (Bertels 1997: 69) entsteht eine Hyper-Polyvalenz, die im Folgenden als Polyvalenz zweiter Ordnung bezeichnet wird. Diese simulacrische Aufladung von Landschaften oder Landschaftselementen kann dabei als Beitrag der Wiederverzauberung der Welt gelten[2]. Monovalente Räume bzw. angeeignete physische Landschaften sind durch ihre Monofunktionalität charakterisiert. Da monovalente Räume und angeeignete physische Landschaften eindeutig einer gesellschaftlichen Nutzung zugewiesen sind, lassen sie sich in der Regel eindeutig voneinander abgrenzen. Ränder (im Sinne von Ipsen 2003)

[3] oder Säume (im Sinne von Ellin 2000) sind nur in Ausnahmefällen (z. B. bei sporadischer Nutzung im Übergang zur nonvalenten Landschaft) zu konstatieren. Nonvalente Räume stellen im Vergleich zu polyvalenten Landschaften zweiter Ordnung das andere Extrem der landschaftlichen Valenzskala dar, denn diese Räume sind gesellschaftssystemisch überflüssig. Vielfach werden nonvalente Räume nicht in ästhetisierender Zusammenschau betrachtet und da sie keine oder lediglich eine rudimentäre Aneignung erfahren, weisen sie in der Regel keinen Landschafts-, sondern lediglich Raumcharakter auf.

Das postmoderne Raumpastiche ist durch die hohe distanzbezogene und zeitliche Dynamik von nonvalenten, monovalenten und polyvalenten angeeigneten physischen Landschaften bzw. Räumen geprägt: Charakteristisch ist dabei die Perforierung monovalenter und polyvalenter Landschaften durch nonvalente Elemente einerseits und die hohe Flukualität andererseits, was heute noch polyvalent ist, kann morgen in die nutzungsspezifische wie symbolische Bedeutungslosigkeit verschwinden, was gestern nonvalent war, kann durch das Ästhetisierungspotenzial eines legitimen Geschmacks eine Polyvalenz zweiter Ordnung erhalten. Durch landschaftliche Kontingenz (ein Ort kann in sozialer Hinsicht alles Mögliche oder auch gar nichts bedeuten; Lossau 2009: 41) wird hier die Beschleunigung der global vernetzten Welt in einem Prozess der Rezyklierung und der Wertschätzung des (refl v überformten) Historischen erfahrbar, Kontexte werden gewandelt, Referenzen unterliegen einer Transformation (vgl. auch Daniels/Cosgrove 1988, Hayden 1997, Sherman 2009). Abbildung 16 zeigt einige Beispiele für Räume und angeeignete physische Landschaften und deren Dynamiken in der Postmoderne[4].

Abbildung 16 Die Dynamik von Räumen und angeeigneten physischen Landschaften, insbesondere in der Postmoderne (aus: Kühne 2006a).

  • [1] Die folgenden Ausführungen basieren im Wesentlichen auf den in Abschnitt 0 eingeführten Überlegungen zum ökologisch-topographischen, zum ökonomischen, zum sozial-gemeinschaftlichen und zum kultur-treuhänderischen physischen Raum.
  • [2] Dabei genügt eine schlichte ästhetische Betrachtung eines physischen Raumes nicht, um ihn als polyvalente angeeignete physische Landschaft zweiter Ordnung erscheinen zu lassen. Polyvalente angeeignete physische Landschaft und Räume erster wie zweiter Ordnung lassen sich gegeneinander in der Regel schwer scharf abgrenzen, strahlen auf umgebende angeeignete physische Landschaften und Räume aus, so dass sich polyvalente Landschaften durch Rand- und weniger durch Grenzbildungen (im Sinne von Ipsen 2003) voneinander abheben.
  • [3] Grenzen und Ränder lassen sich wie folgt voneinander unterscheiden (Ipsen 2003):

    1. Grenzen sind symbolisch bzw. materiell eindeutig, während Ränder mehrdeutig bleiben,

    2. Grenzen trennen klare sozialräumliche Einheiten, Ränder verbinden hingegen Einheiten, indem sie ausgewählte Teile in sich aufnehmen (wodurch Ränder zu simultanen Räumen werden),

    3. Grenzen sind linienhaft während Ränder fl hig, saumartig oder bandartig ausgeprägt sind,

    4. Ränder sind wenig reguliert, Grenzen hingegen von einem hohen kulturellen, sozialen oder materiellen Regulierungsgrad geprägt.

  • [4] Zwar sind polyvalente angeeignete physische Landschaft ein Charakteristikum des postmodernen Landschaftspastiches, doch sind sie nicht auf die Postmoderne beschränkt. Die Vormoderne mit ihrem teilweise mystischen Zugriff auf Raum, den physisch-räumlichen Manifestationen des Sozial-Gemeinschaftlichen und Kulturell-Treuhänderischen (wie beispielsweise Wegkreuze) produzierte ebenfalls Polyvalenzen, die allerdings die Moderne mit ihrem exklusivistischen Streben nach Reinheit und Eindeutigkeit (sie sich als Große Erzählungen des Modernismus begreifen lassen) zu beseitigen trachtete.
 
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