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3.8 Postmoderne Stadtlandschaft Bezüge zu Ästhetik und Kitsch

Steven C. Bourassa (1991: 10) bezeichnet es als wesentliche Behinderung der Entwicklung einer wissenschaftlichen Ästhetik der Landschaft, dass Philosophen dem Thema Landschaft als ein ästhetisches Objekt lediglich eine geringe Aufmerksamkeit gewidmet haben. Die lange Zeit bis in die Gegenwart vorherrschende (bisweilen exklusivistische) Konzentration der philosophischen Ästhetik auf das Thema Kunst (beispielsweise bei Stolnitz 1960, Sheppard 1987, Liessmann 2002) ließ die Zahl der Anknüpfungspunkte zum Thema Landschaft infolge einerseits der starken Verhaftung im Natürlichen zahlreicher Objekte, andererseits in der geringen Willentlichkeit ästhetischer Bezüge in der physischen Manifestation sozialen Handelns als eine Grundlage der angeeigneten physischen Landschaft schrumpfen[1].

3.8.1 Fokusverschiebungen postmoderner Landschaftsästhetiken

Für die Entwicklung einer postmodernen Ästhetik ist die Aufhebung der Dichotomie von Trivial- und Hochkultur konstitutiv. In räumlichen Kontext vollzieht sich damit eine Fokusverschiebung von first- und secondspace zu thirdspace (Soja 1996 und 2003). In der Stadt- und Raumtheorie von Edward Soja (1996 und 2003) umfassen die Epistemologien des firstspace die materiellen Manifestationen sozialen Handelns. Dabei wird die Aneignung der Erde, ebenso wie die Verhältnisse zwischen Natur und Kultur, Architektur als eine naive Akkumulation von räumlichen Elementen rekonstruiert (Soja 1996, 2003 und 2008). Die Epistemologien des firstspace privilegieren also Objektivität und Materialität und haben eine formale Raumwissenschaft zum Ziel (Soja 1996: 75). In dem vorgeschlagenen Landschaftskonzept lassen sich die Gegenstände der Epistemologien des firstspace insbesondere dem physischen Raum in seinen kultürlich manifestierten Objekten zuordnen. Dabei umfasst der Begriff des firstspace auch nicht primär landschaftlich ästhetisch konstruierte Teilbereiche von Raum (wie Wirtschaftsstruktur und die Art von Beschäftigung, deren physisch manifeste Nebenfolgen wiederum für die Konstruktion von Landschaft relevante Aspekte bieten können).

Die Epistemologien des secondspace befassen sich mit den physischen Strukturen zugrunde liegenden Raumvorstellungen als Ausdruck bestehender und historischer Machtverhältnisse, die sich in besonderer Weise normativen ästhetischen Vorstellungen von Eliten (insbesondere Politikern, Investoren, Architekten und Planern) äußern (Soja 1996 und 2003, Kühne 2008a, vgl. auch Zellman/Friedland 2001, Fröhlich 2003). In Bezug auf Landschaft sind diese Epistemologien in der gesellschaftlichen Landschaft und der individuell aktualisierten gesellschaftlichen Landschaft zu suchen, als für die soziale und individuelle Konstruktion von Landschaft relevante Vorstellungen von Raum.

Thirdspace ist darüber hinaus eine gelebte Kombination von Raumbildern und sozial produzierter Räumlichkeit (Fröhlich 2003: 109), er besteht aus materiellen Gegenständen, die aber alle auch in der Wahrnehmungswelt des Menschen liegen und sozial bedeutungsvoll sind (Hard 2008: 295). Thirdspace stellt für Soja (1996: 81) eine

behutsame Dekonstruktion und heuristische Rekonstruktion des Dualismus der Firstspace-secondspace-Dualität dar. Damit wird eine Annäherung an die rekursiven Verbindungen von physischem Raum, Identitätskonstruktion, Bevölkerungsentwicklung undphysischen Manifestensozialer Entwicklung unter der Perspektive des gelebten Raumes möglich. Damit umfassen Thirdspace-Epistemologien die Verbindungen zwischen physischem Raum, gesellschaftlicher, individuell aktualisierter sowie angeeigneter physischer Landschaft. Infolge der intensiven Verknüpfung (im Sinne einer symbolischen Besetzung und Produktion) von physischen Elementen und sozialen sowie individuell aktualisierten Vorstellungen von Landschaft ist insbesondere die angeeignete physische Landschaft für die Thirdspace-Epistemologien von Bedeutung.

  • [1] Diese Lücke wird ansatzweise von einer durch die Ökologiebewegung erneut in den Blickpunkt des philosophischen Interesses gerückte Naturästhetik (wie bei Hepburn 1968, Rose 1976, Böhme 1989, Seel 1996) geschlossen, wobei auch hier der Nebenfolgencharakter der physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Landschaft nur grob reflektiert wird (Carlson 1979).
 
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