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3.7 Durchmachtete Verhältnisse: Raum, Landschaft und Stadt einige Grundüberlegungen

Die Elemente des physischen Raumes sind die physisch-räumlich manifestierten Folgen und Nebenfolgen gesellschaftlichen, machtvermittelten Handelns, wodurch sich eine soziale Ordnung durch die Verteilung von Körpern im Raum repräsentiert (Neckel 2009: 52; siehe auch Peil 2007, Kühne 2008a). Angeeignete physische Landschaft entsteht durch das Diktat des ökonomisch geboten Erscheinenden, modifiziert durch sozialgemeinschaftlich durchgesetzte (vielfach ästhetische) Normen und Werte, in den Grenzen der politisch-administrativen Durchsetzungsmacht, manifestiert im rechtlich Gestatteten und Verbotenen unter der ästhetisierenden Konstruktion des Bewusstseins auf Basis gesellschaftlicher Normensysteme, operationalisiert durch die Durchsetzung von Deutungs-, Interpretations- und Bewertungsmustern (vgl. auch Cosgrove 1988a, Pickles 2002, zuerst 1995, Gold/Revill 2003, Helbrecht 2003, Olwig 2007, 2009a und 2009b, Peil 2007, Kühne 2008a, Martin/Scherr 2009, Sherman 2009). Angeeignete physische Landschaft ist also in doppelter Weise machtdeterminiert: auf der Seite ihrer physischen Strukturen und auf der Seite der gesellschaftlichen Deutung.

Das Thema Macht ist im Diskurs um die Postmoderne ein zentrales. Bereits weiter vorne wurde der Netzwerkcharakter von Macht dargestellt. Im Folgenden sollen allerdings die Überlegungen auf die Themen Raum, Landschaft und Stadt fokussiert werden. Dabei ist die Anthropogenese von Macht auch für ihre räumlichen Bezüge von zentraler Bedeutung (Popitz 1992: 12; vgl. auch Olwig 1996a, Mitchell 2000, Setten 2005): Machtordnungen sind nicht gottgegeben, sie sind nicht durch Mythen gebunden, nicht naturnotwendig, nicht durch unantastbare Traditionen geheiligt. Sie sind Menschenwerk.[1] Macht bedeutet also, den Gegner direkt oder indirekt dazu zu zwingen, von seiner eigenen Zielsetzung abzulassen (Foucault 1983). Heinrich Popitz (1992) unterscheidet vier Machttypen, die sich in unterschiedlicher Weise räumlich manifestieren können (vgl. Kühne 2008a):

1. Die Aktionsmacht als Macht, andere Menschen zu verletzten, basiert auf der Verletzbarkeit des menschlichen Körpers. Aktionsmacht ermöglicht den Entzug von Subsistenzmitteln und sozialen Teilhabechancen. Das typische Machtverhältnis der Aktionsmacht ist die pure Gewalt, die wiederum Grund für die Angst vor physischer Verletzung ist (Krohne/Hock 2007). Räumlich manifest wird die Aktionsmacht in vielerlei Hinsicht: Potentiell und seltener aktualisiert wirkt sie durch das Gewaltmonopol des Staates, wobei die potenzielle Aktionsmacht häufig durch die Anwesenheit von Polizei symbolisiert wird, potenziell und aktualisiert wirkt sie auch im Zusammenhang mit der Errichtung und Durchsetzung von Territorien unterschiedlicher symbolischer Markierung durch nicht staatlich legitimierte Gruppen der Partialinteressensdurchsetzung (wie Gangs).

2. Die instrumentelle Macht basiert als Unterwerfungsmacht auf der Verfügung über Bestrafungen und Belohnungen, aber auch dem Entzug oder dem Gewähren von Gratifikationen. Ihr typisches Machtverhältnis ist die Erzeugung von Konformität mittels Angst und Hoffnung. In räumlicher Hinsicht äußert sich die instrumentelle Macht in dem Befolgen von raumbezogenen Normen, Werten und Rollenerwartungen, einerlei ob rechtlich codiert und durch Rechtvollzug implementiert (Martin/ Scherr 2009) oder durch Tradition eingelebt. Die Einhaltung von Baurecht oder des Verkehrsrechts gehört ebenso dazu wie die Teilnahme an freiwilligen Programmen des Verzichts auf das private Kraftfahrzeug.

3. Die autoritative Macht steuert das Verhalten und die Einstellung anderer Personen, indem sie eine einwilligende Folgebereitschaft erzeugt. Sie ist verinnerlicht und somit in der Regel unbewusst. Ihr typisches Machtverhältnis ist die fraglose und unreflektierte Autorität. Räumlich manifestiert sich die autoritative Macht in der unhinterfragten Akzeptanz des physischen Raumes und seiner sozialen Bezüge, aber auch des sozialen Raumes (vgl. Hunter 1999). Konkret kann sich dies in kleinräumigem Maßstab in der Akzeptanz der Verweigerung von Zutrittsrechten (in Shopping Malls oder in Gated Communities), in großräumigem Maßstab in der fraglosen Akzeptanz größerer Rechte für die Bürger eines Nationalstaates gegenüber Bürgern eines anderen Nationalstaats (bzw. Staatenlosen) äußern (vgl. Goss 1993, Blakely/Snyder 1997, Phillips 2000, Glasze 2001, Helten 2007).

4. Die Daten setzende Macht ist die Objekt vermittelnde Macht technischen Handelns, die sich aus der Schaffung von technischen Artefakten und der daraus erwachsenden Möglichkeit, das Handeln anderer zu strukturieren, ergibt. Das aus der Daten setzenden Macht erwachsende typische Machtverhältnis ist die technische Dominanz, die ähnlich der autoritativen Macht als unhinterfragtes Faktum gilt. Im räumlichen Kontext äußert sich die Daten setzende Macht in allen technischen Raummodifikationen: Gebäude, Verkehrswege, landwirtschaftliche Flächen u. a.

Im Zuge der Entwicklung der Gesellschaft von der vormodernen über die moderne hin zur postmodernen Gesellschaft verschiebt sich dabei die Anwendung der unterschiedlichen Machttypen. Mit einer Verringerung der Bedeutung der Aktionsmacht und der instrumentellen Macht geht ein Bedeutungsgewinn der autoritativen und im Zuge der gesellschaftlichen Technisierung der Daten setzenden Macht einher, einer Umwandlung von Außenin Innenzwänge (Foucault 1977, Elias 1992, Bourdieu 2000a).

Macht wirkt stets als Kontingenzvernichtung. Aufgrund des Einflusses von Macht werden bestimmte Handlungen bzw. ein bestimmtes Verhalten erzwungen, andere Handlungsbzw. andere Verhaltensoptionen werden nicht weiterverfolgt. Insbesondere bei der autoritativen aber auch der Daten setzenden Macht sind Handlungs- und Deutungsmuster derart inkorporiert (Cosgrove 1988a, Schein 2003, Kühne 2008a), dass sie unbewusst sind, und Handlungs- und Deutungsalternativen nicht bewusst werden. Insofern erscheint es für die dauerhafte und effiziente Erhaltung von Macht rational, auf Macht infolge der Offensichtlichkeit selten und nur in Ausnahmefällen in Form der Aktionsmacht zurückzugreifen, den Einsatz instrumenteller Macht insbesondere in Bezug auf konkrete Steuerungen einzusetzen (da auch hier das Kalkül in hohem Maße deutlich wird), und statt dessen auf die Wirkmechanismen der autoritativen und der Daten setzenden Macht zu vertrauen. Die Anwendung insbesondere der autoritativen Macht setzt die Verfügung über die Institutionen der systematischen Inkorporierung von Werten, Normen und Rollenerwartungen voraus, schließlich kann Althusser (1977: 122) zufolge keine herrschende Klasse dauerhaft die Staatsmacht innehaben, ohne gleichzeitig ihre Hegemonie über und in den ideologischen Staatsapparaten auszuüben. Dabei werden die den aktuellen Bedürfnissen der herrschenden Klasse entsprechenden Konzeptionen des physischen Raumes bzw. der angeeigneten physischen Landschaft Mindermächtigen (Paris 2005) oktroyiert, Bedürfnisse an den Raum (z. B. die Art eines anzustrebenden Wohnens) erzeugt, Raumsymbole der Chancenungleichheit vermittelt und ihre Akzeptanz geschaffen (vgl. Cosgrove 1993, Higley 1995, Hugill 1995, Hayden 1997, Duncan 1999, Mitchell 2000, Duncan/Duncan 2004, Kühne 2008a). Eine Perpetuierung bekannter Deutungsschemata von Raum im Allgemeinen und Landschaft im Besonderen mit ihren inhärenten Machtmechanismen bedeutet also letztlich eine Verdauerung von Chancenungleichheit (vgl. Cosgrove 1985, 1988a und 1988b, Kühne 2011).

Das Projekt der Moderne der Zurückdrängung des Emotionalen und der Rationalisierung der Weltsicht äußerte sich auch in dem Umgang mit Landschaft: Die emotionale, sozial vermittelte Verbindung des Individuums mit angeeigneter physischer Landschaft als Heimat wurde mittels expertenhafter Landschaftsdefinitionshoheit kognitiv entwertet[2].

  • [1] Klassisch ist die Defi tion vom Max Weber (1976: 28, zuerst 1922): Macht bedeutet für ihn, jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichwohl worauf diese Chance beruht.
  • [2] So wurde beispielsweise der emotionale Heimatschutzgedanke im Natur- und Landschaftsschutz durch einen rationalen (bzw. rational erscheinenden) Arten- und Ökosystemschutzgedanken ersetzt. Die postmoderne Toleranzästhetik ermöglicht nun wiederum eine (sozial akzeptierte) Wiederhinwendung zur emotionalen Bezugnahme zu als Landschaft synthetisierten Objekten (Johler 2001, Körner 2006a und 2006b).
 
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