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3.6 Die Entstehung gesellschaftlicher und individuell aktualisierter gesellschaftlicher Landschaft sozialisatorische Aspekte

Wird Landschaft zunächst nicht als physische Gegebenheit, sondern als soziales oder individuell aktualisiertes soziales Konstrukt verstanden, erhält das Lernen dessen, was Alter (ungefähr) meint, wenn Ego von und über Landschaft spricht, eine konstitutive Bedeutung.

Aufgrund seiner Instinktarmut und des geringen Maßes angeborener Verhaltensschemata und der daraus resultierenden Weltoffenheit (Gehlen 1956, Plessner 1924) ist der Mensch auf eine Entwicklung von Erleben, Denken und Handeln in sozialen Lernprozessen angewiesen. In solchen Lernprozessen wird der Mensch in das soziale Handeln eingeführt. Die Sozialisierung hat Fend (1981) zufolge die doppelte Funktion der Reproduktion der Gesellschaft (durch Reproduktion von Rollen, Werten und Normen) und der Herstellung der Handlungsfähigkeit des Subjekts in der Gesellschaft[1]. Sozialisation bedeutet eine sinnorientierte Interaktion des Individuums mit einer alltäglichen und somit räumlich konstruierten Umwelt, die durch andere Personen mithilfe bestimmter materieller bzw. kultureller Gegenstände strukturiert ist (vgl. Geulen 1991 und 2005; Abbildung 13). Sozialisierung zielt so Bauman (2009a: 179) darauf ab, ein aus Entscheidungen bestehendes Handlungsumfeld zu schaffen, das diskur-

Abbildung 13 Komponenten und Ebenen eines strukturellen Modells der Sozialisationsbedingungen. Die durchgezogenen Pfeile bezeichnen einen starken, die gerissenen Pfeile einen schwachen Einfluss (verändert nach Geulen/Hurrelmann 1980, aus: Kühne 2009e).

siv eingelöst werden kann, was letztlich der rationalen Kalkulation von Gewinn und Verlust gleichkommt. Sozialisation stellt entgegen früherer Vorstellungen (z. B. bei Berger/Luckmann 1970) keinen abgeschlossenen Prozess dar, sondern ist ein das gesamte Leben andauernder Prozess[2]. Sozialisation bedeutet stets auch eine Anpassung an die Hierarchie und Widerstand in der Hierarchie wie auch die List in der Hierarchie zu leben und in der Hierarchie Gewinnseiten für sich zu suchen (Prengel 1994: 64). Wesentlich ist dabei einerseits die individuelle Vorerfahrung sozialer Ungleichheit, die unterschiedliche Interpretationen sozialer und materieller Umwelt impliziert (Mansel/ Hurrelmann 2003), andererseits aber auch die Kenntnisse über die relationale (An)Ordnung von sozialen Gütern und Lebewesen, welche soziale Symbolik aufweisen, indem sie beispielsweise Orte mit besonderen nach Sozialstatus, Geschlecht oder Ethnie differenzierten Betretungs- und Aufenthaltsnormen darstellen (Sewell 2003; vgl. auch Tuan 1977, Kühne 2009e).

Der Prozess der Sozialisation umfasst auch das Erlernen des Codes der Landschaft, wie Burckhardt (1977: 20; siehe auch Worster 1992, Carlson 2005, Kühne 2009e) darlegt: Der Naive kann die Landschaft nicht sehen, denn er hat ihre Sprache nicht gelernt. Diese Sprache wird von signifikanten Anderen zumeist durch direkte Konfrontation mit den als Landschaft bezeichneten Gegenständen vermittelt. Nohl (2004: 39) charakterisiert die Landschaft der frühesten Erinnerung als wesentliches Element der Normallandschaft (also einer nicht hinterfragten und als normal gegeben angenommenen angeeigneten physischen Landschaft; vgl. Lewis 1979, Kühne 2008a), als zumeist

kein[en] landschaftlich spektakuläre[n] Ort. Sie liegt vielmehr im alltäglichen Wohnumfeld der Gärten, der Höfe, der wohnungsnahen Grünflächen und der hausnahen Landschaften. Dies hat zur Folge, dass zunächst einmal angeeignete physische Landschaften als schön (bzw. normal) konstruiert werden, deren symbolische Deutung alltagsweltlich vermittelt wird. Dabei handelt es sichum angeeignete physische Landschaften im Umfeld des Wohnstandortes (Tuan 1979, Rowntree 1981, Hayden 1995, Palmer 1999, Kühne 2008a)[3]. Die Sprache der Landschaft wird in der Kindheit bis in die Jugend hinein primär auf Zuschreibungen von Schönheit, aber auch der Angst, durch signifikante Andere (z. B. Eltern) gegründet. Yi-Fu Tuan (1979) verweist in seiner Studie Landscapes of Fear auf die besondere Bedeutung von Märchen bei der Sozialisation landschaftsbezogener Angstdeutungen von Natur (d. h. von Residuen und deren Rationalisierung durch Derivationen). Insbesondere in der Schule, aber auch durch Sachbücher, werden ästhetische Zuschreibungsmuster als stereotype Landschaftskonstrukte durch fachspezifische, auch geographische Landschaftsinterpretationsmuster ergänzt (vgl. Costonis 1982, Kühne 2006a und 2008a). Der sozial vermittelte, individuelle Aneignungsprozess von Landschaft beinhaltet die (in der Regel vielfach stereotypen) milieuspezifischen Interpretations- und Zuschreibungsmuster von Landschaft. Allgemein nimmt von der Kindheit zur Jugend die Präferenz für höherkomplexe angeeignete physische Landschaften zu (Dutton 2010, Synek/Grammer o. J.).

Die Verbindung zwischen Habitus und Raum (auch in seinen ästhetischen Deutungsanschlüssen) ist dabei eine nahezu symbiotische: Es ist der Habitus, der das Habitat macht (Bourdieu 1991: 32; vgl. auch Bender 1993, Sparn 1998). Der Habitus bildet bestimmte Präferenzen für einen mehr oder minder adäquaten Gebrauch des Habitats (Bourdieu 1991: 32) aus (vgl. auch Löw 2001, Funken/Löw 2002). Solche Präferenzen im Umgang mit Raum drücken sich (nicht zuletzt) in dem Modus des ästhetischen Zugangs zu Landschaft aus. Damit verweisen sie wiederum auf die Klassenzugehörigkeit des Betrachters bzw. der Betrachterin (eine genauere Betrachtung dieses Zusammenhangs erfolgt in Abschnitt 3.8).

Während die (stereotypen) Zuschreibungen von landschaftlicher Wertung als primäre Landschaft sozialisation als Teil eines alltagsweltlich verfügbaren gesellschaft lichen Wissensvorrates (Berger/Luckmann 1970; vgl. auch Costonis 1982, Carlson 2005) aufgefasst werden können, sind die durch Fachstudien erworbenen unterschiedlichen Interpretations- und Zuschreibungsmuster der Landschaftsexperten mehr oder minder exklusiv. Angeeignete physische Landschaft als Text kognitiv zu decodieren d. h. in der Tradition J. B. Jacksons Landschaft zu lesen (Lewis 2003a; vgl. auch Daniels/Cosgrove 1988, Duncan 1990, Savage/Warde 1993, Hugill 1995, Phillips 1998, Spirn 1998, Potteiger/ Purinton2002, Gerhard/Warnke 2004, Kühne 2006a, Franke 2008, Foxley 2010, Meier/ Bucher/Hagenbuch2010) stellt eine Fertigkeit dar, die vorwiegend von Landschaftsexperten thematisiert wird[4]. Bei Landschaftslaien dominiert der Zugang des Landschaften Erlebens bzw. des intuitiven Deutens. Im Sinne von Pareto (2006, zuerst 1916) lässt sich der Rationalisierungsprozess der expertenhaften Landschaftssozialisation als ein Bemühen deuten, (in zumeist objektivistischer Denktradition) das Residuen-basierte

nicht-logische landschaftsbezogene Handeln durch ein logisches Handeln auf Grundlage empirischer Welterfassung und -klassifikation zu ersetzen[5].

Das Landschaftsbewusstsein von Experten lässt sich gemäß den Ergebnissen des qualitativen Studienteils von Kühne (2006a) jedoch als hochgradig selektiv charakterisieren: Bis auf wenige Ausnahmen dominieren bei Experten die kognitive Dimension, die (manifest) ästhetische und die emotionale Dimension[6]. Die Selektivität solcher ausbildungsspezifischer Kognitionsfilter bei Landschaftsexperten lässt bisweilen eine sehr kleine Schnittmenge der fachspezifischen Landschaftskonstrukte zu und erstreckt sich vielfach darin, dass Landschaft in räumlicher Dimension zu denken sei. Aufgrund der Exklusivität eignen sich fachspezifische Landschaftsdeutungen als Funktionen sozialer Distinktion zwischen den Fachvertretern, aber auch zwischen Experten und Laien, indem Experten beispielsweise in Planungsprozessen einerseits ihre institutionell gesicherte Landschaftsdefinitionsmacht zur Anwendung bringen (vgl. Kaplan 1973, Buhyoff et al. 1978, Kaplan/Kaplan 1982 und 1989, Bourassa 1991, Hugill 1995, Weingart 2003, Holand 2005, Kühne 2006b und 2008, Olwig 2009b), andererseits ihre Landschaftsinterpretationen Laien unbewusst zuschreiben (Buhyoff et al. 1978). Die Landschaftsdefinitionsmacht ermöglicht prinzipiell, den kapitalistischen Modus der Landverwertung (im physischen Raum) und dessen Ästhetisierung (als Bildung gesellschaftlicher Landschaft) reflexiv zu durchbrechen, wie Bourassa (1991) feststellt.

Expertentum und Laientum stellen hier im Kontext von Landschaft die unterschiedlichen Extrema eines Kontinuums dar (vgl. Abschnitt 3.5.2 und Abbildung 14). Infolge der Bildungsexpansion und einer zunehmenden Verfügbarkeit von Informationen nimmt die Bedeutung der Übergangsbereiche zu (ein Beispiel hierfür mag der informierte Zeitungsleser sein; Abbildung 14; vgl. Kühne 2006a). Eine völlige Aufoder Ablösung von Laien- und Expertenhaftigkeit bedeutet dies jedoch nicht (Weingart 2003), da insbesondere das institutionalisierte kulturelle Kapital (z. B. Abschlusszeugnisse von Hochschulen; vgl. Bourdieu 1985 und 1987) einen legitimen Anspruch auf Deutungshoheit darstellt (Bauman 1973)[7]. Neben fachspezifischen Differenzen in den landschaftsbezogenen Disziplinen (z. B. Landschaftsplanern, Architekten, Landschaftsarchitekten, Stadtplanern u. a.; vgl. auch Schein 2003) unterliegen auch die Interpretations- und Zuschreibungsmuster der Landschaftsexperten zeitlichen Veränderungen. So bedeutete die funktionalistische Moderne in der Architektur eine Reduzierung des Baus auf geforderte Zwecke (Jacobs 1961, Burckhardt 1968; in Bezug auf die funktionalistische land-

Abbildung 14 Übergänge zwischen laienhaftem sowie naturwissenschaftlich- und geisteswissenschaftlich (idealtypisierten) expertenhaftem Zugriff auf das Themenfeld Landschaft.

schaftsarchitektonische Gestaltung siehe Imbert 2007)[8], in der Raumordnung die räumliche Trennung der Daseinsgrundfunktionen (Partzsch 1964, vgl. Kühne 2006a). Die sich daraus ergebende mangelnde gesellschaftliche Durchsetzbarkeit funktionalistischer Soll-Vorstellungen an Architektur, Stadt- und Raumordnung äußertsich in zunehmender Funktionsdurchmischung und Polyvalenz von Landschaften (auch städtischen; vgl. Soja 2000, Dear 2005a, Kühne 2006a, Imbert 2007)[9]. Die Gegenwart ist nicht von einem hegemonial wirkenden Paradigma zum Umgang mit Landschaft bestimmt, vielmehr lassen sich vier konkurrierende landschaftliche Paradigmen ausmachen, von denen drei an den physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Landschaft in dem Bewusstsein ansetzten, dass die ästhetische Erscheinungsform der Dinge [] das gesellschaftliche Leben [beeinflusst] (Helbrecht 2003: 163), eines das gestützt auf die scheinbare Gewissheit, die Krönung eines jahrhunderte-, ja jahrtausendelangen Bemühens umdie gleichen Gegenstände (Hard 1973: 14) darzustellen das Zielhat, die Deutungsgehalte der gesellschaftlichen Landschaft direkt zu verändern (Kühne 2006a und 2008a; vgl. auch Groth/Wilson 2003).

1. Das Paradigma der Erhaltung und Wiederherstellung von angeeigneter physischer Landschaft in Anlehnung an einen normativ definierten Idealzustand wird in normativer Konstruktion der historischen Kulturlandschaft entwickelt.[10].

2. Das Paradigma der sukzessionistischen Entwicklung von physischer Landschaft betont den (normativ interpretierten) passiven Charakter der Strukturierung von angeeigneter physischer Landschaft als Nebenfolge ökologischer bzw. gesellschaftlicher Entwicklungen[11].

3. Das Paradigma der reflexiven Gestaltung angeeigneter physischer Landschaft ist auf das Ziel ausgerichtet, physische Landschaft bewusst zu gestalten. Diese bewusste Gestaltung kann auch das Ziel haben, einen als historisch konstruierten Zustand (wieder-)herzustellen[12].

4. Das Paradigma der Umdeutung der gesellschaftlichen Landschaft verfolgt das Ziel, möglichst ohne Eingriffe in die angeeignete physische Landschaft, die in der gesellschaftlichen Landschaft vorhandenen Deutungs- und insbesondere Bewertungsschemata insbesondere hinsichtlich eines toleranteren Umgangs mit Landschaft zu verändern.

Diese Paradigmen wirken in der Praxis nicht prinzipiell um scharf gegeneinander abgegrenzte, sich gegenseitig ausschließende Weltanschauungen, sondern um bisweilen latent wirkende, bisweilen manifest wirkende prinzipielle Leitvorstellungen zum Umgang mit Landschaft. Das macht ihren residualen Charakter bereits deutlich: Insbesondere Residuen der Klasse I (Instinkt der Kombinationen) und der Klasse II (Persistenz der Beziehungen eines Menschen mit anderen und mit Orten) lassen sich hier als derivationsleitend identifizieren. Der Wunsch, Dinge zu kombinieren (Zusammengehörigkeiten in essentialistischer Denkweise zu definieren) wird mit dem Instinkt verknüpft, Orte und Dinge als Eigentum zu betrachten (das bedeutet, über ihre Verfügbarkeit zu entscheiden). Verteidigt werden eigene Ansprüche durch Rückgriff auf die Residuen der Klasse IV (Soziabilität), indem Diskursgemeinschaften gebildet werden, und der Klasse V (Unverletztheit (intégrité) des Einzelnen und der Seinen), indem die Überlegenheit des eigenen Diskurses (Paradigma) gegen alternative Weltdeutungen verteidigt wird (siehe auch Setten 2005). Als Derivationen wirken im Fall der Paradigmen der Erhaltung und Wiederherstellung von angeeigneter physischer Landschaft neben einer residualen Heimatverbundenheit die Biodiversität (konzipiert als ökologische Nachhaltigkeit), im Fall des Paradigmas der sukzessionistischen Entwicklung die Entwicklung von Ökosystemen in Annäherung an die heutige potenziell natürliche Vegetation (konzipiert als ökologische Nachhaltigkeit im Sinne von Stabilität und als soziale und ökonomische Nachhaltigkeit im Sinne des Verzichts auf Subventionen), im Falle des Paradigmas der reflexiven Gestaltung angeeigneter physischer Landschaft und der Umdeutung der sozialen Bewertung die Anpassung der sozialen Raum- und Landschaftsansprüche an die sozialen Entwicklungen und ihre räumlichen und landschaftlichen Folgen und Nebenfolgen (argumentiert im Sinne ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit durch weitgehenden Verzicht auf Subventionen und damit als intergenerationelle Chancengerechtigkeit).

Die Paradigmen sind dabei nicht auf Experten beschränkt, sondern finden sich auch

durch Bildungsprozesse inkorporiert in den landschaftsbezogenen Orientierungen von Laien und werden von diesen in Beteiligungsprozessen geäußert, wenn auch zumeist mit weniger Nachdruck (Schein 2003, Kühne 2008a, Tessin 2008)[13]. Trotz der in der Praxis durchaus in Kombination auftretenden Paradigmen des künftigen Umgangs mit Landschaft werden die einzelnen Positionen durchaus im fachlichen und öffentlichen Diskurs stark exklusivistisch vertreten. Insbesondere die Vertreter der Paradigmen der Erhaltung und Wiederherstellung von physischer Landschaft, aber auch der sukzessionistischen Entwicklung von physischer Landschaft vertreten ihr Paradigma in vielfach ausschließender, landschaftliche Kontingenzen ablehnender, also modernistischer Weise (Weber 2007, Kühne 2008)[14]; im Sinne von Potteiger/Purinton (2002) ließen sie sich in dieser Konzeption als geschlossene Narrative bezeichnen. Dabei sind in den Paradigmen des Umgangs mit Landschaft ästhetische, analytische und normative Komponenten amalgamiert, schließlich leben viele Landschaft experten, wenn sie sich ihrem Gegenstand, der geographischen Landschaft [nähern], zumindest im Geiste noch immer in Arkadien (Hard 1983: 187; vgl. hierzu auch Henderson 2003). Diese Sehnsucht nach Arkadien als sentimentalistische Verklärung einer Harmonie von Kultur und Natur mit unvertretbarer Übergewichtung des sinnlichen Elements (Gethmann-Siefert 1995: 181) wurde bereits von Friedrich Schiller kritisiert. Schiller definierte als Gegenentwurf die elysische Idylle mit dem Versuch, die Inhalte der griechischen Dichtung für die Moderne unter Bedingungen ihrer Humanitätsforderung und Vernunftorientiertheit wieder zu beleben (Gethmann-Siefert 1995: 181, vgl. auch Kaiser 1976).

  • [1] Die Selbstprogrammierung (Mead 1968: 280) des menschlichen Bewusstseins impliziert die Prozesse der Aneignung und Verinnerlichung der gesellschaftlich vorgefundenen Werte und Normen, Gewohnheiten und Handlungsmuster (vgl. auch Durkheim 1984, zuerst 1912). Dabei ist die bzw. der sich Sozialisierende nicht einseitig Opfer der Verhältnisse (Nissen 1998: 12), Sozialisation lässt sich vielmehr als der Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt (Geulen/Hurrelmann 1980: 51) beschreiben.
  • [2] Die Vorstellung, das Erwachsenenalter bilde einen relativ stabilen Reifezustand, entspricht nicht mehr den heutigen, von räumlicher und sozialer Flexibilität, lebenslangem Lernen und der Auflösung von Normalbiographien bestimmten Lebensbedingungen. Der Mensch der Gegenwart sieht sich in allen Lebensabschnitten mit spezifischen Entwicklungsaufgaben konfrontiert (Elder 2000), um alltagstaugliche Handlungsroutinen zu entwickeln und sozial akzeptiert zur Anwendung zu bringen. Dabei erlangen im höheren Lebensalter individuelle Vorerfahrungen eine größere Bedeutung (Hurrelmann 2006).
  • [3] So haben Buhyoff et al. (1983: 188) in einer international vergleichenden empirischen Studie hinsichtlich der Präferenzen angeeigneter physischer Landschaft festgestellt: Dänen und Niederländer bevorzugen fl und offene Landschaften, während Amerikaner und Schweden eine höhere Wertschätzung gegenüber bewaldeten und gebirgigen Szenerien ausweisen, woraus sie schließen, dass diese Neigungen hinsichtlich der bevorzugten Landschaft das Ergebnis von kulturellen oder familiären Einflüssen mit Funktionen der eigenen Umwelten ist (Buhyoff et al. 1983: 189).
  • [4] Kathryn Phillips (1998) beschreibt es als wesentliches Anliegen von Landschaftsarchitekten, dass Menschen (auch) in designten Landschaften eine Logik erkennen und Landschaft also lesen könnten.
  • [5] Der residuale Kern der expertenhaften Landschaft onstruktion wird an späterer Stelle behandelt.
  • [6] Die Dominanz des Kognitiven ist dann am deutlichsten, wenn Landschaft auf Grundlage der spezifi schen Ausbildungskenntnisse interpretiert wird: Ein Agrarwissenschaftler konstruiert Landschaft in Form wechselnder agrarischer Strukturen, ein Biologe in Form von Ökosystemen, ein Literaturwissenschaft in Form dichterischer Interpretationen, ein Architekt hinsichtlich gebauter Strukturen (vgl. Kaplan 1973, Kaplan/Kaplan 1982, Kaplan/Kaplan/Ryan 1998, Corner 2002, zuerst 1992, Carlson 2005).
  • [7] Dies legt auch die neurokognitive Studie Solsos (2000) nahe, in der er mithilfe der funktionellen Kernspinresonanztomographie die Hirnaktivitäten von Experten und Nicht-Experten bei der Erstellung von Portraits untersuchte. Dabei wurden bei Laien höhere Aktivitäten des rechten hinteren Partiallappens (in dem geometrische Formen wahrgenommen und verarbeitet werden) festgestellt als bei untersuchten Experten. Der Experte ist also in der Lage, seine Aufmerksamkeit auf tiefer gehende Formen und Kognitionen (Solso 2005: 173) zu lenken, als dies bei Laien der Fall ist. Bei Landschaft experten zeigt sich diese Fokussierung, indem aus fachspezifi cher Sicht bestimmte Objekte einer physischen Landschaft selektiert und in dem Kontext fachlichen Wissens beurteilt werden.
  • [8] Diese Reduzierung auf die geforderten Zwecke machten sich Architekten und Städtebauer sowohl unter dem Einfluss des kapitalistischen wie auch des sozialistischen Gesellschaftssystems zu eigen. Beide hielten sich (und halten sich bisweilen noch heute) für rational. Diese Rationalität müsse sich entsprechend in den physischen Manifestationen wie Gebäuden wiederfi Lothar Kühne (1985: 178179) beschreibt die Aufgabe des Funktionalismus im sozialistischen Gesellschaftssystem: Funktionalismus ist [] Vorgriff kommunistischer Verwirklichung und schließlich die Bezeugung ihres realen Willens. Folglich tolerierter postmodernistische Architektur, die zwar ein verkehrtes Krisenbewusstsein (Kühne 1985: 189) habe, aber weit davon entfernt [sei], es zu aktivieren (Kühne 1985: 189). Die mit dem Funktionalismus verbundenen Soll-Vorstellungen werden infolge eines von weiten Teilen der öffentlichen Meinung formulierten ästhetischen Unbehagens und der ökologischen Nebenfolgen gegenwärtig nur noch in Ausnahmefällen artikuliert.
  • [9] Auch im Naturschutz lassen sich paradigmatische Wechsel und damit wechselnde Begründungsmuster finden. Der frühe Naturschutz setzte sich gegen die universelle Industrie und gegen den Gleichheitsgedanken der Demokratie (Körner 2006a: 6) und für die Vorstellungen von Einheit von Kultur und Natur ein (vgl. auch Trepl 1994). Diese Vorstellung eines heimatschützerischen Ansatzes wurde durch seine Pervertierung im Dritten Reich desavouiert. Die daraus folgende Vernaturwissenschaftlichung des Naturschutzes wurde erst in jüngster Zeit wieder durch Einbeziehung heimatlicher Bindungen geöffnet (vgl. z. B. Körner 2005, Piechocki 2006, Blackbourn 2007).
  • [10] Die schützenswerte Landschaft dieses Leitbildes ist dabei die konkrete Verkörperung einer ästhetischen Gegenwelt zur Natur als Forschungsgegenstand von Wissenschaft und Technik (Weber 2007: 22; siehe auch Palmer 1999, Groth/Wilson 2003). Das Paradigma der Erhaltung und Wiederherstellung von angeeigneter physischer Landschaft prägt sich im Bereich des Städtebaus im Paradigma der Alten (und diesseits des Atlantiks: der Europäischen) Stadt aus (z. B. Falter/Hasse 2001). Dieses Paradigma ist auf die Konstrukte von Eigenart und Vielfalt [ausgerichtet], so dass die Welt bzw. eine Entwicklung dann Substanz hat, wenn sie individuell ist, d. h. einmalig, nicht gleichartig mit beliebigen Alternativen (Körner/Eisel 2006: 54) konstruiert wird.
  • [11] Dieses Paradigma weist einen starken inneren Bezug zu radikal-liberalen Vorstellungen hinsichtlich des Umgangs mit physischem Raum auf (vgl. z. B. Danielzyk 2004, Evans 2010).
  • [12] Der New Urbanism stellt ein Beispiel der städtebaulichen Konkretisierung des Paradigmas der refl ven Gestaltung angeeigneter physischer Landschaft dar (siehe Weller 2008; genauer wird der New Urbanism in Abschnitt 5.5.2 Postmoderne Differenzierungen im Stadtlandhybriden: Revitalisierung, New Urbanism und McMansions erläutert).
  • [13] Gerade Landschaftsexperten, die das Paradigma der Erhaltung der angeeigneten physischen Landschaft vertreten, stehen der Veränderung der physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Landschaft kritisch gegenüber, schließlich wird in der professionellen Landschaft ästhetik [] der Verstädterungsprozess [] eher als Landschaftsverschandelung oder Landschaftsfraß wahrgenommen, während Laien vielfach in der Einsicht urteilten, dass Verstädterung der Landschaft auch etwas mitangenehmem Leben zu tun hat (Tessin 2008: 136; siehe hierzu auch Buhyoff et al. 1978, Sancar 1985).
  • [14] So argumentiert beispielsweise Wagner (1999: 36) im Sinne der Vorstellung eines traditionellen Naturschutzes, die so genannte Nivellierung der angeeigneten physischen Landschaften im Zuge des Globalisierungsprozesses im Sinne der Aufhebung der regionalen Differenzierung stellt einen kulturellen Verfall dar, der gar nicht negativ genug bewertet werden kann. Das sich daraus ergebende Ziel der Kulturlandschaftspflege besteht darin, die regionale Differenzierung unterschiedlicher Kulturlandschaften zu erhalten, oder, gleichbedeutend, dem Prozess der regionalen Differenzierung der Kulturlandschaften entgegenzuwirken (Quasten 1997: 19; ähnl. Henkel 1997).
 
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