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3.5.5 Sozialkonstruktivistisches Modell der vier Dimensionen von Landschaft ein vorläufiges Fazit

Die vorgestellte Landschaftskonzeption integriert soziale (gesellschaftliche Landschaft) und individuelle (individuelle aktualisierte Landschaft) Bezüge sowie das physische (physischer Raum) und virtuelle Substrat von Landschaft in dem Hybriden der angeeigneten physischen Landschaft. Landschaft verfügt demgemäß über zwei Ausgangssubstrate: erstens, die gesellschaftliche Landschaft als gesellschaftlicher Wissensvorrat über Landschaft; zweitens, den physischen Raum als relationale Anordnung von sozialen Gütern und Lebewesen (erbzw. die ihn bildenden Komponentenwerden wiederum im virtuellen Raum dargestellt und interpretiert). Die Entstehung gesellschaftlicher Landschaft ist dabei von der Existenz des physischen Raumes als Grundsubstrat historisch abhängig (eine soziale oder individuelle Konstruktion von reinen virtuellen Landschaften ist heute zwar (technisch) möglich, lässt sich aber historisch lediglich über die Entwicklung der Repräsentanz von gesellschaftlicher Landschaft in Bezug auf physische Objekte deuten). Damit wird die kultürlich-natürliche Hybridität von Landschaft in den unterschiedlichen Dimensionen, aber auch den zu ihrer Bildung herangezogenen sozialen Gütern und Lebewesen deutlich: Selbst die gesellschaftliche und die individuell aktualisierte gesellschaftliche Landschaft verweisen auf natürliche Elemente auf der Ebene des physischen Raumes. Dieser wiederum unterliegt ebenfalls einer sozialen Definition. Darüber hinaus sind die Objekte der Erdoberfläche mit wenigen Ausnahmen (wie Vulkaneruptionen) in unterschiedlicher Weise durch den Menschen beeinflusst. Noch deutlicher wird die Hybridität des externen Raumes in der Dimension als virtueller Raum: Die dargestellten Repräsentanten des physischen Raumes sind durch handelnde Menschen vorinterpretiert. Deutlich wird die Hybridität von Landschaft im Begriff der angeeigneten physischen Landschaft (auch als Konstrukt der (Kultur)Landschaft der positivistischen Landschaftsforschung): Angeeignete physische Landschaft ist konstitutiv Teil der Welt des Sozialen wie auch der Welt des Natürlichen. Damit entzieht sie sich der modernistischen Trennung von Natur und Kultur (Latour 1998, vgl. auch Zierhofer 1999, Groß 2006a).

Vor dem Hintergrund der in Abschnitt 2.6 (Residuen, Ästhetik, Angst und Postmoderne: ein vorläufi es Fazit) eingeführten allgemeinen Charakterisierung des Ästhetischen lassen sich die in diesem Abschnitt dargestellten vier Dimensionen von Landschaft um eine ästhetische Komponente erweitern:

1. Die gesellschaftliche Landschaft als ästhetisches Konstrukt stellt die möglichen synthetisierenden Zusammenschauen von belebten, unbelebten und bewusstseinsinternen Objekten nach den Codes von schön-pittoresk-erhaben-hässlich dar. Diese ästhetisierte gesellschaftliche Landschaft ist dabei gegliedert nach den Landschaftsästhetiken von Laien und den differenzierten Landschaftsästhetiken unterschiedlicher Expertengruppen.

2. Die individuell aktualisierte gesellschaftliche Landschaft als ästhetisches Konstrukt bezieht sich auf ein individuelles ästhetisches sozial präformiertes Verständnis von Landschaft als synthetisierende Zusammenschau von belebten, unbelebten und bewusstseinsinternen Objekten nach den Codes von schön-pittoresk-erhaben-hässlich durch ein Subjekt.

3. Die angeeignete physische Landschaft bezieht sich aus ästhetischer Perspektive auf diejenigen belebten und unbelebten Objekte des physischen Raumes, die nach dem Schema schön-pittoresk-erhaben-hässlich als ästhetische Landschaft individuell bzw. sozial bewertet werden.

4. Der externe Raum stellt das nicht gesellschaftsoder bewusstseinsinterne Substrat der ästhetisierten Konstruktion von Landschaft dar. Der physische Raum stellt belebte und unbelebte Objekte bereit, die durch die ästhetische Wertung zu Landschaft individuell oder sozial präformiert synthetisiert werden. Der virtuelle Raum stellt virtuelle Gegenstände als Substrat für die bewusstseinsinterne undsoziale Konstruktion von Landschaft dar. Im Gegensatz zum physischen Raum ist der virtuelle Raum durch seine anthropogene Herkunft stets vorinterpretiert.

Infolge der starken Emotionalisierung der gesellschaftlichen und der individuell aktualisierten gesellschaftlichen Landschaft und ihren ästhetischen Verknüpfungen ist angeeignete physische Landschaft, aber auch der physische Raum (sofern er durch den Menschen modifiziert wurde), teilweise kognitiv, vor allem aber emotional reguliert. Die Zusammenschau von physischem Raum zu Landschaft impliziert eine synthetisierende Wirkung, in dem ökonomischer, sozialgemeinschaftlicher, politischer, aber auch topologisch-ökosystemischer und physischer Raum sowie der physische Raum der kulturellen Treuhandbindung einer (zumeist partiellen) ästhetischen Bezugnahme unterzogen warden[1].

Gerade urbanisierte Räume infolge ihrer hohen intuitiv bzw. kognitiv zugänglichen symbolischen Dichte sind durch eine große Offenheit hinsichtlich der gesellschaftlich-(stadt-)landschaftlichen Bezüge der Ebene der angeeigneten physischen (Stadt-) Landschaft geprägt. (Städtische) Landschaften sind aus semiologischer Perspektive offene Bedeutungsgefüge, die sich nicht auf eine eindeutige Zuordnung von Signifikat und Signifikant reduzieren lassen (Barthes 1987). Angeeignete physische (städtische) Landschaften basieren dabei unter anderem auch auf individuellen und sozialen emotionalen Zuschreibungen, Ängsten und Wünschen (Sobchack 1999). Die Pluralität intuitiver und kognitiver Lesbarkeit von angeeigneter physischer (Stadt-)Landschaft wird durch das hohe Veränderungspotential der physischen Grundlagen der angeeigneten physischen städtischen Landschaft noch verstärkt. Durch Erweiterung, Verfall, Neubau, Umbau und Abriss sind die physischen Strukturen angeeigneter physischer (insbesondere urbaner) Landschaften in hohem Maße reversibel, veränderlich, provisorisch und instabil (Lynch 1960, Bieger 2007), woraus sich die Vielfalt textlicher (und bildlicher) Verstehbarkeit potenziert.

  • [1] Die angeeignete physische Landschaft des Kulturnaturhybriden Los Angeles wird letztlich aus der Perspektive der individuell aktualisierten gesellschaftlichen Landschaft als Bild gelesen und interpretiert. Los Angeles wird damit unter dem Modus des ästhetisierenden landschaftlichen Blicks behandelt, der Autor sieht sich nicht als ein Toter-Mann-Forscher (im Sinne von Sloterdijk 1987), der objektive Begebenheiten objektiv analysiert, sondern als Subjektivitätscollage, die sich im Patchwork der SubjektObjekt- und Kultur-Naturhybriden zurechtzufi sucht.
 
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