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3.5.2 Die gesellschaftliche Landschaft

Landschaft ist ein Teil des sozialen Seins. Diese Sphäre des Seins, das Reich der Regeln[,] ist auch die Sphäre der Bedeutungen (Bauman 2009a: 133). Die gesellschaftliche Landschaft ist die sozial-konstruktive Dimension von Landschaft, in der Deutungen und Bedeutungen erzeugt, weitergegeben und ausgehandelt werden. Schließlich gehen

Seh-Erwartungen [] den reellen Bildern immer schon voraus. Wo Natur zur Landschaft wird, ist sie kulturell als Bild konstruiert (Hasse 1997: 151). Die gesellschaftliche Landschaft stellt als sozial definierter Gegenstand und Ensemble von Zeichen (Hard 1987a: 233) einen (konstruktivistisch gewendeten) Teil der Welt 3, also der Welt der geistigen und kulturellen Gehalte, dar. Die konstruktivistische Wendung ergibt sich daraus, dass die von Popper angenommene empirische Falsifizierbarkeit der Welt 3 nicht auf ästhetische Zuschreibungen in der hier vorgeschlagenen Konzeption bezogen werden kann, wodurch die Welt 3 Poppers im Folgenden eine Erweiterung um ästhetische Inhalte erfährt, die dem Prinzip der Falsifizierbarkeit nicht entsprechen[1]. Die gesellschaftliche Landschaft lässt sich im Sinne eines gesellschaftlichen Wissensvorrates (Berger/Luckmann 1970; vgl. auch Assmann 1999) hinsichtlich der Anordnung von Objekten bzw. Zeichen zu Landschaft verstehen (Bender 1993, Kühne 2006a)[2]. Die gesellschaftliche Landschaft repräsentiert damit insbesondere das Wissen um die Zeichen von Landschaft und die Praxis der Klassifikation, also [die]Einordnung vorgefundener Elemente auf einer Skala zugeschriebener Werte (Neckel 2009: 49). Diese Einteilung der Objekte haben Menschen inkorporiert, sie ist von der Gesellschaft aufgezwungen oder suggeriert (Barthes 1987: 191) worden. Nach Foucault (1995) lassen sich dabei die auf einem Ähnlichkeitsverhältnis beruhenden ikonischen, die auf einem Kausalverhältnis basierenden indexikalischen und die in sozialer Konvention begründeten symbolischen Zeichen unterscheiden. Während ikonische Zeichen insbesondere bei der künstlerischen Repräsentation von angeeigneter physischer Landschaft von Bedeutung sind, sind indexikalische und symbolische Zeichen bei der Deutung von angeeigneter physischer Landschaft (aber auch von physischem und virtuellem Raum) von großer Bedeutung. So dient die Kenntnis des Kausalverhältnisses von Ackerbau und Feld der indexikalischen Deutung von angeeigneter physischer Landschaft, wie die symbolische Deutung von Gartenmäuerchen oder Zäunen als Demarkationslinie von öffentlich und privat (vgl. hierzu auch Duncan 1973, Appleyard 1979, Turner 1996, Fiege 2003, Rojas 2003) dient.

Die gesellschaftliche Landschaft enthält also das, was kollektiv sowohl gesamtgesellschaftlich oder auch in bestimmten Teilgesellschaften als unter Landschaft verstehbar gilt und was nicht. Diskurstheoretisch gesprochen lässt sich die gesellschaftliche Landschaft als Diskurs verstehen, dessen Grenzen dadurch bestimmt werden, was über Landschaft noch sozial akzeptiert sagbar ist und was nicht mehr (vgl. Marxhausen 2010). Neben kognitiven Wissensbeständen über Landschaft sind auch emotionale Bezüge konstitutiv für gesellschaftliche Landschaft (Lehmann 2001). Gesellschaftliche Gefühlskonventionen (Hasse 2000: 117), als Teil der affektiven Sozialisation (Flam 2002), entscheiden über das Erleben (und viel grundsätzlicher: die Erlebbarkeit) physischer Objekte als Landschaft, aber auch über die Schaffung von Objekten, die als emotionalisierte Symbole zu erleben bzw. intuitiv zu verstehensind (z. B. Denkmäler; vgl. Hasse 2000, Lanninger/Langarová 2010). Dabei handelt es sich häufig um eingespielte, zumeist stillschweigend wirksame präreflexive Sinnkonstitution[en] (Doxa) (Löw 2010: 76, Bourdieu 2000b).

In diesem Zusammenhanggelangt die Frage nach den Gründen bestimmter sozialer landschaftlicher Präferenzen (gemäß unterschiedlichen Umfragen zumeist halboffene Landschaften; vgl. Kühne 2006a, Kühne/Spellerberg 2010 für Deutschland) in das Blickfeld als wesentliche Größe gesellschaftlicher Landschaft. Appleton (1975 und 1990; ähnlich Orians 1980 Butzer 1977, Isaac 1980, Kaplan/Kaplan 1982 und 1989) schlägt einen Zusammenhang zwischen für Menschen geeigneten Habitaten und Landschaft räferenz vor[3]: Menschen präferierten halboffene Landschaften, weil sie dort in vorgeschichtlicher Zeit Übersicht und Schutz gefunden hätten. Konstitutiv für diese Theorie ist die Angst vor dem Überrascht- und Verletzt-/Getötet-Werden (Gold/Revill 2003). Diesen Ansatzcharakterisiert Tuan (1976: 104) als einen simplen Reduktionismus: Das Gespür für Landschaft ist letztlich eine biologische Antwort auf das Bedürfnis nach Überleben in einem Habitat. Auf der anderen Seite gehen Kulturdeterministen davon aus, die Präferenzen von Menschen für bestimmte Landschaften seien nicht vom Instinkt gesteuert, oder allgemeiner: Kultur sei nicht auf biotische Grundlagen des Menschen reduzierbar, vielmehr sozial vermittelt (Duncan 1973, Wilson 1975, Midgley 1978, Appleyard 1979, Gold/Revill 1999). So vollzieht sich die Konfrontation mit als natürlich beschriebenen Objekten im Zuge der Urbanisierung häufig in Form von städtischen Parks, die zumeist dem Gestaltungsvorbild der Englischen Gärten folgen (siehe Gobster 1999, Kühne 2008a)[4]. Dewey (1929 und 1988, zuerst 1934) hingegen geht davon aus, dass ästhetische Erfahrung (also auch die ästhetische Konstruktion von Landschaft, einschließlich der landschaftlichen Präferenzbildung) als intensivere Form der alltäglichen Erfahrung beide Komponenten also sowohl die biotische Instinktsteuerung als auch die soziale Erlernung aufweist. In Rückgriff auf Dewey integriert Costonis (1982: 401) die biotische Komponente in die kulturelle (bzw. soziale), indem er feststellt, ästhetische Bezüge seien nicht im Objekt dessen, was Landschaft genannt wird, zu verorten, vielmehr schreiben wir der Umwelt auf Grundlage unserer individuellen und kulturellen Überzeugungen, Werten und Bedürfnissen symbolische Bedeutungen zu [5].

Wird die soziale Konstruktion von Landschaft nicht biologistisch determiniert betrachtet, sondern zumindest in der Tradition Deweys als teilweise erlernt, erhält die Vermittlung von Wissen über Landschaft eine hohe Bedeutung[6]. Bei der Ausdifferenzierung der sozialen Wissensgehalte von sozialer Landschaft ist die Differenzierung in einen expertenhaften bzw. laienhaften Zugriff auf das Phänomen Landschaft sowie die Abgrenzung zu nicht landschaftlichem Wissen von Bedeutung (vgl. Kaplan/Kaplan/ Ryan 1998, Lehmann 2001, Holand 2005, Kühne 2008a, Paasi 2008). Das expertenhafte Wissen von Landschaft umfasst spezialisierte Kenntnisse mit unterschiedlichem Exklusivitätsgehalt (z. B. geologische Kenntnisse) und vielfach spezialisierten Verengungen (z. B. durch positivistisch-ökologische Deutungen, die ästhetische Aspekte ausblenden). Gleichzeitig ist das laienhafte Verständnis alltagsweltlich konstituiert und kann demnach als allgemein verfügbar angesehen werden kann (z. B. schönes Alpenpanorama) und weist weite Übergangsbereiche im semantischen Hof von Landschaft auf (wie Geschichten und Musik; Turner 1996). Zwischen experten- und laienhaftem Landschaftsverständnis lässt sich keine scharfe Trennung ziehen, schließlich ist das expertenhafte Verständnis in sich (fachspezifisch) pluralisiert und (insbesondere) außerhalb der eigenen Disziplin von laienhaftem Verständnis durchsetzt, andererseits ermöglicht ein ausgeprägtes Schrifttum (aber auch Dokumentarfilme u. a.) die Expansion des Exper-

Abbildung 10 Die differenzierte gesellschaftliche Landschaft im Kontext des außerlandschaftlichen Wissens am Beispiel unterschiedlicher Kulturen und Milieus.

tenwissens zu einem größeren Publikum (dieser Zusammenhang wird in Abschnitt 3.6 genauer thematisiert). Neben laien- und expertenhaften Differenzierungen innerhalb der gesellschaftlichen Landschaft findensich auch regional differenzierte Deutungen zu Landschaft, die durch diediskursgesteuerte Weitergabe von landschaftlichen Präferenzen geprägt sind (Löw 2010; grundsätzlich zu Expertentum z. B. Berger/Luckmann 1970, Weingart 2003). Ähnliches gilt für kulturelle Differenzen und Mileuspezifika hinsichtlich der Konstruktion und Bewertung von Landschaft (siehe Lewis 1979, Corner 2002, zuerst 1992, Ipsen 2006, Ueda 2009, Löw 2010): So werden Weinberge durch Muslime in anderer Weise konstruiert als bei englischen Intellektuellen (Abbildung 10).

Die gesellschaftliche Landschaft ist also die Grundlage dessen, was sozial ästhetisch in welcher Form zu bewerten ist und welche emotionalen Äußerungen hinsichtlich dieses Erlebens bzw. intuitiven Deutens von Landschaft sozial (differenziertnach Milieus, Kulturen, sozialen Gruppen u. a.) anerkannt sind. Das bedeutet, dass die Grenzen der Deutungen von Landschaft milieuspezifisch, kulturell und gruppenspezifisch begrenzt sind, mit dem Ergebnis, dass landschaftsbezogene Deutungsmacht entwickelt, ausgeübt und perpetuiert wird (Bauman 1997, Kühne 2008a, Löw 2010).

  • [1] An dieser Stelle sei Myriam Gindorf herzlich gedankt, die den Anstoß zu dieser Erweiterung der früheren Fassung des Vier-Ebenen-Konzeptes (Kühne 2008a) gab. Sie machte darauf aufmerksam, dass die Welt 3 Poppers in ihrer empirischen Überprüfbarkeit nicht mit dem hier verfolgten konstruktivistischen Grundgedanken in Übereinstimmung zu bringen ist (Gindorf 2011).
  • [2] Wie Roland Barthes (1987: 191; Hervorh. i. O.) feststellt, besitzt jedes Objekt eine metaphorische Tiefe, es verweist auf ein Signifikat, so verweist die Anlage von Magistralen in sozialistischen Städten auf ein weit reichendes Repräsentationsbedürfnis staatlicher Macht bei gleichzeitiger Ausschaltung des Bodenmarktes, die Erhaltung von Parks in kapitalistischen Städten auf das durch die Stadtverwaltung gegen ökonomische Verwertungsinteressen durchgesetzte soziale Bedürfnis der Bevölkerung nach Erholung.
  • [3] Hierbei handelt es sich um die so genannten Habitat-Theorien (Hunziker 2000): Die Savanna-Theorie von Orians (1980, 1986) stellt dabei einen relativ breiten Ansatz dar. Die Prospect-Refuge-Th rie von Appleton (1975) zeigt eine deutliche Einengung auf die Anforderung nach Schutz und Überblick. Die Information Processing-Theorie von Kaplan/Kaplan (1989) stellt den wohl am weitesten entwickelten und empirisch meist geprüften und verwendeten Ansatz dar. Sie gehen davon aus, dass solche Landschaften bevorzugt werden, die eine Beschaff g von Informationen stimulieren und erleichtern (nähere Vergleiche finden sich bei Bourassa 1991 und Hunziker 2000).
  • [4] Diese Überlegung wird durch eine Studie von Purcell et al. (1994) gestärkt. Darin wird eine unterschiedliche Bewertung derselben physischen Räume als Landschaft nachgewiesen, in Abhängigkeit davon, ob die Probanden diese Landschaft als Alltagsoder als Erholungslandschaft beurteilen sollten (vgl. auch Hunziker 2000).
  • [5] Ein deutliches Beispiel für die unterschiedliche und sozial defi te Zuschreibung von Zugehörigkeit verweist auf die Ästhetik des Performativen (Wunderlich 2010): Gilt die physische Anwesenheit von Menschen in als ländlich deklarierten angeeigneten physischen Landschaften als unerwünscht (vgl. Kühne 2006a), erlangt deren Kopräsenz für als städtisch deklarierte Landschaften nahezu konstitutive Bedeutung (Wunderlich 2010).
  • [6] Für die vorliegende Arbeit erscheint es dabei unerheblich, ob sämtliche Komponenten der sozialen Konstruktion von Landschaft sozialen Ursprungs sind oder teilweise auf biotischen Beurteilungsresiduen gründen. Zentral ist, dass Landschaft sozial defi t wird und Gegenstand der sozialen Kommunikation ist.
 
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