Desktop-Version

Start arrow Sozialwissenschaften arrow Stadt – Landschaft – Hybridität

< Zurück   INHALT   Weiter >

3.5.1 Der externe Raum: der physische Raum und der virtuelle Raum

Der externe Raum stellt neben den gesellschaftlichen Vorstellungen von Landschaft ein Ausgangssubstrat von Landschaft dar. Die Dimension des Externen erhalten der physische und der virtuelle Raum deswegen, weil sie sich außerhalb des beobachtenden Subjektes befinden, nichtsdestotrotz ist dieses grundsätzlich in der Lage, beide zu beeinflussen. Dabei ist Raum nicht als Entität zu verstehen. Vielmehr wird auch er durch die bewusstseinsinterne und sozial präformierte Zusammenschau physischer oder virtueller Objekte gebildet. In seiner Räumlichkeit ist er in nominalistischer Denktradition somit als extern konstruierter Raum zu verstehen. Die Konstruktion von externem Raum ist dabei aufgrund sozial gebildeter und vermittelter Vorstellungen an das individuelle Bewusstsein gebunden: Wird die eigene Körperlichkeit bei der Konstruktion des physischen Raumes als Teil des physischen Raumes (in der Regel) ausgeblendet, sind die Körper anderer Menschen Teil der Konstruktion des physischen Raumes (Wunderlich 2010).

3.5.1.1 Der physische Raum

Der physische Raum umfasst die räumlich-relationale Anordnung von sozialen Gütern und Lebewesen im Allgemeinen. Er wird unabhängig von der sozialen oder individuellen Beobachtung und Bezeichnung als Landschaft angesehen. Er umfasst somit sowohl soziale Güter und Lebewesen, die Teile der angeeigneten physischen Landschaft sind, aber auch solche, die nicht zur sozialen bzw. individuellen Konstruktion von Landschaft herangezogen werden. Somit repräsentiert der physische Raum als physisch-materielles Substrat die Welt 1 [1]. Er lässt sich in vier Ebenen des gesellschaft-

Abbildung 8 Das wechselseitige Einfl erhältnis zwischen Gesellschaft und physischem Raum in systemtheoretischer Terminologie.[2]

lichen Einflusses gliedern (in Rückgriff auf Parsons 1951, Läpple 2002, Schein 2003, Kühne 2005, 2006a und 2008a; vgl. auch Hoskins 1955, Bonsdorff 2005; Abbildung 8)[3]:

0. Der topographisch-ökosystemische physische Raum ist das physische Ausgangssubstrat für gesellschaftlich bedingte Transformationen. Letztlich basieren alle gesellschaftlich bedingte Transformationen auf den materiellen Aussetzungen des topographisch-ökosystemischen Raumes.

1. Der ökonomische physische Raum ist Folge und Nebenfolge des ökonomischen Handelns des Menschen oder um es mit Mitchell (2009) zu sagen: von Arbeit eingeschrieben, dies umfasst landwirtschaftliche Flächen ebenso wie industrielle Produktionsanlagen und Bürohochhäuser. Dieses ökonomische Handeln ist darauf spezialisiert, das Verhältnis von Gesellschaft und Umwelt dauerhaft im Sinne der Befriedigung der Bedürfnisse der Gesellschaft zu gestalten, d. h. der Gesellschaft einen effektiven und effizienten Zugriff auf (natürliche) Ressourcen zu sichern und die Folgen von Knappheit zu minimieren.

2. Der politische physische Raum entsteht durch die Folgen und Nebenfolgen des raumrelevanten politischen Agierens, also der Bezeichnung von Zielrelationen zwischen Gesellschaft und Umwelt. Eine besondere Bedeutung hat hierbei die vielfach willkürliche machtbasierte politische Territorienbildung und deren Abgrenzung. Die Folgen und Nebenfolgen des politischen Handelns im physischen Raum äußern sich beispielsweise in der Errichtung von Grenzwallanlagen, repräsentativen Regierungsgebäuden, der Durchführung von Landschaftspflegemaßnahmen und von Rayon-Bestimmungen [4]als direkte Folgen, sowie der Umsetzung von politisch-administrativen Raumplanungen, aber auch der spezifischen Anordnung von physischen Manifestationen der Zulassung oder Nichtzulassung von Privateigentum an Produktionsmitteln (vgl. hierzu Fitzgerald 1988, Domański 1989 und 1997, Olwig 1996a, Fiege 2003).

3. Der sozialgemeinschaftliche physische Raum ist durch die Folgen und Nebenrollen des sozialgemeinschaftlichen Handelns unter Nutzung des Mediums Einfluss geprägt. Brachen, die Wüstung von Siedlungen aufgrund negativer Bevölkerungsentwicklung oder die Entwicklung von Squatter-Siedlungen deuten auf physisch-räumliche Manifestationen von Veränderungen im gesellschaftlichen Subsystem der sozialen Gemeinschaft hin. Aber auch die Durchsetzung von Normen des Umgangs mit physischem Raum findet hier ihren Niederschlag, beispielsweise vor der Einführung von Bau- und Raumordnungsrecht als Ausdruck politischer Raumkonstituierung in bestimmten Räumen so und nicht anders ein Haus zu bauen, eine landwirtschaftliche Fläche auszurichten oder eine Siedlung anzulegen.

4. Der physische Raum der kulturellen Treuhandbindung basiert auf den physischen räumlichen Folgen bzw. Nebenfolgen des Agierens des kulturellen Treuhandsystems als System der moralischen Bindung an Werte und Normen im Sinne einer generalisierten Fähigkeit und eines glaubwürdigen Versprechens, die Implementierung von Werten zu bewirken (Parsons 1980: 203). Er bildet die Basis für das ökonomische, politische und sozialgemeinschaftliche Handeln, wodurch die physischen Manifestationen stets auch die Bedingungen der kulturellen Treuhandbindung transzendieren. Ackerbaukulturen zeigen entsprechend andere phyische Manifestationen als Jäger- und Sammlerkulturen, Kulturen auf in christlicher Tradition in Teilen andere als muslimische (Beispiele sind Kirchen und Moscheen, aber auch die Bedeutung des Weinbaus).

Die physischen Manifestationen der unterschiedlichen Systeme repräsentieren auch die selektive und konfliktbehaftete Durchsetzungsfähigkeit des jeweiligen Systems (Olwig 2007). Infolge des flächenintensiven Einwirkens der Ökonomie auf den Raum, dominieren dessen physische Manifestationen flächenmäßig (insbesondere in Bezug auf die Land- und Forstwirtschaft). Dabei dominiert das alltägliche Handeln des Menschen die Modifikation des physischen Raumes und formt so vielfach gesteuert von ideologischen Vorstellungen aus dem topographisch-ökosystemischen physischen Raum

alltägliche Räume und Orte (Henderson 2003: 185; vgl. auch Tuan 1977, Jackson 1995,

Fainstein 2001).

Infolge objektorientierter Aktivitäten des Menschen ist der physische Raum bereits gesellschaftlich überprägt (d. h. es gibt auf der Erdoberfläche keine reinen topographisch-ökosystemischen physischen Räume) und bringt damit die sozialen Prioritäten materiell zum Ausdruck (Hayden 1995 und 2004b; vgl. auch das Modell der Morphologie der Stadt infolge des ethnischen, familiären und ökonomischen Status von Murdie 1969). Diese Überprägung kann jedoch sehr unterschiedlich ausfallen (Abbildung 9; siehe auch Köstlin 2001, Bonsdorff 2005): Räume können von natürlichen Objekten sowie von mehr oder minder anthropogen überformten natürlichen Objekten in unterschiedlicher Anordnung und Dichte konstituiert werden. Räume reiner Anthropogenität oder reiner Natürlichkeit sind zwar (als Gedankenexperimente) konstruierbar, der

Abbildung 9 Der Einfl der Gesellschaft auf den physischen Raum als Kulturnaturhybride auf der Ebene der Objekte (nach: Kühne 2006a)

physische Raum bleibt unabhängig von den Anteilen der gesellschaftlichen Überformung ein Naturkulturhybrid[5].

Der physische Raum steht in einem rekursiven Zusammenhang mit der Gesellschaft: Er wird von der Gesellschaft strukturiert und strukturiert Gesellschaft (siehe Löw 2010). Physischer Raum bedeutet für Gesellschaft eine Ermöglichung, aber auch eine Restriktion von Handlungsoptionen. So ermöglicht ein Gebäude eine Behausung von Menschen, wirkt aber restriktiv hinsichtlich alternativer Nutzungen (z. B. für die Landwirtschaft). Gerade Gebäude stabilisieren soziales Leben. Sie stehen nicht nur imposant herum, sondern werden zu Objekten der Interpretation und Erzählung, beeinflussen aber auch in ihrer materiellen Anwesenheit Handlungsabläufe (Löw 2010: 106).

3.5.1.2 Der virtuelle Raum

In der Gegenwart kommt Informations- und Kommunikationstechnologien eine besondere Bedeutung hinsichtlich der Bildung von sozialen Vorstellungen über Welt zu (Stichweh 2003). Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglichen eine bisher unbekannte Überwindung der Schranken von Raum und Zeit (Läpple 2004: 406) und tragen zur Globalisierung von Informationen bei und beginnen die herkömmlichen Zeit- und Raumstrukturen zu revolutionieren (Bertels 1997: 44). Damit verliert der physische Raum als externes Substrat für die soziale und individuelle Konstruktion von Landschaft seine Exklusivität, er wird bei der individuellen und sozialen Konstruktion von Räumen durch virtuelle Räume ergänzt. Virtualität ist dabei ein begrifflich schwer fassbarer Hybrid (vgl. Sinn 1998). Sie lässt sich als eine Eigenschaft einer Sache verstehen, nicht in der Art vorzukommen, in der sie vorzukommen scheint. Dennoch gleicht sie in ihrer Erscheinung und teilweise auch in ihrer Wirkung einer in dieser Art vorkommenden Sache. Virtuelle Räume lassen sich als emergente Einheiten physischer Räume verstehen: Ohne Bezugnahme auf physische Räume wären sie kaum konstruierbar (eine Aussage, der Solipsisten widersprechen würden), zudem wären sie ohne die konstitutive Bedeutung des Sozialen nicht entstanden.

Virtuelle Räume, wie in Filmen, Serien und dem Internet, vermitteln Wissen in Form von Sekundärinformationen als Ergebnis eines Vorselektionsprozesses kontingenter Inhalte (Anders 1980), die nicht dem unmittelbaren Wahrnehmungsfeld entnommen sind, aber dennoch in die Konstruktion von externer Welt (hier in Form von Landschaft) eingebunden werden. Virtuelle Räume sind somit stets selektiv vorinterpretiert (vgl. Werlen 1997, Kühne 2006a). Darin unterscheiden sie sich von physischen Räumen, die in Ausnahmefällen hinsichtlich der sie bildenden Objekte vom Menschen nahezu unbeeinflusst sein können.

  • [1] Der Terminus des physischen Raumes wird hier dem Terminus der Umwelt auf formalen wie inhaltlichen Gründen vorgezogen. Formal soll die Nähe zum Konzept der drei Räume von Bourdieu (1991) repräsentiert werden. Inhaltlich ist das Konzept der Umwelt deutlich stärker durch systemische Zuschreibungen im physischen Raum gekennzeichnet, während der Terminus des physischen Raumes eher auf die Existenz von Objekten als auf deren innere Verbindung rekurriert. Der oben aufgeführten Defi tion von Maciá (1979) wird also nicht in Gänze gefolgt.
  • [2] Entgegen früherer Veröffentlichungen (z. B. Kühne 2008a) wurde der Einfluss des Menschen nicht auf die angeeignete physische Landschaft bezogen, sondern auf den physischen Raum. Einerseits ist der Einfluss der Gesellschaft auf die angeeignete physische Landschaft mittelbar, andererseits ist die bewusste Einflussnahme auf die angeeignete physische Landschaft ein Sonderfall, der nun in Abschnitt 3.5.4 Die angeeignete physische Landschaft genauer behandelt wird.
  • [3] Die in relationaler Anordnung den physischen Raum bildenden sozialen Güter und Lebewesen wiederum lassen sich in ähnlicher Weise wie Landschaft in vier Dimensionen gliedern: Beispielsweise lässt sich das Element Haus als soziales wie auch individuelles Konstrukt verstehen, das sich aus angeeigneten physischen Teilelementen (Wände, Fenster u. a.), die wiederum einer physischen Grundmenge entnommen sind, zusammensetzt. Diese Gliederung kann letztlich bis zur Konstruktion auf molekularer Ebene fortgesetzt werden.
  • [4] Diese Rayon-Bestimmungen reglementierten die Bebauungen in der Umgebung von Festungen, um so ein freies Schussfeld zu gewährleisten.
  • [5] Letztlich setzt sich selbst ein Atomkraftwerk aus (unterschiedlich aufbereitetem) natürlichem Ausgangssubstrat zusammen und selbst der tropische Regenwald wird beispielsweise durch die Veränderung der Zusammensetzung der Erdatmosphäre und den Klimawandel auf Objektebene beeinflusst.
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics