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3.5 Sozialkonstruktivistisches Modell der vier Dimensionen von Landschaft

Zwischen Welt und Mensch besteht ein rekursives Verhältnis; Werlen (1997) fasst dies in seinem Konzept der Regionalisierungen). Regionalisierungen lassen sich demnach als soziale Praktiken charakterisieren, in denen die Subjekte über ihr alltägliches Handeln die Welt einerseits auf sich beziehen, und andererseits erdoberflächlich in materieller und symbolischer Hinsicht über ihr Geographie-Machen gestalten (Werlen 1997: 212). In diesem Rekursionsprozess sind entsprechend einzelne Menschen, soziale Gebilde und ein (zumeist materielles) Substrat zu finden. Mit dem Ziel, das Phänomen Landschaft sowohl hinsichtlich seiner sozialen und individuellen konstruktiven Bezüge, aber auch in seinen objekthaften Zuschreibungen zu strukturieren (vgl. Bourassa 1991, Robertson/Richards 2003), aber auch die Elemente des Amalgams von Orten, die als Landschaft wahrgenommen werden können (Olwig 2009a: 5) von den Wahrnehmungen analytisch zu trennen, lassen sich vier Dimensionen von Landschaft konturieren (genaueres bei Kühne 2008a)

[1]:

Die im Folgenden dargestellte Gliederung des Phänomens Landschaft in vier Dimensionen dient als theoretische Grundlage der weiteren Überlegungen zum Thema Landschaft (vgl. Kühne 2008a und 2009):

1. der externe Raum mit den Komponenten des physischen Raums als physisches Substrat und des virtuellen Raums als jenseits des physischen angesiedeltes Substrat von Landschaft,

2. die gesellschaftliche Landschaft als Ergebnis eines sozialen Definitionsprozesses, das was unter Landschaft verstehbar ist,

3. die individuell aktualisierte gesellschaftliche Landschaft als das individuelle Verständnis von Landschaft[2],

4. die angeeignete physische Landschaft als diejenigen Teile des physischen Raumes, die als Landschaft verstanden werden.

Die grundsätzlichen Verhältnisse zwischen den vier genannten Dimensionen von Landschaft als individuelles Konstrukt auf Grundlage sozialer Definitionen unter Nutzung physischer Elemente sind in Abbildung 7 dargestellt.

Abbildung 7 Das grundsätzliche Verhältnis zwischen den vier Dimensionen von Landschaft.

Von dem Terminus der Umwelt unterscheidet sich Landschaft durch die ästhetisierte Wahrnehmung (vgl. z. B. Appleton 1980, Cosgrove 1988a, Schmeling/Schmitz-Emans 2007). Die ästhetisierte Konstruktion von Landschaft beschränkt sich dabei nicht auf visuelle Aspekte, sondern umfasst alle Sinne der Wahrnehmung, wodurch beispielsweise Geruchs- und Geräuschlandschaften entstehen (z. B. Southworth 1969, Schafer 1977, Crang 2002), zu deren Artikulation allerdings noch das geeignete Vokabular zu entwickeln sei, so Brady (2005). Während sich Umwelt als vom menschlichen Bewusstsein unabhängig konstruieren lässt, ist Landschaft stets konstitutiv durch das menschliche Bewusstsein geprägt (Maciá 1979).

  • [1] Zur Entwicklung dieser Gliederung von Landschaft in vier Dimensionen wurden Elemente aus vier theoretischen Konzepten herangezogen:

    1. Das Konzept von Löw (2001) zur relationalen (An)Ordnung von sozialen Gütern und Lebewesen stellt die Grundaussage der konstitutiven Bedeutung des Sozialen in Bezug auf Raum und damit auch in Bezug auf dessen ästhetisierte soziale Repräsentation dar.

    2. Die Überlegungen von Bourdieu (1991) zum sozialen Raum (als eine Metapher für Gesellschaft als Raum der Kämpfe der einzelnen Felder um Macht), zum physischen Raum (als physisches Ausgangssubstrat) und zum angeeigneten physischen oder reifi ten physischen Raum (in dem selektiv Relationen des sozialen Raumes physisch ihren Niederschlag finden) bilden das Grundgerüst der im Folgenden dargestellten Gliederung hinsichtlich der unterschiedlichen Dimensionen von Landschaft (vgl. auch Neckel 2009).

    3. Die Drei-Welt-Hypothese von Popper (1973; vgl. auch Hard 1987a und Werlen 1997) als Differenzierung von materieller, individueller und sozialer Welt erweitert die von Bourdieu abgeleitete Perspektive um die Perspektive der individuellen Welt. Die drei Welten werden als distinkt voneinander modelliert, sind aber untereinander verbunden: So wirken sich beispielsweise Änderungen in Welt 3 (Welt der geistigen und kulturellen Gehalte) auf Welt 1 (physisch-materielles Substrat) aus und umgekehrt; der zweiten Welt, der Welt der subjektiven Gedankeninhalte, kommt eine Vermittlerposition zwischen Welt 1 und Welt 3 zu (Gindorf 2011: 29).

    4. Die Überlegungen zur Hybridbildung natürlicher wie kultürlicher Phänomene auf Basis der Akteurs-Netzwerk-Theorie von Latour (1996) bilden die Grundlage für eine synthetisierte Betrachtung von Landschaft als sozial-natürliche Mischform. Diese theoretische Perspektive integriert Materialität, indem sie dem objektvermittelten Handeln eine zentrale Bedeutung beimisst (vgl. Löw 2010).

  • [2] Gesellschaftliche Landschaft kann empirisch lediglich approximativ erfasst werden, da sämtliche Deutungsmöglichkeiten von Landschaft schwerlich zu erheben sind. Selbst bei der individuell aktualisierten Landschaft ergeben sich bei der empirischen Erfassung Schwierigkeiten hinsichtlich der Erfassung latenter Bezugs-, Wertungs- und Deutungsschemata.
 
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