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3.4 Der Übergang von Gegenstand zum Konstrukt:fünf wissenschaftliche Herangehensweisen an Landschaft

Die in den beiden vorangegangenen Abschnitten dargestellten wissenschaftlichen Landschaftskonzepte lassen sich weiter differenzieren. Verbunden mit dieser Differenzierung ist eine konzeptionelle Hybridisierung der Faktoren Gegenständlichkeit und soziale (bzw. individuelle) Konstruktion von Landschaft.

1. Vertreter eines positivistischen Landschaftsbegriffs gehen davon aus, dass Landschaft ein physischer Gegenstand sei, der sich allein mit empirischen Methoden erfassen und in neutraler und werturteilsfreier Weise abgrenzen ließe (King 2002, zuerst 1976). Ziel der Landschaftsforschung ist es, von beobacht- und messbaren Einzelphänomenen zu abstrahieren (in der Tradition des Nominalismus), indem die gesammelten Beobachtungen durch den Verstand induktiv generalisiert werden (Eisel 2009: 18). Unterschiedliche Deutungen und Konstruktionen von Landschaft werden als Fehler bei der empirischen Untersuchung aufgefasst, die durch Falsifikationen zu eliminieren sind. Eine konstitutive Bedeutung für Landschaft haben hier die physischen Grundlagen; beispielsweise wird hier Landschaft als Ökosystem konstruiert, dem zunächst keine konstitutive ästhetische Bedeutung zugeschrieben wird. Wenn doch, wird diese mit ökosystemischen Funktionen gleichgesetzt (Kühne 2006a, Eisel 2009). Die hier Verwendung findende Terminologie leitet sich im Wesentlichen aus den Naturwissenschaften, insbesondere der Geomorphologie, der Pedologie, der Ökologie und der Biogeographie ab (Troll 1950, Neef 1967, Forman/Godron 1986). In der sozialwissenschaftlichen Erweiterung wird auf die Methoden der quantitativ orientierten empirischen Sozialwissenschaften zurückgegriffen [1].

2. Vertreter eines essentialistischen Landschaftsbegriffs erkennen zwar den semantischen Hof (Hard 1969: 10) an, sind jedoch der Auffassung, es gäbe einen bestimmbaren Kern von Landschaft. Mehr noch als im positivistischen Ansatz wird hier Landschaft als Realität aufgefasst (vgl. Ellis 1996, Graham 2002, zuerst 1992, Eisel 2009)[2]. Unterschiedliche soziale Konstrukte und Deutungen werden zwar anerkannt, aber als behindernde Herausforderung für die Erfassung der essentiellen Landschaftsgehalte konzipiert. Landschaftsästhetik wird als eine der objektiv gegebenen Landschaft innewohnende Eigenschaft konzipiert. Konstitutiv für dieses Landschaftsverständnis sind zwar die physischen Grundlagen, dennoch werden Deutungen des Menschen nicht völlig ausgeschlossen, sondern in ihrer Bedeutung für das Objekt Landschaft einbezogen, wenn auch in der Absicht, die wahren Einflüsse zu ermitteln. So wird beispielsweise Heimat als Teil von Landschaft aufgefasst (vgl. Olwig 1996a)[3]. Hier werden neben geographischen, nicht-konstruktivistische kulturwissenschaftliche, volkskundliche, landeskundliche und objektästhetische Terminologien und Denkweisen verwendet (Beispiele für dieses Landschaftsverständnis finden sich bei: Sauer 2005, zuerst 1925, Jackson 1984, Quasten 1997, Wöbse 1999,

Schenk 2006).

3. Vertreter eines gemäßigten Sozialkonstruktivismus betrachten die physisch-materiellen Grundlagen von Landschaft für diese zwar als konstitutiv, sehen in der (unterschiedlichen) sozialen Konstruktion von Landschaft aber eine zweite Untersuchungsebene. Charakteristisch für Vertreter dieses Landschaftsbegriffs ist der Dualismus von Landschaft (physisch als Realobjektverstanden) und Landschaftsbild/ Wahrnehmung von Landschaft (als Konstrukt); indikatorisch für ein solches Landschaftsverständnis sind Formulierungen, Landschaft sei nicht nur ein physisches Objekt, sondern auch eine (soziale) Konstruktion (wie z. B. bei Corner 2002, zuerst 1991 oder Korr 2008). Dieses Landschaftsverständnis ist für die in den positivistischen und essentialistischen Traditionslinien erfolgten Untersuchungen anschlussfähig, da deren Terminologien und Denkweisen weiterhin Verwendung finden kann. Sie werden lediglich ergänzt durch Terminologien und Denkweisen aus der Soziologie, der Neuen Kulturgeographie, den Cultural Studies, der Psychologie u. a. (als Beispiele für dieses Verständnis lassen sich beispielsweise anführen: Heiland2000 und 2006, Corner 2002, zuerst 1991 und 1992, Ipsen 2002a, 2002b und 2006, Körner/Eisel 2006, Schmitz-Emans 2005, Korr 2008, Meier/Bucher/Hagenbuch 2010).

4. Vertreter eines nominalistisch-sozialkonstruktivistischen Landschaft erständnisses halten die soziale Konstruktionsebene von Landschaft für konstitutiv. Physischmaterielle Objekte werden in nominalistischer Tradition integriert, sie werden also in sozial präformierter Zusammenschau zu Landschaft synthetisiert. Dieses Landschaftsverständnis unterscheidet sich fundamental von den zuvor genannten Landschaftsverständnissen. Insofern erfordert es die Entwicklung einer neuen Terminologie, da Landschaft nicht mehr als gegebenes physisches Objekt und somit auch nicht mehr als physisch-materielle und wahre Referenzebene für soziale Landschaft onstrukte verstanden werden kann (wie dies noch beim gemäßigten Sozialkonstruktivismus der Fall ist). Konstruktionsprozesse von Landschaft werden in der Metaebene unter Verwendung insbesondere soziologischer Terminologie reflektiert und hinterfragt. Infolge der gemeinsamen nominalistischen Grundposition zeigt das nominalistisch-sozialkonstruktivistische Landschaft erständnis jedoch eine stärkere Affinität zum positivistischen denn zum essentialistischen Landschaftsbegriff. Auch wenn dessen Annahme der empirischen Erschließbarkeit von Welt (in diesem Falle Landschaft) nicht geteilt werden kann, so bieten empirische Erhebungen Kompartimente des Konstruktionsprozesses von Landschaft. Als Beispiele für dieses wissenschaftliche Landschaftsverständnis können folgende Arbeiten gelten: Cosgrove (1988a und 1999), Kühne (2006a und 2008a), wie auch diese Arbeit, Olwig (2006a und 2009).

5. Im Rückgriff auf den radikalen Konstruktivismus lässt sich Landschaft als Folge sozialer Kommunikation zu verstehen. Physische Objekte werden (nahezu) bedeutungslos und werden lediglich als Medien von Kommunikation behandelt. Die Terminologie leitet sich aus der Luhmannschen Systemtheorie ab. Im Gegensatz zum Sozialkonstruktivismus betrachtet der radikale Konstruktivismus die Konstruktion von Wirklichkeit zudem nicht als Akt des einzelnen individuellen Subjekts durch seine kognitiven Wahrnehmungsprozesse und nicht als Produkt der Gesellschaft (Dingler 2003: 76), wodurch er als individuell-kognitiver Konstruktivismus zu charakterisieren ist (Dingler 2003). Eine umfassende Rekonstruktion des Landschaftsbegriffs auf radikalkonstruktivistischer Grundlage ist bislang noch nicht vorgelegt worden (Ansätze finden sich bei Lippuner 2011).

Der wesentliche Unterschied zwischen positivistischen und essentialistischen sowie (nicht-gemäßigten) sozialkonstruktivistischen und radikalkonstruktivistischen Ansätzen liegt darin, dass die beiden erstgenannten Landschaft als Realraum konstruieren, letztere Landschaft als soziales Konstrukt begreifen, wodurch ihr der Lebensraumaspekt verloren[geht]. Sie kann keine Anpassungsregion im idiographischen Sinne mehr sein, weil ihr enthaltener Anteil konkrete Natur zugunsten eines abstrakten, problemorientiert definierten Beobachtungsraumes aufgegeben werden [muss] (Eisel 2009: 121). Der gemäßigte Sozialkonstruktivismus ist eher pragmatisch denn theoretisch geprägt darum bemüht, eine Brücke zwischen beiden Konzepten zu schlagen und bleibt damit auch für Vertreter essentialistischer und positivistischer Landschaftsforschung anschlussfähig. Die dargestellten wissenschaftlichen Landschaft egriffe werden in einzelnen Beiträgen darüber nicht durchgängig vertreten, bisweilen findet sich ein Oszillieren zwischen gemäßigt- und nominalistisch-sozialkonstruktivistischem Landschaftsverständnis. Für die konstruktivistischen Landschaftsverständnisse sind die unter positivistischen und essentialistischen Annahmen erzielten Forschungsergebnisse relevant, sie lassen sich in die konstruktivistisch ausgerichtete Forschung unter der zentralen Prämisse ihres grundsätzlichen Konstruktionscharakters integrieren. Somit zielt ein (nicht-gemäßigtes) sozialkonstruktivistisches Landschaft erständnis weniger primär auf die Dekonstruktion und Delegitimierung eines positivistischen und essentialistischen Zugangs, sondern auf eine reflexive Aufhebung der dort erhobenen Ergebnisse[4].

  • [1] Eine auf den Arbeiten von Karl Popper beruhende Erweiterung des positivistischen zu einem neopositivistischen Landschaft erständnis ist die Anerkenntnis, dass Erkenntnis nicht aus Einzelbeobachtungen hervorgeht, sondern zunächst mit einem vorgegebenen Konstrukt beginnt (Eisel 2009: 20).
  • [2] Graham (2002: 183, zuerst 1992) charakterisiert den sozialen Essentialismus als Idee, dass komplexe soziale Phänomene in ihrem Kern als Manifestationen oder Ausdrücke einfacherer Prozesse und Entwicklungen aufgefasst werden könnten.
  • [3] Ein Charakteristikum des essentialistischen Verständnisses von Landschaft ist die Konstruktion desTypischen, das wiederum als Basis für normative Setzungen in Bezug auf das Gegenständliche dient, wie Burckhardt (1995b: 259) anhand des Beispiels des Ruhrgebiets im Schulunterricht pointiert ausführt: Bei unserem Geographielehrer lernten wir, dass die rauchenden Schlote, die Fördertürme und die blauen Schirmmützen der Schichtarbeiter typisch seien für das Ruhrgebiet; konsequenterweise schützt die Denkmalpfl e heute diese Objekte mit Ausnahme der Schichtarbeiter und der Rauchfahnen in der Ruhr, selbstverständlich nicht anderswo, wo es verboten wäre, plötzlich einen Schornstein oder gar einen Förderturm zu erstellen.
  • [4] Aus der in dieser Arbeit vertretenen postmodernen Perspektive sozialkonstruktivistischer Landschaftsverständnisse erscheint ein hegemonialer Deutungsanspruch über Landschaft, wie er insbesondere von Vertretern eines positivistischen und essentialistischen Landschaft egriff vertreten wird, angesichts des (aus konstruktivistischen Überlegungen abgeleiteten) Gleichheitsgrundsatzes von Diskursen wenig opportun.
 
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