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3.3 Die Konstruktion von Landschaft

In der vorliegenden Arbeit wird objektivistischen und substantialistischen Raumvorstellungen (Lossau 2009: 34) nicht gefolgt. Konstitutiv für den dieser Arbeit zugrunde liegenden Landschaft egriff sind individuelle bzw. soziale Konstruktionen von Landschaft, (zunächst) jedoch nicht physische Objekte. Dabei bezeichnet Konstruktion

keine intentionale Handlung, sondern einen kulturell vermittelten vorbewussten Vorgang (Kloock/Spahr 2007: 56). Aus sozialkonstruktivistischer Sicht gibt es nirgends so etwas wie reine und einfache Tatsachen (Schütz 1971: 5; Burr 1995), in jede Wahrnehmung fließt in Form von Abstraktionen Vorwissen über die Welt (wie z. B. über Landschaft) ein. Die Wahrnehmung von Welt (hier als Landschaft) ist dabei kein isoliertes Ereignis, sondern vielmehr das Resultat eines sehr komplizierten Interpretationsprozesses, in welchem gegenwärtige Wahrnehmungen mit früheren Wahrnehmungen (Schütz 1971: 123124) in Beziehung gesetzt und Verweisungsstrukturen aktualisiert werden. Dabei ist davon auszugehen, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit sozial konstruiert ist, in der sich handelnde Subjekte und gesellschaftliche Strukturen gegenseitig konstituieren (Risse-Kappen 1995: 175; siehe auch Berger/Luckmann 1970). Die Wahrnehmung von Landschaft (als Zusammenschau unterschiedlicher Objekte) ist also wie alle Wahrnehmung erlernt (Virilio 1994; vgl. auch Peuker/Voss 2006)[1].

Aus konstruktivistischer Sicht ist Landschaft als spezieller Fall der allgemeinen Raumerzeugung zu verstehen, wobei Raumerzeugung [] hier vor allem die Erzeugung eines vom Außenraum abgesetzten Innenraums [bedeutet] (Müller 2008: 35), in der sich das Selbst konturiert und aufgrund der erlebten Aufeinanderfolge von Räumen [] das Selbstverständnis darüber hinaus narrativ verfasst [ist] (Müller 2008: 36). Die sozial präformierte Zusammenschau von Objekten zu Landschaft entstammt einem menschlichen Bedürfnis nach Sinnzusammenhängen (Seel 1996: 116; als Residuen der Klasse I, Instinkt der Kombinationen).

Die Verschränkung von individuellen/sozialen Wissensbeständen und physischen Objekten erfolgt durch Sinneseindrücke. Objekte lassen sich in nominalistischer Tradition als individuelle Gegenstände interpretieren, ihre Zusammenfassung zu Landschaft oder Raum stellen Abstraktionen durch den Menschen dar (Goodman 1951; vgl. auch Daniels/Cosgrove 1988)[2]. Grundlage der Interpretation von Sinneseindrücken ist in diesem Zusammenhang das bereits sozial vermittelte Erlernte. Schließlich ist uns Welt nicht als Abbild, sondern lediglich als Sinn- und Bedeutungszuschreibung verfüg- und erfahrbar (Burr 1995, Assmann 1999, Wöhler 2001). Bei einer solchen sozial präformierten individuellen Zusammenschau von Dingen werden Einheiten als Gestalten gebildet. Bei dieser Gestaltbildung erfolgt eine Abgrenzung des Ähnlichen von dem davon Verschiedenen (Ipsen 2006: 31): Da die Gestaltbildung unbewusst ist, erscheint sie uns nicht als soziale Konstruktion, sondern als Wirklichkeit. Grenzen fungieren dabei als lineare Regulatoren, sie definieren den Rahmen von Gedanken und praktischem Handeln in Aktionsräumen (Soja 2005: 33). In Bezug auf die Konstruktion von Landschaftvollzieht sich die Gestaltbildung durch den teilenden und das Geteilte zu Sondereinheiten bildenden Blick des Menschen, wobei Objekte zu der jeweiligen Individualität Landschaft umgebaut (Simmel 1990: 69, zuerst 1913) werden. Diese bewusstseinsinterne Konstruktion von Landschaft lässt sich mit Simmel (1990: 71, zuerst 1913) mit der Erschaffung eines Kunstwerkes vergleichen[3]. Das Erkennen von Landschaft in bestimmten Gegenständen in relationaler Anordnung ist also mehr als das Erkennen der Gegenstände, genauso wie Textverstehen mehr als das Erkennen von Wortbedeutungen ist (Berendt 2005: 29). Dem Erkennen von Dingen folgt bei der Konstruktion von Landschaft also zwingend eine Raumkonstruktion, wobei beide Ebenen konstitutiv aufeinander bezogen sind und in der Praxis der bewusstseinsinternen Konstruktion von Landschaft ein Oszillieren zwischen beiden Ebenen erfolgt, wobei die Dingbetrachtung zum Modus des Schönen gehört, die Raumanschauung dem des Erhabenen affin ist (Seel 1996). Mit Cosgrove (1988a: 13) lässt sich Landschaft somit nicht als diejenige, die wir sehen verstehen, sondern vielmehr als Konstruktion, eine Komposition dieser Welt. Landschaft ist Ausdruck der Art, Welt zu betrachten[4].

In systemtheoretischer Terminologie lässt sich die Erzeugung von Landschaft als Komplexitätsreduktion interpretieren. Ohne eine solche Komplexitätsreduktion wäre das menschliche Bewusstsein nicht in der Lage, sich zu orientieren, vielmehr müsste es mittels differenzierter Sinneneindrücke jeden Baum von neuem kennen lernen, denn bekanntlich gleicht keiner dem anderen (Eibl-Eibesfeldt 1997: 901), oder könnte mehrere nahe beieinander stehende Bäume nicht als Wald, als Feldgehölz oder Hain beobachten (vgl. auch Tuan 1974, Kaplan/Kaplan/Ryan 1998, Nohl 1997, Kühne 2008b). Dabei wird auf kulturell gebundene, sozial vermittelte Deutungen zurückgegriffen, Landschaft wird zu einem kulturellen Bild, einem bildlichen Weg der Repräsentation, da Umgebungen strukturiert und symbolisiert werden (Daniels/Cosgrove 1988: 1)[5]. In die Zusammenschau Landschaft fließen lediglich die als (in diesem Zusammenhang) wichtig klassifi ten Objekte ein (Kaplan/Kaplan/Ryan 1998)[6]. Dies gilt beispielsweise für Objekte, die zu klein (z. B. einzelne Kiesel), zu beweglich (z. B. Vögel), zu zahlreich (z. B. Blätter, Grashalme) sind, um einzeln in die Zusammenschau Landschaft aufgenommen zu werden (vgl. Kühne 2006a). Diese Auswahl gilt aber auch für Objekte, die nicht in das (übliche) Schema Landschaft passen, wie Windkraftanlagen, mehrere Häuser, Industrieanlagen oder Kraftfahrzeuge. Nimmt die Zahl der wahrgenommenen Objekte zu, die für die Synthese Landschaft als nicht angemessen erscheinen, d. h. zu deutlich vom Deutungsschema Landschaft abweichen, wird die Zuschreibung Landschaft für die Zusammenschau dieser Objekte verweigert (vgl. Biederman 1972)[7]. Dabei wird im Sinne von Pareto (2006) auf Residuen der Klasse I (Instinkt der Kombinationen) zurückgegriffen, indem Ähnlichkeiten kombiniert (z. B. Bäume zu Wäldern), wesentlich erscheinende Dinge herausgehoben (z. B. Denkmale), kombinierte Gegenstände mit Glückszuständen (wie Weinberge) verbunden werden.

Wird Landschaft nicht als physischer Gegenstand, sondern als soziales Konstrukt verstanden, das durch eine sozial präformierte Zusammenschau individuell konstituiert wird, erhält Ästhetik, als Regelsystem der Zusammenschau, eine zentrale Bedeutung in der Landschaftsforschung (ähnl. Mitchell 1994, 2000, Schmeling/Schmitz-Emans 2007). Eine sozialkonstruktivistische Sicht (in der Tradition von Berger/Luckmann 1970; vgl. auch Burr 1995) von Landschaft bedeutet nicht, dass Landschaft keine materielle Dimension hat, Landschaft wir vielmehr in einer Vielzahl von Materialien und vielen Oberflächen repräsentiert in Gemälden auf Leinwand, in Schriften auf Papier, in der Erde, Steinen, Wasser und Vegetation auf dem Boden (Daniels/Cosgrove 1988: 1).

  • [1] Wahrnehmung ist so Virilio (1994: 39) eine Sprache, die man von einer Gesellschaft beigebracht bekommt. In verschiedenen Gesellschaften sieht man nicht auf die gleiche Weise. In einer primitiven Gesellschaft sieht man anders als durch all die technischen Mittel, die unser Sehen, unsere Optik, unsere Perspektive in Szene setzen bis hin zur Industrialisierung, deren Opfer wir sind.
  • [2] In nominalistischer Tradition sind demnach auch Th rien und Gesetze der Wissenschaft reine Abstraktionen, mit dem Ziel, die Komplexität der Welt zu reduzieren (vgl. auch Pareto 2006).
  • [3] Dieser Vergleich unterstreicht damit die nahezu konstitutive Bedeutung von ästhetischem Zuschreiben für Landschaft: Denn das Verständnis unseres ganzen Problems hängt an dem Motiv: das Kunstwerk Landschaft entsteht als die steigernde Fortsetzung und Reinigung des Prozesses, in dem uns allen aus dem bloßen Eindruck einzelner Naturdinge die Landschaft im Sinne des gewöhnlichen Sprachgebrauchs erwächst. Eben das, was der Künstler tut: dass er aus der chaotischen Strömung und Endlosigkeit der unmittelbar gegebenen Welt ein Stück heraus grenzt, es als eine Einheit fasst und formt, die nun ihren Sinn in sich selbst fi und die Welt verbindenden Fäden abgeschnitten und in den eigenen Mittelpunkt zurückgeknüpft hat eben dies tun wir in niederem, weniger prinzipiellem Maße, in fragmentarischer, grenzunsicherer Art, sobald wir statt einer Wiese und eines Hauses und eines Baches und eines Wolkenzuges nun eine Landschaft schauen.
  • [4] Dabei handelt es sich um einen Akt der geistigen Aktivität, wie Schmeling/Schmitz-Emans (2007: 22) mit Fokus auf das Visuelle pointieren: Eine Landschaft zu sehen, bedeutet ein Stück sichtbarer Welt zum ästhetischen Bild (Gemälde, Graphik, Photo) zurecht-zu-sehen.
  • [5] Kognitionspsychologisch basiert diese Entkomplexisierung von Objekten zu Landschaft als Reaktion des Umgangs mit Strukturierungsbedarf (Miggelbrink 2009: 191) auf der Konstruktion von Wahrnehmungen durch die Auswahl von Reizen und dem Zusammenführen von Empfi ungen mit dem Gedächtnis. Dies bedeutet auch, dass zu jedem Wahrnehmen nicht nur ein Nichtwahrnehmen gehört, sondern dass solcher Ausschluss, solche Selektivität für das Wahrnehmen können konstitutiv ist (Welsch 2006: 31). Bei dem Vorgang der Auswahl von Reizen und dem Zusammenführen von Empfi ungen mit dem Gedächtnis werden Hypothesen gebildet, die einen Abgleich zwischen dem Wahrgenommenen und dem Gewussten darstellen. Das Gewusste umfasst infolge der Lebenserfahrung eine große Zahl von Schablonen, mit denen das Wahrgenommene abgeglichen wird (Solso 2005; vgl. auch Berendt 2005, Vogeley 2005). Die individuelle Konstruktion von Landschaft lässt sich kognitionspsychologisch folgendermaßen fassen: Die von einer Figur ausgestrahlte Lichtenergie, trifft (auch) auf die Retina und wird dort in neuronale Energie umgewandelt, diese wiederum wird an das Gehirn weitervermittelt. Im Gehirn wiederum wird die Suche nach bestehenden Schablonen durchgeführt. Wird eine entsprechende Schablone gefunden, die mit dem neuronalen Muster in Entsprechung zu bringen ist, wird das Objekt erkannt (beispielsweise als Baum). Dieser Vorgang erfolgt mit anderen Objekten, die als Häuser, Wiesen, Weiden etc. nach gleichem Prinzip schablonisiert sind. Landschaft stellt allerdings ein komplexeres Muster dar: Hier sind unterschiedliche Anordnungen verschiedener Objekte zu identifizieren. Bei dem Vorgang der komplexen Mustererkennung erfolgt neben dem Erkennen einzelner Objekte eine Wertung in wichtige und unwichtige Objekte.
  • [6] Jessel (2000: 149) stellt in Bezug auf Landschaft fest, es gäbe kein voraussetzungsloses Sehen im Sinne eines vollständigen Registrierens all dessen, was überhaupt an Reizen aus der Außenwelt aufgenommen werden kann. Vielmehr müssen über Sinnesorgane aufgenommene Reize strukturiert, geordnet und zu Gestalten zusammengefasst werden, um zu bewusster Wahrnehmung zu werden.
  • [7] So waren in der von Kühne (2006a) durchgeführten Studie 45,5 Prozent der 455 Befragten (= 207) der Meinung, man könne heute eindeutig Stadt und Landschaft voneinander trennen. 46,4 Prozent (= 211) verneinten diese Frage (8,1 Prozent machten keine Angabe oder kreuzten die Antwortmöglichkeit weiß nicht an).
 
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