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3.2 Landschaft als Gegenstand

3.2.1 Wesentliche Aspekte der Vorstellung von Landschaft als Gegenstand

In der Alltagssprache wie auch zumeist in der Fachsprache der Raumwissenschaften (und häufig auch in den Sozial- und Kulturwissenschaften) gilt Landschaft bis heute zumeist als Gegenstandmit ästhetischen Konnotationen (Olwig 2002; vgl. auch Kirchhoff/Trepl 2009). Ein Beispiel für eine positivistische Landschaftsdefinition (hier aus der Geographie) findet sich bei Paffen. Er bestimmt die geographische Landschaft als

eine vierdimensionale (raumzeitliche) dynamische Raumeinheit, die aus dem Kräftespiel, sei es physikalisch-chemischer Kausalitäten unter sich, sei es diese mit vitalen Gesetzmäßigkeiten oder auch geistigen Eigengesetzlichkeiten, gepaart in einer stufenweisen Integration von anorganischen, biotischen und gegebenenfalls kultürlich-sozialen Komplexen als Wirkungsgefüge und Raumstrukturen erwächst (Paffen 1953: 1718). Landschaft als Gegenstand ist gemäß dieser Sichtweise also das Ergebnis natürlicher und kultürlicher Prozesse im Behälter-Raum, also einer Vorstellung der klassischen Physik eines dreidimensionalen euklidischen Raumes, im Sinne einer von materiellen Körpern gefüllten und von bewusstseinsabhängigen Konstitutionsprozessen unabhängigen Realität, die mit materiellen Körpern gefüllt sein kann oder eben auch nicht (vgl. Sturm 2000, Schroer 2006, Werntgen 2008)[1]. Wird Landschaft als Objekt konzipiert, wird sie vielfach als Schichtkonstrukt verstanden, mit der ersten Schicht der physikalischen Strukturen (z. B. Gestein und Boden), einer Ebene der biotischen Natur und schließlich einer überlagernden Ebene der Kultur (es handelt sich hierbei um eine Einteilung, die sich auch in dem kreativ-ästhetischen landschaftsarchitektonischen Zugriff auf Landschaft wiederfindet: hier wird von Hardscapes, von Bürgersteigen bis bin zu Felsen, und Softscapes, also Pflanzen, gesprochen; Phillips 1998). Dieses Schichtmodell verleitet zur Konstruktion einer Kausalität zwischen natürlichen Grundlagen und Kultur, wie Olwig (1995b) feststellt [2]. Aus diesen objekthaft konstruierten Zusammenhängen werden SollVorstellungen zum Umgang mit dem Objekt Landschaft abgeleitet. Im Sinne der Logik einer objektimmanenten Ästhetik empfehlen beispielsweise Harker et al. (1999: 1), dass eine Verwendung autochthoner Pflanzen nicht allein die Landschaft widerherstellen würde, vielmehr führten sie auch zu einer Verschönerung der Landschaft. In ihrem Lehrbuch Landscape Architecture. A Manual of Environmental Planning and Design defi en Simonds/Starke (2006) sogar, welche Objekte und Objektkonstellationen

schön sind und welche Gefühle sie auslösen (ähnl. Falter 1992). Natur- und Kulturlandschaft

Im modernistischen Sinne wird Natur von Kultur dichotom geschieden (Fuller 1988, Hauser-Schäublin 2001, Groß 2006a). Natur bezeichnet dabei das Ursprüngliche und Gute [], das im Gegensatz zu Gesellschaft als dem Künstlichen und gar Zerstörenden steht, gleichwohl aber auch das Wilde und Bedrohliche, das zum Schutz der Gesellschaft gezähmt wird (Groß 2006a: 5) und bleibt stets aber ein Stück Gegenerfahrung zur Sphäre der kulturellen Sinne (Seel 1996: 115; vgl. auch Bonsdorff 2005). Diese dichotome Konstruktion von Kultur und Natur schlägt sich in der Landschaftsforschung in den Konstrukten von Naturlandschaft und Kulturlandschaft nieder: Aus Perspektive des Naturschutzes wird eine ursprüngliche harmonische Naturlandschaftzunehmend von Eingriffen des Menschen überformt (Sieferle 1999: 149)[3]. Diese Einteilung hat sich im Gegensatz zu Europa in den Vereinigten Staaten nicht allgemein durchgesetzt. Körner (2010: 7) begründet dies damit, dass es das, was Europäer Kulturlandschaften nennen, [] in dieser gewachsenen Form in den USA nicht gäbe. Auch eine naturwissenschaftlich orientierte Landschaftsforschung ist nicht frei von ästhetischen Bezügen: Auch hier werden Prinzipien der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zur Abgrenzung auf Grundlage der sinnlichen Wahrnehmung bestimmter landschaftlicher Phänomene herangezogen (z. B. bei der naturräumlichen Gliederung) und somit auch vom Modus der ästhetischen Betrachtung beeinflusst. Insofern kann selbst bei naturwissenschaftlich orientierter Landschaftsforschung von einer konstitutiven aber impliziten ästhetischen Komponente ausgegangen werden. Schließlich besteht das Erkennen von Strukturen in hohem Maße darin, sie zu erfinden und auszuprägen. Begreifen und Schöpfen gehen Hand in Hand (Goodman 1992: 37).

Der Einfluss des Menschen auf die als Objekt verstandene Landschaft wird bei der Defi tion von Kulturlandschaft hervorgehoben, wie sie beispielsweise von Wöbse (1999: 269) präsentiert wird: Kulturlandschaften sind vom Menschen gestaltete Landschaften, deren ökonomische, ökologische, ästhetische und kulturelle Leistungen und Gegebenheiten in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, die eine kontinuierliche Entwicklungsdynamik gewährleisten und langfristig dazu geeignet sind, Menschen als Heimat zu dienen.

[4] Neben dem objekthaft-essentialistischen Charakter wird bei diesem Landschaftsverständnis neben einer Wertung (jene der Ausgewogenheit und der Eignung) auch eine objekthafte Gleichsetzung von Kulturlandschaft und Heimat vollzogen eine Entwicklung, die sich in Nordamerika in dieser Form nicht vollzogen hat (Pregill/Volkman 1999; vgl. hierzu Kapitel 5)[5]. Als Grundlage für die räumlichen Planungsprozesse auf den unterschiedlichen planerischen Ebenen dienen gegenwärtig sehr differenziert elaborierte Erfassungs-, Auswahl- und Bewertungsmethoden (Soyez 2003: 30; vgl. auch Bourassa 1991, Haber 2001) von Landschaft. Ziel solcher Verfahren ist in der Regel eine Übersetzung landschaftlicher Spezifika in ein quantifizierendes, (scheinbar) objektivierendes Darstellungsschema (vgl. z. B. Daniel/Boster 1976, Ruppert 1976, Schauman/Pfender 1982, Wagner 1999). Die Bewertungen basieren dabei auf dem Konstrukt von Werturteilen intersubjektiver Gültigkeit (Bechmann 1981, Harth 2006) als Ausdruck gemeinsam geteilter, kollektiver Überzeugungssysteme (im Sinne von Ipsen 2006: 140).

Epistemologisch basiert der Begriff der Landschaft als physisches Objekt auf der Cartesischen Erfindung des Dualismus von Geist und Körper. Darin verfestigte sich im abendländischen Denken die Überzeugung, außerhalb des menschlichen Geistes gäbe es eine von ihm unabhängige und als intersubjektive Wirklichkeit erkennbare Welt, deren Funktionen und Strukturen durch wissenschaftliche Methoden als objektive Wahrheit erkannt werden können (Glasersfeld 2001, Soja 2003; Passoth 2006: 41): Wir wissen etwas Wahres über die Welt, wenn das, was wir wissen, mit der Beschaffenheit der Welt übereinstimmt. Dieses Common-Sense Verständnis von Wissenschaftlichkeit begegnet uns allerorten.

  • [1] Carl Sauer (2005, zuerst 1925) definiert Landschaft als einen Raum, der sich aus bestimmten, sowohl physischen als auch kulturellen Formen zusammensetzt. Damit verweist er auf nicht-materielle Bezüge von Landschaft, die sich jedoch im physischen Raum niederschlagen können (vgl. Sauer 2005, zuerst 1925, Kemper 2003).
  • [2] George L. Henderson (2003: 183) beschreibt den klassischen deutschen (auch wissenschaftlichen) Landschaft egriff (er überschreibt einen Abschnitt seiner Ausführungen als Landscape as Landschaft mehr oder weniger als Synonym zwischen dem Ländlichen aus einer Gemeinschaft in einer relativ kleinen räumlichen Einheit, die mehr oder weniger durch ein Gleichgewicht zwischen Menschen und Land, mehr oder weniger durch eine nachhaltige Bewirtschaftung der lokalen Ressourcen unter den Bedingungen einer mehr oder minder geteilten alltäglichen Technologie, geprägt ist (ähnlich auch Olwig 2002).
  • [3] Die Trennung von Natur- und Kulturlandschaft hat dabei (auch) forschungsstrategische Bedeutung: Die Zuständigkeit der Naturlandschaftsforschung wird (primär) in die Hand der Naturwissenschaften, jene für die Kulturlandschaftsforschung in die der Kulturwissenschaften gelegt.
  • [4] Bei anderen, differenzierteren Klassifikationen von Landschaft werden Abstufungen zwischen den extremen der Natur- und der Kulturlandschaft hervorgehoben. So unterscheidet beispielsweise Succow (1992: 10; zit. nach Job 1999) vier Intensitätsstufen der Nutzung von Landschaft:

    1. Natur, ohne menschliche Beeinflussung,

    2. extensive Nutzungslandschaft geprägt durch historische Landnutzungsformen und naturnahe Erholung,

    3. intensive Nutzungslandschaft, geprägt durch ökologischen Landbau, naturgemäßen Waldbau und Erholung,

    4. Siedlungs- und Industrielandschaft als Siedlungs-, Produktions- und Dienstleistungsraum.

  • [5] Aus dieser Amalgamierung von Heimat und Landschaft als Objekt werden in der Regel Erhaltungsforderungen abgleitet (z. B. bei Henkel 1997, Piechocki et al. 2003, Schenk 2006; vgl. auch Groth/Wilson 2003, Piechocki 2010), die sich rekursiv in Bezugnahme auf rechtliche Kodifi ungen wie z. B. Naturschutzgesetze herstellen.
 
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