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3.1 Historische Aspekte des Verhältnisses von Mensch und Landschaft

Der soziale Produktionsprozess des Begriffs der Landschaft findet im germanischen Sprachraum seine Ursprünge bei der Bezeichnung eines Siedlungsraumes bestimmter Personengruppen, sowie den sozialen Normen in einem Land und dem Land, in dem solche Normen Gültigkeit haben (Müller 1977: 7; siehe auch Groth/Wilson 2003), wobei diese Normen zunächst eher auf gemeinschaftliches Handeln zurückgingen denn auf herrschaftliche Satzung, was durchaus zu Konflikten zwischen Gemeinschaft und Herrschaft führen konnte (Olwig 2002). Seit dem 9. Jahrhundert entwickelte sich der Begriff der Landschaft zu einer Bezeichnung der herrschaftlichen Zugehörigkeit der Bewohner eines Landes (Hard 1977, Sullivan 1998, Jessel 2000, Groth/Wilson 2003). Die Bezeichnung Landschaft war zu jener Zeit ein präziser Ausdruck von menschlichen Gesetzen und rechtlichen Institutionen (Olwig 1996a: 644).

In der Renaissance wurde der Begriff um eine bis heute gemäß Kirchhoff/Trepl (2009) maßgebliche ästhetische Komponente erweitert. Diese Komponente basiert auf der Entwicklung der Landschaftsmalerei als eigenständiger Disziplin (Andrews 1989, Schmeling/Schmitz-Emans 2007), die mit unserer Vorstellung von einer idealen Landschaft unlösbar verbunden (Riedel 1989: 45; siehe auch Cosgrove 1988a und 1993, Olwig 2007, Conzen 2010a, Foxley 2010) ist. Es handelt sich also um einen Bildtypus der idealisierten Landschaft, der in der europäischen Malerei des siebzehnten Jahrhunderts geschaffen wurde und seine [] verbindliche Ausformung durch Claude Lorrain erfuhr (Riedel 1989: 45; Hirsch 2003), was auch in der typischen Redewendung des späteren 18. Jahrhunderts, eine Landschaft sähe aus, als hätte sie Lorrain erfunden (Hard 1983: 177), zum Ausdruck kommt (vgl. auch Kaufmann 2005). Landschaft entstand also durch die malerische Transformation physischer Objekte, sie war pittoresk, weil sie wie ein Bild aussah (Thomas 1984: 265; Herrington 2006, Schmeling/Schmitz-Emans 2007). Damit wurde Landschaft eine spezifische Erwartung visueller Wahrnehmung von einem bestimmten Standpunkt aus (Tuan 1974: 133).

Mit der Modernisierung der Gesellschaft übertrug sich die ästhetische Betrachtungsweise auf die Betrachtung physischer Räume (Cosgrove 1988a und 1993, Hugill 1995). Der Übertragungsweg des Landschaftserlebnisses von der Kunst insbesondere der Malerei, aber auch der Dichtung in den Bereich des physischen Raumes wird am Beispiel der sogenannten Claude-Gläser (nach Claude Lorrain) anschaulich: Dabei handelt es sich um getönte Spiegel, die man so lange hin und her bewegte, bis man eine Lorrainsche Landschaft gleichsam gerahmt eingefangen hatte, wobei der Betrachter der Landschaft bezeichnenderweise den Rücken zukehrte (Kortländer 1977: 37; vgl. auch Löfgren 2002, Groth/Wilson 2003, Groth/Wilson 2003, Foxley 2010). Der Gebrauch kann als Zwischenschritt in der Wahrnehmung von Landschaft gelten, im Ergebnis wurde Landschaft von der Welt des Gemäldes in die physische Welt übertragen (Shepard 1967). Zentral wird dabei die landschaftliche Symbolik. Als landschaftliche Symbole lassen sich in diesem Zusammenhang physische Manifestationen von Ideen (Davies 1988: 33) verstehen. In den Vereinigten Staaten erlangte die romantische Landschaftsmalerei insbesondere mit der Hudson River School an Bedeutung (als deren Begründer Thomas Cole (18011848) gilt), deren Bilder detailreiche Landschaften mit moralischen Themen verband (Campbell 2000: 63) und Amerika als möglichen Garten Eden präsentierte (Campbell 2000: 63), indem Wildnis und kultiviertes Land gegenübergestellt wurden.

Auch die Übertragung der Ästhetik der Landschaft ei auf den physischen Raum in der Gartenrevolution des 18. Jahrhunderts in Form der Einführung des Landschaftsgartens leistete einen Beitrag auf die symbolisch kommunizierende Sinnkonstitution von Landschaft (Kehn 1995: 1) als Element einer aktiven Produktion von Wirklichkeit (Schmitz-Emans 2005: 10; vgl. Cosgrove 1985, Daniels 1988, 1991 und 1993, Bourassa 1991, Löfgren 2002, Mozingo 2003) und als Symbol für die Ablehnung der als ungerecht und überkommen geltenden Ordnung des Absolutismus und den ihn repräsentierenden französischen Barockgarten (Olwig 1995a). Symbolisiert der französische Garten den Drang nach naturwissenschaftlich-technischer Beherrschung, im Sinne von Seel (1996: 277) als Korrektiv der Natur interpretierbar, setzt der englische Garten dem die Idealisierung (kulturalisierter) Natur entgegen (vgl. Daniels 1988 und 1999, Hasse 1993, Hugill 1995). Er lässt sich als physischer Ausdruck der Sehnsucht nach der Harmonie von Mensch und Natur interpretieren, die letztlich eine Natur gemäß den Lebensbedürfnissen des Menschen impliziert, die schön-und-gut (Seel 1996: 130) sein soll. Gernot Böhme (1989: 95) empfiehlt sogar, den Garten als Prinzip des menschlichen Naturbezugs in Form einer Humanisierung der Natur zu vollziehen [1].

Träger dieser ästhetisierten landschaftlichen Betrachtung waren in Europa insbesondere Gebildete (zumeist Stadtbewohner), die mit der nötigen ökonomischen und sozialen Distanz zur auf dem Land verorteten Landschaft ausgestattet waren (Williams 1973, Ritter 1974, Cosgrove 1988a, Daniels 1988 und 1993, Bourassa 1991, Löfgren 2002, Green 2003)[2]. Die konstitutive Bedeutung des Städtischen in Abgrenzung zum Ländlichen verdeutlicht Tuan (1979: 9), indem er die Stadt als das sichtbarste Symbol der menschlichen Rationalität und des Triumphs über die Natur bezeichnet. Der Übergang von der Agrarzur Industriegesellschaft bedeutete eine ökonomisch bedingte Entfremdung des Menschen von seiner ursprünglichen Naturverbundenheit. An ihre Stelle trat eine neue wissenschaftliche Naturerkenntnis und eine verstärkte Naturbeherrschung (siehe auch Donnelly 2002). Dabei wird Landschaft (als Gegenbild zur Stadt) im Zuge der zunehmenden Emanzipation vom Naturzwang und dessen Ablösung durch gesellschaftliche Zwänge (z. B. an technischen Notwendigkeiten ausgerichtete Arbeit) symbolisch aufgeladen: Was den Städter vor die Tür und in die Natur treibt, ist nämlich genau dies: den gesellschaftlichen Zwängen, der sozialen und räumlichen Enge der Stadt zu entfliehen (Kaufmann 2005: 59; ähnl. Tuan 1979). Die Ästhetisierung von Natur in ihrer erhabenen Variante als Meer oder Hochgebirge oder als durch den Menschen kultivierte Natur in Agrarlandschaften als Landschaft fand Ausdruck in einer emotionalen Hinwendung zur Natur, des Naturgefühls und der Naturerfahrung, die sich im Betrachten und Genießen äußert (Williams 1973, Tuan 1979, Bourassa 1991, Haber 1992, Zapatka 1995, Cronon 1996a, Fuhrer 1997, Fischer, L. 2001, Hoeres 2004). Diese Wiederverzauberung der durch die Aufklärung entzauberten Natur durch einen ästhetisierten Zugriff lässt die Romantik als die dunkle Kehrseite der Aufklärung (Illing 2006: 48; vgl. auch Sloterdijk 2007) deutbar werden. In der Romantik wurde sogar eine ganzheitliche Wissenschaft aus kognitiven, moralischen und intuitiv-ästhetischen Vorstellungen konzipiert (Eagleton 1994, Eisel 2009). Das ästhetisch vermittelte Konstrukt eines Sinnzusammenhangs Landschaft wird zum Ausdruck des guten und wahren Lebens im Einklang mit der Natur und den natürlichen gesellschaftlichen Ordnungen [transformiert und] unter dieser antidemokratischen Perspektive im Zuge der Gegenaufklärung und Romantik in ein konservatives politisches Programm (Körner/Eisel 2006: 46) überführt. Die landschaftliche Betrachtung wurde aber auch zum Gegenstand distinktiver Abgrenzung gegenüber jenen, die entweder nicht den gebildeten Code der Landschaft beherrschen, schließlich kann allgemein nur wer den Code kennt, [] die Zeichen verstehen und weiterhin agieren (Kastner 2002: 232), oder als Landwirte nur wenig Sinn für die Ästhetik des Raumes, dem sie ihren Lebensunterhalt abringen müssen, entwickeln (vgl. Cosgrove 1988a und 1988b, Ipsen 2006; zur Verräumlichung von Codes siehe Lippuner 2008).

Die distinktive Ästhetisierung der Funktionslogik der gebildeten Städter äußert sich auch im Bereich der Landschaft in Verschwendung (Veblen 1899): Schön ist das, was teuer und nutzlos ist

[3]. Teuer ist die Ästhetisierung von Landschaft für den gebildeten Städter, weil er um Distinktionsgewinne zu erzielen immer von neuen landschaftlichen Genüssen berichten muss, die ihn zu ausgedehnten Reisen veranlassen. Nutzlos ist Landschaft [4] deswegen für ihn, weil er nicht unmittelbar in dem ästhetisierten Raum seinen Lebensunterhalt verdienen muss oder wie bei erhabenen Landschaften, worauf Fischer, L. (2001) hinweist eine stoffliche Nutzung nicht oder nicht wirtschaftlich möglich ist (vgl. Prince 1988). Zentraler Ausdruck des Distinktionsgebrauchs von Landschaft war das Lesen (und Verfassen) von Reiseberichten, mit deren Hilfe Erlebens- und Wahrnehmungskonventionen entwickelt werden konnten, die zur Abgrenzung gegenüber jenen Verwendung finden konnten, die aufgrund der Sicherung ihres Lebensunterhaltes weder abkömmlich waren, noch die Muße aufbrachten, die in der Literatur dargebotenen Deutungen zu inkorporieren (vgl. Löfgren 2002). Doch auch innerhalb der herrschenden Klasse der Gebildeten (und mit hinreichend ökonomischem Kapital Ausgestatteten) konnte Landschaft als Distinktionsmechanismus Verwendung finden: Die Zahl der besuchten und als schön, erhaben bzw. pittoresk klassifizierten Landschaften entschied ebenso über die Generierung von zentraler gesellschaftlicher Bedeutung seiender (Honneth 1992) sozialer Anerkennung [5] bei relevanten sozialen Gruppen (hier der Gebildeten)[6] wie eine plastische Darstellung des Erlebten und physische Dokumente der Reise in Form von authentischen Souvenirs (vgl. Löfgren 2002). Anders als in Europa war in den Vereinigten Staaten die Konstruktion von Landschaft weniger an das Städtische gebunden. Das hatte wie an späterer Stelle gezeigt wird einen weniger konstitutiven Einfluss auf die kulturelle Selbstdefinition im Vergleich zu derjenigen Europas. In den Vereinigten Staaten konstituierte sich die Wahrnehmung von Landschaft zunächst stärker an der Abgrenzung von kultivierter Landschaft zu angsteinflößender Wildnis (vgl. Tuan 1979, Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/Johnston 1988, Osborne 1988, Warner 1994, Cronon 1996a, Olwig 1996b, Keck 2006), als im weitesten Sinne von Euroamerikanern unkontrolliertes Land (Pregill/Volkman 1999: 435), als Sinnbild einer bösen Gegenwelt (Kirchhoff/Trepl 2009: 44): Landschaft wurde zunächst (wie auch in Europa) als pittoreskes Spektakel (Clake 1993: 9; ähnl. Olwig 2008; vgl. auch Hirsch 2003), als besonderer Ort auf Grundlage von Landnutzung und -besiedlung konstruiert und beschränkte sich im 16. und 17. Jahrhundert weitgehend auf die Räume angelsächsischer Kolonisierung in Virginia und Neuengland. Hier erfüllte die Ästhetisierung die Funktion einer zweiten Abgrenzung, nicht nur gegen Wildnis, sondern auch gegen das Erscheinungsbild französischer und spanischer kolonialer Territorien (Clarke 1993; vgl. auch Kaufmann 2005). Etwa ab dem Bürgerkrieg (18611865) setzte sich nach dem Vorbild der Gestaltung englischer Landschaften bei Industriellen in den Neuenglandstaaten der Wunsch durch, die sorgfältig manikürten ländlichen Landschaften (Hugill 1995: 157), insbesondere im Stil der englischen Landschaftsgärten (Hayden 2004a), zu imitieren. Damit wurde auch in den USA Landschaft zum Gegenstand von Gestaltungen auf Grundlage ästhetischer Überlegungen und nicht allein ex-post ästhetisierte Nebenfolge menschlicher (insbesondere wirtschaftlicher) Aktivität. Physischer Ausdruck der Wertschätzung ländlicher Landschaft wurde auch in den Vereinigten Staaten ab der zweiten Hälfte der 19. Jahrhunderts der Trend der herrschenden Klasse, Landwohnsitze die stilistisch europäische Vorbilder zitierten in als arkadisch konstruierten Landschaften zu errichten (Hugill 1995).

Erst im 19. Jahrhundert, insbesondere in der zweiten Hälfte, wurde auch wilde Landschaft im Modus der Erhabenheit als ästhetisch konstruiert (Oelschlaeger 1991, Clarke 1993, Abrams 2004, Kaufmann 2005), deren physische Grundlagen die aus WestEuropa bekannte Vielfalt auch bei Weitem überstieg: Erhaben wahrgenommene Wildnis beschränkte sich hier nicht auf Wälder, Sümpfe, Gebirge und Küsten, sondern umfasste auch Wüsten, Vulkane, Steppen und Halbwüsten (Clarke 1993; vgl. auch Osborne 1988, Zapatka 1995, Kotkin 2006). Wildnis symbolisierte ab dieser Zeit die idealisierten amerikanischen Werte von Unabhängigkeit, Selbstverantwortung und Aufrichtigkeit (Pregill/Volkman 1999: 436, Cronon 1996b), wodurch Wildnis zu einem nun positiv besetzten moralischen Begriff transformiert (Kirchhoff/Trepl 2009) und auch zur distinktiven Abgrenzung zur stärker anthropogen beeinflussten Landschaft der Alten Welt herangezogen wurde (Zapatka 1995). Der Mechanismus der Distinktion hier durch gebildete Bewohner einerseits von Städten, andererseits von ländlicheren Regionen blieb hier allerdings derselbe wie in Europa und ging stark von Malern wie George Catlin, Schriftstellern und Philosophen wie Thomas Jefferson, Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau und John Muir zurück (Rust 1957, Clarke 1993, Cronon 1996b, Westling 1996, Noy 2003, Abrams 2004, Hardinghaus 2004, Keck2006). Ein wesentlicher Aspekt der Konstruktion von Landschaft war ihre Verbindung zu Angst: Seit dem achtzehnten Jahrhundert war die ästhetische Erfahrung von Angst mit Natur und Landschaft verbunden, kodifiziert durch die Theorie des Erhabenen. Ausdrücke des Erhabenen reichen von den Gruselromanen und den Ursprüngen des Bergsteigens zum Film Noir, Science Fiction und Heavy Metal Rock Musik haben eine starke mediale Präsenz der Idee von Angst geliefert (Gold/Revill 2003: 3).

Anders als in der ästhetischen Hinwendung zu Landschaft bleibt Hard (1977) zufolge in der geographischen (ebenso der planerischen) Fachspracheder mittelalterliche Bedeutungsinhalt des Wortes Landschaft im Sinne von Region erhalten. Diese stark geometrische Prägung des Begriffes, auch wenn sie im 19. Jahrhundert zunehmend aus der Alltagssprache verdrängt wurde, wurde in der Zeit der Wende vom

19. zum 20. Jahrhundert in den Raumwissenschaften mit dem Begriff von Landschaft im Sinne von landscape, also einer ästhetischen Betrachtung, ergänzt und verschmolzen. Der daraus resultierende Begriff der Landschaft besteht damit aus einem Amalgam ästhetischer undnaturalistischer Komponenten: Landschaft ist klar abgegrenzt und (normativ) schön.

Wie andere durch die herrschende Klasse definierte Kulturgüter, wurde auch der romantische Zugriff auf Landschaft durch den mittleren Geschmack im Sinne von Bourdieu (1987) übernommen. Neben der Popularisierung landschaftlicher Codes (freilich ohne die metaphorische Tiefe der Landschaftskonstruktion der Romantiker und Transzendenzialisten) war ein wesentliches Element dieser Trivialisierung das Aufkommen billiger Massenverkehrsträger, zunächst mit der Eisenbahn, später mit dem Kraftfahrzeug (vgl. Clarke 1993, Vöckler 1998, Green 2003). Im zweiten Drittel des

20. Jahrhunderts sind für Bourdieu (1987: 108) ,kitschige Lieblingsmotive wie Berglandschaft, Sonnenuntergang am Meer und Wald Ausdruck der Ästhetik der unteren Klassen (vgl. auch Fischer, L. 2001, Kühne 2008a). Diese sei so Greenberg (2007, zuerst 1939: 206) durch Mechanisierung und Funktion nach festen Formeln geprägt und sei als Kitsch Erfahrung aus zweiter Hand, vorgetäuschte Empfindung. Die erhabene naturnahe wie auch die arkadische Landschaft sind somit für den legitimen Geschmack ihrer Distinktionsfähigkeit beraubt worden und somit für eine ästhetisierte Betrachtung uninteressant geworden (Kühne 2008a). Geringe interpretative Komplexität ist ein wesentliches Element der retrospektiven Zuschreibung von Attraktivität (Jackson 1984: 38): Was die amerikanische Landschaft des frühen 19. Jahrhunderts so attraktiv erscheinen lässt, ist die Leichtigkeit, mit der wir sie lesen und interpretieren können. In der Mitte der Felder liegt die Farm, welche den Grad an Wohlstand und Zufriedenheit signalisiert. Die soziale Distinktion des legitimen Geschmacks erfährt auch eine räumliche Verortung, wie Wyckoff (2010) anhand der Verwendung distinktiv wirkender Architekturen der herrschenden Klasse der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und desfrühen 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten untersucht: Neue architektonische Trends aus Europa wurden zunächst in New York imitiert und danach von den regionalen Metropolen wie Chicago, Denver oder San Francisco übernommen.

Abbildung 6 Das Modell der landschaftlichen Phasenverschiebung (a) (nach: Burkholder 2010): Phase a1: Entstehung von Nutzungsansprüchen, Phase a2: Aufbau physischer Strukturen gemäß den Nutzungsansprüchen; a3: Übereinstimmung von Anspruch und physischen Strukturen; Phase a4: Abnahme der Ansprüche bei gleichzeitig bestehen bleibenden physischen Strukturen; a5: Abnahme der Ansprüche und gleichzeitiger Verbrauch physischer Strukturen; Phase a6: Aufgabe der Ansprüche mit der Folge des beschleunigten Verbrauchs physischer Strukturen.

Wie der Übergang von der Agrarzur Industriegesellschaft eröffnet auch der Prozess der Postindustrialisierung der Gesellschaft (Bell z. B. 1985, zuerst 1973) dem legitimen Geschmack die Möglichkeit, reliktische Objekte der Vergangenheit zu ästhetisieren, schließlich ist der Übergang vom modernen fordistischen zum postmodernen postfordistischen Akkumulationsregime (Boyer 1986, Hirsch/Roth 1986, Lipietz 1986, Storper/ Scott 2002, zuerst 1989) auch mit einer Transformation von Zeichen und Symbolen vom

industrial-space zum post-industrial-space (Lash/Urry 1994: 193; Harrison 1994) verbunden, einerTransformation, die besonders drastisch in den Altindustriegebieten Westeuropas und Nordamerikas zu finden ist. Die Ästhetisierung von ökonomisch durch die globale Mobilität von Kapital entwerteten Altindustriestandorten ermöglicht nun, diese erneut mit Bedeutung (Hoppmann 2000: 159; vgl. auch Liessmann 1999, Pregill/ Volkman 1999) zu füllen [7]. Die Entwürfe postindustrieller Stadtlandschaften assoziie-

Die Möglichkeiten der Modifi ation der Phasenverschiebung durch die Ästhetisierung von Landschaft: Phase b1 bis b4: Verlauf vergleichbar a1 bis a4; Phase b5: im Vergleich zu a5 verkürzt; Phase b6: Ästhetisierung physischer Strukturen bei deren gleichzeitigem weiteren Verfall; Phase b7: gestiegene Ansprüche an die physischen Strukturen induzieren deren Restrukturierung.

ren barocke Ruinenästhetik mit zerfallenden Hochöfen und Erinnerungen an den pittoresken Garten des achtzehnten Jahrhunderts (Hauser 2004: 154; Herrington2006), die Burckhardt (1995a: 104) eine paradoxe Konstatierung nennt. Diese sei davon geprägt, dass der verlorene Anspruch noch da ist, die Begründung aber nicht mehr im logischen Bereich, sondern nur noch durch Andenken, aus etymologischen Schichten zu führen ist. Der legitime Geschmack hebt (nahezu willkürlich) profane Objekte der Altindustrialisierung aus dem Gemenge der Funktions- und Wertlosigkeit und lädt sie mit Bedeutung auf (vgl. Bourdieu 1987, Liessmann 1999, Herrington 2006, Kühne 2006a; Abbildung 6) und symbolisiert durch seine Auseinandersetzung mit dem innovativen Potential dieser Landschaften in Abgrenzung zum modernekritischen Diskurs der Zurück-zur-Natur-Bewegung (Giacomoni 2007) seine distinktiven Fähigkeiten. Dabei symbolisieren Ruinen den desillusionierenden Zweifel am Gelingen des Fortschritts (Trigg 2009). Die Aufgabe der bisherigen Nutzungen der Objekte ermöglicht konnotative Umcodierungen, wobei die vormaligen Funktionen latent vorhanden bleiben (Hasse 1993, Ipsen 2006). Mit einer solchen Sakralisierung des Profanen (Durkheim 1984) wird Landschaft (in Form der altindustriellen Landschaft) für die herrschende Klasse erneut mit distinktiver Funktion erfüllt. Bereits die Landschaftsmalerei des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts hatte mit Philippe de Loutherbourg,

J. M. W. Turner und Joseph Wright industrielle Landschaft als erhaben ästhetisiert (vielfach wurden Industrieanlagen als menschengemachte Vulkane dargestellt; Fraser 1988). Weder der mittlere noch der populäre Geschmack haben einen Zugang zum Pathos der postmodernen ästhetischen Erhabenheit (im Sinne von Lyotard 1987c; Trigg 2009) altindustrieller Objekte entwickelt (vgl. zur Empirie Kühne 2006a). Das Muster der distinktiven Ästhetisierung des Altindustriellen als Symbole des einfachen, harten Arbeiterlebens (Vicenzotti 2005: 231) bedeutet eine Reproduktion des Bewertungsschemas des einfachen, harten und gemeinschaftlichen Landlebens in der Zeit des Übergangs von der agrarzur industriegesellschaftlichen Ordnung (vgl. Höfer 2001; Fischer,

N. 2001, Eisel 2009). Dem mittleren und populären Geschmack gelten altindustrielle Relikte hingegen eher als Symbole zumindest des ökonomischen, wenn nicht gar gesellschaftlichen, Scheiterns (Kühne 2006a) bzw. werden als hässlich beschrieben (Franke 2008). Aus modernistischem Kalkül ist die Konsequenz des Transzendierens des Scheiterns der Abriss von Ruinen, während eine widerspruchstolerante postmoderne Bezugnahme altindustrielle Ruinen als belebendes Element einer belebten und historisch verwurzelten Stadt begreifen kann (vgl. auch Hasse 2000, Trigg 2009). Die Deutung von Stadt als Landschaft, wie sie sich in den vergangenen Dekaden durchgesetzt hat, rekurriert dabei einerseits auf natürlich deklarierte Restbestände in Städten (Parks, Ruderalvegetation [8]), ist aber so Fischer (2011) vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung des Landschaftsbegriffs als ästhetisierte Natur und der (später noch zu diskutierenden) Umbildung natürlichen Materials zu kultürlichen Zwecken zu sehen.

Die Ästhetisierung von Objekten zu Landschaft unterliegt dabei einer zentralen Voraussetzung: Landschaft gilt gemeinhin im Gegensatz (zumindest im kapitalistischen Gesellschaftssystem) zu den einzelnen sie konstituierenden Flächen, Gebäuden, Bäumen etc. als Allgemeingut. Eine Wertung, die auf die Ursprünge des Landschaftsbegriffs als Normen einer Gemeinschaft, jenseits der Herrschaft, zurückgeht (Olwig 2002). Dies verdeutlicht einerseits ihre hohe wie später zu zeigen sein wird konstitutive subjektive Bedeutung, andererseits lässt dieser Allgemeingutsbezug die vielfach großen Widerstände gegen Veränderungen von Objekten, denen eine große landschaftliche Bedeutung zugeschrieben wird, nachvollziehbar werden. Diese Eingriffe werden als Beeinträchtigungen des Allgemeingutes Landschaft wahrgenommen. Somit lässt sich mit Martin Seel (1996) feststellen, dass Landschaften vielfach als Symbol für das gute Leben genutzt werden. Dieses Symbol ist epochen-, klassen- und milieuspezifisch verschieden definiert. Damit wird ebenfalls deutlich, dass Landschaft zur Herstellung wie zur Stabilisierung gesellschaftlicher Identität und damit auch zur Perpetuierung Herrschafts- und Machtstrukturen genutzt wird (Hunsicker 2000).

  • [1] Seel (1996) charakterisiert Böhmes (1989) ökologische Naturästhetik als lediglich partial gültig, da sie sich auf die harmonische Natur beschränke, und ohne dass diese Einschränkung zu einer doppelten Stilisierung des Naturschönen (Seel 1996: 130) werde: Das Schöne, dem nicht der Kontrast zum Hässlichen und wenigstens ein Keim des Erhabenen innewohnt, ist nur halb so schön; erst recht wäre eine Natur, wäre sie nicht nachmenschlichen, wie immer an der Natur aufgefundenen Normen der Schönheit gestaltet, nur noch der Wintergarten einer in sich selbst verliebten Kultur (Seel 1996: 130 130). Markierter Teil klingt, als fehle ein Attribut zu Natur
  • [2] Chatwin (1987) verweist darauf, dass bei den Gemälden australischen Aborigines als Beispiel für eine vormoderne Gesellschaft eine episodische Darstellungsweise von Geschehnissen dominiere, landschaftliche Elemente lediglich dann in den Gemälden dargestellt wären, wenn sie zum kontextualen Verständnis der dargestellten Handlung dienten. Dabei wird eine abstrakte zweidimensionale Darstellung verwendet. Eine solche Form der Darstellung verweist auf eine nicht-ästhetisierte Wahrnehmung von Raum konstituierenden belebten und nicht belebten Objekten hin. Diesen konstitutiven Zusammenhang zwischen Stadt und Landschaft bezeichnet Burckhardt (1994: 94) folgendermaßen: Die Spannung des Übergangs von der Stadt zum Lande erzeugt das Landschaft bild. Land ist Landschaft aufgrund des Osterspaziergangs der Städter, und Stadt ist Stadt aufgrund der staunenden Marktfrauen und Brennholzlieferanten (vgl. auch Williams 1973, Tuan 1979, Olwig 2006b, Green 2003, Paasi 2008).
  • [3] Im Jahre 1899 veröffentlichte Veblen seine Studie über die Entstehung von Prestige als eine Ableitung von Besitz. Um distinktiv wirken zu können, bedürfe Besitz Veblen zufolge einer symbolischen Vermittlung. Diese symbolische Vermittlung basiert Veblen (1899) zufolge auf zwei Mechanismen:

    1. Demonstrativer Müßiggang (conspicious leisure) ist konstitutiv durch eine möglichst große Ferne zu produktiver Arbeit geprägt. Die dabei ausgeübten Tätigkeiten (wie etwa das Erlernen toter Sprachen) produzieren dabei Bildung und Kunst, die durch Demonstration der erlernten Fähigkeiten in Distinktion umgewandelt werden.

    2. Demonstrativer Konsum (conspicious consumption) defi t sich durch den Konsum teuerster Waren und Dienstleistungen. Dem demonstrativen Müßiggang vergleichbar, findet sich auch beim demonstrativen Konsum die Ablehnung des Prinzips der Nützlichkeit: Prestige wird durch Verschwendung erzeugt.

  • [4] Eine vergleichbare Haltung fi sich bereits bei Hegel (1970, zuerst 18321845). Für ihn ist die Entfunktionalisierung eine Voraussetzung für Ästhetisierung, was für Gebrauchsgegenstände so gut wie für Kultobjekte (Liessmann 1999: 39) gilt.
  • [5] Ein zentrales Element sozialer Anerkennung ist die Autoritätsbeziehung, die auf einem zweifachen Anerkennungsprozess beruht (Popitz 1992: 29): Auf der Anerkennung der Überlegenheit anderer als der Maßsetzenden, Maßgebenden und auf dem Streben, von diesen Maßgebenden anerkannt zu werden, Zeichen der Bewährung zu erhalten.
  • [6] Zum Thema soziale Anerkennung in postmodernen Gemeinschaften siehe Bauman (2009b).
  • [7] Eine distinktive Aneignung von noch in Betrieb befi hen Fabriken geht auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück, Repräsentanten der herrschenden Klassesetzten sich verbunden mit einem gewissen Voyeurismus in distanzierte Beziehung mit der authentischen Welt der Minderpriviligierten. Diese Besichtigungen dienten neben der distinktiven sozialen Selbstvergewisserung auch der ästhetisch-erhabenen Annäherung an die Fabrikationsanlagen (Fleiß 2010). Mittlerweile sind diese Fabrikbesichtigungen zum Repertoire der beherrschten Klasse (auch in Funktion der Rekrutierung künftiger Mitarbeiter) geworden.
  • [8] Unter Ruderalvegetation wird eine vorwiegend krautige Vegetation verstanden, die auf anthropogen stark überformten Wuchsplätzen wächst, sofern diese weder einer landnoch forstwirtschaftlichen Nutzung unterliegen.
 
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