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2.6 Residuen, Ästhetik, Angst und Postmoderne: ein vorläufiges Fazit

Das in dieser Arbeit verfolgte Verständnis von Postmoderne ist weniger das einer übersteigerten, überspitzen oder reflexiven Moderne (wie beispielsweise bei Beck 1987, Lash/ Urry 1994), sondern einer neuen Emergenzebene, die sich allein aus modernen Prinzipien nicht erklären lässt: Postmoderne lässt sich in Anlehnung an Rorty (1989) und Welsch (1988) als Verfassung radikaler Kontingenz beschreiben. Kontingenz bedeutet Pluralität, Toleranz und Inklusion, den Abschied von den Großen Erzählungen der Moderne (vgl. Becker 1998; Abbildung 4). Damit ist auch ein wesentlicher Unterschied zwischen Moderne und Postmoderne umschrieben (Welsch 2006: 196): Postmoderne nimmt Pluralität nicht bloß zähneknirschend als ungeliebte, aber unumgängliche Realität [hin], sondern [erkennt] ihre befreienden Aspekte und [stimmt] dieser Pluralität aus Überzeugung [zu]. Demnach ist postmodern, wer sich der Vielfalt unterschiedlicher Denk- und Lebensformen bewusst ist, wer sensibel ist für das Eigenrecht alles Ausgegrenzten, Abweichenden, Fremden, Zufälligen, Mehrdeutigen, Unbestimmten (Eickelpasch/Rademacher 2004: 43). Eine der großen Herausforderungen der postmodernen Akzeptanz von Hybridisierung ist der Umgang mit Kontingenz, häufig mit doppelter Kontingenz. Diese doppelte Kontingenz ist insbesondere im Umgang mit Natur festzustellen: Wir wissen weder wie Natur auf Interventionen reagiert, noch steht die

Abbildung 4 Merkmale der Postmoderne (leicht verändert nach: Kubsch 2007).

soziale Interpretation der Reaktion von Natur fest. Dadurch wird experimentelle Praxis (im Sinne der globalen Entgrenzung des Experiments; siehe Latour 2004) dann zu einer

Prozeduralisierung dieser Kontingenz (Groß 2006b: 179; Hervorh. i. O.). Die Welt gesteigerter Komplexität und Kontingenz mit dem Rückzug in die Welt des Schönen erscheint infolge der Implikation der Exklusion des Anderen, des Nicht-Schönen kaum als gangbarer Weg der postmodernen Ästhetik, vielmehr erscheint eine Zuwendung zum ästhetischen Deutungsmuster des Erhabenen nötig.

Postmoderne weist gegenüber der Moderne wesentliche Akzentverschiebungen und Unterschiede in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen auf (Abbildung 5). Damit findet in der Postmoderne auch eine Neuorientierung im Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft statt, ohne allerdings die Brücken zur Moderne einzureißen. Dieser Zusammenhang wird bei Wolfgang Welsch (2006: 95) deutlich, wenn er im Rückgriff auf Lyotard formuliert: Die postmoderne Philosophie artikuliert diskursiv, was die moderne Kunst künstlerisch vorexerziert hat. Die Trennung zwischen Wissenschaft und Kunst wird also durch das Erkennen ihres ästhetischen Kerns seitens der Wissenschaft aufgehoben, die kognitiven Bemühungen der modernen Wissenschaft jedoch nicht negiert, sondern in einer neuen Gewichtung mit dem Ästhetischen aufgehoben. Dabei bedeutet postmodernes Denken vier Abschiede von modernen Prinzipien zu vollziehen, wie es Welsch (2006: 99) in Anlehnung an Dubuffet verdeutlicht: Abschied vom Anthropozentrismus, vom Logozentrismus, von der Monosemie und vom Visualprimat[1].

Abbildung 5 Vergleich wesentlicher Merkmale von Moderne und Postmoderne (leicht verändert nach: Eickelpasch/Rademacher 2004).

Postmoderne bedeutet also auch eine Abkehr von der modernistischen Präferierung visueller Aspekte (der Sehsinn wurde infolge seiner scheinbaren Objektivität in der Moderne bevorzugt betrachtet), auch die übrigen Sinne sind insbesondere in ihrer spezifischen Rhythmik als (gleichberechtigter) Teil ästhetischer Erfahrung (hier mit dem Schwerpunkt von Landschaft) zu verstehen (Degen 2008). Dieses legt eine Erweiterung des Kulturbegriffs nahe: Kultur ist in Design, Lebensstile, Technologie, in Rhythmen, Texturen, im Alltag eingebettet und ist demgemäß multisensorisch zu erschließen (Lash 1999, Degen 2008). Die Postmoderne ist schließlich eng mit der Expansion der Kunst (Claus 1979) in bislang nicht dem ästhetischen Modus unterworfene Bereiche verbunden. Mit Ästhetik wird heute nicht mehr nur eine philosophische Disziplin verstanden, sondern insbesondere die Gestaltung von Objekten. Damit ist der Begriff des Ästhetischen inflationär und damit unscharf geworden (Schneider 2005: 18).

Aufgrund der Inkorporierung (im Sinne von Bourdieu 1985) dessen, was vom Subjekt als Geschmacksurteil und als ästhetische Erfahrung erwartet wird, wird im Folgenden Ästhetik nicht als sinnliche Erkenntnis, aber auch nicht intellektualistisch verstanden. Bewertungs- und Erlebensmuster werden sozial vermittelt inkorporiert, sie werden vielfach unterbewusst aktualisiert. Die ästhetische Erfahrung wird im Folgenden in Form einer objektvermittelten subjektiven, sozial vorkonfigurierten Zuschreibung verstanden, deren Konstruktion einer synthetisierenden Zusammenschau von belebten, unbelebten und bewusstseinsinternen Objekten der ästhetischen Codierung schön-pittoresk-erhaben-hässlich bei gleichzeitiger emotionaler Bezugnahme unterliegt. Diese Vermittlung von Objekt und in den sozialen Kontext eigebundenem Subjekt vollzieht sich ich einem dreifachen rekursiven Prozess: Zum einen wird die ästhetische Erfahrung rekursiv im sozialen Kontext durch andere Personen formiert, zum anderen bedeutet die Betrachtung von Gegenständen und deren ästhetische Bewertung eine rekursive Bestätigung der eigenen Deutungsmuster, zum dritten werden Gegenstände nach den sozial (vielfach subkulturell) bestimmten und individuell aktualisierten ästhetischen Anforderungen produziert. Was vom wertenden Subjekt als ästhetisch betrachtet und wie bewertet wird, ist zum einen teilweise das Ergebnis des Sozialisationsprozesses (den Tuan 1979 mit der Kultivierung der ungeformten Natur des Kindes umschreibt), in dem sozial akzeptierte (im Kern residuale) Maßstäbe vermittelt werden, und zum anderen ist die intersubjektive Kommunikation von ästhetischer Betrachtung und Bewertung von belebten, unbelebten und bewusstseinsinternen Objekten von der Angst reglementiert, einen Ansehensverlust bei für das Subjekt relevanten Gruppen zu erleiden [2]. Dabei ist Ästhetik (moderne wie postmoderne) auf vielfältige Weise mit Angst verknüpft:

t Angst findet sich konstitutiv im Erhabenen (Ronen 2009).

t Angst findet sich in der Furcht vor dem Verlust des Schönen und fordert zu dessen Verteidigung auf (Ronen 2009).

t Angst findet sich im modernistischen Streben nach Schönheit. Streben nach Schönheit schließt die Angst vor dem Hässlichen, dem Kontingenten und dem Hybriden ein (wie die Philosophie des Hässlichen von Rosenkranz (1996, zuerst 1853) verdeutlicht).

t Angst findet sich auch als Furcht vor dem Verlust an Distinktionspotenzial durch Trivialisierung des Schönen, Pittoresken oder Erhabenen zum Kitschigen.

t Angst findet sich zudem im Zusammenhang mit dem befürchteten Verlust des eigenen Distinktionsvermögens in der Postmoderne, denn schließlich setzt postmoderne Ironie die Kenntnis der Ästhetik-Kitschdistinktionen der Moderne voraus. Mit der postmodernen Rehabilitierung und Aufwertung des Gefühls ist auch eine zunehmende Akzeptanz vormoderner Residuen und moderner Angst vor dem Irrationalen verbunden [3].

Unter den Bedingungen der Postmoderne, die von Kontingenzen und Ambiguitäten geprägt ist, lässt sich die Zielvorgabe postmoderner Politik mit so wenig Unrecht wie möglich (Lyotard, zitiert nach Fazis 1994: 36) umreißen und die durch die notwendigen Entscheidungen hervorgerufenen negativen Folgeerscheinungen möglichst reparabel zu halten (Fazis 1994: 36; siehe auch Rancière 1997, Žižek 2001)[4]. Dies tangiert insbesondere Fragen der Gerechtigkeit, in besonderer Weise die Frage der Stellung der

Vagabunden (Bauman 1993, 1997 und 1999). Unter den Bedingungen der postmodernen

Meta-Ungewissheit (Bauman 2000a) bedeutet Bauman (2009b: 97) zufolge soziale Gerechtigkeit eine Gesellschaft, die sich bemüht, jedem eine Chance zu geben, und deshalb jene Hindernisse beseitigt, die dem Ergreifen einer solchen Chance im Weg stehen[5]. Nach dem Prinzip der Chancengleichheit sind alle systematischen Ungleichheiten im Zugang zu Ämtern und Positionen als illegitim zu betrachten (z. B. aufgrund von Alter, Geschlecht, sexueller Präferenz, Herkunft der Vorfahren; Rawls 1971; vgl. auch Kühne/Spellerberg 2010)[6].

Die weiteren Ausführungen sind von einem Oszillieren zwischen der Lyotardschen hoffnungsgestimmten Lesart und der Foucaultschen pessimistischen Interpretation der Postmoderne geprägt. Einerseits können in der Expansion von Wissen, des modus aestheticus und der Toleranz emanzipatorische Entwicklungen entstehen, andererseits entstehen auch durch die Umwandlung von Außenin Innenzwänge neue Restriktionen. Zudem hat die ästhetisierte Simulacrisierung des Alltags das Ästhetische zu einer das Leben integral durchdringenden Existenzform gemacht. Sie ist weniger zu einer Deweyschen Demokratisierung von Ästhetik als zu einer Nietzscheschen Dauerbetäubung von der Sinnlosigkeit der Welt geworden.

  • [1] Die Postmoderne stellt auch Geschichte als lineare und logische Abfolge von aufeinander bezogenen Ereignissen in Frage. Auch in der modernen wissenschaftlichen Th rie gilt es, möglichst kommensurablen Denktraditionen zu folgen, wie den Linien Aristoteles Hegel Marx oder Durkheim Parsons Luhmann. Infolge des post-exklusivistischen Denkens der Postmoderne sind auch andere Denklinien wie Nietzsche Leibnitz Kant möglich (Behrens 2008). Darüber hinaus ist auch die Aufgabe des Konstruktes von Linearität möglich. Gedankengebäude aus unterschiedlichen modernen Denktraditionen bzw. Teile davon lassen sich zirkulär miteinander kombinieren, verknüpfen und aufeinander bzw. auf postmoderne Gedanken beziehen: Mit Bourdieu lässt sich Nietzsche ebenso ergänzen wie Kant, Sloterdijk trifft auf Croce und Luhmann. Wesentlich für postmodernes Denken ist dabei die Pluralisierung der exklusivistischen Schlüsselkonzepte der Moderne von einer Ästhetik und einer Wahrheit (Behrens 2008).
  • [2] Dieses Verständnis eines ästhetischen Denkens in der Landschaftsforschung bedeutet in Anlehnung an Welsch (2006: 5455) nicht ein simples Plädoyer für Empfindung, Gefühl, Affekt und dergleichen jedenfalls so lange nicht, wie man diese Phänomene noch traditionell im Schema einer Gegenüberstellung zu Refl n, Gedenke, Begriff denkt. Selbst kognitiv erscheinende Gehalte sind demgemäß ästhetisch signiert und bleiben es; vor allem können sie durch Refl n nicht substituiert werden (Welsch 2006: 55). Diese inklusivistische Position bedeutet eine Absage sowohl an einen vermeintlich wahrnehmungsunabhängige[n] Logozentrismus einerseits, aber auch an einen strikten und reflexionsfeindlichen Intuitionismus andererseits (Welsch 2006: 55).
  • [3] Die Wirkungen moderner Derivationen auf Grundlage vormoderner Residuen gilt es insbesondere vor dem Hintergrund einer postmodernen Toleranzethik und -ästhetik kritisch zu hinterfragen.
  • [4] Die postmoderne Ästhetik greift auch hinsichtlich ihrer Politisierung moderne Ansätze der Ästhetik auf, so war die Rosenkranzsche Ästhetik implizit politisch, die Friedrich Schillers explizit mit politisch normativen Vorstellungen verknüpft
  • [5] Diese zentrale Position der Chancengleichheit lässt sich als Ausdruck der gleichzeitigen Kritik an einem radikalen Liberalismus und an dem Kommunitarismus bei Bauman interpretieren (zur Liberalismus- und Kommunitarismuskritik bei Bauman siehe Reese-Schäfer 2002).
  • [6] Der Grundsatz der formalen Chancengleichheit blendet jedoch systematisch die sozialen Ausgangszustände aus, die als Primärsozialisationseffekte faktisch nur schwer zu modifi en sind. Aufgrund dieser Schwäche des Prinzips der formalen Chancengleichheit fordert Rawls (1971) eine substanzielle Chancengleichheit zum Ausgleich ungleicher Primärsozialisationsbedingungen als Aufgabe des Staates (wodurch er den liberalen Grundsatz auf Eigentum einschränkt, denn zur Herstellung der substanziellen Chancengleichheit werden Steuergelder benötigt).
 
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