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2.5 Postmoderner Nomadismus

Mit Deleuze/Guattari (1980) und auch Bauman (1993, 1997, 1999 und 2009) lässt sich in der Postmoderne ein Bedeutungszuwachs vonnomadierenden Lebensformen konstatieren. Dieser wiederum konfligiere mit der jahrtausendealten Kultur der Sesshaftigkeit, die in den Staaten der Ersten Welt in der Moderne zur sozialen Norm erhoben wurde. Das Aufsuchen des räumlich veroreten Neuen und Anderen wird ein Element der postmodernen Glückssuche: Die den gegenwärtigen Alltag ablösende Zeit offenbart sich im glücklichen bzw. glücklichmachenden Dort-Raum des Touristen, der zusammen mit anderen verwandten Freizeit- und Konsumwelten eine Projektion des Besseren und Begehrens darstellt (Wöhler 2001: 31). Dabei werden postmoderne Menschen von einer nie versiegenden Hoffnung getrieben, der nächste Aufenhaltsort möchte von den Mängeln frei sein, die ihm die bisherigen verleidet haben (Bauman 1993: 17)[1]. Getrieben wird der postmoderne Mensch bei seinen Ortswechseln nicht von seinen autonomen Entscheidungen, sondern von den Verführungen des Konsumismus (Bauman 1995; vgl. auch Clarke 2003), die den Menschen als bewusst (und unbewusst) durch Symbole kommunizierende Existenzen Hoffnungen im spirituellen Sinne zu wecken trachten. Orte werden wie (andere) Konsumprodukte auch allerdings infolge der Nichterfüllung spiritueller Hoffnungen durch rasche oberflächlich-konsumorientierte Betrachtung unineressant, ihr Erleben schal: Wenn ich gerade daran gehen will, die Früchte einer lange währenden Anstrengung zu kosten, taucht eine neue Verlockung am Horizont auf, und die genießerische Spannung ist dahin (Bauman 2000b: 286). Mit dem ständigen Wechsel von Aufenthaltsorten, der lockeren und ständig revidierbaren sozialen Bindung, dem anhaltenden Aktualisierungsdruck von Identitäten und dem ständigen Zwang, kurzfristige Entscheidungen schwer absehbarer Reichweite zu treffen, wird auch Zeit fragmentiert (Bauman 1997: 148): Die Zeit entspricht nicht mehr einem Fluss, sondern der Ansammlung von Teilchen und Tümpeln.

Zwei Arten von Nomaden sind für Bauman (1997, 1999 und 2009) archetypisch für die Postmoderne: Touristen und Vagabunden. Touristen, auf der ständigen Suche nach größerem Genuss und Lebensglück, nach Erfüllung von sozial definierten Träumen und neuen Perspektiven, nach dem Nervenkitzel scheinbarer Gefahr und selbst zum Klischee gewordener Abhebung von Klischees, sind die Gewinner der Postmoderne (vgl. auch Löfgren 2002, Urry 2002). Dabei bleibt ihre Anwesenheit an nicht primär für den Tourismus [2] zugerichteten Orten (wie z. B. Disneyland) stets von einem aus voyeuristischen Praxen herrührenden Unbehagen geprägt. Touristen gelingt es, am rechten Ort und doch fehl am Platz zu sein (Bauman 1999: 160). Während Touristen über ein zeitlich und räumlich weitgehend stabiles Zuhause verfügen, an das sie nach ihren touristischen Streifzügen zurückkehren können, der ihnen Sicherheit (oder die Illusion davon) verspricht, haben die Vagabunden nicht die Kompetenzen und Ressourcen, um sich am Konsumspiel des globalen Kapitalismus zu beteiligen (Eickelpasch/Rademacher 2004: 46; vgl. auch McDowell 1999, Löfgren 2002, Urry 2002). Sie sind die aus chronischer Not Getriebenen des globalen Kapitalismus. Auf der ständigen Suche nach Möglichkeiten, ihre spärlichen vermarktbaren Fähigkeiten in ökonomisches Kapital umzusetzen, leben sie zumeist unter dem Existenzminimum. Ihnen fehlen die Mittel, am Konsum teilzunehmen, wodurch sie zu fehlerhaften Konsumenten werden, denen der Zutritt zu den Tempeln des Konsums und zu den Wohnquartieren der Wohlhabenden versperrt werden muss (Eickelpasch/Rademacher 2004: 48). Dadurch werden sie für den Konsumkapitalismus überflüssig.

  • [1] Hoffnung habe so Moïsi (2009: 54) in der westlichen Welt zwei Bedeutungen: Da ist zum einen die Hoffnung im spirituellen Sinne, der Glaube an die ewige Seligkeit durch die Erlösung von den Sünden. Daneben gibt es die weltliche Bedeutung des Wortes: Hoffnung ist das Vertrauen in die eigene Identität, in die Fähigkeit, mit der Welt in gelingenden Austausch zu treten.
  • [2] Pott (2007: 49) charakterisiert Tourismus als Phänomen hochentwickelter kapitalistischer Gesellschaften [], in denen es die arbeitsfreie Zeit und das hohe wirtschaftliche Niveau möglich machen, den Ortswechsel warenförmig als Urlaubsreise durchzukapitalisieren.
 
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