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2.3.4 Identität und Postmoderne Vorüberlegungen zu einer postmodernen Deutung von Ästhetiken

Identität ist ein zentraler Begriff der Moderne, zu dessen Implikationen Ideen von Widerspruchsfreiheit, Einheit, Ordnung, Versöhnung und Fortschritt zählen (Kühne/Spellerberg 2010)[1]. Die Bildung von Identität ist nicht auf die einzelne Person beschränkt. Sie äußert sich ebenfalls in dem Bemühen, soziale Identitäten her- und darzustellen (vgl. Moïsi 2009). Eine soziale Identität lässt sich als die Wahrnehmung der Zugehörigkeit zu einer sozialen Kategorie (oder Gruppe) (Tajfel/Turner 1986: 18) umreißen. Die Zuordnung einer Person zu einer sich identifizierenden Gruppe vollzieht sich zunehmend über distinktive Symbole, die ein wechselseitiges Erkennen und Abgrenzen ermöglichen. Das moderne Streben nach Identität steht in Widerspruch zu anderen Entwicklungen der Modernisierung der Gesellschaft: Modernisierung bedeutet letztlich eine Zunahme der Zahl der Wahlmöglichkeiten (Dahrendorf 1970), die sich, wie zu zeigen ist, in der Postmoderne zu einem Wahlzwang entwickelt. Dabei treffen teilweise auf engstem Raum unterschiedliche kulturelle Strömungen aufeinander und gehen oft konfliktreiche Verbindungen ein. Doppelsprachigkeit, also die Fähigkeit, sich aus der Fixierung auf das Vertraute zu lösen, mehrörtige Existenzen, Dauermobilität, immer mehr Menschen mit Doppelpässen, Leben über Grenzen hinweg, schaffen ein komplexes Geflecht geteilter Loyalitäten, ohne dass die als ursprünglich erlebten Identitäten preisgegeben würden (Beck 2002: 15). Identität lässt sich mit Keupp et. al. (2002: 28) als selbstreflexives Scharnier zwischen der inneren und der äußeren Welt beschreiben, sie ist als ein Sich-selber-Versichern (Ipsen 1999: 151) vom sozialen Kontext abhängig, schließlich muss Identität stets durch das Nadelöhr des Anderen gehen, bevor es sich selbst konstruieren kann (Hall 1994a: 45). Identität ist somit sowohl aktiv wie auch passiv (Korsgaard 1999: 195), sie entsteht einerseits aus der Perspektive des Handlungssubjektes, ist andererseits aber auch aus Erfahrung des Subjekts gewonnen. Nach der Auffassung von Keupp et al. soll Identität das unverwechselbar Individuelle, aber auch das sozial Akzeptable darstellbar machen (Keupp et. al. 2002: 28).

Infolge der sozialen Modernisierungs- und insbesondere Postmodernisierungsprozesse (z. B. Flexibilisierung, Individualisierung) werden Menschen aus ihren identitätsbereitenden sozialen Kontexten herausgerissen (Wagner 1995: 9899; ähnl. Bauman 2009b) und zu einer bewussten Identitätsarbeit gezwungen [2]. Damit verlieren die in der Moderne geteilten Vorstellungen von Erziehung, Sexualität, Gesundheit, aber auch Geschlechteroder Generationenbeziehungen den Charakter des Selbstverständlichen (Keupp et al. 2002: 47). Identitätsarbeit wird in diesem Zusammenhang immer stärker durch Arbeit an der Integration verschiedener Komponenten sozialer, ethnischer und kultureller Herkunft geprägt (Welsch 2006: 171): Identität ist immer weniger monolithisch, sondern nur noch plural möglich. Leben unter heutigen Bedingungen ist Leben im Plural, will sagen: Leben im Übergang zwischen unterschiedlichen Lebensformen.

Der Mensch der Postmoderne ist entsprechend ein modularer, aber auch sich selbst modellierender Mensch (Bauman 2000a: 225). Die refl ve Identitätskonstruktion erhält in der Postmoderne eine zunehmend imperativische Bedeutung (Keupp et al. 2002: 55): Architekt und Baumeister des eigenen Lebensgehäuses zu werden, ist allerdings für uns nicht nur Kür, sondern zunehmend Pflicht in einer grundlegend veränderten Gesellschaft. [] Nur noch in Restbeständen existieren Lebenswelten mit geschlossen weltanschaulich-religiöser Sinngebung, klaren Autoritätsverhältnissen und Pflichtkategorien. Eine solchermaßen aus unterschiedlichen Versatzstücken gebildete

Patchwork-Identität Gross (1985) spricht auch von einer Bastel-Identität, McDowell (1999) von hybriden Identitäten des postmodernen Individuums erfordert eine ständige rekursive Aktualisierung mit der sozialen Welt in einer reflektiven Regulierung des Alltags (siehe auch Bauman 1999, Reese-Schäfer 2002), bei der es schwierig ist, eine strikte Linie zwischen ethischen und ästhetischen Aspekten des Lebens zu ziehen (Haapala 2005: 52). Der individualisierte Mensch sieht sich dabei permanent mit einer verwirrenden Fülle von Deutungs-, Stilisierungs- und Identitätsangeboten konfrontiert, aus denen er mehr oder minder frei sein Lebenspuzzle zusammensetzen muss (Eickelpasch/Rademacher 2004: 22; vgl. auch Liessmann 1999). Das Know-how sowie Kompartimente dieses Puzzles rekrutieren sich vielfach aus dem kompetente[n] Gebrauch von populären Filmen, Fernsehsendungen, Videoclips, die die Funktion von ästhetischen Expertensystemen einnehmen (Winter 1997: 68) und somit als rituelle Weltdeuter und Konstrukteure symbolischer Wirklichkeiten dienen (Schneider 2008: 37), deren Bedeutung diskursiv auch in Internetplattformen ausgehandelt wird (Robinson 2007)[3]. Das postmoderne Sinnbasteln lässt sich als ein nahezu künstlerisches Verfahren beschreiben, bei dem diverse und disperse Elemente zu einem ästhetischen Sinnganzen verarbeitet werden, das dem Leben eine Form verleiht (Eickelpasch/Rademacher 2004: 24; vgl. auch Hitzler/Honer 1994). Werbung als ästhetisierte Produktinszenierung wird eine entscheidende Quelle der ästhetischen Inspiration und reproduziert damit die globalisierte kapitalistische Ökonomie [4]. Identität wird abhängig von speziellen Konsummustern (Jackson/Thift 1995) und entsteht nicht quasi-biologisch durch Entfaltung eines Personenkerns, sondern im wörtlichen Sinne durch Identifikation (Welsch 2006: 181). Die enge Bindung von Freiheit in der Postmoderne an das Konstrukt der Konsumentenfreiheit, die konstitutive Bedeutung des Konsums für die Darstellung (und Bildung) von individuellen und kollektiven Identitäten erschwert bzw. verhindert so Bauman (1995: 261) die Kontrolle des eigenen Lebens: Der Konsumismus verspricht etwas, was er nicht halten kann. Er verspricht die Universalität des Glücks. Jeder hat die Freiheit zu wählen, und wenn nur jeder Zutritt zum Laden hat, dann ist jeder gleich glücklich (vgl. auch Bushman 1992, Matt 1998, Eickelpasch/Rademacher 2004).

Mit der Entstehung postmoderner flexibler und aus unterschiedlichen Komponenten zusammengesetzter Identitäten als eine Abkehr von der gesicherten Identität des Individuums (Mingione 2004: 232) in der Moderne gehen persönliche und soziale Instabilität, Risiken und Unsicherheiten einher (Beck 1986, Bauman 1999, 2009a und 2009b, Mingione 2004, Sennett 2007). Durch die Flexibilisierung von Lebenslagen wird eine Gegenwartszentrierung des Daseins hervorgerufen: Erfolge der Vergangenheit lassen sich nur unvollständig in symbolisches Kapital

[5] umsetzen, Zukunftspläne stehen unter dem Vorbehalt von Flexibilitätsanforderungen. Damit wird die Existenz im Hier und Jetzt zum bestimmenden Handlungsbezug, die relevante Bezugszeit schrumpft auf die Gegenwart zusammen, der Raum wird zur Bühne der Inszenierung gesellschaftlichen Status. Persönliche und soziale Instabilität, Risiken und Unsicherheiten äußern sich dabei auch in einem zunehmenden Mangel an sozialer Integration und ein[em] Unsicherheitsgefühl, niedrige[n] Toleranzgrenzen und geringe[r] Solidarität, eine Entwicklung, die ohne Zweifel Kreisläufe sozialer Ausgrenzung hervorruft (Mingione 2004: 328). Das postmoderne Subjekt konzipiert sich im Vergleich zum modernen

ohne eine gesicherte, wesentliche oder anhaltende Identität (Hall 1994b: 182). Die fließende Vielfalt möglicher Identitäten, von denen wir uns zumindest zeitweilig mit jeder identifizieren können (Hall 1994b: 183; vgl. Davis 1991), bedeutet neben dieser Vielzahl an Identifikationsangeboten auch einen steten Zustand der Unsicherheit, also der angesprochenen dreifachen Plage des Gefühls von Ungewissheit, Unsicherheit im engeren Sinne und mangelndem Schutz (Bauman 2000a: 228).

Die postmodernen Identitätsbezüge sind dabei Ergebnisse von freien und individuellen, stets revidierbaren Entscheidungen (Eickelpasch/Rademacher 2004: 50): Es sind Wahlgemeinschaften, nicht Herkunftsgemeinschaften (Hervorh. i. O.), die Wärme, Behaglichkeit und Komfort (Bauman 2009b: 7) versprechen. Diese Wahlgemeinschaften sie lassen sich in der Terminologie Baumans (2000b, 2009a) auch als Neostämme bezeichnen werden durch den Drang getragen, dazuzugehören. So entstehen Freundschafts- und Bekanntennetzwerke, die vielfach die Funktion von Familien (die weit verstreut leben) als lebensweltliche Kommunikationsbezüge ablösen und Stabilität, jenseits fluktuierender Beziehungen und Karrieren, vermitteln (Watters 2003). Um Stabilität simulieren zu können, müssen sich diese Gemeinschaften dauerhaft präsentieren und ihr eigenes Bewusstsein ihrer Flüchtigkeit verbergen (Varcoe/Kilminster 2002: 44). Die Währung, in der der Preis für ein Dazuzugehören zu jenen neuen urbanen Stämmen (Watters 2003) zu zahlen ist, heißt Freiheit; man könnte sie ebenso gut Autonomie, Recht auf Selbstbehauptung oder Recht aus Individualität nennen (Bauman 2009b: 11). Die Erhaltung von Exklusivität der einzelnen Neostämme durch identifizierende Handlungen hat eine bemerkenswerte aggressive Intoleranz (Varcoe/Kilminster 2002: 44) zur Konsequenz.

Die neuen Formen der Identitätsgenerierung lassen sich durchaus ambivalent als

riskante Chance (Eickelpasch/Rademacher 2004: 7) kennzeichnen. Einerseits sind sie durch die Pluralisierung von Autoritäten und das Fehlen allgemeinverbindlicher Normen mit dem Gewinn an Wahlmöglichkeiten und Optionsspielräumen für die Ausgestaltung des eigenen Lebens (Eickelpasch/Rademacher 2004: 7) verbunden, so dass Selbstkontrolle, Selbstreflexion und Selbstbewertung (Eickelpasch/Rademacher 2004: 44) zu den wichtigsten Aktivitäten der freigesetzten Subjekte werden, was potenziell die Schärfung des moralischen Bewusstseins (Bauman 1995: 239) begünstigt. Andererseits bedeutet die Postmodernisierung einen Verlust sozialer Sicherheit und Zugehörigkeit mit den Folgen der Zunahme von Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Angst, die postmoderne Subjekte mit einem rastlosen Streben nach Genuss und einem zwanghaften Konsumismus zu betäuben (Eickelpasch/Rademacher 2004: 44) versuchen. Individuelle und soziale (Patchwork-)Identitäten unterliegen einem ständigen Aktualisierungs-, Anpassungs- und Evaluationsdruck, Distinktion wird zur alltäglichen Praxis: In einer Identitätskultur wird Differenz notwendigerweise zu einer knappen Ressource (Sloterdijk 2007: 157; vgl. auch Loesberg 2005), denn was man Lifestyle nennt, ist der Durchbruch von Design auf die Ebene der Selbststilisierungen und der Biographien (Sloterdijk 2007: 158). Soziale Bindungen und Identitäten gelten von vornherein bis auf weiteres, die intensive Bindung von heute macht Frustrationen morgen nur umso heftiger (Bauman 1993: 17). Mit der Postmodernisierung haben sich auch die Spaltungen der Gesellschaft verschoben und pluralisiert: Waren in der Moderne Ungleichheiten und Konflikte insbesondere auf ungleiche Einkommensverteilungen bezogen, werden in der Postmoderne Ungleichheiten und Konflikte in Wahlfreiheit ebenso konstituiert, wie zwischen der Fähigkeit zur Selbstkonstitution und der Verweigerung einer solchen Fähigkeit, zwischen autonom entwickelten Selbstdefinitionen und aufgezwungenen Kategorisierungen, die beschränkend und lähmend empfunden werden (Bauman 1995: 233; vgl. auch Eickelpasch/Rademacher 2004).

  • [1] Die Bildung von Identität als eine Frage der praktischen Vernunft (Korsgaard 1999: 210) basiert auf dem individuellen, aber sozial vermittelten Wunsch nach einem einheitsstiftenden Verfahren oder einem einheitsstiftenden Prinzip der Entscheidung und lässt sich auf die Notwendigkeit zurückführen,Entscheidungen zu treffen (Korsgaard 1999: 209). Bei der Entwicklung einer Identität ist die Person darum bestrebt, ein positives Selbstkonzept zu erreichen, ein Einklang zwischen Person und Lebenswelt wird daher als identitätsstabilisierend erfahren (Tajfel 1981, vgl. auch Kühne/Spellerberg 2010).
  • [2] Vor dem Hintergrund erhöhter Mobilitätserfordernisse des entwickelten Kapitalismus, einer steigenden Dynamik des Arbeitsmarktes, wachsender Bildungsabhängigkeiten sowie der Durchmarktung aller Lebensbereiche und ein durchschnittlich hohes Maß der Existenzsicherungen (Eickelpasch/Rademacher 2004: 6) vollzieht sich die Freisetzung des Menschen aus den vertrauten Bindungen von Klasse, Beruf, Nachbarschaft Familie und Geschlechterverhältnissen (Eickelpasch/Rademacher 2004: 6).
  • [3] Diese ästhetischen Expertensysteme zwingen von einer ständigen Reflexion über das eigene Leben, in der Kleidung und Frisur (Winter 1997: 68; Davis 1991), bis hin zur Überlegung der Frage, ob und wie viele Kinder gezeugt werden (Cohen 2008) und sind auch hinsichtlich ihres Distinktionspotenzials integraler Bestandteil von Sozialisationsprozessen (Stearns 1998).
  • [4] Jameson (1984: 85) fasst diesen Zusammenhang folgendermaßen: Die postmoderne Maschine, organisiert von der Logik des Simulacrum, reproduziert, anstatt zu produzieren. Die ästhetische Ausgestaltung dieses Verfahrens, insbesondere in der Werbung, im Film und im Fernsehen, repliziert nichtmehr allein lediglich die Logik des Spätkapitalismus, sie stärkt und intensiviert sie. Genauere Ausführungen zu Simulacra, sich verselbständigenden Simulationen, fi sich in Abschnitt 2.3.5 (Konzeptionelle Überlegungen zu einer postmodernen Deutung von Ästhetiken).
  • [5] Bourdieu (1987) versteht unter symbolischem Kapital dabei Chancen, die geeignet sind, soziale Anerkennung und soziales Prestige zu gewinnen und zu erhalten. Symbolisches Kapital tritt als wahrgenommene und als legitim anerkannte Form (Bourdieu 1985: 11) in Form von ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital auf (Bourdieu 1985 und 1987):

    1. Unter ökonomischem Kapital versteht Bourdieu materiellen Besitz, der in Geld getauscht werden kann.

    2. Soziales Kapital bezieht sich auf die Bildung sozialer Netzwerke, die sich in soziale Anerkennung transformieren lassen, oder anders ausgedrückt, es handelt sich um dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen (Bourdieu 2005: 63).

    3. Kulturelles Kapital (als Informationskapital) tritt in drei unterschiedlichen Formen auf: In objektivierter Form (Bücher, technische Gerätschaften, Kunstwerke),in inkorporierter Form (Bildung, kulturelle Fertigkeiten) und in institutionalisierter Form (Abschlusszeugnisse, Bildungstitel; Bourdieu 2004). Kapital wird zu symbolischem Kapital, da es in jeder Form zur symbolischen Durchsetzung von Machtansprüchen eingesetzt werden (Rehbein 2011: 113) kann.

    Die Verfügbarkeit von insbesondere kulturellem Kapital prägt dabei den Habitus.

 
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