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2.2 Residuen, Derivate, Derivationen und Angst Kompartimente zu einer Deutung postmoderner Welten

2.2.1 Residuen, Derivate und Derivationen

Vilfredo Pareto überwindet mit seinem 1916 erstmals erschienenen Werk System der Allgemeinen Soziologie den naiven Positivismus durch eine handlungs- und kognitionstheoretische Verankerung (Bach 2000: 331)[1]. Zentral für sein Werk ist die Residuen- und Derivationentheorie. Während Derivate die dem Akteur bewussten Aspekte seines Handelns darstellen, kann man die Residuen als mentale Entitäten mit emotionalem und kognitiven Anteilen auffassen, die die unbewusste Grundstruktur nicht-logischen Handelns verkörpern (Albert 2005: 129130; Hervorh. i. O.). Pareto unterscheidet grundsätzlich zwei Klassen von Handlungsrationalitäten: Die erste Klasse umfasst logische Handlungen, die einem Zweck angemessene und mit diesem logisch verbundene Mittel darstellen (Pareto 2006: 40), hier sind subjektiver und objektiver Zweck [] identisch (Pareto 2006: 41). Exemplarisch findet sich diese Handlungsrationalität in den empirischen Wissenschaften oder in der Homo-Oeconomicus-Annahme der Wirtschaftswissenschaften (Bach 2000 und 2004)[2]. Die zweite Klasse umfasst die

nichtlogischen Handlungen. Die Befassung mit den nichtlogischen Handlungen macht Pareto zum Theoretiker sozialer Praktiken (Albert 2005). Im Gegensatz zu den logischen Handlungen fallen Sichtweise des Beobachters und des Akteurs hier auseinander. Pareto (2006) unterscheidet hierbei in drei Unterklassen: a) instinktives, unbewusstes, habituelles Verhalten, b) magische und religiöse Praktiken, c) intentionales Handeln mit nichtintendierten Folgen (Bach 2000 und 2004). Residuen als relativ unveränderliche, vorreflexive, soziomentale Sinnstrukturen (Bach 2000) lassen sich gemäß Pareto (2006) als Ursachen nicht-logischen Handelns bezeichnen und bestimmen auch dessen Verlauf (Albert 2005). Pareto (2006) unterscheidet sechs Klassen von Residuen:

t Klasse I: Instinkt der Kombinationen. Dieses Residuum bezeichnet die Neigung des Menschen, gewisse Dinge auf Geratewohl, also in Unkenntnis der Ursache, die [] Handlungen gehabt haben könnten zu kombinieren (Pareto 2006: 81). Dabei werden seltene Dinge mit wichtigen Ereignissen, ein Glückszustand mit guten, lobenswerten Dingen und Unglückszustände mit bösen Dingen verbunden (Pareto 2006).

t Klasse II: Persistenz der Beziehungen eines Menschen mit anderen und mit Orten. Dabei handelt es sich um Residuen, die Menschen und Tieren gemeinsam (Pareto 2006: 96) sind. In Menschen wie Tieren persistiert das Gefühl, sich mit Orten und Sachen zu verbinden und sie als Eigentum zu betrachten. Zu dieser Art Residuen gehört, was man beim Menschen Familien-, Eigentumssinn, Patriotismus, Liebe zu seiner Sprache, seiner Religion, seinen Freunden nennt (Pareto 2006: 97).

t Klasse III: Bedürfnis nach Gefühlsausdruck durch äußere Handlungen. Wie bei Tieren sind auch bei Menschen starke Gefühle [] im allgemeinen von bestimmten Handlungen begleitet, die nicht einmal in unmittelbarer Beziehung zu diesen Gefühlen zu stehen brauchen, sondern nur das Bedürfnis, zu handeln, befriedigen (Pareto 2006: 109). Diese Gefühle ausdrückende Handlungen sind in der Lage, die Gefühle einerseits zu verstärken, andererseits vermögen sie sogar bei Menschen, die noch keine Gefühle haben, diese hervorzurufen.

t Klasse IV: Residuen der Soziabilität. Diese Residuen stehen in Beziehung zum sozialen Leben. Vereinigungen bilden sich aus unterschiedlichen Gründen: aus bloßer Zerstreuungslust, zu Zwecken besonderen Nutzens, nach religiösen, politischen, literarischen Anschauungen usw. (Pareto 2006: 113). Die Residuen der Soziabilität beziehen sich in besonderer Weise auf das Bedürfnis nach Gleichförmigkeit (Pareto 2006: 114), ob in Bezug auf ganze Gesellschaften oder gesellschaftliche Gruppen (wobei nach freiwilliger und erzwungener Gleichförmigkeit unterschieden wird; Pareto 2006). Residuen der Hierarchie sichern durch gesellschaftliche Über- und Unterordnungen mit dem Mittel des Bedürfnisses der Billigung durch das Kollektiv (Pareto 2006: 139) den Fortbestand gesellschaftlicher Strukturen.

t Klasse V: Unverletztheit (intégrité) des Einzelnen und der Seinen. Diese Klasse von Residuen wird von den Gefühlen der Sicherheit des Einzelnen und seiner Umgebung gebildet (Pareto 2006: 149), damit stellt sie in gewissem Sinne die Ergänzung von Klasse IV (Pareto 2006: 149) dar. Die Verteidigung von Besitz und der Versuch, ihn zu mehren, sind zwei Tätigkeiten, die oft ineinander übergehen. Die Verteidigung der Sicherheit der Persönlichkeit und ihre Entfaltung sind folglich zwei Tätigkeiten, die sich nicht erheblich voneinander unterscheiden und sogar ineinander übergehen können (Pareto 2006: 149).

t Klasse VI: Gesellschaftliche Formen der Sexualität. Dieses Residuum wird bei Pareto in Verbindung mit Enthaltsamkeit thematisiert. Demnach bestehen in modernen Gesellschaften drei Tabus der Enthaltsamkeit: Das sind, in der Reihenfolge wachsender Intensität die Enthaltung von Fleisch, von Wein und allem, was die geschlechtlichen Beziehungen angeht (Pareto 2006: 176).

In Verbindung mit Residuen stehen in der Paretoschen Soziologie Derivate und Derivationen. Derivate sind nicht-logische-experimentelle Theorien (Albert 2005: 128), die auf Residuen (als konstante Elemente) und Derivationen als kontingente und variable Elemente schließen lassen (vgl. Abbildung 3). Bei Derivationen handelt es sich um pseudo-logische Argumentationen, deren Ziel darin besteht, nichtlogischen Handlungen ex-post eine logisch erscheinende Stimmigkeit zu verleihen; dabei beziehen sie ihre Überzeugungskraft weder aus dem wissenschaftlichem Wahrheitsgehalt noch der logischen Schlüssigkeit der Argumentation, sondern aus der Mobilisierung von Gefühlen und Residuen (Bach 2000 und 2004): Man sucht durch mehr oder minder logische Überlegungen vor allem das Bedürfnis der zu Überzeugenden nach logischen Entwicklungen zu befriedigen; will man auf Gefühle wirken, auch unter Zuziehung anderer Residuen (Pareto 2006: 184). Residuen, die in sozialen Normen ihren Ausdruck finden, stellen also die konstantesten, relativ veränderungsresistentesten Elemente des Handelns dar und finden sich als Kern in den Derivaten (Albert 2005: 131). Derivationen hingegen weisen einen hohen Grad an Variabilität auf und erscheinen sozusagen in der Peripherie der Derivate als Modi der Erklärung, der Rechtfertigung oder des Folgerns (Albert 2005: 131)[3]. Pareto (2006) unterscheidet wiederum vier Klassen von Derivationen: Klasse I umfasst die Behauptungen, die sich auf experimentelle oder imaginäre Tatsachen, Gefühle oder die Verbindung von Gefühlen mit Tatsachen stützen können. Klasse II befasst sich mit Autorität (eines oder mehrerer Menschen), aufgrund von Bräuchen, Überlieferungen und Gewohnheiten, aber auch eines göttlichen Wesens oder einer Personifikation. Klasse III ist auf die Übereinstimmung mit Gefühlen und Grundsätzen bezogen, die sich in Einzel- und Gruppeninteresse, rechtlichen, metaphysischen oder

Abbildung 3 Das Verhältnis von Residuum und Derivation in der Theorienicht-logischen Handelns Vilfredo Paretos (nach: Albert 2005).

Residuum Derivation

Substanz Form

Primäres Element Sekundäres Element

Hauptsächlich Nebensächlich

Konstant Variabel

Kern Peripherie

Konstitutiv Derivativ

Ursache Wirkung

übernatürlichen Wesenheiten ausdrücken können. Klasse IV umfasst die Beweise mit Worten, also der Frage, wie Metaphern, Allegorien und Analogienoder zweifelhafte, unbestimmte Ausdrücke, denen nichts Konkretes entspricht (Pareto 2006: 190) zur Rationalisierung herangezogen werden.

In Bezug auf die Postmoderneforschung ergibt sich im Zusammenhang mit der postmodernen Rehabilitierung des Emotionalen ein Beobachtungsfeld, in welcher Form eine Durcharbeitung, Weiterentwicklung und Rekombination von vormodernen und modernen Residuen, Derivationen und Derivaten erfolgt. Die vorliegende Arbeit befasst sich dabei insbesondere mit der Frage, wie und in welcher Form sich diese Residuen, Derivationen und Derivate im sozialen und physischen Raum manifestieren, wie diese Manifestationen wiederum gesellschaftlich (re)konstruiert und bewertet werden.

  • [1] Zwar vertritt Pareto die Auffassung, dass alle menschliche Erkenntnis subjektiver Natur ist (Albert 2005: 34), doch unterscheidet er subjektive und objektive Aspekte: Jede soziale Erscheinung kann von zwei Seiten ins Auge gefasst werden, nämlich je nachdem, wie sie wirklich ist und wie sie im Geist bestimmter Menschen erscheint (Pareto 2006: 38). Dabei folgt er einer anti-realistischen Auffassung, in deren Tradition er eine objektive Erkenntnismöglichkeit ablehnt, bei der lediglich eine objektivierbare Erfahrung (Albert 2005: 34) möglich ist. Dies hat Auswirkungen auf den potenziellen Wahrheitsgehalt und deren Ausschlusswirkung von Theorien: Im Sinne Paretos können Theorien höchstens im Sinne von empirisch adäquat wahr sein, daher sind für ihn mehrere empirisch äquivalente Th rien gleichermaßen wahr (Albert 2005: 43). Eine solche Auffassung wird wie bereits gezeigt auch von postmodernen Wissenschaftlern vertreten. Der wissenschaftlichen Praxis liegt Pareto (2006) zufolge implizit ein Ähnlichkeits-Nominalismus zugrunde, insofern nur von individuellen Dingen ausgegangen wird, die einen mehr oder minder großen Grad an Ähnlichkeit aufweisen können (Albert 2005: 89; Hervorh. i. O.).
  • [2] Dass diese erste Klasse von Handlungen einen vorrationalen Kern trägt, wurde im Vorangegangenen erläutert, insofern ist sie für die weitere Untersuchung weit weniger bedeutsam als die zweite Klasse der Handlungen.
  • [3] In der Th rie Paretos nimmt das Verhältnis von Residuen und Derivationen einen essentialistischen Charakter an: Residuen bilden die Substanz des konkreten Phänomens nicht-logischer Handlungen, Derivationen ihre Form (Albert 2005: 185). Ein zentrales Element des Essentialismus ist dabei die Annahme der Existenz wesentlicher, also essentieller und zufälliger, akzidenteller Eigenschaften von Dingen. Die essentiellen Eigenschaften eines Dings machen es dabei zu dem, was es ist, während die akzidentellen Eigenschaften für die Existenz des Dinges keine solche Bedeutung haben (Albert 2005: 44; vgl. auch Brody 1980). Diese essentialistische Position widerspricht der an anderer Stelle bei Pareto vorgetragenen Position des Positivismus: Hier die Philosophie des Wesens, dort die Philosophie des (ernstgenommenen) Scheins (Albert 2005). Der Widerspruch zwischen Erkenntnistheorie und praktizierter Methode, zwischen philosophischem Positivismus und praktizierter essentialistischer Methode [mag] unschön und bedauernswert sein, aber er ist keinesfalls ein ernstes Hindernis dafür, einem Ansatz Kohärenz zuzusprechen (Albert 2005: 242). Eigens aus postmodern-pluralistischer Sicht kann diese innere theoretische Gebrochenheit als Element der Perspektivenvielfalt aufgefasst werden.
 
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