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2.1.2 Postmoderne und Gesellschaft

Gesellschaftlich lässt sich die Moderne insbesondere durch eine soziale Differenzierung in Einheiten mit speziellen Problemlösungskompetenzen verstehen [1]. Die Postmoderne ist dagegen von einer Differenzierung und De-Differenzierung von Differenzierungen geprägt (Lash 1990, Vester 1993a, Choi 2004): Dieser Vorgang entgrenzt und überholt die Polarität von Differenzierung und Entdifferenzierung durch den Begriff Pastiche (Vester 1993a: 29; Hervorh. i. O.). Das Konzept des Pastiches bedeutet dabei nicht einfach Entdifferenzierung, sondern setzt Differenzbildung voraus, um dann zu Hybridkreuzungen, Rekombinationen, Reintegrationen zu führen (Vester 1993a: 29; Hoesterey 2001). Die gesellschaftliche Postmodernisierung bedeutet keinesfalls, dass die Gesellschaft postmodern ist. Moderne Strukturen sind noch überall zu finden. Aber sie vermögen es nicht, die Ausbreitung der Postmoderne zu behindern (Bormann 2002: 84).

Der Übergang von Moderne zu Postmoderne lässt sich auch als von einem Wertewandel geprägt verstehen. Im Zuge der Postmodernisierung vollzieht sich eine Verschiebung der Wertprioritäten von materialistischer zu postmaterialistischer Werthaltung (Inglehart 1977 und 1998). Zwar gehört ökonomische Sicherheit in der Öffentlichkeit sich postmodernisierender Gesellschaften noch immer zu den als erstrebenswert geltenden Werten, sie ist aber nicht länger Synonym für Glück, wohingegen die Bedeutung von Lebensqualität eine immer höhere Position in der Hierarchie anzustrebender Werte einnimmt (Inglehart 1977 und 1998)

[2].

Im Zuge der Postmodernisierung der Ökonomie wandelt sich infolge der Postindustrialisierung der Gesellschaft (Bell z. B. 1973) das System standardisierter Vollbeschäftigung in ein System flexibel-pluraler Unterbeschäftigung (Beck 1986: 222)[3]. Mit der Postmodernisierung der Gesellschaft wird ein Wandel von den fordistischen economies of scale zu den post-fordistischen economies of scope vollzogen (vgl. Esser/Hirsch 1987, Harvey 1989, Moulaert/Swyngedouw 1989, Lipietz 1986, Storper/Scott 2002, zuerst 1989, Knox/Pinch 2010), wobei die Postindustrialisierung im Wesentlichen mit der Verlagerung von Produktionsstandorten (vielfach in kontinentalem und globalem Maßstab) und Produktionsausgliederungen (auch in regionalem Maßstab) verbunden wird und nicht zu einer gänzlichen Absenz materieller Produktion führt (Scott 1988a, Soja 2000).

Die Basis für eine soziale Standardisierung in der Moderne lässt sich mit Beck (1986) in der Homogenität von Arbeitsorten nachvollziehen. Diese Arbeitsorte organisiert nach fordistischem Kalkül sind formal organisierte Industriebetriebe mit homogenen Arbeitszeiten (Ganztagsarbeit) und rechtlichen Bedingungen (kollektive Tarifverträge). Die Muster der Moderne bei der Herstellung von Gütern und Dienstleistungen lassen sich also in den Worten Standardisierung, Berechenbarkeit, Vorhersagbarkeit und Effizienz zusammenfassen (Vester 1993a: 112; vgl. auch Lash 1990).

Auch die sozialen Beziehungen der Moderne waren von bestimmten Standardisierungen geprägt: Formalisierung (beispielsweise heterosexuelle Zweierbeziehung mit den daraus erwachsenden Kindern), Beherrschbarkeit (beispielsweise die Abhängigkeit der nicht erwerbstätigen Ehefrau) und Berechenbarkeit (durch Sanktionen abgesicherte Normen, wie sich die Aufgaben von Ehefrau und Ehemann gestalten) von Handlungsformen sicherten die Standardisierung von Lebenslauf und Alltag (Wagner 1995; für die Vereinigten Staaten siehe Hayden 2004a). Mit der Postmodernisierung werden diese Muster jedoch dekonstruiert, gesellschaftliche Normen hinterfragt und entlegitimisiert, Lebenslagen werden individualisiert und flexiblilisiert, führen zu einem Herausheben aus traditionellen Schicht- und Klassenstrukturen, Erfolg wie Misserfolg werden individualisiert und sind immer weniger von Klassenoder Schichtzugehörigkeiten abhängig (Hassan 1988, Hage/Powers 1992, Bauman 2000a, 2008 und 2009b), ein Vorgang der sich mit Bauman (2008) als Verflüssigung ehemals fester moderner Strukturen durch Deregulierung verstehen lässt (Bauman 1999; vgl. auch Reese-Schäfer 2002, Ritzer/Murphy 2002). Individualisierung bedeutet dabei nicht die Befreiung des Menschen von den Fesseln der Gesellschaft, sondern eine bestimmte, historisch neue Form der Vergesellschaftung. Individualisierung bezeichnet eine gesellschaftliche Zumutung, einen paradoxen Zwang (Eickelpasch/Rademacher 2004: 20): Den Zwang, jenseits traditioneller Bindungen eine eigene Existenz zu entwerfen (unabhängig von Stand, Klasse und Herkunft; Beck/Beck-Gernsheim 1994).

Die soziale Flexibilisierung und Individualisierung, die auch Ergebnis der Dekonstruktion allumfassender Wert- und Normsysteme ist (Lipovetsky 2004), ist wiederum rekursiv mit den Anforderungen der sozialen, kulturellen und insbesondere ökonomischen Globalisierung rückgekoppelt, die auf den flexiblen Menschen mit dem Ziel des Abarbeitens unmittelbare[r] und kurze[r] Aufgaben (Sennett 2007: 43; vgl. auch Ritzer/ Murphy 2002, Richter 2005, Bauman 2009b) einerseits angewiesen ist, seine Flexibilität andererseits primär pekuniär entlohnt. Als gravierendste sozio-psychologische Wirkung der Flexibilisierung nennt Bauman (2000a: 48), dass sie die Position der Betroffenen dauerhalft destabilisiert[4], indem sie die Bereitschaft voraussetzt Verpflichtungen und Loyalitäten ohne Bedauern aufzugeben und Chancen wahrzunehmen, die sich aktuell bieten, anstatt den eigenen, vorgefassten Präferenzen zu folgen (Bauman 2008: 11). Dabei ist die postmoderne ökonomische und soziale Welt durch eine neuartige wettläufige Leistungsverfassung (Sloterdijk 2007: 143) geprägt, die die Entwicklung des Individuums zu einer adaptionsbereite[n] Biomaschine (Sloterdijk 2007: 143) erzwingt. Mit der Globalisierung wird dabei die nationalstaatlich gefasste ökonomische Selbstdefinition (Beck/Bonss/Lau 2001: 23; Beck 2002 und 2006) der Moderne unterlaufen: Der globalisierten Konkurrenz stehen nationale Wirtschaft- und Arbeitsmarktpolitiken einerseits weitgehend einflusslos gegenüber (vgl. Beck 1997), die global verflochtene Wirtschaft hat nationale Ökonomie zu einem Mythos werden lassen, der aus wahltaktischen Gründen aufrechterhalten wird (Bauman 2009a: 208), andererseits hat die Globalisierung einen universellen Prozess des Benchmarking[s], der vergleichenden Bewertung, in Gang gesetzt (Moïsi 2009: 31) und Eliten aus ihrem lokalen Kontext gelöst und sie kosmopolitisch werden lassen (Richter 2005). Volkswirtschaften, Unternehmen, Betriebe bis hin zu einzelnen Wirtschaftssubjekten werden miteinander verglichen und mit Hilfe quantifizierter Indikatoren bewertet. Zugleich impliziert die Unterwanderung der exklusiven Souveränität des Nationalstaates (nicht allein in Bezug auf die Steuerung von Wirtschaft ätigkeit, sondern auch der Ausprägung legislativer und exekutiver internationaler politischer Arenen) seine Legitimationskrise (Sassen 1996). Die Nutzung von Informationstechnologien und die Verringerung von Transportkosten machen es den Unternehmen möglich, komparative Standortvorteile lokal, regional, national, kontinental und global für sich verfügbar zu machen und damit physische Strukturen einerseits neu zu schaffen, andererseits ökonomisch und sozial zu entwerten (Malecki 1991, Graham/Marvin 1996, Soja 2000) und sich dem Staat und seinen Kontrollbegehren (Varcoe/Kilminster 2002: 33) zu entziehen. Vernetzte Entwicklungsabteilungen in Nordamerika, Europa und Japan nutzen Zeitzonen für einen kontinuierlichen (= beschleunigten) Arbeitsprozess, während die Produktion der Güter in sogenannte Billiglohnländern verlagert wird. Hinsichtlich des Einflusses von nationalstaatlich gefasster Politik und globalisierter Ökonomie entsteht im Zuge der Postmodernisierung eine Asymmetrie: Die Gladiatoren des Wirtschaftswachstums, die von Politikern umworben werden, unterminieren die Autorität des Staates, indem sie zwar seine Leistungen beanspruchen, aber ihm die Steuern entziehen (Beck 1997: 19; vgl. auch Malecki 1991, Knox/Agnew 1994, Baumann 2000, Beck 2002 und 2006)[5].

In der Argumentation Baumans (1995) lässt sich ein wesentlicher Aspekt im Verständnis der kulturellen Postmoderne in der Transformation vom Produktionsin den Konsumkapitalismus festmachen, wobei beide auf der Verfügbarkeit billiger Energiequellen basieren (Conzen 2001b). In der modernen Spielart des Kapitalismus bildete die Arbeit die zentrale soziale Integrationsinstanz, Arbeit war das Band, das die Lebenswelten der Individuen mit der Rationalität des Systems verklammert und die Gesellschaft zusammenhält (Eickelpasch/Rademacher 2004: 41). In der Postmoderne kommt dem Konsum diese Funktion zu: In seiner gegenwärtigen Konsumphase setzt das kapitalistische System das Lustprinzip zu seiner eigenen Verewigung ein (Bauman 1995: 41). Bei der Produktion von Gütern und Dienstleitungen werden die Nutzwerte in Anpassung an die konsumkapitalistischen Erfordernisse immer stärker von den Imagewerten hinsichtlich ihrer Bedeutung zurückgedrängt [6].Die kreative Klasse der in wissensintensiven Bereichen Tätigen vielfach mit einem hohen Grad an kulturellem, aber einem geringen Grad an ökonomischem Kapital (i. S. von Bourdieu 1987) ausgestattet wird zur urbanen und Technologie, Talent und Toleranz suchenden Wachstums- und Leitbranche (Florida 2002; vgl. auch Glaeser/Shapiro 2001, Scott 2007, Sailer/Papenheim 2007). Mit dem Bedeutungsgewinn von Technologie, Talent und insbesondere Toleranz wird eine der Hauptaufgaben des modernen Staates, nämlich die Abwehr des Angst erzeugenden Fremden [7] (Tuan 1979, Bauman 1999 und 2009) unterminiert: Das Fremde wird konstitutiv für ökonomische Entwicklung. Der Machtverlust des Politischen gegenüber der übrigen Gesellschaft ist mit einem Verlust an Legitimität verbunden, da wie Rosenau (1990) betont Legitimität nicht, wie in der Moderne üblich, fraglos aus Prinzipien ableitbar ist, sondern durch spezifische Leistungen bewiesen werden muss und diese medial in zentrierten (Fernsehen, Zeitungen) wie auch dezentrierten Netzwerken (insbesondere dem Internet) in wechselnden Kontexten diskursiv bewertet werden und als Grundlage von wechselnden Wahlentscheidungen dient die Klassen- und die Schichtgesellschaft mit ihren Stammwählerpotenzialen ist der Milieugesellschaft mit nur noch losen parteipolitischen Bindungen zumindest weitgehend gewichen. Im Zuge der Postmodernisierung nehmen zwar einerseits die Ansprüche an eine lokal, regional oder national gefasste Politik zu, deren Handlungspotenzial Herrschaft auch ausüben zu können, sinkt jedoch. Zur Lösung dieses Dilemmas werden Scheinprobleme konstruiert und deren Scheinlösung inszeniert (vgl. auch Alheit 1992, Häußermann/Siebel 1993, Dingler 2003). Durch die Asymmetrie von politischen Problemlagen und politischer Handlungsfähigkeit werden politische Diskurse (um Macht, Recht und Grundfragen der gesellschaftlichen Ordnung) zugunsten ökonomischer, rechtlicher, wissenschaftlicher, dramaturgisch-medialer und symbolisch-ästhetischer Diskurse (Jain 2000: 423; Kastner 2002) verdrängt. Eine solche Politik, die in systemexternen Sachzwängen aufgelöst ist (Jain 2000: 423; siehe auch Žižek 2001), bedient sich zur Legitimitätssteigerung sachlicher bzw. fachlicher Expertisen (Nowotny 2005, Levidow 2005)[8]. Die fraglose Autorität der Gesetze, als Ausdruck des Bestrebens, Moral müsse entworfen und in das menschliche Verhalten eingeführt werden (Bauman 2009a: 16), ihrer Tautologie zum Trotz (ein Gesetz ist ein Gesetz, weil es ein Gesetz ist), unterliegt einem reflexiven Hinterfragen insbesondere ihres kontextualen Sinns und bewirkt vielfach ihre Delegitimierung (vgl. Derrida 1991, Vester 1993a, Dingler 2003, Bauman 2009a). Der moderne Glaube, moralische Individuen ließen sich durch Training und Drill (Baumann 2009: 54) gesetzlicher Regelungen gesellschaftlich hervorbringen, wird dadurch dekonstruiert, wodurch sich allmählich ein Verständnis entwickelt, wonach es die moralische Befähigung des Menschen sein muss, die es in so bemerkenswerter Weise fertig bringt, Gesellschaften zu formen und gegen alle Widerstände ihr mehr oder weniger glückliches Überleben zu sichern (Bauman 2009a: 54; Pulkkinen 1996).

Die Kontingenzsteigerung in der Postmoderne im Vergleich zur Moderne lässt sich mit einer kulturellen Phasenverschiebung (Ogburn 1964) verbunden verstehen: Die sozial-kulturelle Entwicklung weist ein höheres Beharrungsvermögen auf als die ökonomisch-technische Entwicklung, daher wird vielfach auf neue Herausforderungen nicht mit der Entwicklung neuartiger Strategien reagiert, sondern vielmehr mit dem Beharren auf tradierten Konfliktregelungsmustern. So lässt sich das in den vergangenen Jahren vieldiskutierte Bedürfnis nach Heimat, Ortsbezug, lokalen und regionalen Identitäten als eine tradiertes Muster der Kontingenzreduzierung, insbesondere wie Anthony Giddens (1995) feststellt der Globalisierung, lesen. Die Ortslosigkeit der Globalisierung als Prozess der Herausbildung einer Weltgesellschaft und einer globalen Kultur, in der transkontinentale Vernetzungen und Mobilitäten einen strukturellen Wandel einleiten (Castells 1991: 130), verbunden mit der Ausbreitung differenzierter urbaner Lebensweisen (Clarke 2003), wird durch ein re-embedding, eine Rückverortung, zu kompensieren versucht (vgl. auch Massey 1991). Der identifizierbare Ort hilft dabei dem Menschen, den Eindruck zu gewinnen, in einer bedeutungsvollen und stabilen Welt zu leben, was er [der Mensch; Anm. O. K.] auf unterschiedlichen Ebenen des Bewusstseins, auf Basis eines organisch verankerten Gespürs für Identität (Tuan 1992: 44) auf Grundlage von Habitualisierungen und Routinen vollzieht. In ihren ökonomischen, kulturellen, sozialen und politischen, aber auch ökologischen Ausprägungen, führt die Globalisierung zu einem dis-embedding, einer Ortslosigkeit des Menschen, Lebenswelten verlieren durch Globalisierung ihre Zentrierung (Luckscheiter 2007: 181)[9]. Aufgrund einer zunehmenden horizontalen, vertikalen und geographischen Mobilität gewinnt die affektiv-kathektische Handlungsorientierung, die emotionale Besetzung von Objekten (Parsons 1968), an Bedeutung. Dieser Bedeutungsgewinn der affektiv-kathektischen Handlungsorientierung liefert eine Deutungsmöglichkeit der zunehmenden Wertschätzung des Historischen, des Vertrauten und Verständlichen in der Postmoderne, die allerdings häufig mit einer bis hin zu Stigmatisierung und Gewalt reichenden Exklusion des Fremden einhergeht (Tuan 1979, Hanson 2005, Stearns 2006), was dem Toleranzprinzip der Postmoderne widerspricht.

Jürgen Hasse (1993) charakterisiert die Amivalenz der Postmoderne, indem er ihr neue Möglichkeiten, aber auch die Gefahr der Vergrößerung von Differenzen attestiert. Stark generalisiert lässt sich der Diskurs der Postmoderne in zwei bipolare Deutungsdimensionen (mit vielen Nuancen) fassen: Die Dimension einer optimistischen und einer pessimistischen sowie die einer (neo)marxistischen und einer nicht-marxistischen. Die optimistische wird insbesondere von Lyotard und Lipovetsky (2004), aber auch Jencks (1993),vertreten, die die Chancen einer sozialen Pluralisierung in einer stärkeren Toleranz und individuellen Entfaltungsmöglichkeiten stärker betont, Wissen bedeutete Erkenntnisfortschritt und die Möglichkeit zur Emanzipation von Zwängen, wie auch die Entstehung neuer Emergenzen und Synthesen. Gemäß der optimistischen Interpretation der Postmoderne wird Ästhetik als eine Form der Erkenntnis rehabilitiert, die den Menschen neue autoreferentielle Erlebnisfelder (Hasse 1993: 85) präsentiert. Foucault hingegen bestimmt die pessimistische Variante: liberale Demokratisierungen bedeutet Leistungszwang, Pluralisierung Vervielfältigung der Machtbeziehungen, die durch die Generierung neuen Wissens in Form von neuen rechtlichen Normen und deren Überwachung gesichert werden; eine ähnlich pessimistische Haltung vertritt auch Baudrillard, die Welsch (2006: 162) als ein rien ne va plus charakterisiert, aber auch Harvey (1989). Die (neo)marxistische Deutung der Postmoderne wird unter anderem von Jameson (1994) und Harvey (1985, 1987, 1989) wie auch der L. A. School (z. B. Soja 1989, 1989, Davis 1990, 2007) vertreten, in deren Zentrum die Analyse neuer Formen des Kapitalismus, geprägt durch eine Intensivierung der Kapitaldurchdringung und globaler Abhängigkeiten sowie deren Auswirkungen auf das Lokale, stehen. Vertreter einer nicht-marxistischen Interpretation der Postmoderne (wie Baudrillard 1976, 1994, Lyotard 1979, 1987b, Bauman 1992b, 1997) interpretieren die als postmodern beschriebenen Entwicklungen als neue Arten der Information, des Wissens und Technologien (Best/Kellner 1991: 3).

  • [1] In der Terminologie von Luhmann (1984) lassen sich diese beispielsweise als Systeme beschreiben, in der Terminologie von Bourdieu (1987) als Felder.
  • [2] Die Th rie des intergenerationellen Wertewandels basiert auf zwei Schlüsselhypothesen Ingleharts (1977):

    t Die Mangelhypothese: Die Prioritäten einer Person reflektieren die sozioökonomische Umwelt. Der höchste subjektive Wert wird solchen Dingen beigemessen, die relativ knapp sind.

    t Die Sozialisationshypothese: Die Beziehung zwischen sozioökonomischer Umwelt und Wertprioritäten wird nicht regelmäßig hergestellt: Sie vollziehen sich mit erheblicher Zeitverzögerung, denn die nicht hinterfragten Werte eines Menschen spiegeln im hohen Maße die Bedingungen wider, die in seinen Entwicklungsjahren herrschten.

    Der Übergang von materialistischen zu postmaterialistischen Werten wirkt in sämtlichen sozialen Normsystemen und weist eine inter- und intragesellschaftliche Differenzierung auf (Inglehart 1998):

    1. Postmoderne Werte sind in den wohlhabendsten und stabilsten Gesellschaften am weitesten verbreitet, während in weniger wohlhabenden Gesellschaften existenzielle Werte stärker betont werden.

    2. In jeder Gesellschaft vertreten wohlhabende und gebildete Bevölkerungsteile stärker post-materialistische Werte als ökonomisch unabgesicherte und weniger gebildete, die wiederum stärker auf die Existenzsicherung ausgerichtete Werte vertreten.

    3. Wirtschaftlicher Aufschwung verstärkt die Verbreitung postmaterialistischer Werte in einer Gesellschaft während ökonomische Stagnation, Unruhen in der Bevölkerung und Bürgerkrieg stärker existentielle Bedürfnisse hervorrufen.

    4. Gesellschaften, in denen sich über einen längeren Zeitraum eine Maximierung ökonomischer und physischer Sicherheit vollzog, weisen erhebliche Differenzen zwischen den Wertprioritäten älterer und jüngerer Generationen auf.

    5. Gesellschaften, in denen sich das Wachstum ökonomischer und sozialer Sicherheit in überdurchschnittlicher Geschwindigkeit vollzog, weisen einen starken intergenerationellen Wertewandel auf. Verlief dieses Wachstum hingegen langsam und stetig, ist auch die intergenerationelle Wertedifferenz gering.

    6. Die angelegten Werte bleiben langfristig stabil, da mit Ausnahme von kurzfristigen Schwankungen jede Generation die einmal sozialisierten Werte konserviert.

    Mit diesen Ausführungen nimmt Inglehart direkten Bezug auf die Theorie menschlicher Bedürfnisse von Maslow (1954). Wobei Maslow davon ausgeht, dass eine höhere Stufe der Bedürfnisse nur dann erstrebt wird, wenn die unteren Stufen bereits erreicht sind.

  • [3] Der Terminus der postindustriellen Gesellschaft beinhaltet nicht die Annahme einer völligen Abschaffung der Industrie, sondern vielmehr (auch) eine Verlagerung der Schwerpunkte industrieller Fertigung innerhalb einer Volkswirtschaft im Prozess der Postmodernisierung: den Bedeutungsverlust der Schwerindustrie im Vergleich zum Bedeutungsgewinn der hochkomplexen Computerindustrie.
  • [4] Die daraus resultierende Leitvorstellung eines Menschen ist nicht mehr der aufgrund seiner Fürsorge berechenbare Familienvater einer Kleinfamilie, sondern der fl le durch seine ökonomisch orientiere Lebensform ebenso berechenbare Yuppie (vgl. Behrens 2008) mit seinen wechselnden und einem steten Aushandlungsprozess unterliegenden Partnerschaften. Der Umgang mit Geld durch Yuppies lässt sich so Ehrenreich (1994: 225) als eine beispiellose Kapitulation vor der Konsumkultur deuten, da sie sich die für sie erstrebenswerten Dinge (wie Eigentumswohnung und Porsche) nicht leisten können, gönnen sie sich im Alltag ein paar extravagante Kleinigkeiten: Salatdressing aus Himbeeressig und Walnussöl, Mineralwasser aus Frankreich, Turnschuhe für 100 Dollar oder ein Essen für 50 in einem Trendrestaurant (Ehrenreich 1994: 225).
  • [5] Die Große Erzählung von der Allheilungskraft des Kapitalismus mit seinem technologischen Fortschritt wird zusätzlich durch (globale) Umweltkrisen unterminiert: So zeigte spätestens der Störfall von Harrisburg am 28. März 1979 die Fragilität der technischen Beherrschbarkeit der Technik, spätestens die gescheiterte Klimakonferenz vom Kopenhagen im Dezember 2009 die Handlungsunfähigkeit der (Umwelt)Politik gegenüber der globalisierten Ökonomie.
  • [6] So erstrecken sich die Image-Produktionsaktivitäten der Kulturökonomie [] in der heutigen Marketing-Gesellschaft nicht nur auf die von Werbe- und Design-Agenturen kreierten Produkt-Images, sondern insbesondere auch auf die von der Unterhaltungsindustrie und Medienwirtschaft verbreiteten Lebensstil-Images (Krätke 2002: 13).
  • [7] Fremdheit lässt sich von universell erfahrbarer Andersheit durch eine besondere zusätzliche Qualität unterscheiden: Fremdheit [] liegt [] dann vor, wenn die Andersheit eines Alter Ego als Irritation oder als Störung empfunden wird (Stichweh 2010: 162).
  • [8] Experten sind jedoch darauf ausgerichtet, die Freiheitsgrade, da wo sie vorhanden sind, zu kaschieren und auf jene Stellen hinzuweisen, wo Entscheidungsfreiheit fehlt, und dieses Fehlen als Sachzwang zu bejammern (Burckhardt 1982: 106), um das Eigeninteresse (z. B. fortgesetzter Expertise) zu wahren (vgl. Goodman 1973, Sofsky/Paris 1994, Paris 2005, Kühne 2008a).
  • [9] Die Wiedereinbindung jedoch erfolgt vielfach als Kompensation durch die Expansion von objektzentrierten Umwelten (Knorr Cetina 2006: 101). Objekt-zentrierte Umwelten situieren und stabilisieren das Selbst und definieren die individuelle Identität ebenso wie menschliche Gesellschaften dies getan haben (Knorr Cetina 2006: 101, vgl. hierzu die empirischen Ergebnisse von Kühne/Spellerberg 2010).
 
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