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2.1.1 Postmoderne und Wissen

Ein wesentliches Bemühen der Moderne liegt darin, ab- und auszugrenzen, um Eindeutigkeiten zu produzieren, wodurch die Grundkonzeption der Moderne eine konfrontative ist, das Entweder-Oder, das gnadenlose Duell bis zu Sieg oder Niederlage ist für sie konstitutiv (Werntgen 2008: 101): Sein oder Nicht-Sein, Drittes oder Mittleres ausgeschlossen. Peter Sloterdijk (1987) nennt diese Haltung der Moderne Exklusivismus. Der Modernismus, also die zur Norm erhobenen Grundzüge der Moderne, sei so Sloterdijk (1987: 49) als eine Revolte gegen das Selbstverständliche zu verstehen, der Modernismus war in permanenter Bewegung und besaß in seiner Ausschließungskraft sein revolutionäres Prinzip (Sloterdijk 1987: 49). Das Selbstverständliche war Sloterdijk (1987) zufolge unhinterfragte Traditionen oder Trägheiten. Mit der Abschaffung der Selbstverständlichkeit in der Moderne wurde die Ausschließung des alten Selbstverständlichen zur neuen Selbstverständlichkeit (Sloterdijk 1987: 50), wodurch deutlich wird, dass das Prinzip der modernen Reflektion als zweite Reflektion auch die Modernität zum Gegenstand macht (Sloterdijk 1987: 51): Die Modernität muss es sich gefallen lassen, dass man ihre eigenen Fragen noch einmal an sie richtet.

In seinem Kernbestand wies der Modernismus einen (letztlich irrationalen) Glauben an den Viersatz von Vernunft, Wissen, Fortschritt und Emanzipation [auf]. Aus der Vernunft lässt sich ein sicheres Wissen generieren, das zu einem ständigen Fortschritt führt, der wiederum eine zunehmende Emanzipation des Menschen nach sich zieht (Dingler 2003: 45; Hervorh. i. O.; siehe auch Soja 2000, Choi 2004, Sloterdijk 2007). Der Glaube[1] an diesen Viersatz kombinierte die Moderne mit einem Streben nach Ordnung und Reinheit. Dabei gehört es zum Wesen des Reinigens, dass sein Effekt nicht nur der eigentlich angestrebte nämlich die Herstellung von Reinheit ist, sondern dass es zugleich zwei problematische Nebenerscheinungen mit sich bringt: Erstens produziert es Abfall, der ja überhaupt erst anfällt, wenn gereinigt wird, zweitens tritt als Folge des Reinigungsprozesses eine Verarmung der akzeptierten Wirklichkeit, eine Verringerung ihres Reichtums und ihrer Fruchtbarkeit ein (Fayet 2003: 157; Engler 1997). Der Logozentrismus, als exklusivistische Ablehnung aller nicht-logischen Diskurse (Lyotard 2004), impliziert einen Eurozentrismus mit einer rekursiven Legitimation des abendländischen, rationalen Denkens, der Vorherrschaft des die rationalen Entscheidungen sakralisierenden Kapitalismus (Amin 1988, Leitner/Sheppard 2005), der Vorherrschaft des Weißen (Derrida 1974) und des stereotyp Männlichen (Butler 1991). Moderner Exklusivismus bedeutet auch die Höherschätzung des Autochthonen gegenüber dem Allochthonen, wie es sich in der Matrix des stereotyp Heimatlichen entwickelt, gebildet aus einem Amalgam von Dialekt, Ortsansässigkeit der Vorfahren, Heterosexualität, Religion, lokalen und regionalen Traditionen (Kühne/Spellerberg 2010 vgl. auch Kristeva 2001, Peil 2007, Behrens 2008). Der Postmodernismus hingegen ist darum bemüht, Widersprüche und Mehrdeutigkeiten und auch Unreinheiten anzuerkennen. Diese Haltung postmodernen Denkens nennt Sloterdijk (1987) Post-Exklusivismus,das Prinzip des Auch-anders-sein-Können[s] der Dinge (Sloterdijk 1987: 90). Mit Richard Rorty (1989) ist die Absage an den modernistischen Wahrheits-, Vernunft- und Moraluniversalismus der Moderne mit einer Anerkennung der radikalen Kontingenz verbunden und lässt sich als Verfassung radikaler Toleranz bezeichnen, in der sämtliche (Gewalt ablehnende) Lebensstile akzeptiert und als Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens gewertet werden (vgl. auch Welsch 1988, Choi 2004).

Zentraler Ansatz postmodernen Denkens liegt in der Ablehnung großer Ideologien, großer Synthesen und Einheitsideen. Stattdessen betont postmodernes Denken die Vielfalt von Perspektiven, Pluralität und Dezentrierung. Lyotard (1979) erkennt für die Postmoderne das Ende Großer Erzählungen (oder Meta-Erzählungen) mit exklusivistischem Geltungsanspruch mit ihren Finalitätsmythen (Beck/Bonss/Lau 2001: 17). Das Projekt der Moderne, nämlich die Verwirklichung von Universalität [] [ist] nicht aufgegeben, vergessen, sondern zerstört, liquidiert worden (Lyotard 1999: 50, zuerst 1984)[2]. Infolge ihres Ausschließlichkeitsprinzips sind die Großen Erzählungen untereinander durch Autoritätskonkurrenzen (siehe Abbildung 1) gekennzeichnet, die sich bis hin zu Kriegen und Massenmorden steigern können und an deren Ende eine sinnkrisenhafte Kette von Enttäuschungen steht: enttäuscht vom Sozialismus, enttäuscht vom Liberalismus, enttäuscht schon bald vom Postkommunismus (Augé 2011: 39, zuerst 1992). In diesem Sinne lässt sich auch die Kritik von Feyerabend (1986) am Methodenzwang der Wissenschaft lesen: Als ein In-Frage-Stellen des Machtanspruchs von Wissenschaft als eine Große Erzählung der Moderne (vgl. auch Behrens 2008). Aus der Sicht des Postmodernismus gilt es an die Stelle der Großen Erzählungen in der Postmoderne die Kleinen Erzählungen (Lyotard 1987) treten zu lassen, also Aussagen über die Welt mit begrenztem Wahrheitsanspruch, verbunden mit einer Bevorzugung der individuellen Sichtweise, des Besonderen, des Individuellen, des Kleinen, aber auch des Lokalen. Mit der Zuwendung zu den Kleinen Erzählungen wird Weltdeutung fragmentiert und damit von Unbestimmtheiten geprägt (Best/Kellner 1991, Hassan 1988, Dingler 2003), was auch mit dem Verlust der Möglichkeit eines allgemeingültigen Maßstabes von Kritik einhergeht: die Gesellschaft als Ganzes ist für den Kritiker nicht greifbar; sie besteht vielmehr aus einer Vielfalt unterschiedlicher Felder, deren Grenzen er [der Kritiker; Anm. O. K.] nicht eindeutig bestimmen kann. Kritik ist aus diesem Grunde allenfalls noch als Partialkritik möglich (Friesen 1995: 10) und wird abhängig vom jeweils eingenommenen Standpunkt. Der Verlust Großer Erzählungen bedeutet auch den Verlust der Illusion, Welt nach einem universalen Prinzip ordnen zu können [3]. So

Abbildung 1 Aussagen wichtigerGroßer Erzählungen der Moderne über sich und andereGroße Erzählungen (nach: Blotevogel 2000).

y

über

x

Christentum Marxismus Kapitalismus Wissenschaft

Christentum

Die Offenbarung

Häresie

Mäßigung

Unvollständig, Gott in den Lücken

Marxismus

Opium fürs Volk

Die ultimative Gesellschaft

Unheilbar krank

Teilweise nützliche Verwendung

Kapitalismus

Darf nicht im Wege stehen

Kann nicht funktionieren

Beste aller Ordnungen

Teilweise nützliche Verwendung

Wissenschaft

Inexistenz von Wundern

Quelle für Forschungsfi

Quelle für Forschungsfi

Einziger Weg zur Wahrheit

charakterisiert Bauman (2009a: 55) Postmoderne als Moderne ohne Illusionen[4]. Die Desillusionierung betrifft dabei auch den moralischen Universalismus: Moralität wird einerseits durch diskursive Regeln, andererseits Ästhetik (Bauman 2009a: 55).

Die Kontingenz, also das Auch-anders-sein-Können, postmodernen Denkens ist auch in der kritischen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Sprache und ihrer Bedeutung in der sozialen Reproduktion begründet. Ausgangspunkt für postmoderne Überlegungen ist die prinzipielle Unhintergehbarkeit der Sprache (Weik 1998: 24). Sprache und Wirklichkeit sind demnach nicht deckungsgleich, vielmehr besitzen sie eine Art Schnittmenge struktureller Ähnlichkeit und zeugen von der Inkommensurabilität von Denken und wirklicher Welt (Lyotard 1987c: 257). Sprache schafft Realität, sie strukturiert Wahrnehmung. Damit ist Sprache kein Kommunikationsinstrument, sondern ein höchst komplexer Archipel, der aus Inseln von Sätzen besteht, die ungleichartigen Ordnungen angehören, so dass es unmöglich ist, einen Satz aus einer Ordnung (einen deskriptiven Satz zum Beispiel) in einen Satz einer anderen Ordnung (einen evaluativen oder präskriptiven) zu übersetzen (Lyotard 1985: 86, vgl. auch Lyotard 1987b). Sprache täuscht so bereits Nietzsche (1956) eine Wahrheit vor, die es außer in der Einbildung des Menschen nicht gibt. Das Wort dient Nietzsche (1956: 313) zufolge nicht mehr der Erinnerung an das einmalige ganz und gar individualisierte Urerlebnis, dem es sein Entstehen verdankt, sondern wird vielmehr eigenständig und löst sich vom Erlebten, wird zum Begriff verfestigt, womit die Entstehung der Sprache mit dem Vergessen der Wirklichkeit einhergeht. Dabei sind Bedeutungszuschreibungen für Objekte allerdings auch nicht willkürlich, aber kontingent, d. h. sie bestimmen sich innerhalb der Koordinaten eines kulturell (räumlich) und geschichtlich (zeitlich) spezifischen Aussagesystems (Wachholz 2005: 24; ähnl. Berger/Luckmann 1970). Dabei ist der Zugang des menschlichen Bewusstseins zu seiner Umwelt von Sprache determiniert: Der Mensch lebt so sehr in sprachlichen Formen, in Kunstwerken, in mythischen Symbolen, dass er nichts erfahren oder erblicken kann, außer durch Zwischenschaltung dieser künstlichen Medien (Cassirer 1960: 39)[5]. Dies macht die Relativität des sozialen Konstruktes von Wahrheit deutlich. Foucault (1981: 74, vgl. hierzu auch Bauman 1992b) charakterisiert die Produktion von Wahrheit wie folgt: Die Wahrheit ist nicht von dieser Welt; in dieser Welt wird sie aufgrund vielfältiger Zwänge produziert, verfügt sie über geregelte Machtwirkungen. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Ordnung der Wahrheit, ihre allgemeine Politik der Wahrheit: d. h. sie akzeptiert bestimmte Diskurse, die sie als wahre Diskurse funktionieren lässt; es gibt Mechanismen und Instanzen, die eine Unterscheidung von wahren und falschen Aussagen ermöglichen und den Modus festlegen, in dem die einen oder anderen sanktioniert werden; es gibt einen Status für jene, die darüber zu befinden haben, was wahr ist und was nicht. Die enge Verflechtung von Macht und Wissen subsummiert Foucault (1983: 114) in der kurzen Definition von Macht als der Wille zum Wissen. Ein Regulationsmechanismus zur Definition von Wissen und dessen Verteilung ist das (zumeist staatlich organisierte) Bildungssystem. Das sich als neutral postulierende Bildungssystem (Bourdieu 1973) reproduziert so durch das Macht- und Distinktionsmittel Sprache als Zeichen- und Regelsystem (Werlen/Weingarten 2005: 192, Pred 2005, zuerst 1990) die bestehenden Sozialstrukturen [6]. Dabei muss das Bildungssystem nicht auf die Machtinstrumente der physischen Interaktion zurückgreifen, sondern erzeugt eine verinnerlichte und somit unhinterfragte Folgebereitschaft in Form des Habitus (Han 2005: 5657): Der Habitus leitet die Handlungen so, dass die herrschenden Machtverhältnisse sich diesseits einer rationalen Begründung auf eine fast magische Weise reproduzieren. Durch die Transformation von Außenzwängen in Innenzwänge (vgl. auch Elias 1992), wird in der Disziplinargesellschaft Macht über die ideologischen Staatsapparate (Althusser 1977) wie Schule, Gefängnis etc. hinaus ausgedehnt und in eine allgegenwärtige Kontrollgesellschaft transformiert (Foucault 1977, Hardt/Negri 2002, Dingler 2003).

Abbildung 2 Wissenschaft in der Moderne und Postmoderne (nach: Koslowski 1987).

Moderne

Postmoderne

Wissenschaftsverständnis

Szientistisch, weltbildkonstituierend

Kritisch und instrumental

Wissenschaftsmethoden

Objektivierendes Erklären

Verstehen und Erklären

Verhältnis zur Metaphysik

Ametaphysisch

Anerkennung eines metaphysischen Kerns von Wissenschaft

Wissensformen

Wissenschaftsmonismus

Pluralität von Nutz-, Bildungs- und religiösem Wissen

Die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung in der Gesellschaft ändert sich (Abbildung 2): Heute ist infolge der Dekonstruktion des positivistischen Weltbildes davon auszugehen, dass der naive Empirismus als der Forscher den toten Mann spielte überwunden ist zugunsten einer Methodologie der teilnehmenden Beobachtung (Sloterdijk 1987: 81)[7]. Latour (2002: 31) konstatiert in diesem Zusammenhang einen Übergang von dem, was er Wissenschaft, zu dem, was er Forschung nennt: Wissenschaft besaß Gewissheit, Kühlheit, Reserviertheit, Objektivität, Distanz und Notwendigkeit, Forschung dagegen scheint all die entgegen gesetzten Merkmale zu tragen: Sie ist ungewiss, mit offenem Ausgang, verwickelt in die niederen Probleme von Geld, Instrumenten und Know-how und kann nicht so leicht zwischen heiß und kalt, subjektiv und objektiv, menschlich und nicht-menschlich unterscheiden. Mit Gibbons et al. (1994) und Nowotny (1999) lässt sich dieser Wandel von Modus 1 zu Modus 2 als ein grundlegender Bruch der Epistemologie beschreiben: Wissenschaft ergründet demnach nicht mehr grundlegende Zusammenhänge mit dem Anspruch auf objektive Gültigkeit, sondern produziert als Forschung in interdisziplinären Anwendungskontexten sozial robustes Wissen (vgl. auch Viehöver 2005).Auch das wissenschaftliche Wissen ist also durch Unbestimmtheiten in Form von Kontingenzen, Brüchen, Verschiebungen und Ambiguitäten geprägt (Hassan 1988, Dingler 2003, Bauman 2009a). Wissenschaft im Modus 2 wird als in einen vielfach rückgekoppelten Kontext eingebundener Knoten gesehen (Latour 2002):

1. Als Mobilisierung der Welt lassen sich Mittelverstehen, die die Einbindung von nicht-menschlichen Wesen in den Diskurs erfordern, beispielsweise technische Instrumente, Datenerhebungen, Befragungen oder Expeditionen, mit deren Hilfe Informationen über die Welt außerhalb der Wissenschaft gesammelt werden.

2. Die Autonomisierung bezeichnet die Arbeit einer Disziplin, Profession oder Clique, sich von alternativen Bewertungskriterien unabhängig zu machen und sich ein eigenes Bewertungs- und Referenzsystem zu geben (Latour 2002).

3. Die Bildung von Allianzen beschreibt das Wecken von Interesse bei Gruppen für spezifische wissenschaftliche Themen und Disziplinen [8].

4. Die Repräsentation in der Öffentlichkeit bezeichnet die Regelung des Verhältnisses von Wissenschaften und Journalisten und der Frau und dem Mann auf der Straße (Latour 2002: 127).

Eigens die Amalgamierung von politischem und externen wissenschaftlichem Feld durch den Übergang der Wissensproduktion von Modus 1 zu Modus 2 bedeutet zwar eine Erweiterung der Rechenschaftsbasis von Wissenschaft (Nowotny 2005), impliziert aber auch ein brisantes Problem: Der von Experten in der Politikberatung betriebene wissenschaftliche Diskurs, hat einen erheblichen Einfluss auf politische Entscheidungen, und sei es nur in der Weise, dass es ihnen die zusätzliche Legitimität der Rationalität und der Objektivität verschafft (Weingart 2003: 92; siehe auch Beck 1986 und 2006, Žižek 2001; in Bezug auf Landschaft siehe Turner 1996, Holand 2005, Kühne 2008a, Wöhler 2010), allerdings jenseits der demokratischen Legitimationsquellen von Politik. Nicht nur die Grenze zwischen Politik und Wissenschaft verschwimmt in der Postmoderne sukzessive, auch der Unterschied zwischen kanonischem und nicht-kanonischem Wissen wird durch das Internet verwischt (Brockhaus versus Wikipedia) (Kubsch 2007: 49). Der explosionsartige Bedeutungsgewinn des Internets macht riesige Informationsressourcen global verfügbar (Graham 1997).

Im Bewusstsein der Dezentrierung von Wissen und seiner abschließenden Unbegründbarkeit erhält die Dekonstruktion von Narrativen (in Bezug auf Landschaft sowohl in der Dimension von Landschaft als Bild, als Text, aber auch als Text über Landschaft), also ein kritisches Hinterfragen scheinbar in sich schlüssiger und wahrer Aussagen über ein eindeutiges Bezugsobjekt (Fröhlich 2003: 116), eine Schlüsselbedeutung. Soja (2008: 252) mahnt in diesem Zusammenhang eine sowohl hinsichtlich der Zeit als auch des Raumes kritische Perspektive an: Alles, was existiert, jemals existiert hat, je existieren wird, hat eine räumliche Dimension, und eine kritische räumliche Perspektive auf alles, was als existent denkbar ist, kann uns eine wesentliche Hilfe sein, die Welt zu verstehen. Zentral ist dabei die Frage nach den gesellschaftlichen Machtverteilungen, insbesondere in der Definitionshoheit über gesellschaftliche Diskurse, woraus die anti-hegemoniale Haltung der Postmoderne im Allgemeinen und der postmodernen Wissenschaft im Besonderen zum Ausdruck kommt (Fröhlich 2004, Beck 2006). Die machtkritische Dekonstruktion der allgemein gesellschaftlichen, aber auch wissenschaftlichen Metanarrative als bislang unhinterfragten Autoritäten, macht nach Dear (1986) eine Rekonstruktion von Wissen im Bewusstsein der Kontingenz von Welt mit Hilfe der Perspektiven- und Methodenvielfalt nötig, um nicht einer vollständigen epistemologischen Willkür zu unterliegen. Eine solche Willkür würde schließlich die Gefahr einer weitgehenden machtbezogenen Instrumentalisierung von Wissenschaft bergen. In der postmodernen Wissenschaft finden im Bewusstsein der prinzipiellen Relativität von Wissen unterschiedliche Methoden Anwendung. In den Raumwissenschaften finden sich die Interpretation sozialstatistischer Daten, die Analyse von Machtbeziehungen in der regionalen Geschichte der ästhetischen Konstruktion von Raum und Landschaft und die Anwendung der Methodik der cultural studies wie auch der qualitativen Sozialforschung und einer hinsichtlich objektivistischer Attitüden bereinigten quantitativen Sozialforschung (vgl. Dear 2000, Fröhlich 2003, Basten 2005, Kühne 2006a).

  • [1] Dass Glaube eine zentrale Bedeutung für die Durchsetzungsfähigkeit eigener Ansprüche hat, verdeutlicht Bertrand Russell (2009, zuerst 1947: 145): Die Macht einer Gemeinschaft hängt nicht allein von ihrer Zahl, ihren wirtschaftlichen Hilfsquellen und ihrer technischen Kapazität ab, sondern auch von ihrem Glauben.
  • [2] Dies gilt für die spekulative Th rie Hegels von der universellen Vernunft durch die rationalisierte Barbarei von Auschwitz, die Idee des Kapitalismus durch die Wirtschaft isen von 1911, 1929, 19741979 und Ende der 00er Jahre aber auch die Idee des Sozialismus durch die Aufstände in Ostmitteleuropa und seinen Zusammenbruch in weiten Teilen der Welt (Lyotard 1987a, 1999, zuerst 1984).
  • [3] Der Verlust der Großen Erzählungen hat auch zur Folge, dass die Erzeugung von Solidarität durch die Garantie defi ter Grenzen zu anderen Klassifi tionssystemen, beispielsweise durch den Nationalstaat, nicht mehr möglich ist (Junge 2002: 93).
  • [4] Wodurch die Kehrseite dieser Aussage lautet: die Moderne ist eine Postmoderne, die ihre eigene Wahrheit nicht akzeptieren will (Bauman 2009a: 55).
  • [5] Unter Rückgriff auf die Terminologie Wittgensteins (2001) lassen sich Aussagesysteme als Sprachspiele, also als Sprache und den mit Sprache verbundenen Tätigkeiten verstehen (Wittgenstein 2001). Die Bezüge des Sprachspielers innerhalb des Sprachspiels charakterisiert Meder (2004: 40) dabei wie folgt: Der Sprachspieler weiß nicht, was er macht im Spiel, sondern er macht es, und was es ist, was er dabei macht, ergibt sich aus der fi Vernetzung von Spielzügen, in der sich das Sprachspiel aktualisiert und situativ präsentiert.
  • [6] Dies lässt sich durchaus kritisch hinterfragen: Die Schule bringt den Kindern der beherrschten Klassen den Respekt vor der herrschenden Kultur bei, ohne ihnen den Zugang dazu zu ermöglichen (FuchsHeinritz/König 2005: 42). Gerade im Bereich der Bildung wird die Kultur der unteren Klassen entwertet. Sobald ihre Vertreter dort ihre Sprache anbieten, bekommen sie schlechte Noten; da fehlt ihnen die richtige Aussprache, die richtige Syntax usw. (Bourdieu 1982a: 49).
  • [7] Schließlich gilt es zu beachten, dass die methodologische Einheit, auf die man sich bei der Diskussion von Fragen der Prüfung und des empirischen Gehaltes beziehen muss, aus einer Menge teilweise überschneidender, mit den Tatsachen vereinbarer, miteinander unverträglicher Th rien besteht (Feyerabend 1986: 44; Hervorh. im Orig.).
  • [8] Dieser Zusammenhanglässt sich mit Latour (2002: 125) beispielhaft fassen: Man muss Militärs für Physik, Industrielle für Chemie, Könige für Kartographie, Lehrer für Pädagogik und Abgeordnete für politische Wissenschaften interessieren. Ohne eine solche Anstrengung, Interesse zu wecken, bleiben die anderen Schleifen folgenlos wie Reisen mit dem Finger auf der Landkarte.
 
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