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2 Allgemeiner theoretischer Rahmen: Postmoderne, Residuen, Angst, Ästhetik und Hybridität

[1]

2.1 Moderne und Postmoderne einführende Bemerkungen

Kaum ein anderer Begriff der philosophischen und sozial- und kulturwissenschaft lichen Gegenwartsdiagnose hat die mit Gesellschaft befassten Wissenschaften wie auch die interessierte Öffentlichkeit seit mindestens drei Jahrzehnten so sehr fasziniert und in Atem (Eickelpasch 2000: 11; Best/Kellner 1991) gehalten wie der Begriff der Postmoderne

[2]. Dieser relationale Begriff der Postmoderne (er erhält erst durch die Konturierung in Bezug auf die Moderne Anschlussfähigkeit; Friesen 1995) bleibt dabei bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt undeutlich, bisweilen stereotyp, teilweise schlaglichthaft und stellt eine grobe Vereinfachung komplexer gesellschaftlicher Prozesse dar (Pfeiffer 1999, vgl. auch Kühne 2006a).Wer sich mit Postmoderne auseinandersetzt, verstrickt sich nicht selten in einen terminologischen Irrgarten (Bertens 1987: 47). Grundsätzlich lässt sich der Begriff der Postmoderne ohne der Komplexität des Begriffs gerecht zu werden negativ als Nicht-Moderne abgrenzen. Dabei ist die Moderne nicht plötzlich in die Postmoderne übergegangen, wobei eine Zeit zwischen den Zeiten entstand, eine Zwischenzeit, in der eine Unbestimmtheit herrschte, die offensichtlich im Pluralismus der Postmoderne und ihrer Beurteilung fortbesteht (Friesen 1995: 50). Der postmoderne Pluralismus erschöpft sich nicht in der Pluralisierung von Lebensstilen, räumlichen Strukturen, wirtschaftlichen Entwicklungen, ästhetischen Deutungen etc., sondern bezieht sich auch auf die Regeln der Lebensführung. Dieser Pluralismus der Regeln lässt die moralischen Entscheidungen (und im Gefolge das moralische Bewusstsein) als intrinsisch und irreparabel ambivalent erscheinen (Bauman 2009a: 38; Hervorh. i. O.; zur Bedeutung von Ambivalenz in der Soziologie Baumans siehe Junge 2002). Die Postmoderne emergiert neue Entwicklungen. Das bedeutet, dass vieles, was heute als postmodern gilt, zwar in der Moderne angelegt war schließlich gründen postmoderne Entwicklungen auf modernen Wurzeln , sich aber nicht allein aus der Logik der Moderne erklären lässt (vgl. auch Friesen 1995). Deutlich wird diese Emergenz der Postmoderne aus der Annäherung an den Begriff der Postmoderne, wie sie vom Soziologen Bauman (1992a: 127) vertreten wird: Die Postmoderne ist die Moderne, die die Unmöglichkeit ihres ursprünglichen Projektes eingestanden hat. Die Postmoderne ist die Moderne, die mit ihrer eigenen Unmöglichkeit versöhnt ist und um jeden Preis entschlossen ist, damit zu leben. Postmoderne lässt sich damit auch als emanzipierte Moderne fassen, die auch als radikale Selbstkritik der Moderne (Behrens 2008: 19) aufgefasst werden kann. Postmoderne bedeutet damit keine Verabschiedung von der Moderne, sondern deren radikale Befragung, sie ist nicht durch einen Bruch von der Moderne getrennt, sondern durch spezifische Verflechtungen mit ihr verbunden (Welsch 2006: 79; vgl. auch Dingler 2003). Postmoderne bedeutet, dass es [] die Moderne selbst ist, die ihre Unfähigkeit und zwar jenseits vernünftiger Zweifel zeigen wird (wenn sie es nicht schon hat), die Vergeblichkeit ihrer Hoffnungen und das Überflüssige ihres Wirkens (Bauman 2009a: 22). Die Schwierigkeit des postmodernen Bezugs zur Moderne, aber auch der Definition der Postmoderne erscheint dabei selbst ein Indiz der Postmoderne zu sein (Behrens 2008: 11).

  • [1] Dieses Kapitel umfasst weder eine detaillierte Entwicklungsgeschichte der Ästhetik, noch eine umfängliche Gesellschaftsdiagnose der Gegenwart. Vielmehr sollen einerseits wesentliche gesellschaftliche Aspekte der Postmoderne vielfach in Kontrastierung zur Moderne, andererseits wesentliche Entwicklungspfade zur Ästhetik der Postmoderne herausgearbeitet werden. Sowohl hinsichtlich der Ästhetik als auch zum Th eld der Postmoderne existieren bereits mehrere Einführungen, auf die in diesem Zusammenhang verwiesen werden kann. Hinsichtlich der Ästhetik sind beispielsweise GethmannSiefert (1995), Schneider (2005) und Pöltner (2008) zu nennen, für das Themenfeld Postmoderne Best/ Kellner (1991), Vester (1993a), Zima (1997), Kubsch (2007) und Behrens (2008).
  • [2] Zur Bestimmung der in dieser Arbeit verwendeten Begriff te der sich um den Terminus Postmoderne rankenden Verständnisse sei in Anlehnung an Vester (1993a) an dieser Stelle eine terminologische Vorklärung vorgenommen:

    1. Die Begriffe Moderne und Postmoderne sind auf jeweils charakteristische in der Regel nach Max Weber (1972a, zuerst 1921) idealtypische Konfi tionen oder Strukturen mit bestimmten politischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Merkmalen bezogen.

    2. Die Bedeutung der adjektivischen Verwendung modern und postmodern entspricht der oben genannten substantivischen.

    3. Begriff r Modernität und Postmodernität bezeichnet idealtypische Konfi tionen und ist dabei jeweils sachoder sachverhaltsgebunden.

    4. Die Begriffe Modernismus und Postmodernismus werden auf die reflexive Verwendung der oben genannten Begriffe, im Sinne von theoretischen Konstrukten, bezogen.

    5. Unter Modernisierung und Postmodernisierung werden Prozesse verstanden, die auf das Erreichen der im ersten Punkt genannten idealtypischen Zustände zulaufen.

 
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