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1 Einleitung

Dass wir in kollektive Experimente verstrickt sind, muss nicht erst lange bewiesen werden, stellt Bruno Latour (2004: 184) fest. Los Angeles stellt den Extremfall eines solchen Experimentes dar, und zwar unter anderem in Hinblick auf die Verkehrserschließung, die Entwicklung von Zuständen, die sich mit Urbanität und Verstädterung nur noch unzureichend beschreiben lassen, von Migration, Medienrepräsentanz, Umformung natürlicher Grundlagen von Landschaft, Wechsel von Regulationsregimen und deren Rückkopplungen. Die vorliegende multiperspektivisch angelegte Arbeit zu Los Angeles befasst sich mit sozialen Hybridisierungen und ihren räumlichen Repräsentanzen einerseits und den sozialen Deutungs- und Bewertungsmechanismen dieser Hybridisierungen und deren räumlichen Repräsentationen andererseits. Dabei werden insbesondere Bezüge zwischen Ästhetik und Angst zwei wesentliche soziale Phänomene, die auch die Materialität von Los Angeles prägen und zwischen den Polaritäten von Moderne und Postmoderne hergestellt. Ebenso werden die vielfältigen und rekursiven Zusammenhänge zwischen Materialität und Fiktion herausgearbeitet, die sich in sozialen wie räumlichen Hybridbildungen niederschlagen. In Los Angeles wird die Janusgesichtigkeit des Experiments des Siedlungstypus der Megastadt als urbanes Zentrum wirtschaftlicher und sozialer Modernisierung auf der einen Seite und als chaotischer und grausamer Moloch, charakterisiert durch Armut, Kriminalität und Fragmentierung (Schwentker 2006: 15) auf der anderen Seite besonders virulent. Die herausgehobene Bedeutung von Los Angeles im Kontext urbaner Entwicklung bietet auf Grundlage der weitreichenden Beobachtung der Entwicklung der Megastadt aus nicht explizit ästhetischer Perspektive die Akzentuierung einer ästhetischen Betrachtung des Räumlichen jenseits dichotomer objektverhafteter Stadt-Landschaftstrennungsmuster (siehe auch Turner 1996, Ipsen 2006). Diese Beobachtung von Los Angeles aus Perspektive der Ästhetik erhält über die megastädtischen Bezüge hinaus seine Bedeutung aus der hybriden Kombination gesellschaftlicher und natürlicher Faktoren. So beschreibt Mike Davis (2004: 70) als Charakteristikum der Agglomeration von Los Angeles nicht das bloße Zusammenspiel von Erdbeben, Buschbränden und Überschwemmungen, sondern die einzigartige explosive Mischung aus natürlichem Gefahren- und sozialem Konfl tpotenzial, deren Ausdrücke auch Aufstände, überfüllte Straßen mit ständig hohem Unfallpotenzial, Ozonsmog und unsichere Arbeitsverhältnisse sind (Cronon 1996a). Eine Mischung also, die in spezifischen Mustern ästhetischer Deutung und Aneignung ihren Niederschlag findet.

Los Angeles polarisiert die (nicht nur wissenschaftliche) Debatte: Es ist das Terrain und das Thema erbitterter ideologischer Kämpfe (Davis 2004: 42) aus einer Melange von Postmodernekritik, Kulturkritik, Kapitalismuskritik, Typenbildungskritik und vielerlei mehr. Anfeindungen gegenüber der Suburbanisierung in der stadtwissenschaftlichen Symbolik repräsentiert durch die Agglomeration von Los Angeles -erfolgen aus ästhetischer, politischer, ökonomischer wie aus ökologischer Perspektive (aus amerikanischer Perspektive: Duany/Plater-Zyberk/Speck 2000, Calthrope/Fulton 2001,Hayden 2004a und 2004b, Beauregard 2006). Nooteboom (2001: 13, zuerst 1973) beschreibt Los Angeles als eine Wüste von Immobilien, unzureichend strukturiert und eingehüllt in gelben Nebel. Sympathiebekundungen gegenüber weit verbreiteten Suburbien bleiben in der Minderheit (z. B. Holzner 2000, Bruegman 2005, Waldie 2005, Banham 2009 zuerst 1971). Insbesondere aus europäischer Perspektive, bei der Anti-Amerikanismus zu einem intellektuell-differenzierten Habitus gehört (Schneider-Sliwa 2005: IX; vgl. auch Hardinghaus 2004), wird Los Angeles vielfach zum Synonym für die amerikanischste der amerikanischen Städte (wie auch vielfach Kalifornien als der amerikanischste der amerikanischen Bundesstaaten gilt; eine Deutung, die durch Roye 1908 in die wissenschaftliche Debatte eingebracht wurde; vgl. auch hierzu Starr 2007), nahezu ein physisches Manifest eines Idealtypus der amerikanischen dezentrierten Siedlungsgefüge, und somit populäres Objekt von Kritik und Distanzierung[1]. Ob Los Angeles als der dystypische Albtraum einer Höllenstadt von gigantischen Ausmaßen (Soja/ Scott 2006: 283), als Höllenstadt ohne Urbanität, Historie oder Horizont (wie Lévy 2005) oder als die Verwirklichung einer Art urbaner Utopie und des amerikanischen Traums (Soja/Scott 2006: 283) gesehen wird: Los Angeles stellt für weite Teile der gegenwärtigen Stadtforschung nahezu den Prototyp einer postmodernen Megastadt dar vergleichbar der Bedeutung Chicagos für die Moderne (z. B. Garreau 1991, Soja/Scott 1998, Soja/Scott 1998 und 2006, Dear/Flusty 2002a, Erie 2002, Lake 2005, Hall 2006, Kotkin 2006, Laux/ Thieme 2008, Culver 2010): Die Werke der Los Angeles School haben seit den 1970er Jahren die emergenten Prozesse postmoderner megastädtischer Entwicklung zum Ende des 20. Jahrhunderts am Beispiel der Agglomeration von Los Angeles insbesondere mit der Begründung untersucht, dass als postmodern bezeichnete Entwicklungsprozesse in Los Angeles in besonderer Vielfalt und besonderer Intensität zu beobachten seien (z. B. Scott 1988a, Soja 1989, 1994 und 1996, Garreau 1991, Marchand/Scott1991, Zukin 1991, Jameson 1992, Sudjic 1993, Dear 1998, Soja/Scott 1998, Halle 2003a, Fröhlich 2003 und 2004, Davis 2004, Laux/Thieme 2006, Lebuhn 2008, Culver 2010; in Ansätzen bereits

von Nelson/Clark 1976). [2]

Die Aufarbeitung räumlicher Bezüge der Postmoderne unter wesentlichem Einfluss des französischen Poststrukturalismus hat seit dem initial wirkenden Werk David Harveys (1989) eine eigene Forschungstradition entwickelt. Diese Forschungstradition lässt sich in den so genannten cultural bzw. linguistic turn einordnen (z. B. Olson 1991, Ó Tuathail 1996, Doel 1999), an den sich der spatial bzw. topographical turn anschließen. Damit verschiebt sich der Fokus von der Zeit als primärem Ordnungskriterium der Moderne auf den Raum als postmodernes Strukturprinzip (vgl. Fischer, N. 2001, Latour 2005, Schroer 2008, Werlen 2008). Diese Fokusverschiebungen werden in jüngerer Zeit ergänzt durch den performative, den iconic, den pictorial, den mnemonic wie auch den body turn (Döring/Thielmann 2008). Diese turns lassen sich sowohl als Indikatoren für eine gesteigerte Aufmerksamkeit für bestimmte Forschungsgegenstände (Schlögel 2004, Schroer 2008) als auch als Zeichen einer postmodernen Perspektivenpluralisierung interpretieren. Der spatial turn in den Sozial- und Kulturwissenschaften bedeutet nicht, dass Raum eine bislang unbeachtete Kategorie war, sondern vielmehr, dass es sich bei Raum um eine zumeist nur implizit verwendete Kategorie handelt, die nur selten eigens thematisiert wird, in vielen Diskursen ein subkutanes Dasein fristet (Schroer 2008: 126; Hervorh. i. O.), eine Kategorie also, die im Zuge des spatial turns einer expliziten Betrachtung zugeführt wird. Diese explizite Betrachtung basiert so Löw (2010: 37) auf der Erkenntnis, dass gesellschaftlicher Wandel ohne eine kategoriale Neukonzeption der räumlichen Komponente des sozialen Lebens nicht hinreichend erklärt werden kann. Dabei wird Raum nicht allein als physisches Substrat verstanden, sondern in der Pluralität sozialer, virtueller, transnationaler, symbolischer, ethnischer, identifi torischer etc. Räume (vgl. Schroer 2008, Lossau 2009).

Im Zuge des Postmodernediskurses wird auch ein Bedeutungsgewinn des Ästhetischen konstatiert, insofern bildet seine Untersuchung und Reflexion in Bezug auf Los Angeles einen Schwerpunkt dieser Arbeit: Ästhetische Erfahrung erscheint als eine Weise, sich in der Welt zu orientieren (Küpper/Menke 2003: 9), wobei Alltägliches als eine ästhetische Vermittlung in das Bewusstsein gerückt wird (Greverus 2005: 38; vgl. auch Haapala 2005, Leddy 2005). Diese Orientierung vollzieht sich wie Helbrecht (2003: 164) feststellt auffallen Maßstabsebenen, von der kleinsten räumlichen Einheit, den Türgriffen, Geschirr und Wohnzimmereinrichtungen bis hin zum Straßenzug, der Stadtgestaltung, Regionalentwicklung, nationalen Symbolen (Flagge, Uniformen) oder dem Erscheinungsbild weltweit agierender Konzerne (Logos). Mittels ästhetischer Kommunikation (sowohl in reinem Handlungsbezug als auch über die Vermittlung über Artefakte) wird Macht transformiert und ästhetische Kommunikation im Spannungsfeld von Reinheit und Hybridität instrumentalisiert (vgl. Helbrecht 2003). Der physische Raum der Stadt ist auch ein Territorium ästhetischer Raumbildung: der ungleichen Verteilung von Interesse und Neugier oder der Fähigkeit, Amüsement und Freude zu erregen (Bauman 2009a: 251). Infolge der postmodernen Dekonstruktion der Grenze von Hoch- und Popularkultur als eine Hybridbildung interpretierbar werden die vormals eindeutigen Einheiten und Hierarchien ästhetischer Kommunikation pluralisiert. Allerdings kommt dadurch der Gestaltung öffentlicher und halböffentlicher Räume eine besondere Bedeutung bei der Konstruktion und Manifestierung postmoderner Entwicklungen zu: Sie sind für die meisten Menschen zugänglich, ihre Gestaltung unterliegt ästhetischen (und ökonomischen) Kalkülen, wodurch in städtischen Landschaften die Sprache der Architektur eine besondere, privilegierte Bedeutung (Jameson 1986) erhält. Diese Sprache städtischer Landschaft ist rekursiv angelegt: Die Stadt spricht zu ihren Bewohnern, wir sprechen unsere Stadt, die Stadt, in der wir uns befinden, einfach in dem wir sie bewohnen, durchlaufen und ansehen (Barthes 1987: 202; vgl. auch Rapoport 1990 und 2005)[3]. Die ästhetische Welt des stadtlandschaftlichen Kontextes ist in einem größeren Zusammenhang stehend (z. B. durch städtische räumliche Ordnung, Architektur, produzierten Images, Wirtschaftsgefügen) insbesondere alltäglich angelegt, ,in de[m] Menschen schöpferisch tätig sind, formen und spielen, phantasieren, sich zusammenklüngeln und sozial erkunden (Molotch 1998: 225; siehe auch Lewis 1979)[4]. Mit dem Bedeutungsgewinn postmoderner und damit ästhetischer Bezüge zu Welt erlebt auch der ästhetisierende Blick, die ästhetisierende Konstruktion von Welt als Landschaft eine Renaissance[5]. Gerade mediale auf ästhetischen Deutungen basierende Kodierungen erlangen durch die Repräsentation von Los Angeles durch das Hollywoodkino, aber auch Fernsehreportagen, Dokumentarfilme, Internet-verbreitete Filme unterschiedlichen Professionalitätsgrades, eine zentrale Bedeutung, und in besonderer Weise in der Untersuchung des postmodernen Los Angeles (vgl. z. B. Dear 2000, Davis 2004, Lüke 2008, Löw 2010)[6]. Ein Grund, warum es keinen ahnungslosen Blick auf Los Angeles geben kann (Salas/Roth 2001: 1). Insofern erhält die Untersuchung der filmischen Konstruktion und Konstitution von Los Angeles eine hohe Bedeutung im Deutungspatchwork des Siedlungsagglomerats in Südkalifornien. Allerdings stellt die Frage nach Ästhetik in den Untersuchungen der (modernen) Geographie und der (modernen) Soziologie eine unterrepräsentierte Form der relationalen Beziehungnahme der Gesellschaft zu ihrer Umwelt dar (vgl. Choi 2004). Ein Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, vor dem Hintergrund der Postmodernedebatte und der hohen alltagsweltlichen Bedeutung von städtischer und landschaftlicher Ästhetik (z. B. Bonaiuto/Fornara/Bonnes 2003), einen Beitrag zur (Re-)Integration ästhetischer Fragestellungen in die geographische und soziologische Forschung zu leisten (siehe Choi 2004). Dies geschieht nicht in Form einer impliziten Normativität oder wie es Wolfgang Welsch (2006: 35) ausdrückt, ästhetischer Konstitutionen, denen die Tarnkappe des Anästhetischen übergezogen wurde, wie sie Gerhard Hard (1970) für die klassische geographische Landschaftsforschung nachwies, sondern als einen möglichen, in sich kontingenten und zugleich ästhetisch-philosophisch begründeten und explizit gemachten Zugriff auf Raum.

Hybridisierungen bedeuten eine Zunahme an Komplexität, schließlich stellen sie auch moderne auf Dichotomien beruhende Deutungsmuster in Frage, Entwicklungen, die Unsicherheit und Angst auslösen (können; vgl. Bauman 2008a), Gefühle, die sich wiederum in besonderen Konstitutionen von Landschaft ausdrücken (können). Im angelsächsischen Sprachraum weist die Verbindung von Landschaft und Angst eine gewisse Tradition auf (z. B. Tuan 1979, Sennett 1991, Douglas 1992, Gold/Revill 1999 und 2003, Potteiger/Purinton 2002), die in den deutschsprachigen Landschaftswissenschaften aber nur wenig Resonanz fand. Eine Ausnahme dazu bildet Eisel (2001). Die physischen Manifestationen von Angst eignen sich in besonderer Weise zur Indikation sozialer Zustände (zum Einschreiben des Sozialen in die physischen Strukturen von Stadt siehe

z. B. Helbrecht 1996), schließlich löst Angst einen Schutzreflex (z. B. in Form physischer Strukturen) aus, der die Identität und Labilität einer Person, einer Kultur oder einer Zivilisation zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Vorschein bringt und widerspiegelt (Moïsi 2009: 136)[7]. Neben der von Mike Davis (2004) konstatierten Ökologie der Angst wird Los Angeles in ähnlichem Maße von einer Ästhetik der Angst geprägt, die als

Landschaft der Angst (Tuan 1979) angeeignet wird. Diese Ästhetik der Angst manifestiert sich in den sozialen Bezügen (hier zu Los Angeles) aber auch damit in rekursivem Zusammenhang stehend im physischen Raum, zu deren Charakteristika ihre stete Formation und Reformation (Tuan 1977) zählt, in der die stetige Bewegung der Bewohner und Investoren eine räumliche Kristallisierung von Geschichte und Gedächtnis verhindert (Assmann 2009: 16) und gerade deswegen eine spezifische Landschaft als sichtbar gemachte Geschichte (Horowitz 1997: x) darstellt: Durch den raschen Wandel von Los Angeles rücken dabei in Komplementarität zu der zitierten Aussage von Horowitz (1997) die verworfenen Elemente städtischer Landschaft in den Blickwinkel; Landschaft wird dadurch auch zu unsichtbar gemachter Geschichte. Grundlage der vorliegenden Arbeit ist also nicht allein die physische Landschaft, sondern auch die Modi ihrer sozialen Konstruktion, Kommunikation und Darstellung. Landschaft wird dementsprechend nicht allein im physischen Raum, sondern auch in den landschaftsbezogenen Raumsemantiken in dem Bewusstsein gelesen (Hard 2008), dass Landschaft häufig ein subtiler Text mit vielen Autoren (Hugill 1995: 234)[8] ist. Ein wesentliches Ziel der Arbeit ist also der Nachvollzug der Eigenlogik, die Löw (2010: 78; Hervorh. i. O.) als ein Ensemble zusammenhängender Wissensbestände und Ausdrucksformen [bezeichnet], wodurch sich Städte zu spezifischen Sinnprovinzen verdichten, wobei sich das Eigene sowohl aufgrund historisch motivierter Erzählungen, Erfahrungen und Materialschichtungen als auch im relationalen Vergleich zu formgleichen Gebilden, das heißt anderen Städten (Löw 2010: 96; Hervorh. i. O.) ergibt. Die Agglomeration Los Angeles wird dabei einerseits als lokale Manifestation globaler Bedingungen (Varnelis 2009a: 15), andererseits hinsichtlich der mit globalen Entwicklungen interferierenden Eigenlogiken, aber auch lokalen Widerständigkeiten gegen das Globale (McDowell 1999, Löw 2010), untersucht. Physische Objekte (wie Straßen und ihre Verläufe) können so als Ergebnis der Eigenlogik einer Stadt rekonstruiert werden, wobei es des Vergleichs bedarf, um die spezifische Eigenlogik nachvollziehen zu können (Löw 2010). Dieser Vergleich ist im Folgenden ein doppelter: Einerseits, der Vergleich zu europäischen Stadtentwicklungen, andererseits zu jenen in den Vereinigten Staaten (wie insbesondere New York, das neben San Diego und San Francisco immer wieder als Vergleichsmaßstab herangezogen wird). Dabei gilt es, den Entwicklungspfad der Region Los Angeles jenseits kontinentaler Konzepte (europäische Stadt, amerikanische Stadt) und machtlogischer Großkategorien (Weltstadt, Megacity, Global City) (Löw 2010: 111) zu rekonstruieren und in seinem Verhältnis zu diesen Konzepten zu reflektieren.

Die vorliegende Arbeit stellt die Weiterentwicklung und Erweiterung sozialkonstruktivistischer landschaftstheoretischer Ansätze (insbesondere Kühne 2006a, 2008a und 2008b) durch explizite Hinwendungen zum Städtischen dar (zum Thema der Deutung von Stadt als Landschaft siehe Lewis 1976 und 2003b, Relph 1987, Hayden 1997, Woodward 2008)[9].

Mit dem hier verfolgten sozialkonstruktivistischen Ansatz ist der hier gewählte Zugang zum Thema Landschaft mit der jüngeren angelsächsischen Tradition der Landschaftsforschung enger verbunden als mit der stark positivistisch oder essentialistisch ausgerichteten deutschsprachigen. In den Fokus der neueren angelsächsischen (Kultur-) Landschaftsforschung rücken der Symbolgehalt von Landschaften und die Repräsentationen des Sozialen in Landschaften wie auch Fragen nach den Manifestationen von Macht in Landschaften in das Zentrum des Interesses (z. B. bei Duncan 1990, Cosgrove 1993 und Daniels 1999). Mit der hier weiterzuentwickelnden sozialkonstruktivistischen Position der Landschaft orschung (Daniels/Cosgrove 1988, Cosgrove 1999, Kühne 2009) soll diese Arbeit auch einen Beitrag zur Füllung des theoretischen Vakuums (Carlson 1993: 51) der Landschaftsforschung leisten. Die landschaftliche Betrachtung der Agglomeration von Los Angeles aus postmoderner Sicht dient dabei nicht nur der Exemplifizierung der theoretischen Erörterungen, sondern induziert Reflexionen zum sozialen Umgang mit Raum, Landschaft, Stadt und den hybriden Entwicklungen von Stadt und Land (und der damit verbundenen Entwicklung von Stadtlandhybriden). Damit wird auch dem von Lefèbrve (1996) unterbreiteten Vorschlag, die Stadt als Œuvre, als Gesamtwerk, zu betrachten und damit einem explizit ästhetischem Deutungsmuster zu unterwerfen, gefolgt, indem der ästhetisch begründete landschaftliche Blick auf Stadt gerichtet wird; und zwar einer Siedlungsagglomeration, der objektzentriert Cain (2002, zuerst 1933) jede Ästhetik absprach. Auch in dieser Arbeit werden hermeneutische semiologische Deutungen der Verhaltens- und Handlungsspuren im Alltagsweltlichen vollzogen, wie sie die angelsächsische Landschaftsforschung seit rund 20 Jahren (wie bei Goss 1993, Corner 2002, zuerst 1991) und die Cultural Studies seit vier Jahrzehnten (allerdings ohne explizit landschaftlichen Bezug) betreiben (wie Fiske 2003, zuerst 1989, Hall 1980 und 1994a, Lewis 1979)[10]. Die vorliegende Arbeit greift somit durchaus in postmodernem Wissenschaftsverständnis (siehe Abschnitt 2.1.1 Postmoderne und Wissen) neben der sozialkonstruktivistischen Perspektive der Landschaftsforschung unterschiedliche Traditionen der geographischen und soziologischen Forschung auf:

1. Sie knüpft an der Tradition der Cultural Landscape Studies an, deren Forschungsprogramm von Carl Sauer bereits 1925 (2005: 9192) als Etablierung eines kritischen Systems gesehen [wird], das die Phänomenologie der Landschaft umfasst, um so Bedeutung und Bandbreite der verschiedenen Erdschauplätze begreifen zu können.

2. Sie greift auch Weiterentwicklungen der Cultural Landscape Studies durch J. B. Jackson auf, die mit einer Fokusverschiebung auf vernakuläre Landschaften (Jackson 1984 und 1990; vgl. auch Bélanger 2009) verbunden ist. Dabei wird auch dem indikatorischen Ansatz Hardtkes (1956; für den städtischen Kontext siehe Helbrecht 1996) gefolgt, physische Objekte als Indikatoren für soziale Prozesse zu verstehen.

3. Sie nutzt dazu komplementär mit den Konzepten der Residuen und Derivationen wesentliche Aspekte der Handlungstheorie Vilfredo Paretos (2010, zuerst 1916) auf, um soziales Handeln und seine physischen Vermittlungen in Los Angeles nachvollziehen zu können.

4. Sie ist wie die bisherigen Ausführen bereits gezeigt haben durch die Los Angeles School des Urbanismus (z. B. Soja 1989, Dear/Flusty 2002a, Dear 2005a) inspiriert, ohne jedoch deren bisweilen essentialistisch-marxistische Position (in Bezug auf einen ökonomischen Determinismus) zu übernehmen (vgl. auch Laclau/Mouffe 2000, zuerst 1985,Graham 2002, zuerst 1992, Clark 2008).

5. Sie folgt stattdessen einem Verständnis, das über den ökonomischen Ansatz hinausgeht, indem in der Tradition von Pierre Bourdieu (z. B. 1987 und 2005, zuerst 1983) über die Wirkungen ökonomischen Kapitals hinaus auch soziales und kulturelles Kapital untersucht werden (vgl. auch Smith 2008).

6. Sie bezieht sich auf Autoren postmoderner philosophischer Forschung (Lyotard beispielsweise 1979, Welsch z. B. 2003) und insbesondere die soziologische Forschung Zygmunt Baumans (u. a. 1995, 1997, 1999).

Die vorliegende Arbeit stellt damit keine Landeskunde mit einem wie auch immer gestalteten Anspruch auf Vollständigkeit dar. Vielmehr dominiert ein Pastichecharakter, der sich in vielen Fällen in schlaglichtartigen Betrachtungen von einzelnen Objekten und sozialen Prozessen (wie auch deren Rückkopplung) äußert. Sie richtet sich an Personen, deren Interesse der Stadt- und Landschaftsforschung gilt, im Besonderen der Stadt- und Regionalwie auch der Raumsoziologie, der Stadt- und Sozialgeographie, der Landschaftsplanung und -architektur sowie auch Nachhaltigkeitswissenschaften. Neben Analyse des (sehr umfangreichen) Schrifttums zu Los Angeles basiert die Arbeit auf deutendem Verstehen von physischen Handlungsspuren, aber auch der Analyse medialer Konstruktion von Los Angeles. Der eigentlichen Untersuchung von Los Angeles vorgeschaltet sind Kapitel 2 (Allgemeiner theoretischer Rahmen: Postmoderne, Residuen, Angst, Ästhetik und Hybridität) und Kapitel 3 (Der Rahmen der Landschaft theoretische Zugänge), in denen zunächst der terminologische und konzeptionelle Rahmen der Arbeit verdeutlicht wird. Die Annäherung an das postmetropolitane Los Angeles erfolgt über die allgemeine Charakterisierung der Entwicklung postmoderner Agglomerationen (in Abgrenzung zu ihren modernen Vorläufern; Kapitel 4 Von der Moderne und der Postmoderne Entstehung und Entwicklungen der Stadtlandhybriden) und der Untersuchung der spezifischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten von Amerika (Kapitel 5 Entwicklungslinien der Stadt-Landschaftshybriden in den Vereinigten Staaten). Die Untersuchung der Spezifika von Los Angeles erfolgt zunächst in einer allgemeinen Untersuchung der historischen Entwicklungen sowie räumlicher Konkretisierungen (Kapitel 6 Los Angeles Aspekte der Entwicklung). Daran anschließend werden bestimmte Aspekte der Entwicklung von Los Angeles konkreter untersucht: Neben wesentlichen Ergebnissen bisheriger theoretischer wissenschaftlicher Deutungen der Entwicklung von Los Angeles werden bestimmte wesentliche Charakteristika der Agglomeration untersucht. Dies gilt für ihre Verkehrs- und Siedlungsstrukturen ebenso wie für ihre Beschaffung von Trinkwasser und ihre Tendenzen zur Exklusion des Anderen (Kapitel 7 Einschreibungen von Macht, Angst und Sehnsucht im Stadtlandhybriden Los Angeles). In Kapitel 8 (Kompartimente des postmodernen Stadtlandhybriden) werden ausgewählte Teilräume der Agglomeration von Los Angeles einer genaueren Betrachtung unterzogen, die einen Eindruck von der Bandbreite der unterschiedlichen Entwicklungspfade innerhalb der Agglomeration (mit differierender Eigenlogik) ermöglichen. Das darauf folgende Kapitel 9 (Der virtuelle Raum und rekursive Produktion der Stadtlandhybriden von Los Angeles) befasst sich mit der gesellschaftlichen Konstruktion von Los Angeles im Kontext von Film, Fernsehen und Internetvideo. Daran anschließend werden zwei spezifische ästhetische Zugangsweisen (Kontemplation und Kritik) zur Agglomeration Los Angeles dargestellt und ein Vorschlag metaphorischen Zugangs hierzu unterbreitet (Kapitel 10 Ästhetische Zugänge zum Stadtlandhybriden Los Angeles). Das Fazit (Kapitel 11) dient der synthetischen Betrachtung der Ergebnisse.

  • [1] Wefing (2005: 124125) vergleicht populär in seiner Gebrauchsanweisung für Kalifornien Los Angeles als Archetypus einer suburbanen Region mit sarkastischem Unterton mit anderen urbanen Siedlungen: Stadt aus Licht und Lügen. Ich fürchte, ich muss Sie vor Los Angeles warnen. Wenn Sie San Francisco mögen, Boston, Krakau oder Barcelona, werden Sie von L. A. nicht entzückt sein. Sie haben recht gute Chancen, auf irgendeinem achtspurigen Freeway die Abfahrt zu Ihrem Hotel zu verpassen; Hollywood wird Sie enttäuschen, weil es überhaupt nicht glamourös ist, sondern schmuddelig und voller Touristen. [] Vergessen Sie alles, was Sie über Städte zu wissen glauben, wenn Sie nach Los Angeles kommen. Streichen Sie die vertrauten Bilder von Kirchtürmen, Parks oder Hochhauszentren aus dem Gedächtnis. Nichts von alledem gilt für L. A. Diese Stadt besitzt keine Wahrzeichen, bloß abenteuerlich verknotete Schnellstraßen, auf denen zu fahren eine seltsam betäubende Wirkung hat. Nichts, woran man sich orientieren könnte, nur die immer gleichen gesichtslosen Flachbauten und Tankstellen und dürren Vorgärten. Die Straßen nehmen kein Ende und führen, so scheint es, allesamt ins Nirgendwo. [] (ähnlich Grünbein 1999).
  • [2] Auch wenn die Kritiker der Los Angeles School darlegen, Los Angeles sei nicht prototypisch für die Entwicklungen der Agglomerationen der Welt und ihr mikrosoziale Blindheit sowie wissenschaftlich auf die Geographie ausgerichtete Fixiertheit (andere Wissenschaften seien nicht hinreichend repräsentiert) vorwerfen (z. B. Savage/Warde 1993, Clark 2008, Greene 2008), so hat die Los Angeles School wesentliche Aspekte postmoderner Siedlungsentwicklung dargelegt (zusammenfassend Dear/Burridge/ Marolt/Seymour 2008). Die Untersuchung postmoderner Siedlungen lässt sich dabei auf bislang weniger intensiv betrachtete Ebenen wie die mikrosoziale oder auch die ästhetische Perspektive ausdehnen (vgl. auch Charlesworth/Cochane 1997). Baboulet (2008) weist darauf hin, dass Los Angeles im 20. Jahrhundert nicht die erste Siedlung sei, der eine zukunftsweisende Funktion zugeschrieben worden sei, dies sei bereits mit New York und Las Vegas geschehen (zu ergänzen ist auch Chicago als Stadt des Industriezeitalters).
  • [3] Auch wenn im Sinne einer vereinfachten Lesbarkeit des Textes (zumeist) lediglich die männliche Form eines personenbezogenen Wortes genutzt wird, sind Frauen wenn nicht anders gekennzeichnet ebenfalls gemeint.
  • [4] Mit dem Ziel einer besseren Lesbarkeit des Textes wurden fremdsprachige Zitate übersetzt.
  • [5] Landschaften sind durch mediale und wissenschaftliche Kodierungen, politische Regulationen, ökonomische Praktiken und lebensweltliche Aneignungen der physisch-biogeographischen Umwelt strukturierte Räume, definiert Kaufmann (2005: 342; vgl. auch Groth/Wilson 2003) und verdeutlicht damit die multiplen vielfach ästhetisch regulierten Einflüsse auf das, was Landschaft genannt wird.
  • [6] Die ästhetische Betrachtung von Los Angeles hier aus der Perspektive der ästhetischen Landschaftsforschung ist von besonderer Bedeutung, da Postmoderne für sich einen ästhetischen turn in Anspruch nimmt. Dabei ist es jedoch nötig, den ästhetischen Landschaft egriff von Joachim Ritter zu erweitern. Definierte Ritter (1974: 150) Landschaft als Natur, die im Anblick für einen fühlenden und empfindenden Betrachter ästhetisch gegenwärtig ist, erfordert die ästhetisch-landschaftliche Untersuchung der Agglomeration von Los Angeles eine Erweiterung um kulturspezifische Elemente (und ihre Hybride mit dem Natürlichen) einerseits und andererseits um die Frage der gesellschaftlichen Mechanismen der Konstitution von ästhetischen Urteilen.
  • [7] Die indikatorische Bedeutung von Angst (und ihrer physischen Manifestationen) fasst Moïsi (2009: 136) pointiert, mit leicht essentialistischem Grundton: Sag mir, wovor du dich fürchtest und was du tust, um deine Furcht zu überwinden, und ich sage dir, wer du bist.
  • [8] Das Zitat bezieht sich auf das Beispiel des Ortes Cazenovia bei New York, kann aber auch verallgemeinert werden, da die Genese der die physischen Grundlagen von Landschaft strukturierenden Prozesse selten von einer Person und selten mit monovalenter Klarheit vollzogen werden.
  • [9] Aus dieser Perspektive lässt sich auch der Konstruktcharakter der vorliegenden Arbeit deuten. Die konstitutiven Begriffe wie Postmoderne, Struktur, Gesellschaft etc. lassen sich als Konstrukte der Strukturierung von Welt auffassen, wie auch Karten nicht als Abbild der Realität zu verstehen sind, sondern als bildhaft konstruierte und kombinierte Repräsentanzen von (subjektiv konstruierter) Welt (vgl. Jäger 2005, Waldie 2005). Dementsprechend sind in der Denktradition Vilfredo Paretos (2006, zuerst 1916) die Resultate der Wissenschaft als kontingent und nur mehr oder weniger wahrscheinlich (Albert 2005: 89; Hervorh. i. O.) zu verstehen.
  • [10] Einen ausführlicheren Einblick in die Entwicklung der angelsächsischen Humangeographie dies- und jenseits des Atlantiks liefert Kemper (2003).
 
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