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2 Grundzüge des modernen Kapitalismus

1. Die kapitalistische Organisation der Wirtschaft ist ein spätes Entwicklungsprodukt – das gilt jedenfalls für den modernen Kapitalismus (im Sinne Webers). Es hat Debatten darüber gegeben, ob nicht auch schon im Altertum die Wirtschaft kapitalistisch organisiert war (hierzu u. a. Weber 1924) und ob diese Organisationsform nicht auch in anderen Erdteilen eventuell schon vor der europäischen Expansion vorhanden war (siehe z. B. Collins 1997). In dieser Frage kommt alles auf die Abgrenzung des Begriffs „kapitalistisch“ an, die, wie Weber (1924, S. 13) hervorhebt, „naturgemäß sehr verschieden erfolgen kann“. Wenn man den Begriff der „kapitalistischen Wirtschaft“ nicht „auf eine bestimmte Kapitalverwertungsart: die Ausnutzung fremder Arbeit durch Vertrag mit dem ‚freien' Arbeiter beschränkt… sondern ihn…überall gelten lässt, wo Besitzobjekte, die Gegenstand des Verkehrs sind, von Privaten zum Zweck des verkehrswirtschaftlichen Erwerbs benutzt werden, dann steht nichts fester als ein recht weitgehendes ‚kapitalistisches' Gepräge ganzer…Epochen der antiken Geschichte“ (a. a. O. S. 15) – und, so wird man ergänzen dürfen, ganzer Epochen der Geschichte anderer Kulturkreise. Ganz bewusst beschränke ich im Folgenden den Begriff „moderner Kapitalismus“ auf die von Weber erwähnte „bestimmte Kapitalverwertungsart“. Die auf kontraktueller Arbeit beruhende kapitalistische Wirtschaftsordnung der Neuzeit ist in einem doppelten Sinn einzigartig; sie ist ein spätes und unwahrscheinliches Entwicklungsprodukt, also kein Glied einer harmonischen Abfolge von Wirtschaftsstufen, und sie ist das Ergebnis einer historisch einmaligen Konstellation von Strukturen und Kräften, wie sie nur im Europa der frühen Neuzeit gegeben waren.[1]

2. Die vergleichende Wirtschaftssystemforschung hat versucht, die spezifische Eigenart dieses Wirtschaftstypus entweder in einer historisch-zeitlichen oder in einer sachlich-systematischen Perspektive auf den Begriff zu bringen. Zu einiger Bekanntheit gelangt ist der Vorschlag von Bücher (1920), in historischer Perspektive zwischen drei Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung der ‚europäischen Kulturvölker' zu unterscheiden: der geschlossenen Hauswirtschaft, der Stadtwirtschaft und schließlich der Volkswirtschaft. Diese letzte, seit dem siebzehnten Jahrhundert betretene Stufe zeichnet sich durch die von Unternehmen betriebene Produktion für einen anonymen Markt unter Bedingungen freien Wettbewerbs aus. In sachlicher Hinsicht gelangt man zu interessanten Vergleichsmöglichkeiten, wenn man die denkbaren Antworten auf zwei Fragen miteinander kombiniert: Erstens, wer entscheidet – entweder Privatleute oder ein Kollektiv, z. B. der „Staat“ (in der Regel ein für ihn handelnder Ausschuss) – und zweitens, wie werden Entscheidungen miteinander kombiniert – entweder über einen Markt oder über einen von der Zentrale erstellten Plan. Die Befugnis zur Entscheidung liegt bei den jeweiligen Eigentümern der Produktionsmittel, die entweder in Allgemeinbesitz (Staatsbesitz) oder in Privatbesitz sein können. Unter Kapitalismus lässt sich dann eine der vier möglichen Kombinationen verstehen: ein privat-dezentrales Wirtschaftssystem, das die Produktions- und Konsumentscheidungen der Wirtschaftssubjekte dezentral über Märkte koordiniert. Dem Kapitalismus diametral entgegengesetzt ist die Zentralverwaltungswirtschaft, eine Kombination von staatlichem Eigentum an den Produktionsmitteln und staatlich aufgestelltem Wirtschaftsplan.[2]

Solche Ansätze sind durchaus brauchbar, auch wenn die revolutionäre Neuerung, welche die kapitalistische Organisation der Produktion mit sich bringt, aus ihnen kaum ersichtlich wird. Aus dem Blickwinkel der vergleichenden Analyse von Wirtschaftssystemen ist Kapitalismus nur eine von vielen Möglichkeiten, die Produktion zu organisieren. „Die grundstürzende Veränderung des Wirtschaftslebens“ (Sombart 1927, S. XIV) als Folge der Heraufkunft des modernen Kapitalismus entgeht einer Forschung, die den Kapitalismus als einen auch schon im Altertum universell verbreiteten Typ des Wirtschaftens ansieht.[3]

3. Erkenntlich wird diese Umstellung und fundamentale Neuerung erst, wenn die kapitalistische Unternehmung in das Zentrum der Analyse gestellt wird.[4] Auch eine Wirtschaft, in der ausschließlich kleine selbständige Produzenten miteinander in Tauschverkehr treten (Marxens „einfache Warenproduktion“), würde noch durch die Definition des Kapitalismus als eines privat-dezentralen Wirtschaftssystems gedeckt. Was den modernen Kapitalismus von allen bisherigen Formen kapitalistischen Wirtschaftens unterscheidet, ist die Beschäftigung von Lohnarbeitern durch die Inhaber eines Monopols an Produktionsmitteln. Das hat Marx gesehen. Was ihn umtrieb, waren die betrieblichen wie die gesamtwirtschaftlichen Folgen dieser neuen Organisationsform der Arbeit.

Max Weber ist ihm, was die grundsätzliche Bedeutung der Verwendung der

„Ware Arbeitskraft“ in kapitalistischen Unternehmen anbelangt, gefolgt. „Der Okzident“, so Weber (1920, S. 7), „kennt in der Neuzeit […] eine […] nirgends sonst auf der Erde entwickelte Art des Kapitalismus: die rational-kapitalistische Organisation von (formell) freier Arbeit.“ Allerdings hat er den Schwerpunkt der Analyse von der Ausbeutung auf die rationale Organisation formell freier Arbeit verlegt. Beide sind sich aber wiederum darin einig, dass die Arbeit im modernen Kapitalismus nur formell frei ist. Materiell frei wäre sie, wenn die Gestaltung der Arbeitsbedingungen in die Kompetenz der Beschäftigten selbst fiele. Die mit der Abschaffung der Knechtschaft gewonnene Freiheit, Verträge abzuschließen, beinhaltet für die Besitzer der Arbeitskraft jedoch keineswegs die Garantie, über die Verwendung ihres Arbeitsvermögens frei entscheiden zu können. Mit der Vermietung dieser Ware an das Unternehmen wird das Recht hierzu auf die Firmenleitung übertragen. Das hat Weber fast noch entschiedener als Marx hervorgehoben: „Das formale Recht eines Arbeiters“, schreibt er (Weber 1972, S. 439), „einen Arbeitsvertrag jeden beliebigen Inhalts mit jedem beliebigen Unternehmer einzugehen, bedeutet für den Arbeitssuchenden praktisch nicht die mindeste Freiheit in der Gestaltung der Arbeitsbedingungen und garantiert ihm an sich auch keinerlei Einfluss darauf “.

„Nirgends sonst auf der Erde“: stärker kann man die Umwälzung aller gewohnten Verhältnisse nicht betonen, die der moderne Kapitalismus mit sich gebracht hat. Ohne diese Umwälzung bliebe völlig unverständlich, wieso bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts es praktisch zu keiner Verbesserung der Lebensumstände für die große Masse der Bevölkerung gekommen ist und erst danach das ständige Wachstum der Wirtschaft zum Signum der Epoche wird. Die weltgeschichtliche Bedeutung dieser Neuerung wird verkannt, wenn man sich in dem Bemühen, sich bloß nicht dem Vorwurf des Eurozentrismus auszusetzen, darauf kapriziert, überall in der Welt Entwicklungen aufzuspüren, die mit denen im Europa der Neuzeit vergleichbar sind. Sie wird ebenfalls verkannt, wenn man die entscheidende Neuerung lediglich, wie in der new economic history, in der Etablierung gesicherter Eigentumsrechte erblickt und darüber vergisst, dass letztlich das Operieren kapitalistischer Unternehmen auf dem Boden von Privateigentumsrechten die Grundlage dafür war, Hunger und frühem Tod zu entkommen.[5]

4. Der revolutionäre Bruch mit früheren Formen des Wirtschaftens manifestiert sich nicht nur in Veränderungen der Wirtschaftsorganisation, sondern auch in einer neuen Wirtschaftsgesinnung. Sie ist von Marx und Weber übereinstimmend als eine „Verkehrung von Zweck und Mittel“ beschrieben worden. Kapitalismus ist, in den Worten von Marx, eine nicht länger an die „vorausbestimmte Schranke der Bedürfnisse“ gebundene „Produktion um der Produktion willen“, („der sachliche Reichtum als Selbstzweck“) (Marx 1969, S. 63). „Der Mensch“ sekundiert Weber (1920, S. 35 f.) „ist auf das Erwerben als Zweck seines Lebens, nicht mehr das Erwerben auf den Menschen als Mittel zum Zweck der Befriedigung seiner materiellen Lebensbedürfnisse bezogen. Diese für das unbefangene Empfinden schlechthin sinnlose Umkehrung des, wie wir sagen würden, ‚natürlichen' Sachverhalts,“ so fährt Weber wie zur Bekräftigung seiner Aussage fort, „ist nun ganz offenbar ebenso unbedingt ein Leitmotiv des Kapitalismus, wie sie dem von seinem Hauche nicht berührten Menschen fremd ist“.

Die „Verkehrung von Zweck und Mittel“ ist nicht die einzige revolutionäre Neuerung auf dem Gebiet des Kapitalismus als Kultur. Ein zweiter, ebenso bedeutsamer Grundzug der kapitalistischen Kultur ist die „Versachlichung aller ursprünglich persönlich geknüpften und persönlich gefärbten Beziehungen.“ Sombart (1916, Bd. II, S. 20) greift damit ein Thema auf, für das sich bereits im „Kommunistischen Manifest“ von Marx und Engels (1848) berühmte Formulierungen finden. Die Bourgeoisie, so Marx und Engels, hätte „die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung'.“ (Marx und Engels 1959 [1948], S. 464).

Weber (1972, S. 353) spitzt diesen Gedanken zu einem prinzipiellen Gegensatz zwischen kapitalistischer Wirtschaftsgesinnung und religiöser Brüderlichkeitsethik zu: Am „versachlichte(n) Kosmos des Kapitalismus…scheitern die Anforderungen der religiösen Karitas nicht nur, wie überall im einzelnen, an der Widersprüchlichkeit und Unzulänglichkeit der konkreten Personen, sondern sie verlieren ihren Sinn überhaupt.“

Drittens schließlich ist der „Gedanke der Berufspflicht“ konstitutiv für die „Sozialethik der kapitalistischen Kultur“ (Weber 1920, S. 36). Unter der Berufspflicht versteht Weber eine Verpflichtung des Einzelnen, unabhängig vom „Inhalt seiner ‚beruflichen' Tätigkeit, gleichviel worin sie besteht“ (ebd.). Berufsausübung als sittliche Pflicht, nicht als Mittel für den Zweck des Lebensunterhalts: insbesondere an diese Behauptung hat sich eine ausgedehnte sozialwissenschaftliche Diskussion angeschlossen. Unternehmer müssen darauf bauen können, dass nicht jede ihrer Anordnungen in Frage gestellt wird. Andernfalls wäre die Ausrichtung des Unternehmens auf das Gewinnziel ernsthaft gefährdet. Wo der Gedanke der Berufspflicht noch wirksam ist, sichert er das fraglose Einverständnis mit den Anordnungen, aber aus der Funktion folgt keineswegs die Existenz dieser Verpflichtung.

Die Verkehrung von Zweck und Mittel, die Versachlichung persönlicher Beziehungen und das Berufsmenschentum: Das alles sind gewiss stark stilisierende („idealtypische“) Beschreibungen, bei denen jedes Mal sich die Frage erhebt, inwiefern sie für den Kapitalismus der Gegenwart noch zutreffen. Versteht man unter der Verkehrung von Zweck und Mittel lediglich die Etablierung des Gewinnziels als eines legitimen Ziels, so scheint es mir trotz der hin und wieder aufbrandenden Kritik aus den Kirchen und den Gewerkschaften „sattelfest“ in Kraft. Auch wenn vermutlich gerade mittelständische Unternehmen sich mit der Beschreibung der Versachlichung persönlicher Beziehungen nicht abfinden mögen, ist es eine offene Frage, was an der Zurückweisung dieser Beschreibung Ideologie ist und was an ihr eine zutreffende Analyse. Im Vergleich zu vormodernen Verhältnissen ist jedenfalls der Versachlichungsschub unverkennbar. Anders sieht es mit der Frage aus, ob der Gedanke der Berufspflicht für den Kapitalismus der Gegenwart immer noch zutrifft. Befürworter der Idee können auf die historische Entwertung der Hausfrauenrolle verweisen, Kritiker darauf, dass der Beruf sich von einer sittlichen Pflicht zum bevorzugten Instrument des Unterhaltserwerbs (für beide Geschlechter) gewandelt habe.

Die kulturellen Neuerungen des Kapitalismus sind heute weniger umstritten als die strukturellen. Das ändert aber nichts daran, dass der moderne Kapitalismus nicht nur eine neue Struktur, sondern auch und vor allem eine neue Kultur bedeutet. Man mag zu diesen Änderungen stehen, wie man will. Aber ohne Zweifel hat die Expansion des Kapitalismus einen tiefgreifenden Mentalitätswandel mit sich gebracht. In seiner Studie über die Protestantische Ethik (1920) ist Weber den re-ligiösen Wurzeln dieser kulturellen Umstellung nachgegangen. Ich verfolge aber diesen Diskussionsstrang hier nicht weiter, sondern konzentriere mich auf die strukturellen Neuerungen.

5. Wie schon ausgeführt, ist die „rationale Organisation der Arbeit auf dem Boden rationaler Technik“ (Weber 1980, S. 323) das Element, wodurch sich der moderne Kapitalismus von den „uralten Formen“ des Abenteurer- und Raubkapitalismus unterscheidet. Nicht nur braucht diese Art von Kapitalismus eine „Justiz und Verwaltung, deren Funktionieren…rational kalkuliert werden kann“ (ebd. 322), die „modernen Betriebsformen“ sind vielmehr selbst bürokratische Organisationen, deren Fortbestand in den Händen eines fachmäßig geschulten Privatbeamtentums (Webers bevorzugter Ausdruck für Angestellte) liegt.

Rational organisiert ist die Arbeit im kapitalistischen Betrieb gleich aus mehreren Gründen: a) als formale Organisation zeichnen den Betrieb Zielgerichtetheit, Planmäßigkeit und Regelbindung statt persönlicher Willkür aus. Auch wenn es gesamtwirtschaftlich irrational wäre, den Markt durch den Plan als Koordinationsinstrument zu ersetzen, ist es einzelwirtschaftlich durchaus rational, planmäßig vorzugehen; b) die Kapitalrechnung sichert die formale Rationalität des Wirtschaftens (Weber 1972, S. 42), da sie sowohl dem Unternehmer als auch den Geldgebern einen Überblick über den Stand des Unternehmens verschafft; c) zwischen den verschiedenen Investitionsmöglichkeiten wird im Idealfall nach ausschließlich wirtschaftsinternen (Maximierung des erwarteten Gewinns) und nicht nach systemfremden Gesichtspunkten entschieden; d) die Arbeitskräfte werden nach Leistungsfähigkeit und – willigkeit ausgewählt. Jede ‚Quotierung' würde die Rationalität des Unternehmens einschränken; e) mit der Kündigungsdrohung verfügt der Kapitalismus schließlich über ein Instrument, das die „Herausholung des Leistungsoptimums“ (Weber 1972, S. 95) sichert. In der Konkurrenz der Wirtschaftssysteme hat die große historische Alternative zu einer kapitalistischen Organisation der Wirtschaft, der Sozialismus, nicht zuletzt deswegen verloren, weil er über kein ähnlich wirksames Instrument, das Problem des Arbeitsanreizes zu lösen, verfügte. Die kapitalistische Unternehmung als rationale Organisation formell freier Arbeit -inwieweit ist diese Analyse auch heute noch gültig? Das Bild, das Weber von der kapitalistischen Wirtschaft zeichnet, bedarf in zweierlei Hinsicht einer Korrektur. Erstens fällt auf, dass in einer Analyse, welche die Unternehmung als bürokratische Organisation begreift, für den Unternehmer eigentlich kein Platz ist.

„Wenn die menschliche Natur nicht versucht wäre, etwas zu wagen, keine Befriedigung (abgesehen vom Gewinn) in der Erstellung einer Fabrik, einer Eisenbahn, eines Bergwerks oder eines Bauerngutes fände, würde als bloßes Ergebnis kalter Berechnung vielleicht wenig Investition übrig bleiben“, hat Keynes (1936, S. 127) gesagt. Ohne unternehmerischen Wagemut, der aus der Sicht der Berechnung von Erwartungswerten irrational ist, kommt es nicht zu eben jener Investitionstätig-keit, welche – im Erfolgsfall – neue Arbeitsgelegenheiten schafft, die Konsumwelt mit neuen Produkten bereichert und das Antlitz der Städte und Landschaften verändert. Wenn die unternehmerische Spekulation allerdings nicht aufgeht, ist der Keim für eine Wirtschaftskrise gelegt.

Schon vor Keynes hat Schumpeters die Rolle des Unternehmertums betont. Die Aufgabe des Unternehmers ist die „Veränderung der Bahn des Ablaufs“ (Schumpeter 1911, S. 121) oder die „Durchsetzung neuer Kombinationen durch Entziehung von Arbeits-und Bodenleistungen aus ihren gewohnten Verwendungen“ (ebd. 140). Nicht die Verwaltung von Beständen, sondern die ständige Umwälzung der Produktionstechnik und die Erfindung neuer Produkte zeichnet die moderne Unternehmung aus.

Zweitens, um nun seine neuen Kombinationen durchführen zu können,

„braucht der Unternehmer Kaufkraft…Er kann nur Unternehmer werden, indem er vorher Schuldner wird“ (Schumpeter (1911, S. 148). Kein anderes Wirtschaftssubjekt ist seinem Wesen nach ein Schuldner in demselben Sinne. Damit steht nicht mehr die Beziehung zwischen Kapital und Arbeit im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern die zwischen dem Unternehmer als Kreditnehmer und dem „Kapitalisten“ als Kreditgeber. Die Kreditgewährung an Unternehmer und damit deren Verschuldung, nicht die rationale Organisation der Arbeit, ist das wesentliche Element des Wirtschaftsprozesses. (ebd. 149). Sie geschieht einzig und allein „zu Zwecken von Neuerungen“. Um seine Schulden begleichen zu können, ist der Unternehmer genötigt, solche Neuerungen durchzuführen. Allein solche erfolgreichen Neuerungen können letztlich jenes „Grundphänomen kapitalistischer Wirtschaft“ erklären, dass „für Leihkapitalien…dauernd Entgelt gezahlt wird“ (Weber 1972, S. 52) und überhaupt gezahlt werden kann.

6. Der moderne Kapitalismus ist an die Existenz eines Arbeitsmarkts, auf dem Arbeitskraft gegen Geld getauscht wird, gebunden.[6] Wie für alle Märkte unter Bedingungen der Moderne gilt auch für diesen Markt, dass der Tauschvorgang geldvermittelt ist. Historisch gesehen ist der moderne Arbeitsmarkt ein spätes Entwicklungsprodukt. Zu seiner flächendeckenden Durchsetzung kam es erst mit der Abschaffung der Armengesetze in England 1834 (Polanyi 1957, Kap. 8). Mit dem Wegfall der Armenunterstützung verblieb für die vom Land vertriebene Bevölkerung als einzige Möglichkeit der Existenzsicherung, ihre Arbeitskraft auf Arbeitsmärkten zum Verkauf anzubieten. Der Arbeitsmarkt basiert somit auf der doppelten Freiheit der Arbeiter: sie sind rechtlich frei und sie sind ‚befreit' (Marxisten würde sagen: beraubt) von Eigentum an Produktionsmitteln, das ihnen eine Existenz unabhängig vom Arbeitsmarkt sichern könnte.

Sowohl der Arbeitsmarkt selbst als auch die auf ihm gehandelte Ware unterscheiden sich von anderen Märkten (und Waren) durch spezifische Eigentümlichkeiten, die nur ihnen zukommen. Bei der Ware, die auf Arbeitsmärkten gehandelt wird, handelt es sich gerade nicht um Arbeit, sondern um das Arbeitsvermögen; genauer, die Zusage des Arbeitnehmers, für eine bestimmte, zeitlich begrenzte Periode seine Arbeitskraft in den Dienst des Kapitals zu stellen. Dies impliziert die Zusage, sich den Anordnungen des Arbeitgebers zu beugen. Auf dieser Unterscheidung zwischen Arbeit und Arbeitskraft baut die Marxsche politische Ökonomie des Kapitalismus auf. Auch Weber war sie noch präsent, verloren gegangen ist sie erst in Ansätzen, die anstatt von Kapitalismus von ‚Marktwirtschaft' sprechen und in der Sicherung von Eigentumsrechten die zentrale Voraussetzung der Marktwirtschaft sehen. Kapitalismus unterscheidet sich aber von der Marktwirtschaft durch die differentielle, hochkonzentrierte Verteilung von Privateigentumsrechten. Zwar hat die neuere Institutionenökonomik[7] die fundamentale Bedeutung des Privateigentums für das wirtschaftliche Geschehen herausgestellt, aber sie hat genauso wenig wie die angeblich institutionenlose Neoklassik auf der Differenz zwischen einem kapitalistischen Wirtschaftssystem und einem System von Privateigentumsrechten insistiert. Die Gleichverteilung des Betriebsvermögens wäre genauso kapitalismusfeindlich wie die Abschaffung des Privateigentums auf dem Wege der Kollektivierung. Die unabdingbare Voraussetzung eines kapitalistischen Wirtschaftssystems ist die Existenz einer Klasse von Personen, für die es optimal ist (optimal im Sinne von: das Beste aus der Situation machen), einen Arbeitsvertrag abzuschließen (vgl. Roemer 1988).

Auch der Arbeitsvertrag selbst besitzt charakteristische Eigentümlichkeiten, die ihn sowohl von einem einfachen Kaufvertrag als auch einem gewöhnlichen Dienstvertrag, in dem üblicherweise die Ablieferung einer Leistung gegen eine bestimmte Bezahlung vereinbart wird, unterscheiden. Am meisten ähnelt er noch einem Mietvertrag. Typisch für den Arbeitsvertrag ist seine Unvollständigkeit. Der Arbeitnehmer räumt dem Arbeitgeber ein, zu einem späteren Zeitpunkt nach Vertragsabschluss die Leistung zu spezifizieren, die von ihm verlangt wird. Dieses artifizielle Arrangement besitzt, wie Simon (1957) herausgestellt hat, Vorteile für beide Seiten und wird genau deswegen gewählt: Der Arbeitgeber muss nicht bei jeder Programmänderung einen neuen Vertrag aushandeln und kann die zu erbringende Leistung zu einem Zeitpunkt festlegen, zu dem er genauer überblickt, was für die betrieblichen Zwecke erforderlich ist. Die ‚Herrschaft des Kapitals' verdichtet sich in dem Recht, einen unvollständigen Vertrag zu komplettieren. Dieses Recht liegt beim Unternehmer, weil nur er das notwendige Betriebsvermögen be-sitzt und die Beschäftigten mit der Einwilligung in den Arbeitsvertrag alle Rechte auf die Lenkung der Produktion abgetreten haben (vgl. Hart 1995). Der Arbeitnehmer wird für diese Unterwerfung unter das ‚Kommando des Kapitals' höher entlohnt als dies bei einem reinen Dienstvertrag der Fall wäre. Allerdings enthält dieses Arrangement Konfliktstoff, der nicht nur potentiell Ineffizienzen verursacht, sondern auch dazu führen kann, dass das ganze Arrangement in Frage gestellt wird. Wenn die Arbeitnehmer antizipieren, dass der Arbeitgeber Entscheidungen trifft, die ausschließlich im betrieblichen Interesse liegen (wozu er laut Arbeitsvertrag berechtigt ist) und ihre anders gelagerten Interessen übergeht, werden sie darauf mit Arbeitszurückhaltung reagieren und weniger Leistung erbringen als dies bei einem wechselseitigen Vertrauen der Fall wäre. Die daraus resultierende potentielle ‚Abwärtsspirale' ist von Fox (1974) thematisiert worden.

7. Erst mit der Einrichtung von Arbeitsmärkten gelingt es, ein geschlossenes System von Märkten zu etablieren. Die Unternehmung bezieht alle für die Produktion benötigten Faktorleistungen durch den Auftritt auf Faktormärkten und vertreibt anschließend ihre Produktion auf Warenmärkten. Die Warenform, eine schon der Antike bekannte Figur, wird damit im Kapitalismus universell. „Warenproduktion mittels Waren“, so hat Sraffa (1976) die kapitalistische Produktionsweise charakterisiert. Sie ist insoweit ein wahrhaft „autopoietisches System“ (Luhmann), das in der Lage ist, sich auf der Basis seiner Selbstbezüglichkeit von seiner Umwelt in wichtigen Belangen abzukoppeln. Zwar betrachtet die soziologische Systemtheorie alle Teilsysteme der modernen Gesellschaft als „funktional differenziert“, aber was dies konkret bedeutet, lässt sich wohl nirgends besser als am Beispiel der Wirtschaft studieren. Im Zuge der Etablierung der kapitalistischen Produktionsweise treten die wirtschaftliche und die politische Sphäre auseinander. In der vorkapitalistischen Epoche waren sie noch mehr oder weniger miteinander verschmolzen. Die politische Herrschaft über Land und Leute beinhaltete zugleich wirtschaftliche Herrschaft. Vor Anbruch der Moderne war die Organisation der Produktion von der Ausübung herrschaftlicher Gewalt nicht scharf getrennt. Heute hingegen enthält die staatliche Gebietsherrschaft keinerlei wirtschaftliche Konnotationen mehr. Zugleich löst sich die Wirtschaft nicht nur aus politischen, sondern auch aus gemeinschaftlichen Bindungen heraus.

Polanyi (1957) hat das Ergebnis dieses Prozesses als disembeddedness beschrie-

ben und beklagt. Ein wirkliches Verständnis für die Vorteile dieser Herauslösung hat er (und haben alle, die ihm folgen) nicht gewonnen. Sichtbar wird die disembeddedness z. B. daran, dass der kapitalistische Betrieb (trotz anders lautender Töne des deutschen Betriebsverfassungsgesetzes), idealtypisch gesehen, keine ‚Gemeinschaft' ist. Das Arbeitsverhältnis ist von der ‚Vergemeinschaftung' mit dem Unternehmer weitgehend befreit. Jedenfalls gilt dies im großen historischen Vergleich mit der Fronarbeit und gerade auch mit der Sklavenarbeit. Die „gefühllose, bare Zahlung“ prägt seitdem mehr oder weniger das Arbeitsverhältnis. Daraus folgt, dass die Reproduktion und die Aufzucht der Kinder, anders als in Sklaverei und Leibeigenschaft, aus dem Arbeitsverhältnis herausgenommen und zu einer Privatangelegenheit der Beschäftigten geworden ist. Auch wenn Verständigung im betrieblichen Alltag für beide Seiten von Vorteil ist und es darüber hinaus den Arbeitgebern selbstverständlich freisteht, sich „nach Feierabend“ mit ihren Beschäftigten zu vergemeinschaften, ändert sich nichts daran, dass der Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise die für ältere Sozialformationen so typische „Einbettung“ beseitigt. Die „Gemeinschaft“ (konkreter: die Gemeinde, in welcher der Betrieb angesiedelt ist) mag in Sonntagsreden noch eine Rolle spielen, aber sie spielt in den betrieblichen Entscheidungen zumindest dann, wenn es „hart auf hart“ kommt, keine Rolle mehr.

8. Diese Umstellung von „Gemeinschaft“ auf „Gesellschaft“ ist eine grundlegende Voraussetzung für die Durchsetzung der kapitalistischen Organisation formell freier Arbeit. Sie ist dann vollzogen, wenn die Koordination wirtschaftlicher Handlungen an ein System von Märkten übertragen wird. Einen vorurteilslosen Zugang zu dieser Umstellung hat auch Marx nicht gefunden, und jede Spielart des ‚Kommunitarismus' hat mit den gleichen Verständnisschwierigkeiten zu kämpfen. Märkte sind der Prototyp einer durch rationalen Interessenausgleich und Interessenverbindung charakterisierten Vergesellschaftung (Weber 1972, S. 21). Auf ihnen treffen Anbieter und Nachfrager von Waren aufeinander, die keine persönlichen Beziehungen zueinander haben müssen. Nicht jede unpersönliche Beziehung ist aber schon ein Markt. Vergesellschaftung über den Markt liegt genau dann vor, wenn wenigstens auf einer Marktseite „mehrere Tauschreflektanten um Tauschchancen konkurrieren“ (Weber 1972, S. 382). Entweder suchen mehrere Anbieter einen Käufer oder mehrere Nachfrager einen Verkäufer (oder beides). Konkurrenz, nicht Gemeinschaft ist damit das typische Kennzeichen der Marktvergesellschaftung. Konkurrenz schließt aus, nicht ein. Den Zuschlag kann immer nur einer erhalten, und diese Auslese wird über die Zahlungsbereitschaft getroffen. Dass den Zuschlag erhält, wer zahlt, ist für alle, die wegen geringerer Ausstattung mit Zahlungsmitteln leer ausgehen, problematisch, aber gleichwohl jeglicher Günstlingswirtschaft vorzuziehen. Immerhin wird gezahlt und das heißt, es wird eine Gegenleistung erbracht. Die Zahlungsfähigkeit ist in sozialer Hinsicht weit weniger selektiv als eine über soziale Beziehungen organisierte Zuteilung („Vetternwirtschaft“).

Aus soziologischer Sicht sind drei weitere Merkmale von Märkten besonders bedeutsam. Erstens, anders als Verbände sind zwar nicht alle Märkte, aber per definitionem Konkurrenzmärkte offene soziale Beziehungen. Jeder hat freien Zutritt und, ebenso wichtig, es bestehen keine Schranken, auch wieder auszutreten. Free entry and exit ist das auszeichnende Merkmal von Konkurrenzmärkten. Dies ist jedoch ein hochgradig unwahrscheinliches und voraussetzungsvolles Arrangement. „Normal“ ist die mehr oder minder starke Schließung wirtschaftlicher Beziehungen. North et al. (2006) haben auf dieser Grundlage zwischen „open access orders“ und „limited access orders“ unterschieden. Zeitlich gesehen haben letztere die Geschichte der Menschheit dominiert.

Zweitens sind Märkte mittelbare oder indirekte Formen der Vergesellschaftung. Die Teilnehmer an Tauschprozessen treten nicht direkt, sondern über den Austausch von Waren (auch Geld ist in dieser Sicht eine Ware) in Kontakt. Ein privat erstelltes Gut oder eine Dienstleistung zählen solange nicht gesellschaftlich, als sich nicht ein Käufer für sie findet. Marx hat darin den „Fetischcharakter der Ware“ (die Fixierung des Bewusstseins an die Warenform) erblickt: ‚Dritte' bewerten, ob eine Leistung gesellschaftlich zählt. Jede Anstrengung ist vergeblich, wenn sich nicht ein Käufer für sie findet. Drittens schließlich ist der Markt ein anonymer Mechanismus. Die Preise werden im „freien Spiel von Angebot und Nachfrage“ gefunden, für dessen Ergebnis niemand verantwortlich zeichnet. Im Konkurrenzmodell legt keine planende Behörde die Preise fest. Würde diese Aufgabe wie bei den sogenannten ‚administrierten Preisen' an eine Behörde übertragen, könnte diese Behörde auch jederzeit für ihre Festlegungen zur Rechenschaft gezogen werden. Das „freie Spiel der Marktkräfte“ entzieht sich hingegen einer solchen Anklage. Denkbar ist, es insgesamt zu verwerfen, aber immer dann, wenn der Preis für ein bestimmtes Gut herausgegriffen wird (z. B. Mietpreise, Mindestlöhne usw.), entbrennt der Streit darüber, warum ausgerechnet dieser Preis reguliert werden und wie die Regulierung konkret aussehen soll.

Viel grundsätzlicher ist die Frage, welche Güter überhaupt der Preisbildung und damit der Zuteilung über Märkte überlassen werden und welche über „Verbandsbildung“ und damit hoheitlicher Entscheidung durch die Leitung des Verbandes zugeteilt werden sollen. Generell kann die Zuteilung von Gütern an Personen höchst unterschiedlich organisiert werden (z. B. Rationierung, Schlange stehen, Losverfahren, Abstimmung usw.). Die Zahlungsbereitschaft auf Märkten ist nur eine von vielen Möglichkeiten der Lösung des Allokationsproblems. Die hierzu historisch wichtigste Alternative ist die Autoritätsbeziehung. Es wäre aber grundverkehrt, die Expansion kapitalistischen Wirtschaftens mit der Ersetzung von Autoritätsbeziehungen durch freie Märkte gleichzusetzen. Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, das auf dem Auseinandertreten von Märkten und Hierarchien aufbaut. Unternehmen sind keine Märkte, sondern zwischen Produktmärkten und Faktormärkten angesiedelte hierarchische Organisationen. Auf dieser Unterscheidung zwischen Märkten und hierarchischen Organisationen beruht die Kapitalismusanalyse von Marx bis Williamson (1985).

Das Verhältnis zwischen diesen beiden Regulierungsformen ist räumlich und historisch variabel. Nach einem weit verbreiteten Vorverständnis sind westliche Gesellschaften von Märkten dominiert. Um diese Sichtweise zu korrigieren, fin-giert Simon (1991) die Geschichte eines Marsbewohners, der sich der Erde nähert und auf dessen Beobachtungsgerät Unternehmungen als grüne Flächen und Märkte als rote Verbindungslinien zwischen ihnen abgebildet werden. Die Botschaft, die er an seinen Heimatstern sendet, lautet: „large green areas interconnected by red lines“. Darüber aufgeklärt, dass es sich bei den grünen Flächen um Organisationen handelt und bei den roten Linien zwischen ihnen um Markttransaktionen, würde unser Marsbewohner erstaunt sein zu hören, dass diese Struktur von den Erdbewohnern Marktwirtschaft genannt wird: „… wouldn't organizational economy be the more appropriate term“, so lässt Simon (1991, S. 28) seinen Marsbewohner fragen.

9. Soviel zur Struktur dieses Systems. Zur Charakterisierung seiner Entwicklung beschränke ich mich auf drei Stichworte. Erstens, kapitalistische Systeme sind durch Wachstum charakterisiert. Die Wirtschaftsgeschichte der Menschheit war während ihrer gesamten dokumentierten Periode mehr oder weniger durch Stagnation (definiert als Konstanz des Sozialprodukts pro Kopf) oder allenfalls durch eine sehr allmähliche Steigerung des Sozialprodukts geprägt. Das habe ich in der Einleitung schon angesprochen. Die Heraufkunft und Entfaltung des modernen Kapitalismus bringt Änderungen eines Ausmaßes mit sich, die sogar die Bedeutung der „neolithischen Revolution“ in den Schatten stellen. Seit etwa 1870 ist z. B. die Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, der entwickeltsten Ökonomie der Welt, jährlich real um durchschnittlich 1,8 % gewachsen. Ein Wachstum dieser Größenordnung mag auf den ersten Blick nicht als sonderlich beeindruckend erscheinen, aber es markiert einen Epochenbruch. Das Sozialprodukt einer Wirtschaft, die jährlich mit zwei Prozent wächst, verdoppelt sich innerhalb von ca.35 Jahren. Bei anhaltendem Wachstum mit der gleichen Rate verachtfacht es sich in einem Zeitraum von geringfügig mehr als einem Jahrhundert (in 105 Jahren), ein welthistorisch einmaliges Resultat. Die Wirtschaften der USA und Westeuropas sind seit Beginn der kapitalistischen Epoche (Maddison datiert ihn auf 1820) nicht ganz so rasch gewachsen (ca. 1,5 % pro Kopf Wachstum in Westeuropa zwischen 1820 und 2001, 1,7 % in den USA), aber dieses Wachstum hat ausgereicht, um alle gewohnten Lebensverhältnisse von Grund auf umzugestalten. Als Maschine der Reichtumsproduktion ist dieses System unübertroffen, was auch immer sonst seine Defizite sein mögen.

Nicht nur das Sozialprodukt pro Kopf, sondern auch die Lebenserwartung der Bevölkerung all der Länder, die von der kapitalistischen Produktionsweise ergriffen wurden, hat im Vergleich zu der Epoche zwischen dem Jahr 1000 und dem Jahr 1820 sprunghaft zugenommen. Nach den Berechnungen Maddisons brauchte es über 800 Jahre, um die Lebenserwartung in den westlichen Ländern von 24 auf 36 Jahre zu steigern. Hingegen hat sich in einem Bruchteil dieser Zeitspanne (von 1820 bis 2000) die Lebenserwartung im Durchschnitt mehr als verdoppelt (von 36 auf 79 Jahre: Maddison 2005, S. 6). Erklärbar wird dieser Anstieg nur, wenn die Umstellung auf eine kapitalistische Produktionsweise und die damit ermöglichten Spielräume für eine verbesserte Nahrung, Hygiene und Krankenbehandlung in Rechnung gestellt werden. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt, der hinter dem Wachstum der Wirtschaft steht, hat auch dazu geführt, dass ansteckende Krankheiten wie Pest, Cholera und Tuberkulose in dem vom Kapitalismus ergriffenen Ländern weitgehend ausgerottet wurden.[8]

Zweitens, kapitalistische Wirtschaften expandieren nicht nur in zeitlicher Perspektive, sondern auch in räumlicher. Seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts hat dieses Wirtschaftssystem – mit der Unterbrechung der Zwischenkriegszeit – einen Siegeszug um die ganze Welt angetreten. Noch in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts war der Kapitalismus im Wesentlichen auf die zum Westen gezählten Länder beschränkt. Mittlerweile sind die ostasiatischen sowie die südostasiatischen Länder (und seit jüngstem auch Brasilien) zu neuen Zentren der kapitalistischen Entwicklung geworden, die in ihrer Dynamik die Wachstumsraten der Wirtschaften des „alten“ Westens weit übertreffen. Insbesondere die Wirtschaft Chinas wächst mit einem Tempo, das (falls man den veröffentlichten Zahlen glauben darf) ohne Parallele in der Geschichte der kapitalistischen Entwicklung ist. Die kapitalistische Organisation der Wirtschaft besitzt eine transformierende Kraft wie kein anderes Wirtschaftssystem. Sie pflügt ganze Erdteile um, und es gibt keine Organisationsform der Wirtschaft, die vergleichbare Erfolge in der Versorgung der Bevölkerung mit Gütern des täglichen Bedarfs vorzeigen könnte. Der Erfolg dieses Wirtschaftssystems beruht letztlich, wie Schumpeter gesagt hat (1950, S. 113), darauf, „dass die kapitalistische Maschine alles in allem eine Maschine der Massenproduktion ist, was unvermeidlich auch Produktion für die Massen bedeutet“. Alle Länder werden in den Mahlstrom dieser Produktionsweise gerissen. In ihrem Gefolge lösen sich traditionale Lebensformen auf. Die Klage über den Verlust vergangener Lebensformen ist ein Grundmotiv der romantischen Kritik an der Expansion marktwirtschaftlicher Verkehrsformen, das auch noch im aktuellen Protest gegen die fortschreitende Globalisierung wirksam ist.

Drittens ist das kapitalistische System technisch revolutionär. Wie kein anderes Wirtschaftssystem lebt es vom technischen Fortschritt. Für die Unternehmen ist der technische Fortschritt einerseits ein Mittel, im Konkurrenzkampf überlebenswichtige Vorteile zu gewinnen; die wirtschaftliche Verwertbarkeit technischer Neuerungen schafft andererseits starke Anreize, die Suche nach neuen technischen Lösungen zu intensivieren. Jede Neuerung scheint nur dazu da zu sein, durch die nächste überboten zu werden. Sowohl für die Beschäftigten als auch für die Unternehmen bedeutet dies, dass sie sich auf keinem Erfolg ausruhen dürfen und ausruhen können. Die Existenz der Unternehmen und damit die Arbeitsplätze der Beschäftigten sind ständig durch die nächste technische Neuerung bedroht. Gesichert werden können beide aber letztlich nur dadurch, dass das Unternehmen selbst technisch innovativ wird.

  • [1] Hierzu ausführlich Weber (1981), viertes Kapitel und Schluchter 1991, Kap. 10. Zu den Voraussetzungen der Entstehung des modernen Kapitalismus gehören insbesondere Neuerungen auf dem Gebiet des Rechts, z. B. die Trennung von Privat-und Geschäftsvermögen, die dem Altertum „gänzlich unbekannt“ blieb (Weber 1924, S. 22)
  • [2] Die beiden verbleibenden Möglichkeiten sind eine kapitalistische Rationierungswirtschaft– sie kombiniert Privateigentum mit staatlicher – Planung und der Marktsozialismus, die Kombination von marktförmiger Koordination mit Kollektiveigentum. Zu weiteren Differenzierungen gelangt man, wenn bei der zentralen Planung zwischen Mengensteuerung und Preissteuerung unterschieden wird. Siehe hierzu Breyer und Kolmar (2010, Kap. 5.1). Sozialistische Wirtschaftsformen können weiterhin danach unterschieden werden, ob der Staat oder das betriebliche Kollektiv der Eigentümer an den Produktionsmitteln ist. Im ersteren Fall spricht man von Konsumentensozialismus, im letzteren von Produzentensozialismus. Zu den unterschiedlichen Formen der Sozialisierung immer noch instruktiv Korsch (1969)
  • [3] Anders Sombart (a. a. O.). Für ihn ist die Entfaltung des Kapitalismus „das Wunder, das sich in unserer Zeit vollzogen hat….In der Verfolgung eines so unwirtschaftlichen Zieles wie des Gewinns ist es gelungen, Hunderte von Millionen von Menschen, die früher nicht da waren, zum Leben zu verhelfen, ist es gelungen, die Kultur von Grund auf umzugestalten, sind Reiche gegründet und zerstört, Zauberwelten der Technik aufgebaut, ist die Erde in ihrem Aspekt verändert worden.“ Unwirtschaftlich ist das Gewinnziel nur aus dem Blickwinkel eines vormodernen Verständnisses der Wirtschaft, das einzig und allein die Produktion und den Tausch von Gebrauchswerten zum Zweck der Versorgung von Haushalten mit allem Lebensnotwendigen als wirtschaftliche Handlung ansieht
  • [4] Vgl. Sombart (1916, Bd. II, S. 6): „Das Mindeste, was vorhanden sein muss, damit wir von ‚Kapitalismus' reden können, ist eine kapitalistische Unternehmung.“
  • [5] Im Übergang von einer traditionalen zur kapitalistischen Produktionsweise nehmen Hunger und Elend unter der Arbeitsbevölkerung zu. Aber auf lange Frist ist Lohnarbeit der sicherste Weg für den Zugang zu Lebensmitteln und die Anhebung des Lebensstandards der lohnabhängigen Bevölkerung. Siehe hierzu Drèze und Sen 1989
  • [6] Anders Wallerstein (1979), der Kapitalismus durch das ‚Profitmachen' definiert, gleich, auf welcher Organisationsform der Arbeit (z. B. Plantagenwirtschaft, Sklavenarbeit, Lohnarbeit) es beruht
  • [7] Einen guten Überblick zu dieser Forschungsrichtung verschafft das Lehrbuch von Richter und Furubotn (1996)
  • [8] Zum Zusammenhang von Gesundheit und Lebensstandard (Health and Wealth) und zur überragenden Bedeutung von Fortschritten auf dem Gebiet der Gesundheit siehe jetzt Deaton 2013, Part I). „The poorer the country the worse its health statistics tend to be“ (a. a. O. S. 28)
 
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