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8 Zeit

Unterrichtsstunden sind bekanntlich zeitlich begrenzte Ereignisse. Sie finden gemäß einem Stundenplan statt und haben eine festgelegte ‚Anfangs'und ‚Endzeit'. Zeit tritt im Unterricht als das auf, was sich einerseits auf die ‚objektive' Uhrzeit

– die ‚clock time' – als einen gemeinsamen Rahmen bezieht, andererseits mit dem lokalen Verständnis und der Verkörperung von ‚clock time' in den laufenden Lehr-Lern-Interaktionen verbunden ist. In diesem Zusammenhang wird Zeit als eine wesentliche praktische Ressource für die Koordination und die Regulierung der Unterrichtsinteraktionen benutzt. Unser Fokus hier liegt darauf, zu analysieren, wie Zeit als ein Interaktionsobjekt ‚in its own right' von den Teilnehmern der Unterrichtspraxis artikuliert und thematisiert wird.

Oben haben wir gezeigt, wie Zeit im Rahmen des Kohorting-Mechanismus eingesetzt wird (siehe Die lokale Geschichte). Ein anderes Beispiel dafür finden wir in der Zeile 257, wo die Lehrerin einen expliziten Bezug auf Zeit im Rahmen ihrer Bemühungen, die Interaktionsordnung wieder herzustellen, nimmt: „Bitte! Wir verlieren so viel Zeit“ (siehe Beispiel #7#). Dieser Hinweis auf die Zeit hat auch eine zusätzliche Relevanz, wenn wir ihn im Zusammenhang mit einem Phänomen betrachten, das als ‚Tempo' gefasst werden kann. Mit ‚Tempo' meinen wir die Beachtung dessen, was die Lehrerin für die laufende Unterrichtsstunde als Pensum vorgesehen hat und inwieweit das vorgesehene Pensum mit dem vermittelten übereinstimmt. Die Lehrerin muss berücksichtigen, dass sie das vorgesehene Material im Laufe der heutigen 45 Minuten zu vermitteln hat und dass das Material nach Ablauf dieser Zeit aufgearbeitet ist. Dies macht z. B. Abweichungen vom Thema oder Unterberechungen relevant. Für welche Art von Abweichung oder Unterbrechung kann sie es sich leisten, die Zeit zu verwenden (z. B. um einen Witz zu machen, siehe Z. 65-73)? Solche Momente können aufschlussreich sein, was unterrichtsspezifische Eigenschaften betrifft, wie z. B. die Unterbrechung in der Szene im Beispiel unten:

#13#

204 {Klopfen an der Tür}

205 {Lw geht zur Tür; dort stehen drei ältere SchülerInnen (äSm1/ äSw/ äSm2)}

206 äSm1: Grüß Gott.

207 Lw: Grüß Gott.

208 äSm1: Dürfen wir kurz rein? Es geht um den Schulphotographen.

209 Lw: Um was?

210 äSm1: {lächelnd:} Stör'n wir? Sehr?

211 Lw: Ähm > {wohl zu R.H.:} Abschalten inzwischen, oder wie? < (..)

212 R.H.: [ Bitte?

213 Lw: [ > {zu äSS:} Wie lang dauert denn des? <

214 äSm1: Nur ganz kurz.

215 Lw: Gut. [ Bitte, dann kommt.

216 äSm1: [ Paar Minuten. Ok. {äSS treten vor die Klasse} (...) Und zwar (.) es geht um

217 den Schulphotographen, der kommen wird und die Schulphotos macht wie jedes

218 Jahr.

[...]

248 äSw: Ja. (.) Ok. Danke.

249 Lw: Bitte

250 {ältere SS verlassen die Klasse}

Die Szene stellt eine kurze Unterbrechung im gesamten Verlauf der Unterrichtsstunde dar, die ‚von außen' verursacht und durch das ‚Klopfen an der Tür' am Anfang und das ‚Verlassen des Klassenraums' am Ende markiert wird. Zwei Schüler und eine Schülerin aus älteren Klassen kommen wegen eines Schulphotographen. Die ganze Szene erfolgt in drei Schritten: (1) Begrüßung und Erklärung des Anlasses,

(2) Befragen der Klasse (siehe das gesamte Transkript, Z. 216-247), (3) Danksagung. Wir konzentrieren uns auf (1) und (3), d. h. auf die Rahmung dieser Episode.

Zunächst fällt auf, dass sich die älteren Schüler sowohl bei der Begrüßung als auch bei der Danksagung ausschließlich auf die Lehrerin orientieren. Es stellt sich die Frage, worin die organisatorischen Grundlagen dafür bestehen? Was konstituiert die Handlungen der Begrüßung und der Danksagung so, dass ein Großteil der Teilnehmer nicht begrüßt und bedankt wird? Die Antwort auf diese Frage lässt sich in den Zeilen finden, wo der ältere Schüler und die Schülerin die Erklärung des Ziels ihres Erscheinens liefern.

Der einzige relevante Punkt, der zwischen den älteren Schülern und der Lehrerin thematisiert wird, ist Zeit. Die Schüler beginnen damit, dass sie die „kurze“ Dauer ihres Besuchs betonen („Dürfen wir kurz rein?“) und noch zweimal später darauf hinweisen (Z. 214, 216). Bemerkenswert ist weiter, wie die Frage der Lehrerin „Um was [geht es]?“ (Z. 209) beantwortet wird, und zwar mit der Rückfrage, die wiederum einen indirekten Bezug auf die Zeit nimmt und die Lehrerin als alleinige Hüterin der Situation anspricht: „Stör'n wir? Sehr?“. Anders gesagt: Die ‚Unterrichtszeit' wird von den Hinzukommenden als ‚Lehrer-Zeit' verstanden und behandelt. Die Unterbrechung wirft ein Licht auf eine spezifische Eigenschaft von Unterricht: Die Zeit ‚gehört' der Lehrerperson als das, was unter ihrer Kontrolle steht und deren Management ihr Vorrecht ist. Entscheidungen über die Zeit sind ein an die Kategorie ‚Lehrerin' gebundenes Privileg, das diese Kategorie zugleich konstituiert [1].

Eine weitere Szene, in der die Zeit des Unterrichts als Lehrerzeit artikuliert wird, findet am Ende der Stunde statt:

#14#

1214 Edi: I bin fertig!

1215 S?: Jim (Knopf/Knopp).

1216 Lw: Ähm (..) Gut. (..) Wenn du fertig bist, Edi, (..) dann kannst du bitte den 1217 Videorekorder rüberführen.

[...]

1229 Edi?: > {zu Lw:} Kann i dann glei wieder geh'n? < 1230 (..)

1231 Lw: > {die Türen des TV-Schrankes schließend:} (I hab's noch net läuten hör'n. 1232 ) <

Zwar gibt einer der Schüler, Edi, der Lehrerin bekannt, dass er (mit den Notizen zur letzten Filmszene) fertig ist, damit ist aber die Unterrichtstunde für ihn noch nicht beendet. Er bekommt eine neue – organisatorische – Aufgabe, den „Videorekorder zu überführen“, ähnlich wie die anderen Schüler, die den Klassenraum noch aufräumen müssen (Z. 1221-1222). Bemerkenswert ist dabei die Verzögerung in der Antwort der Lehrerin, die durch zwei kleine Pausen und das „Ähm“ markiert ist: Eine Aufgabe für die verbleibende Zeit wird gesucht und ad hoc formuliert. Auch nach der Erledigung seiner Aufgabe darf Edi den Klassenraum nicht verlassen, solange die ‚offizielle', durch Läuten markierte Zeit noch nicht abgelaufen ist (Z. 1229-1231). Obwohl die Lehrerin sich auf den institutionell festgelegten Zeitrahmen bezieht („I hab's noch net läuten hör'n“), wird sie als diejenige betrachtet, die Entscheidungen über die Beendigung der Stunde trifft. Nicht am Klingeln, sondern an der Lehrerin orientiert sich Edi in seiner Meldung und nachfolgenden Frage, indem er auf die Erlaubnis loszugehen hofft und nicht einfach geduldig die ‚offizielle' Endzeit abwartet. Diese Szene erweist sich als Spiegelbild des Stundenbeginns, als die Unterrichtsstunde erst mit dem Erscheinen der Lehrerin im Klassenraum und nicht schon mit dem Klingeln begonnen hat.

Regulierungstechniken, die meistens einen indirekten und nonverbalen Charakter haben. (So kann etwa das Zusammenräumen von Materialien oder das Anziehen von Jacken einen sehr deutlichen Hinweis auf die Beendigung der Stunde darstellen.)

  • [1] Das heißt aber natürlich nicht, dass Schüler nicht auch ihrerseits auf die Zeit als Ressource der Organisation ihrer Unterrichtspraktiken zurückgreifen. Im Gegenteil. Sie erweisen sich als sehr geschickt in der Entwicklung und Einsetzung der entsprechenden
 
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