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6 Ermahnungen

Die Koordinierung der Tätigkeiten ist untrennbar damit verbunden, wie die Mitglieder der sozialen Praktiken einander kategorisieren, d. h. wie sie sich einander zu bestimmten sozialen Kategorien zuordnen. In unserem Alltagsleben ordnen wir Leute, die wir beobachten, beschreiben und mit denen wir kommunizieren, ständig zu dieser oder jener Mitgliedschaftskategorie, z. B. ‚Erwachsene', ‚Frau',

‚Ausländer', ‚Verkäufer' usw. zu. Manche von diesen Kategorien sind komplementär und bilden dichotome Paare, wie z. B. ‚Alte'/‚Junge' oder ‚Lehrer'/‚Schüler'. Die Mitgliedschaftskategorien lassen sich in ‚Kollektionen' zusammenfassen, die H. Sacks, der die Konzeption der sozialen Kategorisierung entwickelt hat, als ‚Kategorisierungsmechanismen' bezeichnete. Ein Beispiel für die Kategorisierungsme-chanismen stellt die Kollektion ‚Familie' dar, die solche Kategorien wie ‚Mutter', ‚Vater', ‚Tochter' usw. einschließt. Diese Kategorisierungsmechanismen werden auf bestimmte Art und Weise verwendet, wobei die Regeln ihrer Verwendung ein Teil des Mechanismus selbst sind. Mit jeder Kategorie lässt sich auch eine bestimmte Tätigkeit assoziieren, die anhand der Zuordnung des Handelnden zur entsprechenden Kategorie erklärbar und verstehbar wird [1].

Die Kategorisierungsmechanismen stellen in diesem Sinne eine der praktischen Grundlagen für die Herstellung und Wiederherstellung der Ordnung im Unterricht dar. Beides wird zwar in der Regel von der Lehrperson initiiert und durchgeführt, dies würde aber nicht funktionieren, ohne dass die Schüler ihrerseits mitmachen. Im Folgenden wollen wir diesen Zusammenhang zwischen der Orientierung der Teilnehmer auf die koordinierte Kommunikation und der Relevanz der Arbeit der Kategorisierung am konkreten Beispiel erläutern.

Bevor wir aber zur Analyse kommen, ist ein Vorbehalt methodologischen Charakters zu machen. Bei der Analyse der kategorialen Eigenschaften der Interaktionen läuft man Gefahr, die Kategorien als selbstverständliche Ressource zu verwenden, d. h. als das, was wir als kompetente Mitglieder der Gesellschaft über die entsprechenden Kategorien (sei es ‚Lehrer' – ‚Schüler' oder ‚Arzt' – ‚Patient' usw.) immer schon wissen. Im vorliegenden Fall etwa kategorisiert schon das Transkript die Teilnehmer des Gesprächs in zwei Sorten („Lw“ und solche, die mit Vornamen benannt werden). Was im Blick zu behalten ist, ist das „reflexive Verhältnis“ zwischen der kategorialen und der sequentiellen Interaktionsordnung (vgl. Watson 1997, S. 55). Die analytische Aufgabe besteht darin – um mit Rod Watson zu sprechen –, die Orientierung der Teilnehmer auf die Relevanz der entsprechenden Kategorien bei der Produktion ihrer Handlungen zu zeigen (ebd., S. 52-56).

#7#

254 (6. sec.) >1 {SS reden durcheinander}

255 Lw: Ah (Tom/Ingo) (..) ah ...

256 (6 sec.)

257 Lw: Ah. (.) Bitte! Wir verlieren so viel Zeit.

258 Claus: > {brüllend:} Seid's jetzt ruhig! <

259 <1 {vereinzeltes Lachen} (..)

260 Lw: Bitte, (Tom/Ingo). (.) Also wir wissen jetzt, die Drei, die Namen der drei j

261 0 (.) Swing Kids.

Die Szene oben lässt sich als eine gemeinsame Wiederherstellung der Ordnung beschreiben. Sie passiert gleich nach einer kurzen ‚Unterbrechung', die durch den Besuch der Schüler höherer Klassen anlässlich der Schulphotos verursacht wurde. Die Schüler reden durcheinander und die Lehrerin sowie einer der Schüler, Claus, ermahnen sie zur Ruhe. Claus äußert seine Ermahnung in ‚brüllendem' Ton, und zu fragen ist: Was wird hier durch seinen brüllenden Ton spezifiziert?

Der ‚brüllende' Ton weist hier auf den kategorial relevanten Aspekt der Handlung hin. Er spezifiziert die Ermahnung als an die Kategorie ‚Lehrerin' gebundene Aktivität. Damit wollen wir nicht sagen, dass ‚Ermahnungen' einzig und allein an die Kategorie ‚Lehrer' bzw. ‚Lehrerin' gebunden sind. Obwohl es nicht üblich ist, dass der Lehrer bzw. die Lehrerin von den Schülern im Rahmen einer Unterrichtsstunde ermahnt oder getadelt wird, ist es keine Ausnahme, dass die Schüler ihre Mitschüler ermahnen, wie im Beispiel oben, wo sich miteinander unterhaltende Otto und Franz von Jan mit „Pscht!“ ermahnt werden (siehe Beispiel #5#, Z. 161164). Was aber offenkundig ist, ist die kontextualisierende Arbeit, die Claus leistet, indem er die Ermahnung seiner Mitschüler in ‚brüllendem' Ton artikuliert. Was Claus' Ermahnung von Jans Ermahnung unterscheidet, ist nicht der propositionale Inhalt der Ermahnung, sondern die Form, in welcher sie ausgeführt wird. Claus setzt seine Ermahnung in die ‚hörbaren' Anführungszeichen, die zeigen, dass es zwischen ihm als Sprecher und seiner Äußerung eine Distanz gibt. Was diese Distanz markiert, ist der kategorial-spezifische Charakter einer Äußerung, der darauf hinweisen soll, dass die ‚Ermahnung' nicht an die Kategorie ‚Schüler', sondern an die der ‚Lehrerin' gebunden ist. Die organisatorische Grundlage dafür ist die sequentielle Platzierung von Claus' Ermahnung. Claus' Handlung (wie jede andere soziale Handlung) bekommt ihren Sinn und ihre konkrete Bedeutung nur im Zusammenhang mit den vorangehenden und nachfolgenden Handlungen. Die sequenzielle Ordnung dieser Handlungen bildet den Kontext dafür, wie die Handlungen zu verstehen sind. Die Position in der sequentiellen Ordnung, an der Claus' Ermahnung auftritt, ist die Position in der Reihe von Ermahnungen, die die Lehrerin (erfolglos) artikuliert (Z. 255-257). Indem Claus seine Ermahnung unmittelbar nach der Ermahnung der Lehrerin und als Teil dieser Reihe platziert (Z. 257-258), behält er die ursprüngliche sequentielle Struktur der Interaktion, die durch die Kategorien ‚Lehrer' – ‚Schüler' generiert wird, bei, bewirkt aber mit Hilfe einer prosodischen Spezifizierung die Verschiebung in der kategorialen Anknüpfung seiner Handlung. Die prosodische Spezifizierung ist hier sein ‚brüllender' Ton. Anders gesagt, die Ermahnungen der Lehrerin und Claus' Ermahnung stehen nicht in einer kausalen Beziehung, sondern in einer der gegenseitigen Kontextualisierung. Bei der Äußerung seiner Ermahnung berücksichtigt und orientiert sich Claus auf die vorangehenden Handlungen der Lehrerin in ihren konkreten Eigenschaften (hier: auf ihren fehlgeschlagenen Charakter). Gleichzeitig spezifizieren die Eigenschaften von Claus' Handlung (der brüllende Ton seiner Ermahnung) die Ermahnungen der Lehrerin als kategorial-gebundene Handlungen. Das heißt: Claus zeigt an, dass er sich als Schüler kurzfristig einer Praxis aus dem Repertoire der Lehrerin bedient hat. Dieses Manöver wird von beiden Seiten akzeptiert – und funktioniert interessanter Weise, insofern zwar zunächst vereinzelt gelacht wird, die Lehrerin dann aber in ihren Erläuterungen fortfahren kann.

  • [1] Zu Grundprinzipien der Analyse von Mechanismen der Kategorisierung von Personen als Angehörige bestimmter sozialer Mitgliedschaftskollektive vgl. Sacks 1972a, 1972b
 
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