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4 Interpunktion

Die Aufmerksamkeit für einen gemeinsamen Gegenstand ist nicht einmal etabliert und dann gegeben, sondern sie muss immer wieder (neu) hergestellt, reorganisiert oder gerichtet werden. Die Mobilisierung der Aufmerksamkeit durch interaktionelle Akzente ist die wohl geläufigste Lehrerstrategie. Wir werden sie als Interpunktion bezeichnen. Damit meinen wir Handlungen, die Schüler instruieren, dass sie und worauf achten sollen und welche Art von Aktivitäten im Moment vorgesehen sind. Im Unterrichtsalltag sind unzählige Techniken der Interpunktion zu beobachten. Im Transkript stellt das Phänomen hier eine ‚Einfügung' zwischen zwei thematisch von einander unterscheidenden Interaktionssets dar:

#4#

114 Lw: Gut. Bitte. Ja, schreib ich dich dann dazu. Gut. (...) Ähm (.) passt auf, ich hab ja

115 gesagt, (.) nächs-t-e (..) Woch-e (..) aber (ich schau schnell) > {setzt Brille auf

116 und schaut ins Klassenbuch} nächste Woche is schon der Zwanzigste?

#5#

158 Lw: Wir werden aber dann diese Kamera wahrscheinlich ( ) So! (.) Ah <2 (...) >

159 {zu den Schülern vorne am Fenster} ihr müsst euch vielleicht jetzt aa a bissl

160 anders hinsetzen. < [ Passt auf! (.) Wichtig, (.) wichtig,

161 [ >1 {leichte Unruhe}

162 [ {Otto verrückt seinen und Franz' Tisch}

163 Otto: > {ungehalten zu Franz:} Willst so bleiben? <

164 Jan: Pscht! <1

165 Lw: dass ihr auf zwei Schwerpunkte jetzt achtet.

In beiden Beispielen #4# (Z. 114) und #5# (Z. 160) formuliert die Lehrerin eine direkte Anweisung gegenüber den Schülern, dass sie jetzt aufpassen sollen, und in beiden Fällen markiert die Einfügung „Passt auf“ den Übergang von technisch-organisatorischen zu inhaltlich-organisatorischen Themen des Unterrichts. Im ersten Fall bezieht sich das erste Interaktionsset auf die Frage der Zuordnung eines Schülers zu einer Gruppe für die geplante Gruppenarbeit (siehe Z. 88-114 des gesamten Transkripts) und mit der Anweisung aufzupassen richtet die Lehrerin die Aufmerksamkeit der Klasse auf die in der nächsten Woche vorgesehenen Referate (Z. 114-116 und 117-132 des gesamten Transkripts). Im zweiten Fall wird der Interaktionsablauf von der Frage der Ausrichtung der Schüler für das bevorstehende Anschauen des Films und der Platzierung des Fernsehens (siehe Z. 141-157 des gesamten Transkripts) zu thematischen Schwerpunkten (Z. 165 und weiter) reorganisiert. So werden die Schüler im ersten Fall auf die Änderung des Datums für die Referate aufmerksam gemacht, im zweiten Fall auf die entscheidende Fokussierung der Rezeption des Filmes hingewiesen – beides Details aus dem Strom der Erläuterungen der Lehrerin, für die sie gewährleisten will, dass jedes einzelne Mitglied der Lerngruppe sie mitbekommt.

Insofern das Interaktionsfeld des Unterrichts reich ist an Momenten, in welchen die versammelte Einheit wieder in Bewegung kommt und auseinanderfällt, treten Techniken pädagogischer Interpunktion mit einer bestimmten Regelmäßigkeit auf. Sie können sehr fokussiert eingesetzt werden, wie im folgenden Beispiel, wo sich die Anweisung zuzuhören und mitzuschreiben an einen konkreten Schüler (Edi) richtet (Z. 168-169):

#6#

165 Lw: dass ihr auf zwei Schwerpunkte jetzt achtet. Auf der einen Seite (...) die

166 Entwicklung (.) dieser nationalsozialistischen Strömungen und dadurch (..) die

167 (.) gesellschaftliche Veränderung den Juden gegenüber. (..) Auf der anderen

168 Seite (..) die Entwicklung (.) der Freundschaft, Edi, hörst du zu? Schreibst des

169 mit!

170 Edi: Ja.

Wir lesen die Frage in der Zeile 168 als Ermahnung. Die Lehrerin stellt zwar eine Frage („Edi, hörst du zu?“), wartet aber nicht auf die Antwort, sondern formuliert sofort die Forderung mitzuschreiben. Sie sieht den Schüler kurz an, unterbricht ihre Erklärung von zwei Schwerpunkten und formuliert ihre Frage und Forderung schnell und mit gesenkter Stimme. Tatsächlich können wir beim Anschauen der Videoaufnahme sehen, dass Edi sich in diesem Moment mit seinem Nachbarn unterhält. Die Lehrerin räumt der Intervention einen untergeordneten Stellenwert ein. Dennoch wird hier inmitten einer an die ganze Gruppe gerichteten Erläuterung ein einzelner Schüler für eine gezielte Ermahnung herausgegriffen. Da diese Ermahnung zwar beiläufig, aber doch vor dem Publikum der Mitschüler artikuliert wird, kommt ihr wohl durchaus exemplarische Funktion zu: Mit Edi werden alle angesprochen, die nicht zuhören bzw. nicht mitschreiben. Mit diesem kleinen Einschub wird die ganze Gruppe auf die Rede der Lehrerin als aktuelles Aufmerksamkeitszentrum verpflichtet.

Die ‚Interpunktion' stattet die Schüler mit den Mitteln aus, die sie benötigen, um bestimmte Tätigkeiten identifizieren und differenzieren zu können. Die Interpunktion des Unterrichtsgeschehens erlaubt es eben auch, mit der Aufmerksamkeit mal nachzulassen. Abschweifungen werden möglich, weil man sich darauf verlassen kann, dass die Lehrerin entsprechende Hinweise geben wird, wenn es wieder „wichtig“ wird [1]. Dabei ist der Zusammenhang zwischen inhaltlichen Akzentuierungen und Forderungen nach Verhaltensregulationen, die wir beide als ‚Interpunktion' des Unterrichts begreifen, oft sehr eng. Jans „Pscht!“ in der Zeile 164 zeigt z. B.: Die Worte der Lehrerin „Passt auf! Wichtig, wichtig“ werden nicht nur als Hinweis auf thematisch wichtige Informationen, die jetzt mitgeteilt werden, sondern auch in Bezug auf die Notwendigkeit einer Verhaltenskorrektur gelesen und verstanden. Die Arbeit, die mit Hilfe der ‚Interpunktion' geleistet wird, besteht darin, dass neben der Grammatik des Schreibens oder der Grammatik der Lösung einer arithmetischen Aufgabe auch eine interaktionelle Grammatik des Instruktionsfeldes „Unterricht“ etabliert wird, an der Schüler ihre Handlungen orientieren können.

Diese Perspektive unterscheidet sich von dem klassischen Konzept des „classroom management“ (vgl. z. B. Mehan 1979; McHoul 1978; Payne und Hustler 1980; Payne 1982), denn die zu etablierende und zu handhabende Ordnung wird nicht allein aus der Perspektive der Lehrperson analysiert, sondern wird dezidiert als ein kooperatives und kollaboratives Produkt von Lehrerund Schülerpraktiken beschrieben. Die Schülerinnen und Schüler sind in die Praktik der ‚Interpunktion' involviert, insofern sie auch kleine Hinweise und beiläufige Markierungen erkennen und darauf reagieren und insofern sie sich andererseits darauf verlassen, dass sie genau solcher Art strukturierende Hinweise bekommen, um ihre Aufmerksamkeit und ihr Engagement zu dosieren.

  • [1] Vgl. die Video-Studie „Standby“ (Mohn und Amman 2006)
 
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