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3 Die lokale Geschichte

Die Lehrerin und die Schüler verfügen über eine gemeinsame lokale Geschicht [1], welche sie alle kennen und auf welche die Lehrerin an unterschiedlichen Stellen der Unterrichtsstunde zugreift. Die Verwendung der gemeinsamen lokalen Geschichte wird im vorliegenden Datenmaterial als Mittel der Kohorten-Bildung eingesetzt [2].

Die Lehrerin rekapituliert einige Arbeitsschritte, die die Klasse vorher gemacht hat (Z. 55-60):

#3#

55 Lw: Ihr habt die Folie ja abgeschrieben. Ihr habt eigentlich gesehen, dass des relativ

56 schwer is. (..) Ähm das war mir schon bewusst. Wir haben vorher über die Ismen

57 geredet. Jetzt hätte i gern, dass alle zuhör'n, bitte. (.) Äh wir haben vorher über

58 die Ismen geredet, äh, die haben wir ja ein bisschen beleuchtet, und die Folie is

59 eigentlich mehr oder weniger jetzt so eine Art > {lauter werdend:}

60 Inhaltsangabe. < [...]

74 Ähm, hört ihr mir bitte weiter zu? Das is eigentlich nur eine Inhaltsangabe mehr

75 oder weniger gewesen, an der wir uns jetzt wissentlich emporarbeiten. (.)

Durch die Artikulierung der vorherigen Arbeitsschritte ‚bringt' die Lehrerin die Schüler zurück in die Zeit der vorherigen Unterrichtsstunde(n), indem sie das Thema der aktuellen Unterrichtsstunde durch die Zusammenfassung der inhaltlichen Punkte der letzten Stunde(n) einführt. Sie erwähnt die Folie, die die Schüler abgeschrieben haben und weist auf die Kompliziertheit der Themen hin, die vorher beleuchtet wurden und an denen die Klasse sich jetzt „wissentlich emporarbeiten“ wird. All dies wird an alle adressiert („wir haben vorher ... geredet“ und „jetzt hätte ich gerne, dass alle zuhören, bitte“). Die Lehrerin gibt also den Hinweis auf einen spezifisch-unbestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit („vorher“), der der lokalen Geschichte der gesamten Klasse angehört, wodurch diejenigen, die diese Geschichte gemeinsam erlebt haben und kennen, imstande sind, das „vorher“ genau und problemlos zu lokalisieren. Ähnlich wie die „Folie“ und die „Ismen“. Diese Hinweise sind verstehbar, weil sie in eine gemeinsame lokale Geschichte eingebettet sind. Man kann sie im Detail nur entschlüsseln, wenn man an den letzten Unterrichtsstunden teilgenommen und den Inhalt des Unterrichts verfolgt hat. Die indexikalischen Bemerkungen der Lehrerin tragen zur Etablierung der Lerngruppe als ‚Kohorte' bei, indem sie sich an eine spezifische Deutungsgemeinschaft richten, die sich durch eine gemeinsame Geschichte auszeichnet.

Indem die Lehrerin erwähnt, was die Klasse in den vorherigen Stunden gemacht hat, und dies mit dem Thema der aktuellen Stunde verbindet, macht sie für die Schüler die Kontinuität des Unterrichts und ihrer Arbeit im Unterricht auch sichtbar.

  • [1] Wir beziehen uns hier auf das, was Garfinkel und Burns in ihrer Studie über Lecturing's work „locally historicized reference“ nennen. Siehe: Burns 2012, S. 184 f
  • [2] Sie kann auch als Mittel der Darstellung des Lehrstoffs benutzt werden, als ein Element dessen, was Garfinkel und Burns „[lecturer's] say-shown work“ nennen (Burns 2012, S. 184), z. B. wenn der Lehrer im Laufe seiner Erklärungen zum Unterrichtsthema auf eine leere Stelle an der Wandtafel zeigt, an welcher vor einer Woche ein Schaubild gezeichnet wurde
 
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