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„Was ist Unterricht?“ –Die Perspektive der Ethnomethodologie

Einführung

Das ethnomethodologische Interesse an Schulunterricht richtet sich auf lokal geordnete, situative Praktiken, mit deren Hilfe sich Unterricht konstituiert. Die Untersuchung gilt der Unterrichtsordnung, die nicht als gegebene Struktur aufgefasst wird, sondern als ‚ongoing, practical accomplishment' (vgl. Garfinkel 1967, 2002b), als praktische, situative Hervorbringung, die ihrerseits die soziale Praxis

‚Unterricht' konstituiert, die sowohl die Beziehungen, die sich dort entfalten, bestimmt, als auch materielle Eigenschaften der konkreten Situation erzeugt [1]. Es geht dabei um Praktiken, wie sie von den Teilnehmern der Unterrichtssituation den lokalen Umständen entsprechend und mit dem Zweck der Lösung praktischer Probleme realisiert werden. Dabei wird deutlich werden, dass und wie die Lehrerin und die Schüler in zwar unterschiedlichen, aber aufeinander bezogenen Praktiken die Unterrichtsordnung gemeinsam und kooperativ hervorbringen. Die komplementär aufeinander bezogenen Formen an der Praxis des Unterrichts teilzunehmen, nämlich als ‚Lehrerin' oder als ‚Schüler', sind in dieser Perspektive ebenfalls lokale und interaktive Hervorbringungen. In Form solcher Analysen untersucht der ethnomethodologische Zugang zu schulischem Unterricht das, was andere Forschungsansätze voraus setzen [2].

Die Ethnomethodologie fasst die Frage „Was ist Unterricht?“ konsequent als empirische Frage auf und übersetzt sie in die Frage nach der situativen und interaktiven Hervorbringung von Unterricht: Wie bringen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ihrem Handeln eine soziale Form zustande, die sie selbst und auch außenstehende, aber kulturell eingeweihte Beobachter (also wir) jederzeit und problemlos als ‚Unterricht' verstehen können? Wie verständigen sich die Teilnehmer der Situation darüber und wie vergewissern sie sich dessen, dass und inwiefern es sich bei dieser Veranstaltung um ‚Unterricht' handelt? Welcher Methoden bedienen sie sich dabei? Unter dem für die Ethnomethodologie grundlegenden Begriff der ‚Methoden' sind dabei die Methoden der Mitglieder sozialer Praktiken (hier: der Unterrichtspraktiken) zu verstehen. Es geht um „members' methods“, die als praktische Verfahren und Prozeduren der Hervorbringung sozialer Phänomene einerseits einen situierten Charakter haben, d. h. für die Tätigkeiten und Arbeitsplätze, an welchen sie angewendet werden, spezifisch sind, andererseits von den Situationen ihrer Anwendung getrennt und in die neuen Situationen übertragen werden können (vgl. Garfinkel 2002b, S. 72).

Wir versuchen in der Analyse einzelne Phänomene zu identifizieren und zu beschreiben, die auf der einen Seite den methodischen, routinemäßigen Charakter der Unterrichtsinteraktion beleuchten und auf der anderen Seite die Komplexität der sich entfaltenden Interaktionen zeigen. Dieses analytische Vorgehen beschreibt Harvey Sacks in „Notes on methodology“ folgendermaßen: “The detailed study of small phenomena may give an enormous understanding of the way humans do things and the kinds of objects they use to construct and order their affairs” (Sacks 1984, S. 24). Exemplarisch wollen wir zeigen, wie einzelne Praktiken und Tätigkeiten im Klassenraum beschaffen sind und wie sie mit Hilfe unterschiedlicher interaktioneller Ressourcen ‚montiert' und zusammengesetzt werden.

Das Interesse am Detail sollte aber nicht als Gegensatz zur Beschreibung einer Unterrichtssituation in ihrer Gesamtheit verstanden werden. Denn es geht darum, die Unterrichtssituation als eine kohärente soziale Hervorbringung in den Einzelheiten zu erfassen, die für dieses Phänomen konstitutiv sind. Natürlich werden die Details der Durchführung sozialer Praktiken von Fall zu Fall variieren. In einer Unterrichtsstunde kann das Thema als Rezeption eines Films bearbeitet werden (wie in dem vorliegenden Fall), während sich in einer anderen Stunde die Schüler mit dem Material aus einem Lehrbuch auseinandersetzen. In einem Fall kann sich nur ein Schüler melden und sagen, dass er die Aufgabe nicht versteht, während es in einem anderen Fall die Hälfte der Klasse sein kann und die Lehrerin die Aufgabe präzisieren bzw. umformulieren wird. Viele unvorhersehbare Eventualitäten können den Ablauf einer Unterrichtsstunde beeinflussen. Was aber vorhersehbar bleibt, ist die spezifische interaktionelle Arbeit, die Unterricht als solchen konstituiert. Eine präzise Beschreibung dieser interaktionellen Arbeit zeigt charakteristische Unterrichtspraktiken, die die routinemäßige Durchführung einer sozialen Praxis ermöglichen, die trotz aller Kontingenzen als ‚Unterricht' erkennbar und verstehbar ist (vgl. Crabtree et al. 2012, S. 32). Der Forscher lässt sich dabei von den folgenden Fragen leiten: Was wird von Teilnehmern bei der Durchführung ihrer Tätigkeiten als selbstverständlich betrachtet oder vorausgesetzt? Welche Objekte werden routinemäßig beachtet und zur Kenntnis genommen? Woran orientieren sich die Teilnehmer?

Wir werden die Konstitution von Unterricht am Datenmaterial verfolgen, das uns zur Verfügung steht: die Video-Aufzeichnung einer Unterrichtsstunde und die Abschrift dieser Aufzeichnung. Als Beschreibung einer konkreten Unterrichtssituation bleibt unsere Beschreibung – wie jede andere, sei es wissenschaftliche oder alltägliche – unvermeidlich partiell und unvollständig. Wir halten uns hier aber an die Leitfrage des Bandes: „Was ist Unterricht?“, die bezogen auf konstitutive Eigenschaften des sozialen Objektes ‚Unterricht' als eines erkennbaren Objektes dieser Art verstanden werden kann.

  • [1] Vgl. Francis und Hester 2000; Breidenstein 2006, 2010
  • [2] Vgl. Breidenstein und Tyagunova 2012 für eine detaillierte Darstellung
 
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