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4 Unterrichten mit dem Film

Die Lehrerin spekuliert also mit der Wahl des Filmes auf die Suggestivität des Materials, vermag sich aber diesem nicht selbst zu überlassen. Hinzutreten muss eine von ihr angeleitete Bearbeitung. Sie muss mit den subjektiven Reaktionen auf das ästhetisch Wahrgenommene rechnen und ihnen im Verlaufe der Reihe auch Raum einräumen, aber mit solchen Methoden kann sie nicht auf das Unterrichten von Inhalten verzichten. Im Film steckt etwas, was seine Auslegung verlangt, das Zeigen des Filmes im didaktischen Setting dient der Herstellung bestimmter kognitiver Einsichten, auf diese hin ist zu unterrichten. Sie werden zu Resultaten, die durch Schularbeit herzustellen sind. Auch deswegen richtet die Lehrerin während der Stunde die Schüler gezielt auf Beobachtungstatsachen aus.

Auch wenn das Transkript über weite Strecken schulisch unterrichtliche Folklore beinhaltet, angefangen beim Geburtstagsständchen und endend bei der wild kommentierten Aufforderung „diesen ganzen Mist“ aufzuräumen (Z. 1221), und obwohl der größte Teil der Stunde nicht der Arbeit am Material dient, sondern dem Aufnehmen als Film-Sehen, ist doch nie zweifelhaft, dass von den Schülern mehr verlangt wird als von einem Kinobesucher. Der Film dient dem Unterricht und das Prozedere des Film-Schauens kann als Unterricht bezeichnet werden. Den Unterricht bestimmt demnach die pädagogische Absicht, mit der der Film eingesetzt wird. Diese bezieht sich notwendig auf den Inhalt des Filmes wie auf die eingerichtete Weise des aufnehmendem Schauens und des Vergewisserns des Geschauten wie dessen Einordnung. Die Schüler sollen mit dem Film nicht einfach unterhalten werden, sondern an und mit ihm etwas lernen. Dieses Etwas ist mit der Pädagogik der Stunde näher zu bestimmen, es hängt an der Intention, die die Lehrerin verfolgt. Aber bereits ohne seine Bestimmung ist diese allgemeine Subsumtion unter den Begriff des Unterrichts nicht trivial. Denn sie markiert die Grenze zwischen Unterricht und reiner Verführung, Unterhaltung oder Forschung (s.o.). Es gibt sowohl in der Wahl der konkreten Mittel wie auch in der angenommenen Zwecksetzung des filmischen Inhalts eine jene anderen Formen negierende Formbestimmung des Unterrichts als Unterricht. Egal, wie zielbewusst das Ganze durch die Lehrerin verfolgt wird, und unabhängig davon, als wie geeignet der Film für den anvisierten Zweck bewertet werden kann und als wie erfolgreich und produktiv das gewählte Verfahren der Bearbeitung sich herausstellen mag, sowohl zur Seite der Lehrerin als Unterrichtende wie zur Seite der Schüler als unterrichtet Werdende wird das Film-Schauen zum Unterricht. Das gilt auch, wenn manche Schüler in der Nachbetrachtung kritisieren, dass sie Film-Schauen immer besser fänden als Unterricht (vgl. Interview mit Arne (Z. 174f.), mit Bert (Z. 92ff., 479f.), mit Claus (Z. 8ff.) und mit Ingo (Z. 10ff.)). Noch diese Schüler zeigen im Material der Stunde wie in den Interviews das Kooperationsverhalten von Unterrichteten. Zwar mögen diese Schüler nichts gelernt, sondern nur filmisches Schauen mit Notizen begleitet haben, dennoch erkennen sie an, dass sie unterrichtet wurden und haben sich entsprechend unterrichten lassen.

 
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