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II. Identitätssuche und Selbstsozialisation

Digitale Medien – Jugendkulturen – Identität

1. Leben im Plural: Identitätsbildung in der Multioptionsgesellschaft

Zu den geläufigen soziologischen Gesellschaftsdiagnosen gehört die Beobachtung der Auflösung von überlieferten Wertmaßstäben und Gemeinschaftsformen. Ursprünglich gesellschaftlich vorgeprägte Rollen und Lebenspläne werden individuell verfügbar, geraten zunehmend in die Hoheit des Einzelnen. Er kann – zumindest prinzipiell – seine Arbeit, seinen Beruf, seine Vereins-, Partei-, Kirchenoder Sektenmitgliedschaft sowie seinen kulturellen oder subkulturellen Stil frei wählen und wechseln. Er ist der Bastler seines Lebens, das im Spannungsverhältnis zwischen Optionalität und Festlegung unter der Devise steht: Man hat keine Wahl, außer zu wählen. Diese Entwicklung hat mittlerweile auch die Jugendlichen und ihre Lebensformen voll erfasst, gewissermaßen als Fortsetzung der langen Entwicklungsphase der Individualisierung des Lebens in der modernen Gesellschaft. Das Jugendalter, das der Vorbereitung auf individuelle Lebensführung dient, wird selbst individualisiert.

Wenn aber Individualität zunehmend gesellschaftlich institutionalisiert wird, impliziert dies immer auch, dass eine eigenständige Lebensplanung nicht nur möglich ist, sondern dem Einzelnen auch abverlangt wird. Wahlfreiheit und Wahlzwang durchdringen einander. Das bedeutet, im Zuge der Individualisierung werden die Grundlagen und die Zukunftsversprechen, die mit dem traditionalen Konzept von Jugend verknüpft worden waren, ambivalenter, brüchiger, ungewisser. Das betrifft das Verhältnis der Generationen in Familie und Gesellschaft ebenso wie die Verlängerung von Schul- und Ausbildungszeiten bei gleichzeitig zurückgehenden beruflichen Chancen, die Pluralisierung von Wertmustern ebenso wie die steigenden Anforderungen an Selbstständigkeit, Mobilität und Anpassungsfähigkeit. Die enttraditionalisierte Gesellschaft potenziert somit – auch für die Jugendlichen – gleichermaßen Freiheiten und Zumutungen.

Heutigen jungen Menschen fehlt die institutionelle Stütze der religiös fundierten und stratifikatorisch geordneten Lebenswelt früherer Zeiten. Lebenserfahrungen werden temporaler, pluraler und relativer, womit ihre Lebensläufe selbst zu einem Problem werden, mit dem sie konstruktiv umgehen müssen. Als Konsequenz sieht die neuere Identitätsforschung das Ende der Normalbiografie für gekommen: "Die Biografie der Person wird zur freischwebenden, sich selbst tragenden Konstruktion" (Schimank 2002: 231). Identitätsmanagement lautet entsprechend das Gebot der Stunde, dessen Expressivität tief verwurzelt ist in einer zeitgenössischen "Kultur der Selbstpreisgabe" (Lovink 2012: 53).

Da sich – aus soziologischer Perspektive – personale Identität nur in der Auseinandersetzung mit anderen Personen sowie den materialen und sozialen Rahmenbedingungen des Lebensraums entwickelt, rückt angesichts der Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse der "Multioptionsgesellschaft" (vgl. Groß 1994) die alltägliche Identitätsarbeit ins Zentrum der Beobachtung. Statt danach zu fragen, was Identität ist und wie sie bewahrt werden kann, interessiert nun, wie Identität als nie abzuschließendes Projekt stetig hergestellt und verändert werden kann. Wie offen die Identitäten entworfen werden und wie eigenwillig die Selbstkreationen sich gestalten, hängt dabei von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und individuellen Ressourcen und – gerade bei Jugendlichen – den stilistischen Vorlieben und szenischen Bindungen ab. Selbst bei lediglich kursorischer Betrachtung fällt auf, welche Vielfalt die jugendliche Daseinsgestaltung angenommen hat. Dies hat Konsequenzen für die Identitätsbildung, weil sich das Individuum aufgrund der fragmentierten Lebensbedingungen seine Identität aus verschiedenen Partikeln zusammenbasteln muss, indem es zwischen mehreren Optionen wählt. Lothar Mikos (1999: 2) konstatiert in diesem Zusammenhang treffend:

"Eine durchschnittliche 15-Jährige hat die Möglichkeit, sich in einer Vielzahl von Szenen und jugendkulturellen Milieus zu bewegen. Zugleich nimmt dabei der subjektive Aufwand für die Entfaltung der eigenen Biographie und der Selbstkonstitution zu. Kinder und Jugendliche müssen sich dabei auf einem immer differenzierter werdenden ›Identitätsmarkt‹ bewegen."

In der aktuellen Handlungssituation muss dann Teilen der eigenen Identität Priorität eingeräumt werden und zwar je nachdem, was die Situation verlangt, welche Gruppenidentitäten dort gefragt sind oder welche biografischen Erfahrungen die Position des Individuums stärken oder festigen können. Zugleich müssen immer mehr widersprüchliche Aspekte in die persönliche Identität integriert werden. Identität wird vor diesem Hintergrund zu einem permanenten Prozess der Selbstentfaltung durch spielerische und experimentelle Selbstinszenierung. In der neueren Jugendforschung wird das biografische experimentum libertatis, dem die heutige junge Generation alltäglich ausgesetzt ist, durch Begriffe wie "PatchworkJugend" (vgl. Ferchhoff/Neubauer 1997) und "Bastelexistenzen" (vgl. Hitzler/ Honer 1994) umschrieben. Dass unter Bedingungen wachsender Wahlmöglichkeiten das Leben allerdings nicht einfacher, auch nicht einfach glücklicher wird, sei nur am Rande vermerkt. Den expandierenden Ansprüchen steht nämlich die bedrückende Lebenserfahrung gegenüber, "dass es eine Lücke gibt zwischen theoretischen Möglichkeiten und realen Chancen, die nur teilweise zu überbrücken ist. Viele haben keine Chance, auch nur annähernd befriedigende Lösungen für sich zu finden. Die ›Lebenskunst‹ besteht dann darin, mit den nicht gelebten, mit den nicht realisierbaren Möglichkeiten zurechtzukommen" (Lüders 1997: 6). Was angesichts der Herausforderungen zunehmender Wahlfreiheiten jedoch überrascht, ist der Zukunftsoptimismus und die Selbstverständlichkeit, mit der sich die junge Generation dem Wagnis Multioptionsgesellschaft stellt. Sie fühlt sich keineswegs durch die Gespenster bedroht, die in den öffentlichen Debatten an die Wand gemalt werden: Werteverfall, Ich-Sucht und Ellenbogenmentalität. Im Gegenteil, die große Mehrheit der Jugendlichen nimmt die Unsicherheiten und Risiken der vielgestaltigen Lebens- und Handlungssituationen produktiv an und versucht, sich in dem neuen Optionsraum möglichst originär – und vielfach auch originell – einzurichten. In mehreren umfangreichen Jugendstudien haben wir in unserer interdisziplinären Forschungsgruppe Jugend- und Medienkultur das Projekt des eigenen Lebens, das die Jugendlichen heute selbst gestalten müssen, möglichst facettenreich und authentisch aufzuhellen versucht. Die Quintessenz unserer Untersuchungen hat ein 14-Jähriger auf die einprägsame Formel gebracht hat: "Meine Zukunft bin ich!" (vgl. Vogelgesang 2001). An zwei unterschiedlichen Biografieresp. Identitätsgeneratoren – der wachsenden Verortung in Jugendkulturen und der kreativ-eigenwilligen Medien-/Internetnutzung – soll

dies im Folgenden verdeutlicht werden.

 
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