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I. Kommunikative und kreative Praktiken

Jugendkulturen im Zeitalter der Mediatisierung

1. Einleitung

Dass Computer- und Internetnutzung zu Kontrollverlust, sozialem Abstieg und Depressionen führt und dass Jugendliche heute keine echten Freunde mehr haben und sich in sozialen Netzwerken wie Facebook buchstäblich das Gehirn wegklicken (Spitzer 2012), sind Aussagen, zu denen Manfred Spitzer in seinem Buch

"Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen" gelangt, und von denen die öffentliche Debatte um die Gefahren digitaler Medien für heranwachsende Generationen derzeit befeuert wird (vgl. u.a. Hanfeld 2012) Die Jugendlichen selbst sehen das natürlich anders. Aus ihrer Sicht eröffnen sich über Computer, Internet und Smartphone grenzenlos erscheinende Handlungsräume, in denen sie ihre Beziehungsnetze ausdifferenzieren, Facetten ihres Selbst erproben und präsentieren, Wissen zusammentragen, ihre Freizeit verbringen sowie ihren ganz normalen Alltag gestalten können. Vor dem Hintergrund dieser zwei gegensätzlichen Positionen stellt sich nun aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive die Frage, wie sich ein differenziertes Bild von der Bedeutung digitaler Medien für heutige Jugendkulturen zeichnen lässt. Wie konstituiert sich kommunikatives Handeln in Jugendkulturen heute, was hat sich im Zusammenhang damit in einer Mediatisierungsperspektive im Zuge der Digitalisierung und Konvergenz der Medien verändert und welche Konsequenzen sind damit verbunden? Dabei wird unter "Mediatisierung" der Prozess einer zeitlichen und räumlichen, sozialen und sinnbezogenen Entgrenzung von Medien, ihre Ausdifferenzierung und ihre Integration zu kaum noch unterscheidbaren kommunikativen Vermischungsformen, die Durchdringung von Alltag und Erfahrungen durch medial vermittelte oder medial gestützte Beziehungen und Erlebnisse verstanden (Krotz 2001: 29f.; Krotz/Hepp 2012). Der Mediatisierungsansatz versucht dementsprechend, den Wandel von Alltag, sozialen Beziehungen und Identität, von Kultur und Gesellschaft zu fassen, soweit er auf der Basis eines Wandels kommunikativen Handelns im Kontext des Wandels der Medien stattfindet. Der vorliegende Text widmet sich diesen Fragestellungen, wobei die folgende These leitend ist:

Digitale Medien sind Ausgangspunkt von Mediatisierungsprozessen, deren Kennzeichen der Wandel von Kommunikation und sozialem Miteinander ist, und über die sich auch das kommunikative Handeln und die Vergemeinschaftungsprozesse in Jugendkulturen verändern. Dabei werden zwei zentrale Entwicklungen deutlich: Auf der einen Seite leben Jugendliche in mediatisierten Welten und verlagern ihr kommunikatives Handeln in digitale Medien wie Social Networks oder Onlinerollenspiele hinein. Auf der anderen Seite verleiben sich Jugendliche digitale Medien buchstäblich ein. Insbesondere portable konvergente Medien wie das Smartphone werden dabei zum unverzichtbaren und höchst privaten Teil einer Person, der immer und überall verfügbar ist und auf dem sämtliche kommunikative Praktiken gebündelt werden.

Im Folgenden wird zunächst erläutert, wie sich Jugendkulturen heute konstituieren und welche Rolle Medien bei der Gestaltung jugendkultureller Vergemeinschaftung spielen. Dabei wird insbesondere auf mediatisierungstheoretische Überlegungen Bezug genommen und herausgearbeitet, welche mediatisierten Kommunikationspraktiken Jugendliche entwickeln, um ihre Beziehungen zu leben und zu gestalten. Daran anknüpfend wird anhand von ausgewählten Beispielen verdeutlicht, auf welche Weise sich Jugendliche in und mit digitalen Medien bewegen, bevor abschließend Fazit und Ausblick formuliert werden.

 
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