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4.6.2.1 Martianus Capella

Überliefert von Martianus Capella ist zudem eine Darstellung der Erde, die als sogenannte Zonenkarte ins Mittelalter überliefert wurde (Abb. 4.70). Auf dieser sind im Sinne der hellenistischen Auffassung die Kontinente isoliert, das heißt als îsolae, als Inseln, dargestellt, und zwar so, dass die drei alten Kontinente auf der Nordhalbkugel, die rein hypothetische terra australis incognita auf der Südhalbkugel der Erde eingezeichnet sind. Daneben finden

Abb. 4.70 Weltkarte des Martianus Capella – eine sogenannte Zonenkarte, die erkennen läßt, dass hier relative Positionenen in einem narrativen Gefüge illustriert werden, nicht aber Positionsdaten im Sinne der Kartierungen des Eratosthenes in ein geo-metrisch stimmiges Modell übersetzt werden

wir dann eine hypothetische, auf Parmenides zurückgehende Einteilung dieser Erdkugel in fünf Zonen, wie sie bis hin zu Cicero und Ovid beschrieben wurde. Dieses Grundgerüst einer Erddarstellung wurde in der hellenistischen Antike, in ersten maßgeblichen Schritten von Eudoxos und Eratosthenes, verfeinert und in den immer differenzierteren astronomischen Bestimmungen der Lage einzelner Orte auf der Erdkugel zu einer zusehends detaillierten Weltkarte ausgebaut, wie wir sie schließlich in dem Werk des Ptolemaios übermittelt finden. Capella zeichnet von dieser differenzierten Darstellung nur mehr ein Konzentrat. Die entstehende Zonenkarte zeigt die Kugelgestalt der Welt, eine die geographische Detaillierung des Ptolemaios aufgebende vereinfachende T-förmige Anordnung der Kontinente der Nordhalbkugel, und die Einbettung der Kontinente in das Weltmeer.

Hier wird direkt augenfällig wie – zumindest in der Peripherie des Weströmischen Reiches – die umfassende antike Tradition nur noch in Grundzügen vermittelt wurde. Die weitere Rezeption dieser Werke deutet darauf hin, dass weiter auch nichts verfügbar war. Doch auch im zentralen Weströmischen Bereich, in Rom und auf der italienischen Halbinsel, sind die Verhältnisse nicht sehr viel anders. Dies erkennend, suchte der Christ und Römer Anicius Manlius Torquatus Severinus Boëthius die verfügbaren antiken, insbesondere auch die griechischen Traditionen für seine Zeit zu sichern.

4.6.2.2 Boëthius

Boëthius (um 475 in Rom–um 525 in Pavia) entstammte der römischen Optimatenfamilie der Anicii. Sein Vater war noch 487 im Reich des Odoaker Konsul gewesen. Nach dem frühen Tod seines Vaters übernahm der römische Senator Qunitus Aurelius Memmis Symmachus seine weitere Erziehung und eröffnete ihm eine umfassende Ausbildung in den noch präsenten kulturellen Traditionen Roms. Dies zeigt im Übrigen auch, dass Rom formal, aber eben ohne wirkliche machtpolitische Rückbindung auch unter den neuen Herrschern, weiter existierte. So erfuhr Boëthius eine Ausbildung in ciceronischer Tradition. Boëthius selbst machte nach der Eroberung des Reiches des Odoaker durch Theoderich Karriere. 510 wurde er Consul ordinarius. 522 übernehmen dieses Amt seine beiden Söhne, Symmachus und Boëthius, er selbst trat als Magister officiorum an die Spitze der Reichsverwaltung des Theoderich. Dabei ergab sich hier allerdings das Problem, dass Theoderich Arianer und Boëthius jedoch Katholik war, und Ostrom sich in dieser Zeit wieder dem katholischen Glauben annäherte. Dies konnte für Theoderich, der von Byzanz machtpolitisch abhing, problematisch werden, schließlich stand er ja nicht nur formell noch in Abhängigkeit zu Ostrom. In dieser Situation war Theoderich gegenüber Einflüsterungen hinsichtlich der Loyalität seines Konsuls offen. Boëthius geriet unter Verdacht. Er wurde abgesetzt, von dem für solche Fälle zuständigen senatorischen Gericht wegen Hochverrats verurteilt, eingekerkert und schließlich hingerichtet. So blieb sein großes Projekt, die Hauptwerke des Platon und des Aristoteles durch Übersetzungen und Kommentare der lateinischsprachigen Welt zugänglich zu machen, unvollendet. Zustande kamen nur einige Aristotelesübersetzungen und Kommentare. Dabei handelte es sich um einen Teil der Schriften zur Logik. Bis ins 12. Jahrhundert blieben diese Übertragungen die einzigen in der lateinischsprachigen Welt verfügbaren Schriften des Aristoteles. Boëthius übersetzte und kommentierte zudem die Isagoge, eine Einführung des Porphyrius in die aristotelische Logik. Nach Cassiodor umfassten seine Übersetzungen zudem musikalische Schriften des Pythagoras, astronomische Werke des Ptolemaeus, die Arithmetik des Nicomachus, die Geometrie des Euklid und ein Werk zur Mechanik des Archimedes. Da Griechischkenntnisse im Westen nach der Völkerwanderungszeit fast nirgends mehr vorhanden waren, erhielt sich die Kenntnis der antiken griechischen Philosophie zunächst vor allem durch diese Übersetzungen von Boëthius.

Boëthius war damit einer der wichtigsten Vermittler antiker Wissenschaft in das Abendland. Dabei schuf er mit seinen Übersetzungen auch eine neue lateinische Terminologie. So gehen die Termini principium, substantia, und subjectum maßgeblich auf die Übertragung der Aristotelischen Schriften durch Boëthius zurück. Neben seiner Arbeit als Übersetzer und Kommentator verfasste Boëthius auch eigene Schriften, hauptsächlich über Syllogismen, aber auch über Mathematik und Musik.

Die Werke von Boëthius umfassen:

• De institutione arithmetica

• De institutione musica

• In Porphyrii Isagogen commentorum editio duplex

• In categorias Aristotelis libri iv

• Priora analytica Aristotelis (duplex recensio Boethii translationis)

• In librum Aristotelis

• De syllogismo categorico (die Echtheit des Traktats ist umstritten)

• Introductio ad syllogismos categoricos (Antepraedicamenta)

• De syllogismo hypothetico

• De divisione

• Interpretatio Topicorum Aristotelis

• Interpretatio Elenchorum Sophisticorum

• Commentaria in Ciceronis Topica

• De topicis differentiis

• Opuscula sacra = Theologische Traktate

• Ars geometriae et arithmeticae (die Autorschaft ist umstritten) Verlorene Werke sind:

1. De institutione geometrica;

2. De institutione astronomica;

3. Übersetzung der Posteriora Analytica des Aristoteles;

4. Kommentar zu den Topica des Aristoteles;

5. Panegyricus auf Theoderich (522 abgeschlossen).

Seine De institutione musica vermittelte der mittelalterlichen Musiktheorie die antike Harmonik, darunter auch alt-pythagoreische Fragmente, etwa von Philolaos, die sonst verschollen wären, und das Tonsystem des Euklid. Außerdem schrieb er theologische Traktate, in denen auch neuplatonische Einflüsse deutlich werden. Wichtig für die weitere Entwicklung der Wissenschaften ist dabei sein Versuch, die Probleme der Theologie philosophisch zu untersuchen. So behandelt er das Problem der Trinität unter Anwendung der aristotelischen Kategorien. In seiner Gefängniszelle schrieb er dann eine weitere für die gesamte christliche Philosophie zentrale Schrift, die Consolatio philosophiae, die kynisches, stoisches neuplatonisches und aristotelisches Gedankengut verarbeitet. Es geht um die Frage, warum der Gerechte leidet, und damit um eine gerade in dieser Umbruchphase der endenden Antike zentrale Frage, die Frage nach der Orientierung des Einzelnen in einem zusammenbrechenden Wertesystem. Dabei bemüht sich Boëthius, die Vereinbarkeit der Vorstellungen von Vorsehungen, Schicksal und Willensfreiheit aufzuzeigen. Es fällt dabei auf, dass Boëthius hierbei rein philosophisch argumentiert und Positionen einnimmt, die mit einem orthodoxen Katholizismus unvereinbar sind. So wird mit Aristoteles die Anfangs- und Endlosigkeit der Welt und mit Platon die Schöpfung als Ordnung einer präexistierenden Materie begriffen Boëthius tradierte damit sowohl von der Form seiner Schriften wie von seinen Inhalten die römische Tradition eines Rhetors in den Kontext eines christlichen Denkens. Er tradiert damit die Konzeption der artes liberales, die zu einer rationalen Argumentation, und damit zu den Aufgaben eines umfassend gebildeten antiken Rhetors und Staatsbeamten befähigen sollte.

 
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