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4.3.2 Medizin in Rom

4.3.2.1 Die römische Republik

Mit der Eroberung Alexandriens durch die Römer wird – nach der Eroberung Griechenlands um 140 v. Chr. – nun auch dieser zentrale Ort der griechischen Kultur und Wissenschaft, wie schon vorab Athen, in ein neues politisches System integriert. Auch für die Medizin kommt es nun aber nicht zum Aufbau eines neuen Alexandrias in Rom. Wie auch schon für das analytische Naturwissen beschrieben, verbleiben die traditionellen Orte der Wissensvermittlung im Osten des römischen Reiches, ohne dass hierzu im Westen des römischen Reiches nun neue, von ihrer Bedeutung her vergleichbare Zentren erwachsen. Selbst mit der Einführung einer medizinischen Praxis tut sich Rom zur Zeit der römischen Republik schwer. Erst mit den römischen Kaisern, mit deren Erfahrungen im Osten und im Zusammenhang eines sich zusehends ausweitenden Militärwesens gewinnt die Medizin auch für das westliche Rom Bedeutung.

Zwar war Rom, schon mit der Integration der griechischen Kolonien im engeren Bereich der Stadt Rom, seit dem 3. Jahrhundert in engem kulturellen Kontakt mit Griechenland, doch zeigt sich selbst im Bereich der Medizin eher der Versuch einer Ausgrenzung dieser kulturellen Einflüsse. Der erste ernstzunehmende Arzt in Rom, der diese Bezeichnung auch verdiente, war Archagathos. Er wanderte um 219 v. Chr. aus dem Peloponnes ein. Wegen seines großen Geschicks in Behandlungen von Wunden und Geschwüren gab man ihm anerkennungsvoll den Namen vulnerarius, Wundarzt, sein Erfolg hielt allerdings nicht lange an, und so wurde er dann als carnifex – als Schlächter – aus Rom verwiesen.

Insgesamt galt bis zum 3. Jahrhundert die Gesundheit in Rom denn auch als eine Angelegenheit der Götter, in die von menschlicher Seite her einzugreifen schlicht nicht schicklich war. Medizin galt darum bis in die römische Kaiserzeit hinein als eine unnötige, ja verwerfliche Praxis. Schließlich zeige sich der, der solche Medizin nutzte, als verweichlicht und wäre damit in seinem Verhalten eines römischen Bürgers unwürdig.

Entsprechend praktizierten Ärzte dann in untergeordneter Stellung, gleich den späteren Barbieren, als Jahrmarktärzte. Ihre Tätigkeit war eine Tätigkeit der Sklaven. Und noch Cato der Ältere verkündete stolz, ein römischer Bürger bedürfe keines Arztes. Wenn er krank sei, genügten Kohl, Bohnen und ggf. auch das Aufsagen einer Zauberformel. Die griechische Unkultur einer langwierigen Therapie in Begleitung eines Arztes lehnte er als einen der Republik Rom schädlichen Einfluss, als Zeichen verweichlichter östlicher Dekadenz rundherum ab. Dabei stand diese Ablehnung im Zusammenhang des Kulturschocks, den Rom nach der Eroberung Griechenlands erfahren musste. Nun war dieses Rom unmittelbar und direkt in die differenzierte Kultur des östlichen Mittelmeeres eingebunden. Die erste Reaktion des Militärstaates Rom auf diese Situation hin war – und dafür steht Cato – Abwehr.

Cato der Ältere

M. Porcius Cato Censorius (234–149 v. Chr.) entstammte dem ritterlichen Landadel von Tusculum, wurde mit 17 Soldat, 214 Militärtribun und 204 Quästor des P. Cornelius Scipio Africanus. Daraufhin stieg er als römischer Senator rasch auf, wurde 199 Ädil, 198 Prätor in Sardinien und 195 zusammen mit Valerius Flaccus Consul. Für seine erfolgreiche Kriegführung in Spanien erreichte er 191 einen Triumph. Er nahm am Krieg gegen den makedonischen König Antiochus III. teil, und wurde schließlich 184 Censor, eine Aufgabe, die er mit großer Konsequenz wahrnahm. Er sorgte für die Erhöhung der Staatseinnahmen, verbesserte die Hygiene in Rom und unternahm Baumaßnahmen. Zwar war er maßvoll in der Behandlung des von Rom besiegten Rhodos, doch war seine Ablehnung alles Griechischen offenkundig. 155 wies er eine Gesandtschaft der athenischen Philosophenschulen schlicht aus Rom aus. Bekannt ist er durch seine unerbittliche Verfolgung des Konkurrenten Karthago, seine Sentenz: Im Übrigen bin ich der Meinung dass Karthago zerstört werden sollte (ceterium censeo Carthaginem esse delendum) zeugt davon. Er ist denn auch die treibende Kraft für den dritten Punischen Krieg, der zur völligen Vernichtung Karthagos führte. Als Schriftsteller erarbeitete er eine Darstellung des für einen jungen Römer notwendigen Bildungsgutes – die Libri ad Marcum filium. Die verschiedenen Themen, Landwirtschaft, Gesundheit und Kriegswesen, behandelte er dann noch einmal in eigenen Kommentaren. Erhalten ist seine Schrift de agricultura, eine aus der Praxis erwachsene Anweisung für den in der Stadt lebenden Gutsbesitzer. Wichtig für die Geistesgeschichte Roms ist aber vor allem seine Entwicklung der Rhetorik. Er versuchte die Rede in Rom zu einem Literaturwerk zu machen, zudem schrieb er eine Geschichte Roms, die sogenannten Origines.

Bei dem ersten bekannten und wirklich fassbaren Mediziner in Rom handelte es sich nicht um einen Lehrer, einen Physiologen oder Anatomen, der im Kontext einer Akademie oder ähnlichem dozierte und uns auf Grund der Berichte über seine Tätigkeit greifbar wäre. Vielmehr handelt es sich um einen Modearzt. Dieser in Prusa in Bithynien geborene Asklepiades (ca. 120–60 v. Chr.) studierte Rhetorik, Philosophie und Medizin. Er war ein Gegner der beschriebenen griechischen medizinischen Schule. 91 v. Chr. betrat er die Stadt Rom. Gegen die hippokratischen Lehre und deren Grundsatz, dass die Natur die Heilerin der Krankheit ist, und der Arzt so die positive Natur des Kranken zu unterstützen habe, was die langwierigen und umfassenden Therapiemaßnahmen der hippokratischen Schule bedingte, erklärte Asklepiades, dass die Natur nun nicht einfach nur nichts nützte, sondern sie vielmehr sogar oft schade. In seiner Schrift peri stoichon – Über die Elemente – beschreibt Asklepiades den Körper als ein rein materielles Gebilde. Im Anschluss an die Atomisten, und in Vereinfachung von deren Theorie, entwarf er eine physiologische Atomtheorie, nach der der Leib aus unendlich vielen Urkörperchen zusammengesetzt sei. Die Materie, so schreibt er, bestehe aus Atomen, die in Kanälen oder Poren hin und her fließen. Solange diese Teilchen in Bewegung wären, lebe der Mensch. Dabei sind Atome der Seele glatt und rund. Die Funktionen des Körpers sind nur bei einem kontinuierlichen Bewegungsfluss dieser verschiedenen Atome gewährleistet, und so ist die Gesundheit von normaler Bewegung in den Poren abhängig. Die Luftatome gelangen durch Atmung in den Körper. Verschieden große Urkörperchen bildeten ein Netz von röhrenförmigen Porengängen. Durch diese Porengänge strömen dann die Körperatome und auch die Nahrung, die den Körper erhält. Die aufgenommene Nahrung zerfalle im Verdauungstrakt in ihre kleinsten Bestandteile und werde dann durch die Poren im Körper verteilt. Krankheit sei auf eine Störung dieser Teilchenbewegungen zurückzuführen. Daraus entwickelt er die Vorstellung, dass sich die Funktionen des Körpers in den zwei polaren Zuständen status strictus – Spannung – und status laxus – Entspannung – begreifen lassen. Seine Behandlungsmethoden suchten dann die entsprechende Entspannung und damit ein einfaches Fließen der Körperatome zu gewährleisten.

Asklepiades offerierte somit ein in sich kohärentes, vereinfachendes theoretisches Konzept, das jede differenziertere Auseinandersetzung mit der vorab skizzierten Entwicklung des medizinischen Denkens in Griechenland und Ägypten vermied. Entsprechend einfach sind dann auch seine Therapievorstellungen, die noch nicht einmal im Ansatz auf die Befunde und Ergebnisse der empirischen Schule Alexandriens Bezug nehmen. Um die Atome anzuregen, und so gegen die Krankheit zu arbeiten, verordnet er Massagen. Zudem solle passive Bewegung (spazieren fahren, getragen werden in einer Sänfte usf.) für die Erweiterung der Poren sorgen, und schließlich verordnete er Waschungen, Bäder und Duschen. Hiermit wurde er zum Begründer der Wasserheilkunde.

Bei Schwächezuständen wurde insbesondere Wein eingesetzt. Operationen hat er wohl nur sehr wenige durchgeführt, allerdings bezeugt Galen, dass er als erster einen Luftröhrenschnitt durchgeführt habe. Die Behandlungsmethoden des Asklepiades hatten jedenfalls Erfolg. Seine Therapien der passiven Bewegung und der Wasserheilkunde begründeten denn auch eine eigene Schule. Er selbst ließ sich dabei als eine vom Himmel gekommene Gestalt, als eine Verkörperung des Heilgottes Äskulap, feiern. Er war Freund von Cicero und Crassus und beeindruckte unter anderem Lukrez. Der Ruhm des Asklepiades hatte für Rom umfassende Folgen. In seiner Nachfolge erlebte Rom nach 70 v. Chr. eine wahre Ärzteschwemme.

Cicero

M. Tullius Cicero, der Meister der klassischen römischen Prosa, wurde 106 in Arpinum geboren und wurde 43 vor Chr. bei Caieta ermordet. Nach seinen Lehrjahren in Rom und einer sich anschließenden Bildungsreise nach Griechenland und Kleinasien konnte der dem Ritterstand angehörige Cicero als Senator Karriere machen. Nachdem er 75 Quästor, 69 Ädil und 66 Prätor gewesen war, wurde er 63, in einer Phase der Erschütterung des alten republikanischen Systems, dann auch Konsul. Dabei gelang ihm zunächst die Abwehr der fortgesetzten Angriffe gegen das restaurierte System der römischen Optimatenrepublik, insbesondere die Niederschlagung des sozialrevolutionären Putschversuchs Catalinas. Cicero verfeindete sich aber mit dem in dieser Phase glücklich agierenden Caesar und musste dann ins Exil nach Thessaloniki und Dyrhachion gehen. Nach seiner Rückkehr, 57 v. Chr., söhnte er sich mit Caesar aus und wurde dann schließlich 51 Prokonsul in Kilikien. Nach seiner Rückkehr nach Rom versuchte Cicero, angesichts der Gefahr eines umfassenden Bürgerkrieges zwischen den Parteien, zwischen Caesar und der der führenden Senatoren Roms zu vermitteln, blieb letztlich dann aber auf der Seite des Senates, wurde 47 von dem siegreichen Caesar zwar begnadigt, schlug sich aber nach dessen Ermordung wieder auf Seiten der Verfechter der überkommenen Optimatenrepublik und fiel dann nach Aussöhnung der Rivalen um den Führungsanspruch in Rom einem Mordanschlag zum Opfer.

Wichtig sind seine Arbeiten über den vollendeten Redner, de oratore, die beste Staatsform und den in ihr wirkenden Staatsmann, de re publica, und über die hierzu erforderlichen Gesetze, de legibus, ein Werk das allerdings unvollendet blieb. 46 schrieb er dann den Dialog Brutus, in dem er die Geschichte der römischen Beredsamkeit darstellte. In seinem nicht erhaltenen Dialog Hortensius formulierte er einen Aufruf zur Philosophie und legte dann in einer ganzen Folge von Dialogen die Hauptrichtungen der hellenistischen Philosophie dar. Diese Serie endete im Herbst 44 mit drei Büchern über das richtige Handeln (de officis). Sein auf politische Wirksamkeit ausgerichteter Bildungskanon umfasste Rhetorik, Philosophie, Jurisprudenz und die Kenntnis der Geschichte, soweit sie für einen römischen Senator in seinen Argumentationen notwendig war. Ciceros Philosophie war dabei griechisch und setzte eine umfassende Kenntnis der griechischen Kultur voraus. Er hatte bei Philon von Larissa, der als Schüler des Kleitomachos Leiter der platonischen Akademie in Athen wurde, 88 aber nach Rom kam, studiert. Philon bestritt die Möglichkeit, absolute Wahrheiten zu finden, suchte aber durch die Erörterung des Für und Wider hinsichtlich einzelner Lösungsansätze ein Höchstmaß an Wahrscheinlichkeit für seine Aussagen zu erreichen. Demnach war dieses Abwägen zentraler methodischer Zugang seiner Philosophie, und diese Kunst eines Disputierens lehrte er dann auch in rhetorischen Übungen. Es galt ihm dabei, den Rhetor zu befähigen, über jeden von ihm zu erörternden Gegenstand sachkundig zu sprechen. Neben Philon, den Cicero als seinen eigentlichen Lehrer bezeichnete, nennt er als seinen Lehrer den Stoiker Diodotos, mit dem er bis zu dessen Tod, 59 v. Chr., in dauernder Verbindung blieb und Antiochos von Askalon, der die alte Akademie des Platon zu erneuern suchte und dabei auch das aristotelische und das platonische Denken zu verbinden suchte. Antiochos hat Cicero über sechs Monate in Athen gehört. Wohl auf Grund der empfangenen Anregungen übersetzte Cicero den platonischen Dialog Timaios und Werke des Stoikers Aratos von Soloi aus der 1. Hälfte des dritten Jahrhunderts v. Chr., der unter anderem, wenn auch ungenau und bloß kompilierend, über den Kenntnisstand der seinerzeitigen Astronomie berichtete.

Aus seiner umfassenden Kenntnis der hellenistischen Philosophie suchte Cicero nun das griechische Denken möglichst umfassend in die römische Kultur einzubinden. Hierzu hat er nicht nur übersetzt, sondern in seinen Kommentierungen und Erörterungen der von ihm wertgeschätzten Positionen diese Tradition in neuer Form systematisiert. In der distanzierteren Position des Römers erschien dabei das Bild der griechischen Philosophie in klare Linien gebunden und war so als ein Gesamtgefüge verfügbar. Über Cicero wird der gesamte lateinische Westen derart mit dem griechischen Denken vertraut. Laktanz, Hieronymus, Augustinus und Boëthius, die in der Spätantike den antiken Wissens- und Bildungsbestand in den neu erwachsenden christlichen Gedankenkosmos integrieren, nehmen Griechenland über Cicero wahr. So sind in seiner Staatslehre platonische, aristotelische und späthellenistische Ansätze mit der römischen Tradition zu einer neuen Einheit verbunden. In seiner Rechtslehre rekurriert er auf die hellenistische Naturrechtslehre und vor allem bearbeitet er die Probleme der Ethik und stellt in seinen Tusculanae disputationis die rechte Einstellung zum Tod, die Bewertung des Schmerzes, die Einstellung zu den Affekten und die Frage über das Wesen der Glückseligkeit dar. In seiner Schrift Über die Natur der Götter wägt er die Lehren der Stoa und des Epikur gegeneinander ab und wirkt auch hiermit weit über die Antike hinaus.

Um 46 v. Chr. gab dann Julius Caesar der Ärzteschaft das römische Bürgerrecht. Damit waren die Ärzte aus ihrer deklassierten Stellung als Jahrmarktsheiler in eine sozial anerkannte Position gehoben. Schließlich hatte nun aber auch das Militär Bedarf an Ärzten, die immer weiter ausufernde Metropole Rom, aber auch die politisch abhängigen Großstädte wie Alexandrien erforderten immer umfassendere Anstrengungen im Bereich der Hygiene. Zudem werden Ärzte zur Armenpflege eingestellt, und so finden sich zur Zeit Caesars dann auch Schulen zur Medizinerausbildung in Marseille, Lyon, Saragossa und Antiochien, nicht allerdings in Rom.

 
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