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4.3.1.10 Das dritte Jahrhundert

Schon bei Praxagoras von Kos, der zwischen 340–320 v. Chr. in der Schule aktiv war, sind die grundlegenden anatomisch-physiologischen Vorstellungen jedoch wesentlich differenzierter. Praxagoras unterscheidet nunmehr zwischen Nerven und Gefäßen. Bei den Letzteren differenziert er auch zwischen Venen und Arterien. Erstere seien mit Blut gefüllt, Letztere transportierten das Pneuma. Dabei zeigt sich in physiologischen Darstellungen ein direkter Einfluss des Aristoteles, womit dann auch wieder das Herz zum Zentralorgan der Vernunft wird. Das Herz hat nach Praxagoras drei Kammern. Es bildet das Zentrum und den Motor des Blutsystems. Wenn es zu schlagen aufhört, tritt der Tod ein. Diese Definition des Todes war bis in das 20. Jahrhundert in der Medizin verbindlich.

Praxagoras unterscheidet nun nicht einfach zwischen Nerven und Blutgefäßen, sondern benennt die Nerven als Unterkategorie der sogenannte Poroi oder Poren, diese umfassen neben den Nerven auch Bänder, Sehnen und die Harnleiter, wobei die Neura, das sind die Sehnen und die Nerven, die vom Herzen ausgehenden Befehle in Bewegung umsetzen.

Das Gehirn kühlt nun, seiner Vorstellung zufolge, die vom Herzen aufsteigende Wärme. Der Geist als ein Teil der Seele ist nach Praxagoras an kein Organ gebunden; die Seele hat allerdings ihren Sitz im Herzen, dort ist denn auch die Quelle des Blutes, das durch innere Wärme und Pneuma gebildet wird.

In der Ernährung wird nun die durch das Pneuma und die Körperwärme gekochte Nahrung, die aus dem Darm aufgenommen wird, über Gefäße des Mesenteriums ins Herz transportiert, wo sie sich in Blut verwandelt. Dieses Blut sickert dann getrieben durch das Herz in die Gefäße. Das dicke Blut dient dabei zur Ernährung des Unterleibs, das dünne und frische Blut ernährt die Sinnesorgane und die obere Körperregion. Die mit dieser Ausbreitung des Blutes verteilte innere Wärme des Körpers hat dann unter anderem die Ausweitung der Lungen zur Folge, die sich so in Folge aufblähen und kontrahieren. Funktionell operierend wie ein Blasebalg wird dem Herzen durch diese Bewegungen, die aufeinander folgenden Ausweitungen und Kontraktionen, zu dessen Erfrischung Luft zugeführt.

Neben der Schule von Kos wird dann ab dem 3. Jahrhundert vor Chr. vor allem das Museion in Alexandria für die Tradierung und Fortentwicklung des medizinischen Wissens bedeutsam. Der Ort, der für die analytische Naturwissenschaft im Bereich der experimentellen Arbeiten und der Systematisierung vormaliger Wissensbestände zentrale Bedeutung gewann, ist dann auch der Ort, an dem sich die nächsten wichtigen Etappen der Entwicklung der griechischen Medizin fortschrieben. Damit ist schon rein organisatorisch das Nebeneinander von mathematisch-analytischer Naturforschung und einer primär praktisch ausgerichteten Medizin aufgehoben. Und in der Tat lassen sich nun in Alexandria Versuche erkennen, das praktische Wissen der Medizin analytisch zu unterfüttern.

Hier arbeiteten Herophilos und Erasistratos und bedienten sich in ihrer Erforschung der physiologischen Grundlagen der menschlichen Organisation wohl zum ersten Mal systematisch der Sektion (und Vivisektion) an Menschen. Zugleich blieb über die philologische Tradition Alexandriens und in den Sammlungen der Bibliothek das Wissen der tradierten medizinischen Schulen, vor allem der Traditionen von Kos und Knidos, präsent. Der alexandrinische Bibliotheksbestand und das dortige philologische Wissen ermöglichten nicht nur ein eingehendes Studium des medizinischen Schrifttums. Analog den Bemühungen um eine Systematisierung des naturwissenschaftlichen Wissens setzt hier dann auch eine Edition und Kommentierung der hippokratischen Schriften ein. Speziell die Schule des Herophilos sucht so die hippokratischen Schriften zu sichern. Mit dieser Sicherung setzt zugleich auch eine intensive Auseinandersetzung mit dem hippokratischen Medizinverständnis ein. Erasistratos und Herophilos suchen den Wissensbestand der kasuistisch vorgehenden Hippokratiker nicht einfach auszuweiten. Beide suchen vielmehr durch Forschungen zur Physiologie, Anatomie und experimentellen Pathologie das medizinische Denken neu zu begründen. Es geht ihnen um ein Verständnis der Funktionen und der Organisation des menschlichen Körpers, um damit die Reaktionen des Körpers besser deuten und so auch die ursache und dan Ablauf von Krankheiten neu verstehen zu können. Im Anschluss an Herophilos entwickelt sich in diesem Denkansatz dann Mitte des 2. Jh. v. Chr. in Alexandria die sogenannte empirische Schule, die sich beeinflusst durch den philosophischen Skeptizismus von der herophileischen Schule abzweigt.

Diese Empiriker stellten nun die analytisch-physiologischen Methoden zurück und suchten das Gesamtgebiet der Medizin als Summe von Therapie-Erfahrungen zu deuten. Damit führt dann, in Gegenstellung zu den Versuchen einer theoretischen Begründung der Medizin auf Basis von Physiologie und Anatomie, die Entwicklung wieder auf den hippokratischen Ansatz einer deskriptiven Sicherung von Therapieverfahren zurück. In dieser empirischen Schule wird dann auch die Kommentierung des Hippokrates, verbunden mit einer kontinuierlichen Ausweitung des tradierten Erfahrungsschatzes, gleichsam verbindlich. Die Fallstudie, die therapeutische Erfahrung, und nicht der Einblick in die Funktionsmorphologie des menschlichen Organismus, soll es erlauben, Therapien zu optimieren. Herakleides von Tarent (der um 75 v. Chr. in Alexandria wirkte) ist einer der letzten großen Vertreter dieser Schule. Er hat, wie alle Empiriker, unter Vernachlässigung der theoretischen Fächer Anatomie und Physiologie, im Bereich der Therapie, vor allem der Diätetik und Pharmakologie gewirkt. In guter empirischer Tradition wirkte er auch als Hippokrateskommentator. Und noch Galen hat seinen Kommentar benutzt, doch ist von seinen Schriften selbst für uns nichts erhalten.

Schon in Alexandria konnte sich diese empirische Denkrichtung gegen den theoretisch analytischen Ansatz von Erasistratos und Herophilos durchsetzen Die Schulen der Herophileer und Erasistrateer haben wohl auch schon unter Ptolemaios VIII. Physkon (145–116) Alexandria verlassen müssen; deren Vertretern begegnen wir später in der Nähe von Laodikeia, Smyrna und Rom.

Die genauen Lebensdaten des Erasistratos (um 305 v. Chr.–um 250 v. Chr.) sind nicht bekannt. Er wurde in Iulis auf der Ägais-Insel Keos (heute Kea) als Sohn des Kleombrotos und der Kretoxene geboren. Neben seinem Vater und seinem Onkel Medios war auch sein Bruder Kleophantos Arzt. Medizin studierte er dann in Athen, wo Metrodoros, ein Schwiegersohn des Aristoteles, sein Lehrer gewesen sein soll. Um 280 v. Chr. ging er nach Kos und setzte dort seine Studien bei Paraxagoras fort. Schließlich ließ er sich in Alexandria nieder. Von seinen Schriften sind nur Fragmente, vor allem in den Verweisen von Galen und Oribasius, erhalten. Erkennen lässt sich allerdings sein Ansatz einer funktionsmorphologischen Darstellung von Körperfunktionen, die anscheinend auf Sektionen und Vivisektionen basierte. Dabei werden von ihm erstmals systematische Sektionen menschlicher Körper berichtet, auch Vivisektionen – an zum Tode verurteilten Verbrechern – soll er ausgeführt haben. Erasistratos untersuchte vor allem das Nerven- und das Kreislaufsystem. Er unterscheidet zwischen sensiblen und motorischen Nerven, und entgegen der vorherrschenden Meinung hielt er diese nicht für hohl. Er lieferte auch recht genaue Schilderungen der Anatomie des Gehirns, mit Unterscheidung von Groß- und Kleinhirn und Beschreibungen der Hirnwindungen. Dabei erkannte er, dass alle Nerven letztlich vom Gehirn ausgehen. Seine Beobachtungen zur Rolle des Kleinhirns für die Bewegungskoordination, aber auch seine Differenzierung von sensorischen und motorischen Nerven, sind das Resultat direkter experimenteller Beobachtungen, wie sie Physiologen noch bis in das 19. Jahrhundert an Tieren unternahmen. Er unterschied das Gefäßsystem für den klei-nen (Lungen-) von dem des großen (Körper)-Kreislaufes. Er beschrieb die Herzklappen, die Luftröhre und die Bachspeicheldrüse. Eine Legende erzählt, dass Antiochus, der Sohn des syrischen Königs Seleucus I Nicator, schwer erkrankt war und sein Vater, nachdem alle anderen Ärzte keinen Rat wussten, Erasistratos herbeiholen ließ. Als dieser Antiochus untersuchte, betrat die junge Gattin des Königs, Stratonike I., das Gemach, und Erasistratos erkannte, aus dem beschleunigten Puls des Patienten, dass kein körperliches Leiden, sondern die Liebe zur unerreichbaren Stiefmutter der Krankheit zugrunde lag. Diese Anekdote zeigt, wie sich in der Tradition dieser neue Ansatz einer analytischen Darstellung der Körperfunktionen und die von Hippokrates übermittelte Tradition von Diagnosemethoden zu einem einheitlichen Medizinbild verdichtete. Die Anekdote zeigt den Physiologen Erasistratos als Diagnostiker der Kos'schen Schule.

Neben Erasistratos war Herophilos von Chalkedon (um 330 v. Chr.–um 255 v. Chr.) der führende Anatom der alexandrinischen Schule. Auch Herophilos erhielt seine medizinische Ausbildung bei Praxagoras von Kos. Anschließend zog auch er nach Alexandria. Dort weitete er die Diagnostik der Hippokratischen Schule aus und systematisierte insbesondere die Pulsdiagnose. Berichtet ist, dass er eine Taschenwasseruhr zur Unterstützung der Pulsmessung konstruierte. In seinen anatomischen Arbeiten unterschied Herophilos Arterien und Venen. Auch Herophilos werden wissenschaftliche Obduktionen am Menschen zugeschrieben, und auch von ihm sind Vivisektionen an Mensch und Tier berichtet. Beschrieben sind detaillierte Sektionen des Hirnes, die unter anderem zur Entdeckung des vierten Hirnventrikels führten. In diesen Hirnventrikeln lokalisierte Herophilos dann auch den Sitz der Seele. Das Nervengewebe differenziert er in Groß- und Kleinhirn, Rückenmark und Hirnnerven, wobei das Hirn, ihm zufolge, der Sitz des Denkens ist. Demgegenüber seien die Leber das Hauptorgan der Ernährung und das Herz der Sitz der erwärmenden Körperkräfte. Seine differenzierte Darstellung von Kleinhirnfunktionen deutet darauf hin, dass er hierzu Vivisektionen unternommen hat. Er differenziert zwischen Nerven und Gefäßen, kennt den Zwölffingerdarm, die Bauchspeicheldrüse, die Nebenhoden und das Duodenum, die Eileiter und die Hirnhaut und beschreibt das Auge mit seinen Membranen wie auch das Zungenbein Er schuf eine Nomenklatur der Organe, die er anatomisch untersuchte. Von den Werken, die Herophilos zugeschrieben wurden, sind sechs wahrscheinlich echt: Seine Arbeiten über die Anatomie, Über den Puls, Geburtshilfe, Diätetik, Th rapeutik und die Schrift Gegen verbreitete Vorstellungen.

Die Empiriker setzten sich, wie erwähnt, unter Philiponos von Kos, einem Schüler des Herophilos, von dessen Schule ab. Neben den Schriften des Herakleides finden wir hier unter anderem Arbeiten des Apollonios von Kriton. Ihm verdanken wir eine Abhandlung über Epilepsie, die zumindest eine Hippokratische Schrift fortschreibt, sowie einen bebilderten Kommentar zu der Schrift des Hippokrates Über die Gelenke.

Ingesamt entstanden in dieser Schule, in Fortführung und Ausweitung des corpus hippocraticum sodann Werke zur Diätetik, und zur Herstellung von Drogen und deren Wirkung, Arbeiten über den Puls, aber auch Kompendien zur Herstellung von Kosmetika und der Präparation von Giften. Opium fand als Schmerzmittel Verwendung. Bedeutende Arbeiten entstanden aber auch im Bereich der Kräuterkunde. So berichtet der römische Naturforscher Plinius, dass Kratenas, der um 100 v. Chr. am Hof des Mithridates wirkte, ein mit farbigen Illustrationen ausgestattetes Kräuterbuch verfasst habe, das wegen seiner Genauigkeit von den Ärzten genutzt wurde. Zudem wurde von Kratenas eine materia medica verfasst, die unter anderem die Bedeutung der Metalle für den menschlichen Körper und die medizinischen Eigenschaften der Pflanzen darstellte. Wir finden ferner aufbauend auf den Schriften des corpus hippocraticum eine sich ausbauende Gynäkologie, die zusehends die praktischen Erfahrungen der Hebammen integriert, zugleich aber auch im Kontext naturphilosophischer Spekulationen verbleibt, denen zufolge etwa der Uterus als ein eigenes Lebewesen beschrieben wurde, von dem der aufwachsende Embryo ernährt würde. Das sind natürlich nur ins Anekdotische führende Anmerkungen, die nun auch nicht die Hauptlinien der hier nach 300 vor Chr. aufzuzeichnenden Entwicklungen charakterisieren. Insgesamt findet sich in Alexandria eine umfassende Systematisierung des medizinischen Schrifttums, die mit einer Ausweitung eines analytisch-funktionellen Verständnisses der Organisation des menschlichen Körpers einhergeht. Wir hatten gesehen, dass die Förderung dieses experimentellen Ansatzes durch die Ptolemäer mit der Erlaubnis, auch menschliche Körper zu sezieren, einhergeht. Im Resultat werden die vergleichsweise abstrakten naturphilosophischen Überlegungen zur funktionellen Organisation des Stoffwechsels zusehends durch anatomische und physiologische Einsichten unterfüttert. Womit die eher abstrakten Bestimmungen der Stoffwechselvorgänge beim Menschen und der daraus abgeleiteten Grundvorstellungen über die Ursachen von Krankheiten sukzessive durch ein detailliertes Bild der Funktion des menschlichen Körpers und ein darauf aufbauendes neuartiges Verständnis von Krankheiten ersetzt werden. Es bleibt aber bei Einzelstudien, in denen sich erste Ansätze eines eingehenden Funktionsverständnisses abzeichnen, die aber noch ohne direkte Relevanz für die Entwicklung alternativer Therapien bleiben. So kann sich dieser Ansatz einer verstärkt analytisch-physiologischen Darstellung der Medizin aber nicht durchsetzen und wird schon vor Ende des 2. Jahrhunderts vor Chr. durch die empirische Schule wieder auf das hippokratische Denken rückgebunden. Im Endeffekt finden wir damit das Bild der hippokratischen Medizin, wie es für die weitergehende Rezeption über Galen bis in die frühe Neuzeit hinein verbindlich wurde, auch in der alexandrinischen Schule als Leitbild für den Entwurf einer medizinischen Wissenschaft.

4.3.1.11 Weiterführende Literatur

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M. Frede, The Method of the so called methodical school of medicine. In: J. Barnes, J. Brunschwig, M. Burnyeat, M. Schofield, Hg., Science and Speculation: Studies in Hellenistic Theory and Practice. Cambridge, 1982, S. 1–23.

W. Golder, Hippokrates und das Corpus Hippocraticum. Eine Einführung für Philologen und Mediziner. Würzburg 2007.

H. S. Goldberg, Hippocrates, Father of Medicine. New York 1963.

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K. Kerényi, Der göttliche Arzt. Studien über Asklepios und seine Kultstätten. Darmstadt 1956.

F. Kudlien, Early Greek Primitive Medicine. Clio medica 3 (1968) 305–336.

V. Langholf, Medical theories in Hippocrates: Early Texts and the „Epidemics“. Berlin 1990.

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W. H. Stahl, Herophilus. The Art of Medicine in Early Alexandria. Cambridge 1989.

 
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