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4.3.1.6 Die athenische Schule

Abhängig von der sizilischen Schule ist die 4., die athenische Schule. In der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts wirkte in Athen Diokles von Karystos, der von den Lehren des Philistos beeinflusst ist. Anscheinend, darauf deutet das Zeugnis des Platon, hat er vor allem die Diätetik weiterentwickelt und scheint sich hier auch an Philistos angelehnt zu haben. Es sind allerdings nur noch Fragmente seines Werkes „Über die gesunde Lebensweise“ erhalten, die nur ein sehr ungefähres Bild seiner medizinischen Konzeption erlauben. Von seinen Auffassungen zur Anatomie sind ebenfalls nur Bruchstücke bekannt. Demnach setzte er die Quelle des Blutes im Herzen an. Er beschrieb die Aorta und die Gefäßverzweigung, die zur Leber führen, differenzierte aber nicht zwischen Nerven und Gefäßen. Beschrieben sind zudem der Gallenblasengang, die Ovarien sowie der Dick- und der Dünndarm. In seiner Krankheitslehre hat ihm zufolge die Einzelfalldarstellung besondere Bedeutung. Schließlich habe jede Krankheit und jeder Kranke eine Eigengesetzlichkeit.

Dieses ist der Diskussionskontext, in dem nun auch Platon zur Medizin Stellung nimmt. Er fordert, so im Politikos,[1] die Medizin als Wissenschaft, im Sinne der vorab skizzierten mathesis universalis, aufzubauen. Entsprechend wäre die philosophische Methode der begrifflichen Klärung von Wissenszusammenhängen auch auf die Medizin zu übertragen. Nur in solch einer auf klaren Begriffen und damit einsichtigen Prinzipien beruhenden Systematisierung des medizinischen Wissens wäre dann auch Ordnung in der Vielfalt der für eine Therapie zu beachtenden Faktoren und ein Verständnis der hier effektiven Wirkzusammenhänge darzustellen. Insoweit setzt sich Platon mit seiner Forderung von den bloß tradierten Wissensbeständen, die zu seiner Zeit prägend für die Medizinausbildung waren, ab. Das Altbewährte, das in seiner Gesamtheit letztlich nur als Kasuistik überlieferte Wissen will er strukturieren. Damit setzt er sich aber in expliziten Gegensatz zu den seinerzeit dominanten Strömungen einer Medizin, die ein theoretisches Prinzipienwissen zugunsten einer empirischen Praxis ablehnte.

4.3.1.7 Die aiginetische Schule

Die aiginetische Schule führte die knidische Tradition fort. Auch hier sind Nahrungsüberschüsse die Krankheitsursache, und so muss durch Therapien wie Abfuhr und Diätetik das Gleichgewicht der Körpersäfte wieder neu eingestellt werden. Im Anschluss an den Athener Archelaos (etwa 480–410 v. Chr.), der das naturphilosophische System des Anaxagoras weiterführte, wurden nun aber zwei Grundstoffe, das Warme und das Kalte, angenommen, die auszugleichen waren. Den Vertretern dieser Schule zufolge ist das Zwerchfell der Sitz des Verstandes.

  • [1] Platon, Politikos, 268, in Platon, Sämtlicher Werke. Bd. 5. Hamburg 1959, S. 24
 
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