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4.3.1 Medizin in der griechischen Kultur

4.3.1.1 Das homerische Zeitalter

Die Heilkunst war vor 600 eine Praxis, die auf Grund von tradiertem Erfahrungswissen und der Kenntnis von entsprechenden aus dieser entwickelten Verfahren gelernt werden konnte. Das wird an der Figur des Asklepios deutlich. Dem Mythos nach war Asklepios der Sohn des Apoll. Apoll gab ihn dann bei dem Heilkundigen Cheiron, einer Gestalt, die das tradierte Schamanenwissen personalisiert, in die Lehre. Dies ist ein direktes Bild der Entwicklung des medizinischen Wissens, das sich mit der erwachsenden Naturphilosophie aus den Denk- und Handlungsschemata des Mythologischen löste. So schildert Homer denn auch die Ärzte nicht etwa als Priester und Heiler. In der Odyssee und in der Ilias sind es die Krieger und die Heerführer, die als Ärzte wirken. Wobei Homer aber noch in der Odyssee Beschwörungen als Heilmethoden schildert.

Dies sind auch die Praktiken Cheirons, der die tradierte Heilervorstellung personalisiert: Er heilt durch Besprechung, durch Kräutertinkturen und kennt aber auch einfache chirurgische Eingriffe. Das hierbei in einer langen Praxis erworbene Wissen wird nun nach 600 in den neuen Deutungsformen jener tradierten Therapien nicht verworfen, es wird in einen neuen Vorstellungskontext eingebracht. Die Physis des Menschen ist mit den Konzeptionen der Naturphilosophen nun nicht mehr etwas Unbegreifbares, das nach Regeln und Riten zu therapieren ist. Es ist diese Physis vielmehr ein Wirkgefüge, ein Stoffwechselsystem, das eben als Materie funktioniert und in dieser Funktion begriffen werden muss, um dann eine Therapie auf die entsprechend zu diagnostizierenden Störungen im Stoffwechselgefüge anzusetzen.

Asklepios

Asklepios gilt als Gott der Heilkunde, bei Homer gilt er noch als heilkundiger Heroe.Erst nach Homer gilt er als Sohn des Apollon und der Koronis. Von seinem VaterApollon wird er demKentauren Cheiron zur Erziehung ьbergeben, derAsklepios vorallem in der Heilkunde unterweist. Hier bringt es Asklepios zu solcherMeisterschaft,dass er Tote zum Leben erweckt. Hierauf wird er von Zeus, um die Ordnung derNatur zu erhalten, mit einem Blitz erschlagen. Darauf hinwiederum tцtet Apollondie Zyklopen, die dem Zeus die Blitze schmiedeten.Die Attribute des Gottes sind der Stab und eine sich um diesen ringelnde Schlange.Seine zentrale Kultstдtte findet sich in Epidauros auf demPeloponnes.Auf Grundseiner hohen Popularitдt verdrдngte der Asklepioskult den Kult umApollon alsHeilgott. InAthen richtete derDichter Sophokles denKult desAsklepios ein. In Romfand der Gott nach dem Ausbruch einer Seuche 291 unter dem Namen Дskulap Eingang. Die Therapie an den Kultstдtten basierte auf dem Tempelschlaf und einer anschlieЯenden Traumdeutung, ьber die etwaige, dann einzuleitende TherapiemaЯnahmen festgelegt wurden.

Medizin war insoweit schon im 6. Jahrhundert eine Erfahrungswissenschaft. Strukturiert nach den jeweiligen Vorstellungen über die Organisation des Körpers und seiner Reaktionen, war all diesen, in Details variierenden Entwürfen die Grundvorstellung gemeinsam, dass die Vielfalt der Reaktionen im menschlichen Körper in einem Gleichgewicht zu stehen habe. Gesundheit ist getragen von einem Gleichgewicht der wirkenden Kräfte. In der Krankheit ist dieses Gleichgewicht gestört. Entsprechend muss die Therapie dieses Gleichgewicht wieder herstellen. Hier greifen dann naturphilosophische Konzeptionen und Heilpraxis ineinander. Und so berichtet dann auch der römische, zur Zeit des Tiberius lebende Enzyklopädist Celsus:

So erfahren wir, dass viele Lehrer der Weisheit sich auf sie [die Medizin] verstanden, die berühmtesten von ihnen waren Pythagoras, Empedokles und Demokrit. Dessen Schüler, der wie einige annehmen, Hippokrates aus Kos war, verdient an allererster Stelle Erwähnung. Er schließlich trennte diese Disziplin von der Philosophie ab ... [1]

  • [1] Celsus, De Medicina Prooemium, S. 6 ff: . . . Primoque medendi scientia sapientiae pars habebatur. . . . Ideoque multos ex sapientiae professoribus peritos eius fuisse acciepimus, clarissimos vero ex iis Pythagoram, et Empedoclem, et Democritum. Huius autem, ut quidam crediderunt, discipulus Hippocrates Cous, primus ex omnibus memoria dignus, a studio sapientiae disciplinam hanc separavit ...
 
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