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4 Die griechisch-römische Antike

4.1 Die griechische Antike

4.1.1 Der Beginn der griechischen Antike

776 Erste Olympiade

753 Gründung Roms Schule von Milet

~627–~547 Thales

~610–~545 Anaximander

~585–~526 Anaximenes

Karte 4.1 Karte der antiken griechischen Siedlungsraums im Mittelmeer

Schule von Kroton

~560–~480 Pythagoras

~550–~ 480Heraklit von Ephesos

546 Ionien unterwirft sich dem Perserkönig Kyros II

522 Tunnel des Eupalinos auf der Insel Samos Schule von Elea

~544–~450 Parmenides

~490–~425 Zenon

490 Beginn des ersten Perserkrieges, Sieg bei Marathon

480 Beginn des zweiten Perserkrieges

~500–~428 Anaxagoras

~490–435 Empedokles 496–406 Sophokles

484–425 Herodot

450–404 Alkibiades 460–~370 Demokritos 460–~370 Hippokrates von Kos

~450 Entdeckung des Quadrat-x 431–404 Peloponnesischer Krieg

404 Sturz der athenischen Demokratie – Rat der dreißig Tyrannen 469–399 Sokrates

4.1.1.1 Die homerische Zeit

Schon in der Mitte des zweiten Jahrtausends hatte sich im Bereich Anatoliens ein drittes der kleinasiatisch/nordafrikanischen Machtzentren ausgebildet, das Hethiterreich, das im 13. Jahrhundert das Machtsystem in diesem Raum neu definierte. Die Herrschaftsgebiete im Zweistromland wurden hierdurch massiv geschwächt, so dass sich neben Assur neue Machtzentren etablieren. Das zeitlich parallel auf Kreta entstandene mykenische Reich erlangte nie eine vergleichbare Bedeutung, bildete jedoch als Inselstaat ein neues Handelszentrum im Mittelmeer, das im 12. Jahrhundert unterging, nachdem seine Infrastruktur durch eine Naturkatastrophe zumindest entscheidend geschwächt war. Im endenden 8. Jahrhundert schichteten sich die politischen Verhältnisse im kleinasiatischen Raum dann noch einmal umfassend um. Die neu gewonnene Ordnung wurde durch den Einbruch der Skythen, eines Reitervolkes aus Südrussland, wieder destabilisiert. In Folge entsteht im Kleinasiatischen Raum ab 800 eine Reihe von meist nur über Jahrzehnte stabilen Herrschaftsstrukturen, bis im 6. Jahrhundert das neu entstehende Perserreich noch einmal einen Herrschaftsgroßraum aufbaut. Unter Kyros, d. h. Mitte des 6. Jahrhunderts, dehnt sich dieses Reich bis nach Baktrien, dem Hellespont und dem Sinai aus, weitere

Karte 4.2 Perserreich um 500 v. Chr

Eroberungen integrieren im 5. Jahrhundert Ägypten, Kappadokien, die westliche Schwarzmeerküste und Ionien in das Persische Reich. Aufstände in den Randprovinzen zeigen allerdings, dass dieses Reich auch im 4. Jahrhundert aber noch nicht wirklich stabilisiert ist.

Perserreich

Der Grьnder des persischen GroЯreichs der Achдmeniden war Kyros II., der ab

560 v. Chr. zunдchst als Kцnig unter der Oberhoheit derMeder herrschte, die er aber um550 v. Chr. abschьttelte und mit der anschlieЯenden Eroberung desMederreiches die Grundlagen fьr den Aufbau eines persischen GroЯreiches schuf. 539 v. Chr. Verleibte er auch Babylonien seinem Reich ein. Nach dem Tod seines Nachfolgers und Sohnes, der Дgypten dem Reich eingegliedert hatte, kam es zu einer Nachfolgekrise, die Dareios I. fьr sich entschied. Er organisierte die Verwaltung des GroЯreiches in sogenannten Satrapien, stдrkte dieWirtschaft und gliederte Teile Indiens undThrakiens seinem Reich an. Er baute auch die Residenzen in Susa und Persepolis auf. In dieser Phase der Konsolidierung revoltierten die kleinasiatischen Griechen (500– 494 v. Chr.). Die Perser reagiertenmitUnternehmungen im Дgдisraum, die sich unter anderem gegen die richteten, die den Aufstand der kleinasiatischen Griechen unterstьtzt hatten, wie etwa die Staaten von Athen und Eretria. Dies war der Beginn der so genannten Perserkriege. Hier suchten die Perser die griechischen Halbinsel zu erobern. Allerdings wurden sie in der Schlacht von Salamis 480 v. Chr. und der

Schlacht von Plataea im Jahr darauf besiegt, worauf der 481 v. Chr. gegrьndete Hellenenbund zum Gegenangriff ьberging und in Kleinasien zunдchst erfolgreich war. In dieser Phase, die durch innenpolitische Destabilisierung des Perserreiches gekennzeichnet ist, finden sich weitere Aufstдnde, etwa in Дgypten, die die Organisation, den Zusammenhalt und die Цkonomie des persischen Reiches zusehends schwдchten. Gegen 449 v. Chr. akzeptierte das Perserreich den Status quo in Kleinasien, band sich dann aber im Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.) wiederum in das Geschehen auf der griechischen Halbinsel ein: Dareios II. unterstьtzte Sparta, das im Gegenzug versprach, Kleinasien den Persern zu ьbergeben. Nach Spartas Sieg kam es darьber zum Konflikt, doch konnte Sparta die endgьltige Abtretung Kleinasiens und Zyperns nicht verhindern.

Gegen dieses Reich macht dann Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Alexander der Große mobil. Ihm gelingt es in nur wenigen Jahren, den persischen Großkönig zu schlagen und sich nun selbst an dessen Stelle zu setzen. Auch nach Alexanders frühem Tod bleiben die von ihm übernommenen Verwaltungsstrukturen stabil. Allerdings zerfällt die Einheit des Reichs Alexanders unter seinen Nachfolgern in vier sogenannte Diadochenreiche, die bis in das letzte Jahrhundert vor Chr. die Grundstrukturen der politischen Organisation des asiatischen und nordafrikanischen Raumes bestimmen. Diese in ihren Grundfunktionen aus der Perserzeit übermittelten Kultur- und Verwaltungseinheiten kann später Rom übernehmen. Als letztes der Diadochenreiche fällt Ägypten 30 vor Chr. an Rom. Ab 304 hatte sich dieses unter der neuen Dynastie der Ptolemäer von 304–30 v. Chr. nunmehr ökonomisch und kulturell auf das Mittelmeer, und speziell den durch die griechische Kultur bestimmten Raum des östlichen Mittelmeeres ausgerichtet. Für diesen Raum wurde es schon auf Grund seiner enormen ökonomischen Potenz, aber eben nicht zuletzt auch auf Grund seines schon in der Antike überwältigend erscheinenden kulturellen Erbes, bedeutsam.

Doch bewegen wir uns zunächst fort von diesem kleinasiatisch/nordafrikanischen Raum hin an die Peripherie der vormaligen Großkulturen zum westlichen Küstengebiet Kleinasiens. Wir betreten damit einen Raum, der sich am Rande der bisher betrachteten großen Kulturzentren etablierte. Wenn auch Ägypten etwa mit dem Hethiterreich um die südlichen Anrainerstaaten des Mittelmeeres, dem heutigen Raum Palästina, konkurrierte und auch die Assyrer im Konflikt mit Ägypten diesen Raum immer wieder neu besetzten. Die Bibel erzählt von der babylonischen Gefangenschaft des Volkes Israel und zeigt dabei in ihren Geschichten die politisch destabile Situation dieser Region zwischen den seinerzeitigen Großmächten auf, die sich für die dortigen Kulturen alles andere als fruchtbar auswirkte. Demgegenüber blieb der Küstenbereich im nordöstlichen Mittelmeer am Rande der politischen Spannungsgebiete. Er geriet allein für die Perser in den Blick, für die diese einzelnen Stadtstaaten aber nicht als Konkurrenz, sondern höchstens als mögliche Beute von Interesse waren. Diese kleinen politisch für Persien bedeutungslosen Staaten funktionierten für dieses Großreich als eine Art ökonomischer Puffer zwischen dem persischen Kernland und den über das Mittelmeer zu erschließenden Handlungspartnern. Im Gegensatz zu den im Raum Palästina angesiedelten Phönikern waren die hier angesiedelten Griechen, die sich in kleinräumigen Stadtstaaten organisiert hatten, politisch ohne wirkliches Gewicht. Interessant waren diese Staaten wegen des Fernhandels. Die Handelsgroßrouten hatten Anfang des 10. Jahrhunderts die Phöniker erschlossen. Ihre Handelsrouten umfassten das gesamte Mittelmeer und damit die Endstationen sehr alter Handelsstraßen. Sie führen aber auch darüber hinaus nach England, von wo sie etwa das Zinn importierten, das für einen Großteil der kleinasiatischen Bronzeproduktion eines der wichtigen Ausgangsmaterialien lieferte. Noch heute ist in Südengland in Maiden Castle (Abb. 4.1) die seinerzeitige neolithische Schutzburg zu besichtigen, hinter deren seinerzeit mächtigen Palisaden das Zinn der englischen Inseln zusammengetragen und dann von den Phönikischen Händlern über den Atlantik durch die Meerenge von Gibraltar ins Mittelmeer verbracht wurde.

814 gründet dieses Handelsvolk Karthago, das dann im Weiteren – nicht zuletzt auf Grund der politischen Destabilisierungen in Palästina – die Funktion seiner dortigen Mutterstädte übernahm. Assur hatte die Stadtstaaten Phönikiens unterjocht, und in der Folge spielten sich nun dort die Grenzkonflikte zwischen Ägypten und diesem mesopotamischen Staat ab. Die außerhalb dieser zentralen Spannungsbereiche zu findende kleinasiatische Küste lag so gleichsam im Schatten der großen Kulturen. Doch hatten die Städte dieser Region in kaufmännischem Kontakt zu diesen Großmächten im Bereich der Ägäis einen eigenen Handelsraum aufgebaut. Ausgehend von den Mutterkolonien in Griechenland wie Korinth, Athen, Megara und Argos waren hier im 9. Jahrhundert Siedlungen entstanden. Wobei die griechischen Siedler, die derart die Westküste Kleinasiens und die dieser Küste vorgelagerten Inseln besiedelten, sich – entsprechend dem Vorbild ihrer Mutterstädte – als Polis organisierten. Dabei übernahmen diese sich nun neben den Phönikern etablierenden Handelsstädte von den Phönikern die Schrift und entwickelten hieraus ein eigenes – auch die Vokale nachzeichnendes Alphabet. Obwohl als Stadtstaaten organisiert, gewannen sie durch die gemeinsame schriftliche Tradition, die allen gemeinsamen religiösen Zentren und eine vereinheitlichende Mythologie eine kulturelle Identität, die die politischen Konkurrenzen überdeckte. Hier war nördlich von den Expansionszentren der Phöniker und außerhalb der Haupthandelsrouten Karthagos eine eigene Kultur entstanden, die sich zunächst, noch im Schatten Karthagos, zusehends nach Westen ausbreitete. Die hier gegründeten Handelsniederlassungen entwickelten sich rasch zu eigenen Kolonien, die vor allem in Süditalien und Sizilien zu mächtigen, eigenen politischen Strukturen heranreiften. Weitere Handelsliederlassungen auf der italienischen Halbinsel und der heutigen Südküste Frankreichs erschlossen Handelsrouten in den keltischen Raum und zu alten Handelsstraßen bis hin zur Ostsee. Mit der neuen Einigung des persischen Reiches erschlossen sich nun speziell die Handelniederlassungen an der Westküste Kleinasiens ein reiches Hinterland und so konnten diese Städte in ihrer Position als Vermittler zwischen ihrem Mutterland

Abb. 4.1 Maiden Castle, der Anlandeplatz für Zinn in Südengland, der von den Phönikern angefahren wurde, Luftaufname von 1935

(Griechenland) und der neuen Großmacht sehr rasch prosperieren. In dieser Phase werden die Handelsbeziehungen in den Westen des Mittelmeeres nach der italienischen Halbinsel, nach Sizilien und zur südfranzösischen Küste weiter ausgebaut. Es sind dies Jahre eines merkantilen Erfolges, der Ausdehnung der ökonomischen und kulturellen Einflusssphäre, in der die überkommenen an lokale Traditionen gebundenen Denkmuster zusehends zerbrechen. Der diese Periode, den sogenannten Hellenismus, kennzeichnende Synkretismus zeichnet sich so generell durch einen breiten Zweifel an überkommenen religiösen Vorstellungen und Mythen aus. Die Konfrontation mit immer neuen Kulturen – die Öffnung gegenüber dem ägyptischen und babylonischen Raum, die allein schon durch die immer engeren Handelsbeziehungen Kenntnis von anderen Kulturen mit deren je eigenen Mythen mit sich brachte – führte zu Übernahmen und zu Assimilationen.

Karte 4.3 Handelsrouten der Phöniker und Griechen

Griechischer Gцtterhimmel

Die Hauptgцtter der griechischen Mythologie sind die sogenannten olympischenGцtter, die dem Mythos zufolge auf dem Olymp residieren. Demnach gehцrt derGott der Unterwelt – Hades, der Bruder des Zeus – mit seiner Gemahlin Persephone nicht zu den Olympiern. Auch Hebe, die Gцttin der Jugend, sowie die Gцttin der Geburt Eileithyia, die Schwester von Hebe und Ares, werden ebenso wie der Held Herakles und der junge Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit und der Ekstase – Dionysos – meist nicht zu den Olympiern gezдhlt. Die beiden Letzteren sind Kinder des Zeus von sterblichen Frauen, die erst spдter in den Olymp aufgenommen wurden. Zu den Olympiern gehцren zunдchst der Gottvater Zeus mit seinenGeschwisternHera,Hestia, Poseidon undDemeter sodann die gцttlichenKinder des Zeus Ares, Hephaistos, Artemis, Apollo, Athene und Hermes.

Zeus ist der Gцttervater, Herrscher ьber Himmel, Blitz und Donner, selbst Sohndes Titanen Kronos und der Rhea. Poseidon, der дltere Bruder des Zeus, ist der Gott des Meeres, der Erdbeben und der Pferde. Hera, die Familiengцttin, ist zugleich die Gemahlin und Schwester des Zeus. Demeter ist die Erd- und Fruchtbarkeitsgцttin.Apollon ist Gott der Poesie, des Lichtes, der Pest und der Prophetie. Artemis ist die Gцttin der Jagd und des Mondes. Die dem Haupt des Zeus entsprungene Atheneist die Gцttin derWeisheit, Schutzherrin der Helden, der Stдdte, des Ackerbaus, derKьnste und Wissenschaften, des weiblichen Handwerks, des Krieges und des Friedens. Ares ist der Gott des Krieges und der Schlachten. Aphrodite ist Gцttin derLiebe und Schцnheit. Hermes ist der Gott der Diebe, des Handels und der Reisenden und zudem der Gцtterbote, Hephaistos ist der Gott der Vulkane, des Feuers, der Schmiedekunst und der Architektur, Hestia, die дlteste Schwester des Zeus, ist die jungfrдuliche Gцttin des Herdfeuers und der Familieneintracht.

Neben den alten mit Demeter, der Erntegöttin, und Dionysos, dem späteren Bacchus des römischen Reiches, verbundenen Mysterienkulten tauchen nunmehr auch aus Ägypten und Babylon übernommene Rituale auf. Der Kult der Isis, des Baal und der Kybele gewinnen Verbreitung, wobei diese nun aber nicht als neue Gottheiten mit in das Pantheon der griechischen Gottheiten integriert werden, sondern als neue Verkörperungen schon bekannter griechischer Gottheiten Verehrung finden. Zugleich und parallel hierzu gewinnt der Kult um Tyche, die Göttin des blind waltenden grausamen Zufalls, großen Zulauf. Die alten Mythen und auch die alten Ordnungen zerbröseln, und zugleich gewinnen diese Stadtstaaten, insbesondere die großen Handelszentren an der kleinasiatischen Küste – allen voran Milet – nie gekannte ökonomische Macht.

Milet

Milet (Abb. 4.2)war eine antike Stadt an derWestkьsteKleinasiens, deren Besiedlung im 3. Jahrtausend v. Chr. einsetzte, die dann bald unter kretischen Einfluss gelang. Ihre Bedeutung bestand dabei in ihrer Funktion Bindeglied im Metallhandels zwischen Kreta und Inneranatolien. Fortlaufende Zerstцrungen zeigen, dass diese Stadt in ihrer strategisch guten Lage auf einer Halbinsel immer wieder umkдmpft war. Nach 1315 v. Chr. gerдt sie anscheinend dauerhaft unter hethitische Kontrolle, ьberlebt aber den Zusammenbruch des Hetitherreiches. Gegen 1100 v. Chr. wurde die Stadt zerstцrt, dann aber 1053 v. Chr. durch ionischeKolonisten neu gegrьndet. Vom 8. Jahrhundert v. Chr. an wurde Milet zum bedeutendsten Umschlaghafen fьr den Handel mit dem Orient und entwickelte ein eigene Produktion etwa fьr Цl, Wolle und Textilien, wobei hier insbesondere seine Purpurfдrberei Bedeutung erlangte. Milet stieg zu einem der bedeutendsten griechischen Stadtstaaten auf, ьbte zeitweise die Seeherrschaft ьber die Дgдis aus und grьndete ьber 80 Kolonien, so an der Propontis, rund umdas SchwarzeMeer sowie in Дgypten. Im7. Jahrhundert v. Chr. Kam es zu Konflikten der griechischen Stдdte an derWestkьste Kleinasiens, mit den Reichen der Lyder und spдter der Perser. Im 6. Jahrhundert v. Chr. wurde die Stadt erst vom Lyderkцnig Kroisos, dann von den Persern unter Kyros II. unterworfen. Ein von Milet ausgehender Aufstand der ionischen Griechen gegen das Perserreich scheiterte. Milet wurde 494 v. Chr. erobert und zerstцrt, wieder aufgebaut und dannMitglied des Delisch-Attischen Seebundes. Im Peloponnesischen Krieg fiel Milet 412 v. Chr. von Athen ab und wurde Operationsbasis der spartanischen Flotte, stand dann im 4. Jahrhundert aber erneut unter persischer Oberherrschaft.

Abb. 4.2 Markttor von Milet

Troja Durch umfassende Grabungen ist eine kleinere Stadt und deren Umfeld an dieser Mittelmeerküste, kurz vor der Einfahrt in die Dardanellen gelegen, besonders gut bekannt: Troja mit seiner Umgebung, der Troas.[1] Dass dieser Ort für eine Stadtgründung gewählt wurde, erklärt sich aus den speziellen Strömungs- und Windverhältnissen der Dardanellen, die für die seinerzeitigen Küstensegler nur bei bestimmten Winden eine Passage

Karte 4.4 Stadtplan von Milet

zum Schwarzen Meer hin erlaubten. Troja war damit als Anker und Umschlagplatz bei den seinerzeitigen Möglichkeiten der Küstenseefahrt ein begünstigter Ort. Besiedlungsphasen lassen sich hier denn auch schon ab 3000 v. Chr. ausmachen. Insgesamt konnten die Archäologen 10 Haupthorizonte mit zum Teil noch deutlicher Untergliederung dingfest machen. Die Hochphase der Trojanischen Kultur lag demnach vor der Griechischen Besiedlung, zwischen 1700 und 1000 vor unserer Zeitrechnung. Im 9. und 8. Jahrhundert siedelten dann Griechen aus Thessalien und Böotien, später Ionier aus Attika und Euböa, und zuletzt die Dorier im Großraum um Troja, der Troas. Diese Neuankömmlinge gründeten mehrere Städte, die nach den Stämmen getrennt dann in verschiedenen Bündnissen organisiert waren. So gründeten Ionier aus Milet die Städte Abydos und Skepsis, Äolier aus Mytilene auf Lesbos Neandria, Tenedos, Achilleion und Achaion; Athener schließlich gründeten um 600 Sigeion, die jüngste der neuen Städte, die zwischen dem alten, nunmehr unbewohnten Troja und der Ägäis auf einem Höhenrücken lag. Das alte Troja selbst blieb unbewohnt und diente als Steinbruch für die Neugründungen, obwohl seine literarisch/kulturelle Bedeutung bekannt war. Was dann auch zur Gründung einer Tempelanlage auf den Ruinen des alten Troja führte. Die neu angelegten Siedlungen in der Troas bleiben auf den Küstenbereich beschränkt, da im Hinterland die Lyder und Phrygier ihre Reiche etabliert hatten und nunmehr auch schrittweise eine Oberhoheit über die neugegründeten Küstenstädte erlangten. Als die Perser 547 das Lyderreich zerstörten, fiel auch der Bereich Troas an die Sieger. Für die Bevölkerungsstruktur dieses Bereiches blieb dies jedoch zunächst ohne Bedeutung. Allerdings lässt sich aufweisen, dass die Bautätigkeit in diesen Städten nunmehr zunahm und auch die Qualität der Kunstwerke sich verbesserte. Als dann der Perserkönig Xerxes 480 die Dardanellen überquerte, rastete er in Troja und opferte in der Tempelanlage in dem eben schon in der Antike sagenhaften Troja für den Erfolg seines Feldzuges. Die damit einhergehende längere Einquartierung der persischen Soldaten scheint die Ökonomie der Siedlungen in diesem Bereich nachhaltig geschädigt zu haben. Dies initiierte einen ökonomischen Niedergang, der dann während des Krieges der Perser mit Griechenland zusehends beschleunigt wurde. Auf militärische Aktivitäten der Griechen reagierten die Perser mit kleineren, diesen Raum belastenden Offensiven. So zerrieb sich die Ökonomie dieses Areals. Erst 334 wendet sich in der Troas das Blatt. Alexander opferte vor der Fortsetzung seines Feldzugs in Kleinasien in Troja, rief die alte Ruine erneut zur Stadt aus und befahl, sie mit Bauwerken herzurichten und ihr Autonomie und Steuerfreiheit zu gewähren.

Hier in dieser nach 600 politisch unbedeutenden, ökonomisch in einer Randlage befindlichen Landschaft lässt sich nacherleben, wie die ökonomischen und politischen Strukturen der kleinasiatischen Koloniegründungen der Griechen sich ausgestalteten und bis über die Perserkriege hinaus entwickelten. Es sind kleine, voneinander unabhängige Bereiche, die in einer direkten Verbindung mit ihrem Mutterland versuchen, in diesem schmalen Areal zwischen Perserreich und Mittelmeer eine eigene Existenz zu finden.

Homer

Homer, (aus dem 8. Jahrhundert), war der Überlieferung nach der Verfasser der beiden Großepen der Ilias und der Odyssee. Die Legenden, die sich um Homer ranken, reichen bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. zurück. Sein eigentliches Wirkungsfeld scheint Chios gewesen zu sein. Sein Grab soll auf Ios liegen.

Die Ilias steht als ältestes, vollständig erhaltenes Großepos am Anfang der europäischen Literatur. In rund 16.000 Hexametern beschreibt es die Geschichte um den Beginn und das Ende des Trojanischen Krieges, dabei konzentriert sich das Epos auf die letzten 51 Tage des 10-jährigen Ringens um Troja. Beschrieben wird dieser Kampf als Ringen zwischen Achill und Agamemnon um die Ehre und die Macht im Lager der Belagernden. Es geht um Eifersucht, Ehre, Leid und Trauer. Dabei zeigen sich die Geschicke der Menschen mit denen der Götter verwoben, die aber selbst ihrerseits wie die Menschen, die sie in ihrem Geschick lenken, unter den persönlichen Eitelkeiten und nach Verpflichtungen handeln. Gerade darin bleiben sie – bei aller Fernheit und Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Vielen – mit den Geschicken der Menschen verflochten und gewinnen so auch für den sie anrufenden Menschen ein ihm verständliches Gesicht.

Die Odyssee schildert den Irrweg und das Irren des Odysseus von dem eingenommenen Troja zurück zu seiner Heimat. Seiner List verdanken die Belagerer die Einnahme Trojas und dieser List verdankt er dann auch den Hass des Poseidon, des Meeresgottes. Dieser verdammt ihn auf seinem Heimweg, nur mehr über die Meere zu irren. Durch Fürsprache der Athene, der Göttin der Weisheit, und dank seiner ihm eigenen Zähheit gelangt er dennoch zurück in sein Reich. Dort angelangt, hat er dieses nun gegen all die, die sich während seiner Abwesenheit in seinem vormaligen Herrschaftsbereich eingerichtet hatten, zu verteidigen.

In diesen Dichtungen werden die Mythen der Griechen literarisiert. Sie zeigen dabei – insbesondere in der Odyssee – nicht einfach nur Geschichten um die besungenen Helden. Vielmehr zeichnet Homer Schicksale, blickt auf und in die Personen, in denen sich für ihn und seine Hörer das Geschehen bündelt. Homer zeichnet Personen, mit ihren Höhen und Tiefen, ihrem Leiden und ihren Emotionen. Schon Achill ist keine mythische Person, es ist ein Held, der persönlich bis zur Verletzung Anderer selbstgefällig ist und bleibt, und in all dem Streit um seine Ehre letztlich doch nur auf der Suche nach etwas ist, das es zu sein lohnt. All diese Helden sind Personen, die – wie Odysseus – sich gegen einen Gott setzen und mit einer Göttin hadern können. Odysseus schließt damit an Gilgamesch an, nur behandelt diese Geschichte, in der Homer zugleich auch einen Roman über die Handelswege der Phöniker zu schreiben scheint, mehr und zugleich weniger als den Kampf eines Gottkönigs um den Sinn seiner Existenz. Die Helden Homers, selbst ein Achill, sind bescheidener, sie möchten nur sich selbst finden und dieses Selbst als Wert gesetzt und geschätzt finden.

Karte 4.5 Die Irrfahrten des Odysseus

Odyssee

Das aus 12200 Hexameterversen bestehende homerische Epos erzählt in 24 Gesängen von der Heimfahrt des zum griechischen Heer gehörenden Trojakämpfers Odysseus, des König von Ithaka. Odysseus hatte Poseidon beleidigt und dieser verwehrte ihm so seine Heimreise, indem er sein Schiff über die Meere irren ließ. Die Erzählung setzt mit einer Sitzung der olympischen Götter ein, bei der sich die Göttin Athene dafür ausspricht, den bereits seit sieben Jahren von Nymphe Calypso festgehaltenen Odysseus zu seiner Gattin Penelope und seinem Sohn Telemachos zurückkehren zu lassen. Die Handlung wird zunächst in zwei Strängen geführt: Während Athene sich nach Ithaka begibt und Telemachos dazu bewegt, sich auf die Suche nach seinem Vater zu begeben, wird der Götterbote Hermes zu Calypso gesandt, um Odysseus freizubitten. Odysseus begibt sich daraufhin mit einem Floß auf den Heimweg, erleidet aber bei einem vom Meeresgott Poseidon geschickten Unwetter Schiffbruch und erreicht mit letzter Kraft das rettende Ufer im Land der Phaiaken. Am Hof des Königs trägt bei einem festlichen Gastmahl ein Sänger Lieder über den durch die berühmten Krieger Achilleus und Odysseus herbeigeführten Untergang Trojas vor. Odysseus, der seine Identität bislang nicht preisgegeben hatte, wird durch die Erinnerung an seine Geschichte gerührt und beginnt zu weinen. Auf Wunsch des Königs der Phaiaken erzählt er nun seine Geschichte und unterrichtet so auch den Leser von den Abenteuern, die er vor seinem Aufenthalt bei Calypso bestanden hatte, wie etwa die Blendung des Polyphem und die Fahrt durch die Enge von Skylla und Charybdis. Im zweiten Teil des Epos wird nun die Heimkehr des Odysseus geschildert. Odysseus kommt verkleidet in sein eigenes Haus, den Kцnigspalast, wo

unzдhlige Freier um die Hand seiner Frau Penelope anhalten und bei Gelagen seine Reichtьmer verprassen. In einem Wettkampf tцtet er gemeinsam mit dem nach Hause zurьckgekehrten Telemachos alle Bewerber.

  • [1] B. Brandau, H. Schickert, P. Jablonka, Troia wie es wirklich aussah. München, Zürich 2004
 
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