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3.1.2.3 Medizin im alten Ägypten

Auch die Medizin des alten Ägyptens steht in einem mythologischen Kontext. Tradierte Wissensbestände gewannen in diesem Denken eine besonders hohe Bedeutung. Und so ist auch für die medizinischen Abhandlungen aus dem Neuen Reich kennzeichnend (zwischen 1650 und 1070), dass sie zumeist Kopien sehr alter Darstellungen sind. Dabei wissen wir aus einer Inschrift der 5. Dynastie, der Phase zwischen 2470 und 2320, dass schon zu dieser Zeit Papyri mit medizinischem Inhalt vorlagen. Dieser Quelle zufolge befahl der Pharao Neferirkare, nachdem sein Baumeister Uash-Path erkrankt war, eine Truhe mit (medizinischen) Büchern zu bringen.

Zentrale Quelle für unseren Wissensstand zur ägyptischen Medizin ist der sogenannte Papyrus Ebers, den der gleichnamige Ägyptologe 1872 für die Stadt Leipzig erwerben konnte. Er datiert aus der Phase um 1600 v. Chr. und enthält auf gut 20 Metern Textbahn 180 Spalten mit Rezepturen und anderen kurzen Texten, die zumeist Werke aus dem Alten Reich – vor 2160 – kopieren. Dabei werden in dem ansonsten nicht durchstrukturierten Text einzelne Passagen unter Überschriften zusammengebunden. So findet sich eine Darstellung zu den Grundlagen des ärztlichen Geheimnisses. Das Wissen über die Bewegung des Herzens und die Kenntnis des Herzens selbst, Anweisungen, um jemand zu pflegen, der ein Magenleiden hat, Grundlagen der Arzneimittel, die man für Frauen zubereiten soll. Wobei hier im Wesentlichen Verfahrensvorschriften zusammengestellt sind. Daneben gibt der Papyrus Edwin Smith, der etwa zeitgleich mit dem Papyrus Ebers entstand, neben kosmetischen Rezepten und einer Beschwörungsformel gegen eine Epidemie vor allem Auskünfte über den Stand der ägyptischen Wundheilkunde. Beschrieben ist die Behandlung von Verletzungen im weichen Gewebe, von Verrenkungen, Frakturen im Schädel, Gesichts- und Halsbereich und im Bereich des Oberarms und der Halswirbel. Der Kenntnisstand an Einzelbefunden, die hier abgebildet sind, ist beachtlich. Aber entsprechend der seinerzeitigen Mathematik finden sich in den Papyri jeweils meist nur Handlungsanweisungen: Wenn du einen Mann untersuchst, der eine offene Kopfwunde aufweist, die bis zum Knochen vorgedrungen ist und die Schädeldecke durchbrochen hat, dann musst du diese Wunde abtasten, du wirst ihn unfähig finden, seine beiden Schultern und seine Brust zu betrachten. Sein Hals schmerzt und ist steif . Hieran schließt sich dann eine Diagnose an, die dann auch eine Prognose zulässt. Diese lautet etwa: Diese Krankheit ist zu behandeln. In schweren Fällen findet sich dann die Aussage dieses ist eine Krankheit mit der ich kämpfen werde; nur selten steht im Text dieses ist eine Krankheit bei der man nichts machen kann. An diese globale Bewertung schließt sich dann die Beschreibung therapeutischer Maßnahmen an. So findet sich etwa: Nachdem du nun seine Wunde genäht hast, sollst du am ersten Tag frisches Fleisch auf diese lege. Du darfst sie nicht verbinden. Verankere den Patienten an seinem Ankerplatz. Du musst ihn täglich mit Schmalz, Honig und Scharpie behandeln.[1]

Der Berliner Papyrus Brugsch, der zwischen 1300 und 1180 v. Chr. datiert, beschreibt weiter Behandlungsmethoden gegen Darmparasiten. Weiter zählt er Mittel gegen die Erkrankung der weiblichen Brust, gegen Husten und Mittel zur Schwangerschaftsverhütung auf. Insgesamt bildet sich in diesen und weiteren Papyri ein breiter Wissensbestand ab, der auf Einzelerfahrungen basiert, die über Jahrhunderte registriert wurden, nicht jedoch komplexere Vorstellungen zur Physiologie oder zu einer Krankheitslehre in unserem Sinne zur Konsequenz hat. Vielmehr stehen die entsprechenden Beschreibungen von Krankheiten und die sich auf diese beziehenden Therapien explizit in einem magisch/religiösen Kontext, von dem aus dann auch die Krankheiten interpretiert werden.

Ärzte waren Priester der Göttin Sekhmet, wie ein Text aus dem Mittleren Reich bezeugt: Ich war ein Priester der Sekhmet, einflussreich und kundig in meinem Beruf. Ich habe den Kranken die Hand aufgelegt und wusste, worum es sich handelte, wusste alles, was sich mit der Hand erkennen läßt.[2] Deutlich wird hier auch, dass die diagnostische Praxis von einem umfassenden Erfahrungswissen geleitet ist, aber eben keine eigentlichen funktionsmorphologischen oder gar physiologischen Vorstellungen von der Organisation der Lebensvorgänge kennt. Der Ärztestand war in Ägypten bedeutsam. Entsprechend differenziert war er organisiert. Es gab ein ganzes Gefüge von Ärzten in einer streng hierarchisch aufgebauten Organisation. So sind Oberärzte, Aufseher der Ärzte, Vorsteher der Ärzte und Anführer der Ärzte zu unterscheiden. Zudem gab es Hofärzte, die wiederum hierarchisch organisiert waren. Den Ärzten oblag auch die Bereitung von Arzneimitteln. Insgesamt lässt sich demnach auch in sozialer Hinsicht für den Bereich der Medizin eine hoch entwickelte Praxis aufweisen, in der das Medizinische aber eng mit religiösen Vorstellungen und Praktiken verzahnt bleibt.

Dabei umfasste diese im weiteren Sinne medizinische Tätigkeit nicht nur die Therapie der Kranken, sondern auch die Versorgung der Toten, speziell die Mumifizierung. Obwohl die Verfahren der Mumifizierung hoch entwickelt waren und entsprechend auch eine umfassende Terminologie zur Beschreibung einzelner Skelettelemente und verschiedener innerer Organe vorlag, verband sich dies allerdings nicht mit Vorstellungen zur funktionellen Organisation des menschlichen Körpers. Für den Schädel findet sich zwar eine differenzierte Terminologie, in der Hinterhaupt, Oberkiefer, Gesichtsfläche, Stirn und Wangen differenziert sind. Doch gibt es keine weiterführende Überlegung zur funktionellen Abstimmung solcher Teile. Bezogen auf die innere Organisation des Schädels werden Hirn, Hirnhaut und Hirnflüssigkeit (Cerebrospinalflüssigkeit) unterschieden. Doch bleibt die entsprechende Darstellung der Formdifferenzierung summarisch, gebunden an eine im Letzten dann doch immer wieder kasuistisch organisierte Wissensordnung. Bekannt war den Ägyptern, das zeigt das Kapitel zu den Bewegungen des Herzens und zum Herzen selbst, das im Papyrus Ebers zu finden ist, dass ein Zusammenhang zwischen Pulsschlagfrequenz und dem Herzschlag besteht: Im Menschen sind Gefäße die in jedes Körperteil gehen, deswegen kann jeder Arzt, jeder Priester der Sekhmet und jeder Zauberer seine Finger auf den Kopf, an das Genick, auf die Hände, an die Stelle des Herzens, auf die beiden Arme, auf die beiden Beine oder an irgendeine andere Stelle legen, er wird etwas vom Herzen spüren, denn dessen Gefäße reichen bis in alle Körperteile. Aus diesem Grunde spricht man auch von den Gefäßen jedes einzelnen Gliedes.[3]

Demnach haben dann auch die Stoffe, die im Körper abgelagert werden, und der Ausgleich von aufgenommenen und abgegebenen Stoffen große Bedeutung für die Therapie.

Schließlich werden Störungen in diesem Stofffluss als bedeutende Krankheitsursache angesehen. So wird beschrieben, dass die von der Fäkalmasse ausgehenden Stoffe, dann wenn sie sich im Körper verteilen, Krankheiten zur Folge haben. Entsprechende Bedeutung gewinnt dann auch die Therapie der Krankheiten des Afters.

Die Luft – so die Vorstellung der ägyptischen Ärzte – wird durch die Nase und den Mund aufgenommen und über die Luftröhre und die Bronchien an die Lungen abgegeben. Husten deutet auf eine Erkrankung der Lunge hin. In Teilbereichen, das deutet sich hier an, ist die Diagnose und die sich anschließende Therapie hoch differenziert. So werden allein im Papyrus Ebers hundert Rezepturen zur Behandlung von Augenkrankheiten beschrieben. Nachgewiesen ist schon im Alten Reich die Behandlung von Kopfwunden durch Trepanation, die Einrichtung von Brüchen, eine differenzierte Geburtskunde und umfassende Kenntnis der Arten und der Wirkung der im Bereich des Nils verfügbaren Kräuter. Die therapeutische Praxis bleibt jedoch insgesamt kasuistisch und findet ihren Erklärungszusammenhang im mythisch-religiösen Kontext.

Weiterführende Literatur

J. P. Allen, Middle Egyptian. An Introduction to the Language and Culture of Hieroglyphs. Cambridge 2000.

J. Assmann, Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im alten Ägypten. München 2006.

M. Clagett, Ancient Egyptian Science: A Source Book. Bd. I. Philadelphia 1989.

M. Claggett, Ancient Egyptian Science. A Source book. Bd. II Calendars, Clocks and Astronomy. Philadelphia 1995

H. v. Deines, H. Grapow, W. Westendorf, Hg., Grundriss der Medizin der alten Ägypter. Band I– IX, Berlin 1958–1973; Band I: Anatomie und Physiologie, Band II: Von den Medizinischen Texten, Band III: Kranker, Krankheiten und Arzt, Band IV (1+2): Übersetzung der medizinischen Texte, Band VI: Wörterbuch der Ägyptischen Drogennamen, Band VII (1+2): Wörterbuch der Medizinischen Texte, Band VIII: Grammatik der Medizinischen Texte, Band IX: Ergänzungen: Drogenquanten, Sachgruppen, Nachträge, Bibliographie, Generalregister.

B. Ebbell, The Papyrus Ebers. Kopenhagen 1937.

H. Gericke, Mathematik in Antike und Orient. Berlin, Heidelberg 1984.

H. Grapow, H. von Deines, W. Westendorf, Grundriß der Medizin der alten Ägypter. 8 Bde. Berlin. 1954–1962.

B. Halioua, La médecine au temps des Pharaons. Paris 2002.

J. H. Harris, Medicine. In: J. R. Harris, Hg., The Legacy of Egypt. Oxford, 1971, S. 112–137.

A. Imhausen, Ägyptische Algorithmen: Eine Untersuchung zu den mittelägyptischen mathematischen Aufgabentexten. Wiesbaden 2003

R. Krauss, Sothis- und Monddaten. Studien zur astronomischen und technischen Chronologie Altägyptens. Hildesheim 1985.

A.-P. Leca, Die Medizin im Alten Ägypten. In: Richard Toellner, Illustrierte Geschichte der Meidzin, Bd. 1. Erlangen 1992

T. Schneider, Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002.

W. Westendorf, Handbuch der altägyptischen Medizin. 2 Bde. Leiden, Boston, Köln 1998.

G. De Young, Diagrams in ancient Egyptian geometry. Survey and assessment, Historia Mathematica

36 (2009), S. 321–373.

  • [1] Zitiert nach A.-P. Leca, Die Medizin im Alten Ägypten. In: Richard Toellner, Illustrierte Geschichte der Medizin, Bd. 1. Erlangen 1992, S. 112
  • [2] Ebd, S. 120
  • [3] Ebd, S. 123
 
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