Desktop-Version

Start arrow Erziehungswissenschaft & Sprachen arrow Geschichte der Naturwissenschaften

< Zurück   INHALT   Weiter >

3.1.2 Die ägyptische Hochkultur

Um 5000 Beginn des Neolithikums

3000–2900 Vereinigung von Ober- und Unterägypten 2900 erster bekannter Kalender

2770 Kalender mit 365 Tagen pro Jahr um 2540 Pyramiden von Gisa

2134–2040 erste Zwischenzeit: Zerbrechen des alten Reiches, verbunden mit Blüte der ägyptischen Literatur, zugleich aber Provinzialisierung der bildenden Künste

Karte 3.3 Unteres und oberes Ägypten

um 2040 erneute Einigung des Reiches: Mittleres Reich

um 1650 nach Rückzug Ägyptens aus Nubien Einfall der Hyksos, die bis 1560 einen Unterägypten, Syrien und Palästina umfassenden Raum beherrschen

1560 Aufstand gegen die Fremdherrschaft

1551 unter Ahmose, Begründung eines Neuen Reiches 1364–1347 Echnaton

1347–1333 Tutanchamun nach 800 Zerfall des Reiches

525–404 Ägypten ist Provinz (Satrapie) des persischen Reiches

449 Mehrfache Aufstände gegen die persische Herrschaft mit griechischer Unterstützung, Herodot bereist Ägypten

404–343 erneute Unabhängigkeit Ägyptens

343 Erneute Unterwerfung Ägyptens durch die Perser

332 Eroberung durch Alexander den Großen, Gründung von Alexandria als neuer Residenz, dort nach Tod des Alexander bis 30 v. Chr. Herrschaft der Diadochendynastie der Ptolemäer

Ägypten ist das Land des Nils. Dieser enorm wasserreiche Fluss, der mit seinen jährlichen Überschwemmungen das Umland und insbesondere das Nildelta jedes Jahr frisch mit nährstoffreichen Erden düngte, bestimmte von Anfang an die Lebensfähigkeit dieses Landes. Entsprechend war Ägypten an diesem Fluss entlang entwickelt, und formte hier seine Kultur. Nach der Vereinigung der verschiedenen kleineren Herrschaftsbereiche in den beiden Großräumen des oberen und unteren Nils kam es Anfang des 3. Jahrtausend vor Chr. zu einer umfassenden Einigung dieser beiden großen Bereiche, so dass sich das Reich von Ägypten über die Grenze zwischen beiden alten Verbänden bei Memphis bis hin zu Assuan über den 1. Katarakt, den von Delta kommend gezählten 1. Nilfall, erstreckte. Hier waren denn auch die Waren der Schiffe Ägyptens auf vor dem Katarakt verkehrende Boote umzulagern. Nach den Wirren im endenden 3. Jahrtausend in denen das Alte Reich Ägypten unterging, kam es dann zu einer erneuten politischen Stabilisierung, in der sich das neu erwachsene sogenannte Mittlere Reich nun auch über den 1. Katarakt hinaus nach Nubien hinein ausdehnte. Auch hier aber lagerte sich der neu erschlossene Herrschaftsraum an den Flusslauf an. Schließlich war es der Nil, der nicht nur mit seinen jährlichen Überschwemmungen die enorme Fruchtbarkeit des Landes garantierte, dessen Wasser die Feldfrüchte nährte, sondern über den auch die Handels- und Luxusgüter transportiert wurden, die die Begehrlichkeiten der jeweiligen Herrscher reizten.

Ägypten zeigt sich so dabei auch in seiner Kultur und den sich formierenden Verbindungen zu angrenzenden Gesellschaften bis in die Mitte des zweiten Jahrtausends vor Chr. auf die sich entlang seiner Lebensader aufreihenden Territorien verwiesen. Wobei sich die blühende Agrikulturlandschaft Ägyptens – wie auch heute – im Wesentlichen nur in einem schmalen Korridor entlang des Flussbettes entfaltete. Nur im Nil-Delta und im Bereich der Oase Falyum dehnte sich dieses Reich auch in der Fläche aus. Und so öffnete sich dieses Land denn auch erst vergleichsweise spät, letztlich bedingt durch die Fremdherrschaft der Hyksos, eines semitischen Volkes, das mit seinen mobilen Streitwagen das ägyptische Heer bezwungen hatte, den Einflüssen der vorderasiatischen Kulturen. Das Mittelmeer aber blieb für dieses derart in sich verwiesene Reich weiterhin von nur marginalem Interesse. So versteht sich denn auch die spätere Verlagerung der Residenz von Memphis nach dem neu gegründeten Alexandria direkt am Mittelmeer, die Alexander der Große verfügte, nicht einfach nur als eine politische Demonstration neuer Herrschaftsstrukturen. Diese Verlagerung der Residenz markiert eine von Alexander gewollte, umfassende Umschichtung der kulturellen Orientierung Ägyptens. Dieser Plan wurde trotz des frühen Todes von Alexander erfüllt. Und damit erlangte Alexandria unter den Ptolemäern, der in Folge der alexandrinischen Eroberung installierten Diadochen-Dynastie, umfassende Bedeutung nicht nur für Ägypten, sondern für die gesamte westliche Kulturgeschichte. Dieses neue Alexandria war Teil der hellenistischen Kultur und erschloss dieser die reichen Traditionen Ägyptens. Zugleich etablierte es, getragen von der Wirtschaftskraft dieses Landes, die größte Wissenschafts- und Forschungsinstitution der Antike. Zugleich verschwindet mit dieser Verlagerung aber auch des die Idee des Alten Reiches, dem Fluss Nil folgend die Welt erschließen zu können. Das reiche Hinterland Alexandriens wurde zur Kornkammer, zur wirtschaftlichen Grundlage eines sich kulturell nun hellenistisch verstehenden Reiches. Die Verdrängung der auf Alexander zurückverweisenden Dynastie der Ptolemäer durch Rom verstärkt diese Einbindung Ägyptens in den Mittelmeerraum. 30 vor Chr. wird Ägypten zur Provinz Roms, und beliefert nun dies mit seinem Getreide. Alexandria selbst wird zu einer Handelsstadt in einer abhängigen Provinz degradiert. Die unter den Ptolemäern dem Mittelmeer zugeordnete ägyptische Kultur offeriert aber immer noch Mythen und Mythologien, die dann im dritten Jahrhundert nach Chr. in dem sich zusehends destabilisierenden römischen Reich und in den zusehends christlich bestimmten Diskursen um Orientierung und Gewissheit erneut weitergreifende Bedeutung erlangen, dieses Bild des Wissens neu konfigurieren. So besteht mit Alexandria einerseits eine die Kultur Ägyptens forttragende Gründung, andererseits wird an diesem Ort dann aber auch das Wissen der griechisch geprägten Antike gebündelt und weitergetragen. In dieses Wissen fließt im alexandrinischen Ägypten so immer wieder etwas von der alten magischen Kultur Ägyptens ein. Die hermetische Kunst, die spätere Alchemie, gründet sich auf ägyptischen Traditionen. In dieser Tradition entsteht auch eine merkwürdige Zoologie, die dann um 200 nach Chr. in einem Band, dem so genannten Physiologus zusammengefasst wurde. Die Mythologie des Physiologus, die die Vielfalt des Existenten nur mehr als Gleichnisse des Göttlichen verstehen lässt, und so im Ameisenlöwe wie im Einhorn die Eigenschaften Christi entdeckt, ist ägyptisch gedacht und bestimmt doch bis ins Mittelalter hinein eben auch das europäische Denken.

Als die muslimischen Eroberer nach 600 n. Chr. das inzwischen allerdings auch schon arg gebeutelte Alexandria endgültig zerstörten, hatte diese Stadt in ihrer Funktion als Kristallisationspunkt und Gedächtnis der hellenistischen Kultur die wesentlichen Konturen des antiken Wissens für das nächste Jahrtausend gesichert. Wobei allerdings auch schon diese bloß in Bruchstücken verfügbaren Konturen der antiken Kultur des Wissens und, wie wir noch sehen werden, der Wissenschaften bis in die Neuzeit hinein bestimmten, wie Wissensbestände zu ordnen und zu begründen waren. Wobei die überlieferten Leistungen das spätere Europa immer wieder in Staunen versetzten. Das Textbuch der europäischen Wissenschaft überhaupt, vielleicht das Lehrbuch, an dem sich das, was für uns Wissenschaft ist, in klarster Form abzeichnet, sind die sogenannte Elemente des Euklid. Dieses Lehrbuch der Mathematik wurde seit dem endenden 3. Jahrhundert v. Chr. immer wieder neu aufgelegt; und bis heute formulieren sich die Aufgaben unserer Schullehrbücher der Mathematik nach dem Text und der Argumentationsfolge dieses Buches. Euklid lehrte und lebte in Alexandria. Sein Buch wurde hier kopiert, kommentiert und erweitert. In Ägypten formierten sich – das zeigt allein schon das Werk dieses Autors – die Strukturen, in denen wir bis heute Wissen und Wissenschaft denken.

Doch war es ein weiter Weg von dem Beginnen eines sich entlang des Nil etablierenden Kulturvolkes bis hin zu jenem Alexandria, das den Reichtum dieses Landes nutzte, um die Kultur eines anderen, des hellenistischen Raumes hier zu ihrer höchsten Ausprägung auszuformen. Die Völkerschaften des alten Ägyptens, die sich im endenden vierten Jahrtausend in einem ersten umfassend organisierten, Ober- und Unterägypten zusammenfassenden Kulturraum zusammenfanden, hatten hier schon mit der Domestikation des Viehs und der Zucht von Getreide einen großen Schritt hin zu einer neuen Stufe kultureller Entwicklung vollzogen. In ihrer konkreten Existenz in dieser nord-östlichen Region Afrikas waren sie vor allem durch eine Macht bestimmt, die es ihnen zugleich aber überhaupt erst ermöglichte, in diesem heißen, die Sahara durchstoßenden Raum ihre Kultur zu etablieren: den Nil. Und so spannt sich denn auch nur über wenige Kilometer weg von den Wassern dieses Flusses, hinter denen die trockenen Sande der Wüste das Bild bestimmen, das Gefüge der Bewässerungsgräben. Diese bringen das Nilwasser auf die Felder und arbeiten so der verdunstenden Kraft der Sonne entgegen. Damit ist die Bewirtschaftung dieses Landes auf jenen Fluss verwiesen. Der dann aber auch alljährlich dieses enge Territorium um sein Flussbett überschwemmt, so zwar den nötigen Dünger auf die Felder bringt, jedoch zugleich aber auch immer wieder dessen Bewohner zwingt, in Folge dieser Überschwemmungen ihn Land, das sie für ihren Lebensunterhalt zu bearbeiten haben, immer wieder neu abzustecken. Zugleich ist aber diese Überschwemmung, bei der der Fluss dem ansonsten ausgelaugten Land immer wieder neu die benötigten Nährstoffe zuliefert, der Garant des Ertragsreichtums dieses Landes. Und so ist die Kultur Ägyptens denn auch von vornherein auf den Nil hin ausgerichtet. Die regelmäßig zur gleichen Zeit des Jahres wiederkehrende Überschwemmung des Nils gibt dieser Kultur den Zeittakt vor, in dem sie sich entwickelt. Die nach der Überschwemmung immer wieder neu erfolgende Reorganisation des Landes bedingt eine besondere Fertigkeit und besondere Techniken der Ordnung nicht nur des Landes und des Besitzstandes, sondern auch der Lebensordnungen, in denen dieses Land bewirtschaftet wurde. Sie fordert Ordnungsmacht für die immer wieder neu erfolgenden Zuordnungen von Arbeitsbereichen und Eigentum. Wie denn auch Autorität gefordert ist, die notwendigen Bewässerungen und die damit notwendigen Dienste in Ordnung zu halten, zu registrieren und abzurechnen. So forciert der Fluss auch indirekt die Bildung politischer Ordnung und gibt die Anforderungen vor, nach denen solche Ordnung zu finden ist.

Schon um 3000 vor Chr. war in Ägypten eine erste Schrift, die Hieroglyphen, entwickelt, die in ihrer bezeichnenden Form auch nach Etablierung einer für die Notizen der Schreiber geeigneteren Notationsform, der hieratischen Schrift, im Bereich von Kult und Religion erhalten blieb. Die Hieroglyphen, denen auch bis heute gerade in der Monumentalität ihrer Präsentation ein eigener Zauber zukommt,[1] waren denn auch schon im alten Reich bewusst als eine derart beschwörende und eben nicht nur notierende Form entwickelt worden. Später, nach 660 vor Chr. kam dann die sogenannte demiotische Schrift in Gebrauch Und mit dem Zusammenbruch des Kultus unter der persischen Besatzung Ägyptens ging die Kenntnis der altägyptischen Schrift verloren. In diesen alten Zeichen schien sich damit schon für die Griechen der Geist der Vorzeit widerzuspiegeln. Und noch im 17. Jahrhundert suchte der Jesuit Athanasius Kircher in ihnen die Symbolik der prä-adamitischen, auf

Abb. 3.9 Stein von Rosette

Gott führenden Sprache zu entschlüsseln. Erst mit der Expedition, die das Eroberungsheer von Napoleon begleitete, der versuchte in Ägypten England zurückzudrängen, änderte sich dies. Das wohl bedeutendste Ergebnis dieser Expedition, die in ihren militärischen Zielstellungen scheiterte, war die Entdeckung eines Steins mit Einschriften in demiotischer, griechischer und hieroglyphischer Schrift bei der Stadt ar-Rashid (in Englisch Rosetta). Napoleon selbst konnte den dann per Schiffsfracht zum Louvre gesandten Stein aber nicht mehr in Augenschein nehmen, wurde das entsprechende Schiff doch von seinen englischen Gegnern aufgebracht und samt Fracht nach London überführt, wo der Stein von Rosette (Abb. 3.9) dann im Britischen Museum seine Heimat fand. 1822 konnte dann aber JeanFrancois Champollion durch den Vergleich der drei Texte dieses Steines die Hieroglyphen dechiffrieren und damit die Jahrtausende alte Kultur Ägyptens neu verfügbar machen.

Ägyptische Schriften Hieroglyphen bezeichnen Schriftzeichen in Bildform, die zu einen eine Bildbedeutung tragen können, zum anderen aber auch für Laute, für Silben oder – etwa in Form von Zahlzeichen – für übertragene Bedeutungsinhalte stehen können. Neben den Bezeichnungen für in standardisiert Form zeichenbare Dinge ist dabei schon vor 3000 v. Chr. die Nutzung solcher Zeichen für Silben nachzuweisen. So war die ägyptische Schrift von vorneherein nicht einfach eine Bildersondern eine Lautschrift. Wobei sich die Wiedergabe der Phoneme aber auf die Niederschrift von Konsonanten beschränkte. Im Weiteren wurde diese Schrift dann in der Schreibung konventionalisiert, d. h. Wörter mit gleichen Konsonanten wurden durch Schriftgewohnheiten differenziert. Zugleich wurde die Schrift durch Determinative erweitert, dies sind Zeichen, die zu einem Wort hinzugefügt werden, um seine Begriffsklasse zu bezeichnen, so etwa nutzte man das Zeichen für Vogel als Kennzeichnung für all das, was fliegt. Diesem Determinativ entspricht demnach auch kein Sprachlaut. Neben diese insbesondere im kultischen und repräsentativen Raum genutzte Schrift trat mit dem Hieratischen schon vom 3. Jahrtausend an eine Kursivform der Hieroglyphen, die deren Bildcharakter verlor. In dieser Schrift wurden Alltagskommunikationen fixiert, aber auch religiöse, wissenschaftliche und literarische Texte geschrieben. Ab dem 6. Jahrhundert vor Chr. wird diese Umgangsschrift noch einmal verkürzt. Es entsteht das Demotische. Im Weiteren wurden dann nur noch religiöse Texte hieratisch geschrieben, wohingegen der Schriftverkehr im Bereich der öffentlichen Kommunikation sich dieser vereinfachten demotischen Schrift bediente. Mit der Einführung des Christentums wurden all diese Schriftformen zugunsten des griechischen Alphabetes verdrängt. Dieses wird aber um 6 demotische Zeichen erweitert. Es entsteht die koptische Schrift (Abb. 3.10).

Abb. 3.10 Schriftformen des alten Дgyptens: a Hieroglyphen, b Hieratisch bis 700 n. Chr., c Demotisch ca. 660 v. Chr. bis 450 n. Chr.

  • [1] Hiervon zeugt nicht zuletzt der Obelisk vor dem Petersdom in Rom, der für die endende Renaissance denn auch zeigen sollte, wie die vormalige verlorene göttliche Schrift des Alten Testamentes nunmehr in einer von Rom aus geleiteten Analytik moderneren Verstandes genau diesen Bogen zum Göttlichen zurückschlagen konnte. Der Petersdom in seiner Monumentalität, der mit Michelangelo die Anatomie des neu gefundenen Mathematischen offenkundig machte, rundet sich auch hier erst durch die Installation des alten Ägyptens in der Rotunde dieses neuen Geistes wirklich ab
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics