Desktop-Version

Start arrow Erziehungswissenschaft & Sprachen arrow Geschichte der Naturwissenschaften

< Zurück   INHALT   Weiter >

3 Die asiatischen und afrikanischen Hochkulturen

2500 Erste mathematische Texte in Mesopotamien

Um 2000 Medizinische Texte in Ur

1850 Medizinische und erste mathematische Texte in Ägypten 1750 Schrift in China

1700 Mathematische Texte und Aufgabensammlungen in Mesopotamien Um 1500 Medizinische Texte des Neuen Reiches

1450 Tragbare Sonnenuhr des Thutmosis III.

1300 Hethitische und mittelassyrische medizinische Texte

1200 Magisches Quadrat in China

Um 1090 Verwendung des Gnomons

Um 850 Homer

Im 8. Jahrhundert Aufzeichnungen über Astronomie und Kalender in China Um 700 Daidalos erfand dem Mythos zufolge zahlreiche Werkzeuge

Der Schritt vom magischen Weltbild zum Mythos ist eine wesentliche Etappe auch in der Entwicklung unseres Naturverständnisses, wird im Mythos doch ein Geschehen erzählt, das uns einen Zusammenhang darlegt, zu dem wir uns als Personen verhalten. Wie das Gilgamesch-Epos zeigt, erfährt sich dabei die Person, zumindest in den sagenumwobenen Führergestalten dieser Dichtung, als eigenständig agierendes Wesen. Gilgamesch agiert aus einer Kultur, die die Natur überformt hat, ihr aber noch nicht gänzlich fremd gegenübersteht. Dabei sieht er den Tod aber nicht als natürlichen Prozess, findet sich im Erleben des Todes vielmehr der Willkür der Gottheiten ausgeliefert. Im Epos ist diese Auseinandersetzung personalisiert. Für die Natur steht Enkidu, eine mächtige Gestalt, aufgewachsen unter den wilden Tieren, selbst ungebärdig wie ein Tier, der sich gefangen durch die Götter langsam in die Kultur der Stadt von Gilgamesch einfügt. Gilgamesch wird der enge Freund dieses Enkidus; und es ist dessen Tod, der Gilgamesch zur Revolte gegen sein Schicksal bringt.

Karte 3.1 Orte der früheren Hochkulturen an Nil, Euphrat und Tigris

Es waren die kleinen Stadtstaaten der sumerischen Kultur, in denen sich der Schritt von der magisch beschworenen Zuordnung von Natur und Mensch hin zur Ansicht einer nun als gegenüber dem Menschen abgesetzt erfahrenen Natur vollzieht. Diese Stadtstaaten waren Priesterkönigtümer. Die einzelnen Städte sind eng gedrängt um einen Tempel angelegt, der nicht nur spirituelle Orientierung, sondern eine Landmarke und darüber hinaus auch sehr realen Schutz bietet. Diese Städte sind eingebunden in eine reiche Agrarkulturlandschaft, die allerdings nur bei intensiver Bewirtschaftung und vor allem Bewässerung genügend Frucht bringt. Die Einsicht in das derart in der Natur Mögliche erlangt für diese Staaten, die miteinander um das im Sommer nur beschränkt verfügbare Wasser streiten, immer größere Bedeutung. Die Phänomene der Natur und darin dann auch der Mensch mit seinen Krankheiten gewinnen für eine sich nach diesen Möglichkeiten richtende und auf diese Möglichkeiten achtende Kultur eingehendes Interesse.

Die Erfindung der Schrift erlaubte es in diesen Staaten, Beobachtungen festzuhalten und in Dokumenten zu fixieren. Womit dann Begebenheiten, Regeln und Vorschriften in sehr detaillierter Form festzuschreiben waren und einerseits in einem Zeitraum kommuniziert oder andererseits über eine Generationsfolge tradiert werden konnten. Damit ist nicht nur eine umfassendere Sicherung kultureller Traditionen möglich, da im Corpus der Schriften mehr an Einzelheiten, und diese dann auch in detaillierter Form, zu übertragen ist, als dies im Gedächtnis der Einzelnen möglich wäre. Zudem ist dieses Gedächtnis in Form der Schrift auch neuer Weise zu vervielfältigen. Die Schrift erlaubt die wechselseitige Kontrolle der Abschriften und gibt alleine schon damit ein neues Maß zur Bewertung der Präzision tradierter Wissensbestände. So wird mit der Schrift Wissen in mehrerer Hinsicht in neu-

Abb. 3.1 Entwicklung der mesopotamischen Keilschriftzeichen. Die Keilschrift entwickelte sich aus Piktogrammen, deren Entwicklung von gegenständlichen Zeichnungen hin zu immer abstrakteren Formen sich an dem reichlich vorhandenen Tonmaterial verfolgen lässt

er Form vermittelbar. Mit dieser Art des Sicherns und Festschreibens von Informationen erlaubt sich damit dann auch eine neue Form von Handel. Hier können Absprachen über eine einzelne Handlung hinweg fixiert werden. Anweisungen können einen Transport begleiten und erlauben so dem, der mit ihnen umgeht, auch ohne Ansehen der Person und ggf. sogar über einen längeren Zeitraum, nach den in den Schriften fixierten Absprachen zu agieren. Die Handlungsräume werden größer, die Zeitfenster, in denen reagiert werden muss, wachsen sich aus. Die derart in einem sich ausweitenden Handlungs- und Handelsbezug stehenden Staaten prosperieren, und werden so nun aber auch für angrenzende Völker interessant. Immer wieder brechen Völkerschaften in diesen Raum ein, überrennen einzelne der kleineren Staaten und destabilisieren die kleinräumige Herrschaftsstruktur dieses Bereiches. So schließen sich größere Areale zusammen, zunächst in der Hochphase der sumerischen Kultur, dann unter der Herrschaft des Akkaders Saron und schließlich in der ersten babylonischen Dynastie. Hier soll nun die komplizierte Geschichte dieses Raumes selbst nicht weiter interessieren. Festhalten müssen wir aber, dass die sumerische Kultur für alle in deren Kulturraum neu ansetzenden Völkerschaften interessant blieb. So übernehmen diese Fremdvölker mit dem Raum, den sie adaptieren, auch die sumerische Schrift und damit das sumerische Wissen. Die sich hier im dritten Jahrtausend entwickelnde Schrift, die Keilschrift, wird somit denn auch zur ersten internationalen Schrift in der Antike (Abb. 3.1).

Die Keilschrift, die es erlaubt, Silbenfolgen – Konsonanzen – in abstrakten Zeichen zu notieren, die zudem auch Zeichen für Zahlen kennt, erlaubt es nicht nur, Wissen zu fixieren,

sie erlaubt auch eine neue Form von Korrespondenz. Es bildet sich eine Administration, die auf solche Schriftquellen zurückgreift. Briefe und damit auch der Austausch komplexer Nachrichten werden möglich, und zugleich sind Notizen und Rezepturen archivierbar, die für die Darstellung von Beobachtungszusammenhängen Bedeutung haben. Vor einer etwaigen Interpretation steht so ggf. eine schriftlich notierte Beobachtung. Dabei wird dann in der Schrift die Beschreibung eines Sachverhaltes nach den verfügbaren sprachlichen Mitteln standardisiert. Umgekehrt ist es nun aber auch möglich, solche Standardisierungen als Regeln aufzuschreiben und verbindlich zu machen. So werden in den verschiedensten Bereichen Vorgehensweisen vereinheitlicht. Die fixierten Standards, die mittels der Kopien eines Textes auch vervielfältigt werden können, sind einfach zu verbreiten. Schließlich ist die Schrift, in der mittels eines Holzgriffels feine Keile in unterschiedlichen Lagen und Größen in weichen Ton eingeritzt werden, ein einfaches und vergleichsweise rasch zu nutzendes Kommunikationsmittel. Die entstandene Schrifttafel ist nach der Notiz nur zu brennen und bleibt dann ggf. über Jahrhunderte verfügbar. Repräsentative in Stein gemeißelte Urkunden dienen der Dokumentation von Herrschaftsansprüchen oder können, wie die berühmte Gesetzestafel des Hammurapi, verbindliche Verhaltensstandards langfristig kodifizieren.

Für die Entwicklung eines Wissenssystems kann dieser Schritt nicht hoch genug eingeschätzt werden, wird hiermit doch über diese neue Technologie der Tradierung Wissen in einer neuen, für sich stehenden Form verdinglicht. Es steht für sich, ist nicht mehr gebunden an eine Person, die dieses im Rahmen ihrer je eigenen Fähigkeiten weiter trägt und dann auch persönlich vermittelt. So wird mit der Schrift ein Wissensbestand objektiviert. Diese Form der Schrift zwingt zu einer Darstellung, die auch unabhängig von einer zusätzlichen Erläuterung einen Sachverhalt klarstellt. Die in der Schift fixierten Aussagen stehen für sich und sind nur als solche vermittelt. Das ist anders als bei den Knotenschnüren der Inkas, die als Erinnerungshilfe eine Erzählung strukturierten, und das ist auch anders als bei den Erinnerungssteinen australischer Kulturen, die dabei halfen, einen Gesang zu reformulieren.[1] Die Schift objektiviert die in ihr fixierten Aussagen schon allein dadurch, dass sie die Sätze, die in ihr eingeschrieben sind, unabhängig von demjenigen, der sie formuliert hat, an folgende Generationen oder in ferne Gebiete der zeitgleichen Kultur übermittelt. Sie zwingt, klarzumachen, was wie, von dem, was man weiß, darzustellen wäre. Schließlich ist das durch sie vermittelte Wissen für jeden Schriftkundigen einsichtig zu halten. Es wird in der Form fixiert und archiviert, in der es formuliert ist, und ist somit – wie benannt – eben nicht durch Erzählungen immer wieder neu einzukleiden. Wissen kondensiert sich derart in Informationen, die in solchen Tafeln gebrannt archiviert werden, und die dann auch von denen genutzt werden, denen der etwaige Schreiber der Tafel selbst unbekannt ist. Damit wird das Wissen dieser Kultur insgesamt objektiviert. Es wird in Segmente zergliedert, die dann als Tafeln archiviert werden. Der einheitliche Mythos, die in sich geschlossene Erzählung über die Welt findet sich in diesen Wissensteilen nur mehr in Fragmenten wieder. Es sind Einzelheiten, die auf diesen Tafeln, die tradiert werden, formuliert sind. Sie sind in eine Folge gesetzt, die sich der jeweilige Leser jeweils für sich zu erschließen hat. Dabei reiht er einzelne Komponenten einer ja als Ganzes immer nur in Tafeln verfügbaren Erzählung aneinander. In dieser stehen die Tafeln für sich, werden ggf. auch nur in Teilen kopiert und weitergereicht. Die Tafeln werden in Archiven oder Bibliotheken zusammengefasst und so dann auch wieder in einen neuen Ordnungszusammenhang gesetzt. So entsteht unmerklich etwas Eigenes, ein in sich und für sich bestehendes Wissen. Wir werden sehen, dass sich im Anschluss an diese Phase der mesopotamischen Kultur ein Prozess nachzeichnen lässt, in dem sich dieses Wissen nicht nur in der Form, sondern auch in der Art und Weise, wie diese Kultur dieses Wissen versteht und begründet, sukzessive verselbstständigt.

Das wird schon in einer eher flüchtigen Beobachtung deutlich, bildet sich doch in der im Weiteren nachzuzeichnenden Entwicklung bis hin zur Entstehung des Perserreiches das politische Hin und Her dieses Raumes in den von uns erfassten Wissenszusammenhängen nicht ab. Verfahren, die, in Keilschrift notiert, bestimmte Umgangsformen der Ökonomie oder Berechnungen oder die Vorhersagen der Priester dokumentieren, bilden ein für alle verfügbares Archiv des Wissensbestandes, der auch unter wechselnden politischen Konfigurationen erhalten blieb. Zugleich bildet sich in dem Gefüge dieser Gesellschaften eine Gruppe derjenigen aus, die mit diesen neuen Wissensdokumentationen umgehen können. Dies sind zunächst Schreiber, dann aber auch Verwaltungsspezialisten, die neu entwickelte Verfahren des Umgehens mit Wissen nutzen, und die diese Verfahren auch weiterentwickeln. Aufgabentexte, die Archäologen insbesondere für das Training der komplizierten Berechnungsverfahren dieser Kultur entdeckten, zeigen dann, wie dieses Wissen gelehrt und erlernt wurde. Dabei wird auch vermittelt, wie die so neu entstehenden Bibliotheken und Archive zu nutzen waren.

Dabei sind diese Entwicklungen nicht singulär. Parallel entsteht in Ägypten eine Hochkultur, die unter vergleichbaren Prämissen, allerdings weniger durch Feinde von außen bedroht, analoge Kulturtechniken entwickelte. Unabhängig entstanden, sind die Art und Weise des Umgangs mit und die Fixierung von Information denn auch verschieden. Nicht nur, dass die ägyptische Schrift anders aufgebaut ist als die der Babylonier, auch die Berechnungsverfahren, die sich in Ägypten entwickelten, sind nicht so ohne Weiteres mit dem kompatibel, was im Zweistromland entstand. Gar nicht zu reden von dem fernen China, das etwas zeitversetzt ebenfalls eine eigene, und noch einmal separat interessierende Kultur entwickelte. Dabei blieben Ägypten und Mesopotamien in der Antike voneinander nicht isoliert. Die in beiden Regionen entstehenden Reiche sind über Jahrhunderte zum einen direkte Konkurrenten – die etwa in Palästina eine gemeinsame Grenzregion besetzten. Ferner aber waren sie auch Handelspartner, die so schon bald vor dem Problem standen, ihren Handel nach zwei unterschiedlichen Berechnungsverfahren abstimmen zu müssen.

Es muss interessieren, wie dies gelang. Dabei ist zu zeigen, dass in dieser Zuordnung die einfache Bewertung, die ein Verfahren dann als gut ansieht, wenn es tradiert ist, an Grenzen gerät. Wenn es andere Traditionen gibt, muss es Argumente geben, die das eigene Verfahren gegenüber der anderen Tradition positiv bewerten lassen. Demnach ist man

Karte 3.2 Mesopotamien in der Antike

dann gezwungen, über die eigene Methode, die man bisher im Verweis auf das Anciennitätsprinzip nie in Zweifel stellte, neu zu bewerten. Der Bezug auf eine Tradition reicht als Argument nicht mehr aus, wenn es mehrere gibt. So entstehen Versuche, die benutzten Methoden aus sich heraus zu verstehen; und so langsam konturiert sich etwas heraus, das wir für unsere modernen Wissenssysteme als Basis jeder Aussagensicherung ansehen: der Beweis.

  • [1] Vgl. I. Eibl-Eibesfeld, C. Sütterlin, Weltsprache Kunst. Zur Natur und Kulturgeschichte bildlicher Kommunikation. Wien 2007, S. 31–33
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics