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4 Empirisches Forschungsdesign

Nachdem sich der erste Teil dieser Arbeit der theoretischen Erörterung der Frage nach den Gründen für den geringen Frauenanteil in den Führungsetagen gewidmet hat, folgt nun die empirische Analyse. Ziel ist es, ein möglichst konkretes Bild der momentanen betrieblichen Realität zu ermitteln. Darüber hinaus richtet sich der Fokus der Studie auf die Frage, inwieweit ausgewählte theoretische Ansätze und Konzepte der Organisationsforschung Anknüpfungspunkte für die Abbildung, Analyse und Erklärung geschlechterdifferenter und -differenzierender Strukturen und Prozesse in Organisationen ermöglichen. Bevor die methodische Anlage der empirischen Untersuchung erläutert wird (Kapitel 4.2) und die Ergebnisse der Untersuchung präsentiert werden (Kapitel 5), werden nachfolgend die zentralen der Studie zugrundeliegenden theoretischen Vorannahmen, Analysedimensionen und Fragestellungen kurz zusammengefasst.

4.1 Theoretische Vorannahmen, Analysedimensionen und Fragestellungen

Meiner Studie liegt die Annahme zugrunde, dass Organisationen zu einem großen Teil soziale Ungleichheit mitgestalten. Auf der mittleren Ebene zwischen Individuum und Gesellschaft beeinflussen sie nicht nur Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen, sondern entscheiden durch Zuweisung von Einkommen, Status und Prestige maßgeblich über die Position des oder der Einzelnen in der Sozialstruktur der Gesellschaft (Lengfeld 2007). Es geht dabei nicht um individuelle Lebensverläufe, denn diese sagen nichts über die Gründe aus, warum es eines der Geschlechter nicht an die Spitze von Einkommen und Macht in Wirtschaft und Gesellschaft schafft. Vielmehr konzentriert sich das Forschungsinteresse auf Organisationsstrukturen, -prozesse und -kulturen, um zu ermitteln, welche betrieblichen Faktoren die (Nicht-)Beteiligung von Frauen an Führungsfunktionen beeinflussen.

Wie bereits erläutert, werden Organisationen in dieser Arbeit als vielfältige Gebilde verstanden, die sich hinsichtlich der Kriterien Größe, Struktur, Kultur und Branche unterscheiden. Im Rahmen der Analyse kann daher nicht davon ausgegangen werden, dass Organisationen sich gleichen, sondern vielmehr müssen die differenten Gegebenheiten und Rahmenbedingungen der einzelnen Betriebe berücksichtigt werden. Aber auch der gesellschaftliche Wandel sowie organisationale Veränderungen im Kontext institutioneller Entwicklungen müssen in die Analyse einbezogen werden.

In Organisationen spiegeln sich gesellschaftliche Strukturen, soziale Beziehungen und Verhältnisse, aber auch die geltenden Normen und Werte wider, weshalb Organisationen einen zentralen Stellenwert für die Analyse des hierarchischen Geschlechterverhältnisses und der sozialen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern haben. In diesem Zusammenhang wird dieser Arbeit das gängige Mikro-Meso-Makro-Analyseschema zugrunde gelegt, und die Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen werden soweit möglich berücksichtigt. Während auf der Mikroebene das soziale Handeln von Individuen in Organisationen im Zentrum des Forschungsinteresses steht, wird auf der Makroebene die gesellschaftliche Eingebundenheit von Organisationen und damit u. a. das Verhältnis von Organisation und Gesellschaft beleuchtet.

In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass AkteurInnen auf der organisationalen Ebene durch ökonomische, politische und soziale Strukturen und Überzeugungen beeinflusst werden und sich diese gesellschaftlichen Strukturmerkmale sowie Normen und Werte in den Organisationsstrukturen und -kulturen widerspiegeln. Dieses komplexe Verständnis von Organisationen eröffnet verschiedene Schnittstellen für deren Analyse. Neben den formalen vergeschlechtlichten und somit geschlechterdifferenten und -differenzierenden Organisationsprozessen und -strukturen wird daher der Einfluss gesellschaftlicher Normen und Werte sowie der Beziehungsstrukturen innerhalb und außerhalb von Organisationen ebenfalls Teil der Organisationsanalyse sein. Mit Hilfe einer Auswahl an Organisationstheorien wird in Abhängigkeit der forschungstheoretischen Fragestellungen zwar jeweils nur ein Ausschnitt der organisationalen Praxis beleuchtet, doch schließlich ermöglicht die formale Trennung der analytischen Analyseebenen die Abbildung der komplexen sozialen Zusammenhänge.

Hinsichtlich des Organisationsverständnisses wird in dieser Arbeit davon ausgegangen, dass die in den organisationalen Strukturen und Handlungen eingelagerte Geschlechtlichkeit, also die vergeschlechtlichte Organisation an sich sowie die in ihr stattfindenden Prozesse des doing gender, zu sozialer Ungleichheit führt. Es wird vermutet, dass die Beziehungsstrukturen innerhalb von Organisationen und die damit verbundenen ungleichen Möglichkeiten des Zugangs und der Kontrolle über Ressourcen und der damit einhergehenden Macht zur sozialen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern beitragen. Das Forschungsinteresse richtet sich hierbei primär auf die geschlechtshierarchische Trennung zwischen Produktions- und Reproduktionsarbeit. Es wird davon ausgegangen, dass die gesellschaftlichen Strukturen zuungunsten von Frauen innerhalb von Organisationen reproduziert werden und damit die soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern festigt. Gegenstand der Analyse sind hierbei sowohl die informellen als auch die formalen Strukturen, Prozesse und Regeln.

Ausgehend von der These der Kontextualität der Kategorie Geschlecht (siehe Kapitel 3.2), werden die vermutlich zu findenden Geschlechterdifferenzen als prozessuale, kontextabhängige Phänomene verstanden, weshalb die spezifischen organisationalen Kontexte ebenfalls bei der Analyse berücksichtigt werden. Es wird den Fragen nachgegangen, welchen Einfluss die in die gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen und somit auch in die Organisationsstrukturen eingeschriebene Geschlechterdifferenz auf die Organisationen hat und welchen Beitrag Organisationen zum gesellschaftlichen Wandel hin zu einer größeren Geschlechtergerechtigkeit leisten können. Unter dieser Perspektive werden u. a. die Geschlechtsrollenstereoytpe beleuchtet, die, davon gehe ich aus, in Organisationen Relevanz besitzen und zu einer Stabilisierung der Geschlechterungleichheit und -hierarchie beitragen.

 
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