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2.4.3 Männermythen

Hier möchte ich auf den letzten Mythos eingehen, der sich hartnäckig im Vorfeld des Aufstiegs ins Management hält. Doch genau wie die vorhergehenden Mythen kann auch dieser Mythos negative Auswirkungen für Frauen haben, die bereits eine Führungsfunktion einnehmen.

Mythos 5 beinhaltet die Angst und Vorurteile der Männer gegenüber der weiblichen Konkurrenz und ist eine Zusammenfassung an Spekulationen, deren Grundlage die z. T. werbewirksamen Reden und Publikationen von Personalverantwortlichen sind, in denen immer wieder die Vorzüge einer heterogen zusammengesetzten Führungsspitze betont werden. Die verschiedenen Spekulationen können zum sogenannten männlichen „Angst-Mythos“ zusammengefasst werden. Kernpunkt ist die These von der Beeinträchtigung des männlichen Egos durch die Konfrontation mit weiblicher Kompetenz und Emotionalität.

Mythos 5: „Männer haben Angst vor Frauen im Management“

Bei diesem Mythos geht es um Vorbehalte und Ängste der Männer gegenüber Frauen im Management. Die zum Großteil unbewusst wahrgenommene, aber sich dennoch in einer Diskriminierung manifestierende angenommene Bedrohung durch Frauen betrifft die

- Angst vor der weiblichen Konkurrenz sowie die damit einhergehende Bedrohung des Status quo der Ressourcen,

- Angst vor der „weiblichen Emotionalität“ sowie die Bedrohung der

männlichen Identität,

- Angst vor sexuell-erotischen Implikationen und damit die Bedrohung der beruflichen Professionalität und der partnerschaftlichen Zusammenarbeit,

- Angst vor Statusverlust sowie die Bedrohung der Führungskompetenz,

- Bedrohung der bestehenden Machtstrukturen sowie die Angst vor den häuslichen Konsequenzen (Friedel-Howe 1991: 392 f.).

Die geschilderten Ängste der Männer vor der weiblichen Konkurrenz und dabei vor der Reduktion eigener Privilegien sollen exemplarisch anhand der Industrialisierung und damit einhergehenden Trennung von Familien- und Erwerbsarbeit sowie der Vergeschlechtlichung von Tätigkeiten und Berufsformen nachvollzogen werden.

Die zunehmende industrielle Produktion ging mit einem vermehrten Maschineneinsatz und neuen Technologien einher, wodurch eine Vielzahl an neuen Berufsbildern entstand, die zu Beginn nicht geschlechtlich etikettiert waren. Im Verlauf der Modernisierung erhöhte sich jedoch der Einsatz an Maschinen, wodurch nicht mehr so viele Arbeitskräfte benötigt wurden. Frauen wurden immer mehr zur Konkurrenz und wurden durch die Konnotierung diverser prestigeträchtiger Arbeitsbereiche als „Männerarbeit“ und mittels der Behauptung, Frauen würden qua Biologie die für diese Arbeit notwendigen Kompetenzen fehlen, die hingegen Männer in die Wiege gelegt worden wären, schließlich schrittweise in unqualifizierte Tätigkeiten oder vollständig aus verschiedenen Bereichen der Erwerbsarbeit verdrängt. Begründet mit der angeblichen biologischen Vorbestimmung zur Mutterschaft wurde den Frauen schließlich die Kindererziehung und Hausarbeit als primärer Verantwortungsbereich zugewiesen.

Die Trennung von bezahlter Erwerbs- und unbezahlter Familienarbeit steht im Zusammenhang mit einem patriarchalen Gesellschaftssystem und entlastet den Mann nicht nur von den familiären Verpflichtungen, sondern ist auch mit Macht verbunden, weshalb ihnen daran gelegen war, ihre Vormachtstellung zu sichern (Kühn 1991: 24 ff.). Die strikte Trennung zwischen Familien- und Erwerbsarbeit wurde aufrechterhalten, nicht zuletzt, weil die Männer die Zugangsvoraussetzungen zu den qualifizierten Berufen in ihrem Sinne gestalteten. Die in diesem Zusammenhang entwickelten bipolar konzipierten Geschlechtscharaktere, die Frauen und Männern qua Biologie unterschiedliche Eigenschaften und Kompetenzen zuwiesen, bekräftigten die geschlechterdifferente Rollenverteilung und legitimieren die männliche Vorherrschaft bis heute (vgl. Reskin 1988; Reskin/Padavic 1994; Reskin/Roos 1990).

Schließungs- und Ausgrenzungsprozesse findet man auch heute, aber nicht nur in Form der Trennung von Produktion und Reproduktion, sondern auch in der Vergeschlechtlichung von Tätigkeiten und Berufsformen. Diese Vergeschlechtlichung wird i. d. R. mit den oben genannten Geschlechtscharakteren legitimiert und mit der symbolischen Geschlechterordnung und ihren Strukturelementen verknüpft. So wird beispielsweise Frauen qua Biologie technische Kompetenz abgesprochen, den Männern diejenige im Bereich der Erziehung. Es erscheint demnach plausibel, dass fast nur Frauen im Bereich von Kindertagesstätten arbeiten, während sich Männer mit Maschinenbau u. Ä. beschäftigen. Dabei sind die männlich konnotierten Arbeitsbereiche i. d. R. diejenigen, die mit einer hohen Entlohnung und einem hohen sozialen Prestige einhergehen, während sich „Frauenarbeitsbereiche“ häufig durch prekäre Arbeitsverhältnisse charakterisieren. Diese Formen der Segregation sind demnach Strategien, um die Geschlechterhierarchie zu legitimieren und zu (re-)produzieren.

Innerhalb des Prozesses der Geschlechtszuweisung von Berufen kann es aber auch zu einem Geschlechterwechsel eines Berufes kommen. Ein Beispiel für den Geschlechterwechsel eines Berufes, der in diesem Fall mit einer Minderung des Sozialprestiges einhergeht, ist die Tätigkeit der Sekretärin. Der ehemals Männern vorbehaltene Beruf des Sekretärs wurde zur typischen und damit schlechtbezahlten Frauendomäne. Heute findet man die männliche Bezeichnung überwiegend in statushohen Tätigkeiten wie Partei-, Botschaftsoder UNO-Sekretär (Gildemeister/Wetterer 1995: 222; vgl. Willms 1983). Dieser Prozess des Geschlechterwechsels kann, wie angesprochen, auch in umgekehrter Richtung erfolgen und ist dann mit einer Statuserhöhung verbunden. Allerdings handelt es sich hier im engeren Sinne mehr um eine Verberuflichung der Tätigkeit als um einen reinen Geschlechterwechsel. So wurden beispielsweise bestimmte Tätigkeiten aus dem Bereich der Hausarbeit zu professionellen Männerberufen, die eine Lehre voraussetzen, wie etwa der Beruf des Kochs oder des Gebäudereinigers (Gildemeister/Wetterer 1995: 222 f.; vgl. Müller 1985). Im Zuge der Verberuflichung wird ein Tätigkeitsoder Berufsbereich, der mehrheitlich von Frauen besetzt ist, in eine Profession umgewandelt. Während die professionalisierten Berufszweige männlich konnotiert werden und mit einem vergleichsweise hohen sozialen Prestige zusammenhängen, werden die vermeintlich unprofessionellen und damit wenig prestigeträchtigen Teilbereiche weiterhin den Frauen zugewiesen.

Am Beispiel der Geschichte der Medizin lässt sich dieser Transformationsprozess besonders gut illustrieren: Jahrhundertelang war die Heilkunde eine Frauendomäne, zu der Männer keinen Zutritt hatten. Die Frauen der frühbürgerlichen Gesellschaft genossen großes Ansehen, doch wurde aus dem „Kräuterweib“ im Verlauf der Professionalisierung der „studierte Arzt“. Aufgrund kirchlicher Machtansprüche und politischer Interessen wurde die Frauendomäne mit Hilfe der Hexenjagd im Mittelalter von den Männern übernommen. Frauen wurden lange Zeit jegliche medizinische Handlungen untersagt, bis sie schließlich unterstützend als Krankenschwester, Hebamme oder Arzthelferin tätig werden konnten und schließlich als Ärztin zugelassen wurden (Bischoff 1997: 32 ff.; Gildemeister/Wetterer 1995: 223; vgl. Ehrenreich/English 1979).

Die These der Vergeschlechtlichung von Berufszweigen und Tätigkeitsbereichen sowie des mit dem jeweiligen Geschlecht zusammenhängenden differenten Prestiges wurde empirisch bestätigt. Einschlägige Untersuchungen wie beispielsweise die Schweizer Studie von Heintz et al. (1997) belegen einen Zusammenhang zwischen der weiblichen Konnotierung eines Arbeitsbereichs als Frauenarbeit und einem niedrigen Sozialprestige. In einer qualitativen Studie zur Segregation des Arbeitsmarktes untersuchten Heintz et al. im Rahmen von drei Fallstudien u. a. die strukturellen Grenzen, mit denen sich Frauen und Männer in gegengeschlechtlich etikettierten Berufen konfrontiert sehen. Dabei fanden sie heraus, dass mit einem zunehmenden Frauenanteil an den in einem Bereich Beschäftigten das Sozialprestige dieser Tätigkeit sinkt. Ein weiteres Ergebnis ihrer Studie ist, dass der Außenseiterstatus von Männern in traditionellen Frauenberufen ihre Erfolgschancen bezüglich des Aufstiegs in der Hierarchie erhöht, wohingegen Frauen mit Außenseiterinnenstatus berufliche Nachteile hinnehmen müssen und für sie an einem gewissen Punkt die Karriereleiter zu Ende ist (vgl. Hultin 2003; Williams 1992).

Insgesamt besteht ein enger Zusammenhang zwischen Veränderungen in der Gesellschaft bzw. der Produktionsweise und der Erwerbsbeteiligung von Frauen. Die Modernisierung in allen Bereichen der Gesellschaft, aber auch die stärkere Erwerbsorientierung von Frauen scheint einen Einfluss auf die Rolle der Frau zu haben, wodurch sich auch das Anspruchsniveau gegenüber Familie und Beruf verändert. Am Beispiel der Industrialisierung lassen sich die geschilderten Ängste der Männer nachvollziehen. Während der Anspruch vieler Frauen nach beruflicher Selbstverwirklichung die traditionellen Geschlechterrollen in Frage stellt und damit das patriarchale Gesellschaftssystem bedroht, schürt eine stärkere Erwerbsorientierung von Frauen die Angst vor der weiblichen Konkurrenz. Eine Erhöhung des Frauenanteils in den Führungsetagen der Wirtschaft senkt für Männer aber nicht nur die Chance auf einen Führungsposten, sondern bedeutet auch einen verstärkten Konkurrenzdruck in qualitativer Hinsicht. Denn viele weibliche Nachwuchsführungskräfte erfüllen mittlerweile die geforderten Anforderungen genauso gut oder besser als Männer und das gilt nicht nur für die fachlichen Einstiegsqualifikationen, sondern ebenfalls für die persönlichkeitsabhängigen Anforderungen. Und auch die positive Diskriminierung von Frauen hinsichtlich der vermeintlich „weiblichen“ und als besonders gut empfundenen Führungskompetenz ist zuungunsten der Männer. Denn die Frauen qua Geschlecht und Biologie zugesprochenen Persönlichkeitsmerkmale wie beispielsweise Sensibilität, emotionale Stabilität, Kommunikationsoder Teamfähigkeit zählen immer häufiger zu den geforderten Anforderungen an zukünftige Fach- und Führungskräfte (Friedel-Howe 1991: 393 f.; Regnet/Schackmann 1991: 47 ff.; vgl. Domsch/Regnet 1990; Wunderer/Dick 1997). Da Männern gemäß ihrem Geschlechtscharakter diese soft skills abgesprochen werden, sind sie in diesem Kontext benachteiligt und Frauen erscheinen als naturbedingt besser geeignet. Es wäre also nicht verwunderlich, wenn Männer sich durch die nun als besser qualifiziert erscheinenden Frauen bedroht fühlen würden und ihre Privilegien in Gefahr sähen.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass es zwar nach wie vor keine Forschungsarbeiten gibt, die den männlichen Angst-Mythos eindeutig belegen, doch die oben genannten Überlegungen lassen m. E. zu Recht auf Vorbehalte und Ängste von Männern gegenüber dem weiblichen Zuwachs im Management schließen. Angst in Kombination mit Macht schafft allerdings eine Grundvoraussetzung für Diskriminierung. Unter Diskriminierung versteht Friedel-Howe (1991: 394) in diesem Zusammenhang „die bewusste und systematische Benachteiligung der unterlegenen Gruppe mit dem Ziel, sie von der Macht und anderen begehrten Ressourcen fernzuhalten“.

 
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